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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 27 Pages
Author: Michael Treichler
Subject: History - Non-German
Details
Institution/College: Carl von Ossietzky University of Oldenburg (Institut für Geschichte)
Tags: Polnisches, Piemont, Autonomie, Galiziens, Cisleithaniens, Verhältnis, Galizien, Zwischen, Zentralisierung, Föderalisierung, Verfassungsgeschichte, Habsburger, Reichs
Year: 2004
Pages: 27
Grade: sehr gut (1)
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-28927-6
ISBN (Book): 978-3-638-67671-7
File size: 198 KB
Die Arbeit beschreibt den Wandel der Beziehung zwischen dem polnischen Adel Galiziens und der Wiener Zentralregierung vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Erlangung der Autonomierechte nach 1867. Weiterhin wird die Entwicklung des spannungsreichen Konflikts zwischen der polnischen Bevölkerungsmehrheit und der ruthenischen Minderheit Galiziens geschildert.
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Abstract
Als das Kronland Galizien im Zuge des österreichisch-ungarischen Ausgleichs von 1867 eine weitgehende Autonomie erlangte, markierte diese den Endzustand eines über zwei Jahrzehnte andauernden Prozesses, in dem sich die Beziehungen zwischen der politischen Führung der Provinz und der Wiener Zentralregierung erheblich gewandelt hatten. Die galizischen konservativen Adligen, die noch während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Ziel der polnischen staatlichen Selbstständigkeit auch um den Preis einer Konfrontation mit den habsburgischen Monarchen verfolgt hatten, schwenkten im Laufe der 1860er Jahre auf einen nahezu servilen kaisertreuen Kurs um, durch den sie im Gegenzug von der Regierung Zugeständnisse hinsichtlich einer weitgehenden Selbstverwaltung der Provinz zu erhalten hofften. Mit der Gewährung dieser Konzessionen im Zuge des österreichisch-ungarischen Ausgleichs von 1867 sollten sie schließlich einige ihrer Ziele erreichen und der österreichisch okkupierte Teil Polens von einer ähnlichen Germanisierungs- respektive Russifizierungspolitik verschont bleiben, wie sie in den anderen zwei polnischen Teilungsgebieten vorherrschte. Im ersten Abschnitt dieser Arbeit wird der von Spannungen zwischen dem galizischen Adel und der Wiener Regierung geprägte Zeitabschnitt der Regierungszeit Metternichs geschildert, der seinen gewaltsamen Höhepunkt im Bauernaufstand des Jahres 1846 in Westgalizien fand. Im zweiten Abschnitt wird daran anschließend der Prozess geschildert, in dessen Verlauf die führenden galizischen Konservativen während der Zeit des Neoabsolutismus und der Verfassungsexperimente die Ausrichtung ihrer Politik vollkommen änderten und schließlich die Gewährung der Autonomierechte erlangen sollten. Abschließend werden die Verhandlungen über die Ausgestaltung dieser Autonomie dargestellt sowie diskutiert, worauf der während dieser Zeit entstandene Vergleich Galiziens als ein Polnisches Piemont basiert. Alle drei Abschnitte werden durch Exkurse über die Entwicklungen ergänzt, die sich im behandelten Zeitabschnitt in den Beziehungen der polnischen Bevölkerungsmehrheit zur ruthenischen Minderheit vollzogen. Weiterhin wird im dritten dieser Exkurse der Prozess geschildert, in denen sich die ruthenischen Kleriker, Politiker und Intellektuellen zunehmend nicht mehr als Teil einer großen russischen Nation, sondern als eigenständiges ