Napoleon - Ein Mythos im Wandel

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Details
Autor: Urte Lützen
Fach: Kulturwissenschaft
Veranstaltung: Les Lieux de memoire
Institution/Hochschule: Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) (Geschichte)
Jahr: 2003
Seiten: 21
Note: 2,3
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 235 KB
ISBN: 978-3-638-28877-4
Kann Noras Konzept der Lieux de memoire auch auf Napoleon angewendet werden?
Textauszug
Napoleon - Ein Mythos im Wandel
von: Urte Lützen
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG 4
1. ZWISCHEN VERZAUBERUNG UND REPRESSION – DER KONTROLLIERTE AUFBAU EINES MYTHOS ZU LEBZEITEN 5
1.1 Repression im Öffentlichen Raum 7
1.2 Verzauberung der Öffentlichkeit 8
2. NAPOLEON NACH SEINEN TOD: EIN LEBENDIGER MYTHOS 10
2.1 Die schwarze Legende: Napoleon als der Despot 11
2.2 Die goldene Legende: Napoleon der Revolutionär 12
2.3 Le Bonarpartisme: Die Hoffnung der Rückkehr 14
3. NAPOLEON ALS «LIEUX DE MEMOIRE?» 16
3.1 Noras Konzept der «Lieux de memoire» 16
3.2 Napoleon bei Pierre Nora 17
ZUSAMMENFASSUNG 19
ABSTRACT 20
BIBLIOGRAPHIE 21
Einleitung
„Es ist als wäre eine Flutwelle der Erinnerung über die Welt hinein gebrochen und hätte überall eine enge Verbindung zwischen der - realen oder imaginären – Treue zur Vergangenheit und dem Zugehörigkeitsgefühl, dem Kollektivbewusstsein und dem individuellen Selbstgefühl, dem Gedächtnis und der Identität geschaffen“ Pierre Nora beschreibt die Globalisierung des Gedächtnisses und gleichzeitig die Problematik für die traditionelle nationale Geschichtsschreibung. In dem von ihm herausgegebenen Werk „Lieux de Memoire“ zeigt der französische Historiker die Geschichte Frankreichs anhand von Fragmenten, deren Symbolik Stück für Stück aufgedeckt wird.
In dieser Arbeit soll es um den Mythos Napoleons als einer der wichtigsten Personen der französischen oder aktueller, der europäischen Geschichte gehen. Wie hat Napoleon selbst dazu beigetragen, einen Kult um seine Person aufzubauen und wie enstand der legendäre Napoleon nach seinem Tod? Wer sich mit dem Mythos Napoleons beschäftigt, trifft zwangsläufig auf das Problem, mit mindestens zwei Mythen konfrontiert zu sein. Auf der einen Seite der Glanz um seine Persönlichkeit die Napoleon zu Lebzeiten bewußt aufgebaut hat, auf der anderen Seite der Umgang mit Napoleon nach seinem Ableben. 80.000 Bücher sind seit dem Tod Napoleons 1821 über ihn und sein Wirken geschrieben worden. Nicht die faktischen Leistungen im historiographischen Sinne sollen bei der Auseinandersetzung mit Napoleon im Mittel punkt stehen, vielmehr wird diese Arbeit versuchen den Mythos Napoleon im Wandel der Zeit darzustellen.
Im ersten Teil soll auf die Anstrengungen eingegangen werden, die Napoleon zu Lebzeiten unternommen hat, um seiner Person eine Mythos ähnliche Popularität zu verleihen und auf diese Weise seine auf Plebiszite basierende Macht auszubauen. Im zweiten Teil wird dann die Mythosbildung nach dem Ableben Napoleons genauer beleuchtet. Während Napoleon kurz nach seiner Verbannung innerhalb der französischen Gesellschaft fast vollständig negiert und er als größenwahnsinniger Korse in die Geschichtsbücher einzugehen drohte, änderte sich dieses Bild bald zu seinen Gunsten. Eine Jugend, die mit den glorreichen Frontberichten der Grande Bulletins aufgewachsen war, verhalf Napoleon zu erneutem Ruhm. Die auftauchenden angeblichen Memoiren, die Las Casas auf Stankt Helena niedergeschrieben hat, knüpfen an die Bestrebungen Napoleons zu Lebzeiten an, als einzigartiger Herrscher in die Französische Geschichte einzugehen, und trugen zu einer zusätzlichen Verherrlichung Napoleons bei und verklärten zusätzlich die Zeit des Empire als Goldenes Zeitalter. Im dritten Teil soll dann auf das Konzept der Lieux de mémoire von Nora eingegangen werden. Welche Rolle kann Napoleon als Diktator in Noras Werk spielen.
1. Zwischen Verzauberung und Repression – Der kontrollierte Aufbau eines Mythos zu Lebzeiten
Napoleon ist eine der schillerndsten Personen europäischer Geschichte. Als genialer Stratege verschaffte er Frankreich seine größte territoriale Ausweitung. Da er selber stetig mit an der Front war, blieb er Generationen als der Kriegsheld in Erinnerung. Neben seinen außenpolitischen Erfolgen, die unter anderem durch seine grundlegende Heeresreform möglich geworden sind, schaffte es Napoleon innenpolitische Stabilität in einem von der Revolution erschütterten Frankreich herzustellen. Es gelang ihm, zumindest zeitweise, die sich gegenüberstehenden politischen Strömungen beide für seine Politik zu gewinnen, und dadurch eine innere Befriedung Frankreichs zu erreichen. Um seine Macht zu konsolidieren und um den Anforderungen seiner Zeit nachzukommen, baute er einen modernen Verwaltungsstab auf und läutete das sich schon durch die Revolution andeutende Ende des Feudalstaates ein.1 Mit dem Code Civil vereinbarte er altes Gewohnheitsrecht sowie kodifiziertes Recht mit dem Revolutionsrecht und schuf so Frankreichs erstes bürgerliches Gesetzbuch. Noch heute ist das französische Erziehungswesen in seiner starken Zentralisierung von den Eingriffen Napoleons geprägt.
Je nach historischer Schule und politischer Richtung wurde das Wirken Napoleons mal als Beendigung der Revolution, mal als ihre Fortsetzung und Verbreitung in Europa betrachtet. Welcher Interpretation man auch folgen mag, Napoleon, konnte die sich durch die Revolution heraus kristallisierenden und seitdem als unvereinbar erscheinende Oppositionen von Kirche und Staat, Bourgoisie und Adel, Republique und Ancien Regime unter sich vereinen und als Basis seiner Macht nutzen.Licht und Ordnung sowie Ruhm und Größe waren die Bedürfnisse Frankreichs jener Zeit, denen Napoleon nachzukommen wusste. Er hatte dazu keine großartigen politischen Ideen oder gar ein in sich kongruentes gedankliches Konzept entwickelt, seine Herrschaft baute er vielmehr spontan durch die geschickte Nutzung des Momentes aus. „…sein System war eines des Momentes, er ließ sich leiten von den Umständen und seinem Ehrgeiz“2, analysiert Annie Jourdan in ihrer Napoleon-Biographie das Erfolgsrezept. Balzac bezeichnete Napoleon einstweilen als „Mann, der alles konnte, weil er alles wollte“ und spielte so ebenfalls auf den Ehrgeiz und ungebrochenen Machtwillen Napoleons an. So sehr Napoleons Herrschaft eine des Moments gewesen und von seinen ehrgeizigen Bemühungen getragen worden sein mag, so arbeitete er doch kontinuierlich und systematisch daran, die Zustimmung der Bevölkerung für sich zu gewinnen. „Napoleon war zweifelsohne der erste moderne Diktator, der sich in so großem Ausmaß und so permanent der Propaganda bediente.“3
[...]
1 Vgl : Guerin, Michel: Le mythe de Napoléon, in: Eggs, Ekkehard, Fischer, Hubertus (Hrsg.): Napoleon: Europäische Spiegelungen in Mythos, Geschichte und Karikatur. Frankfurt am Main, 1986, S. 10
2 Jourdan, Annie: L’empire de Napoléon. Paris, 1998.S.152
3 Godechot, Jaques: Napoléon – Le Mémorial des Sciècles. Paris, 1969 S. 207
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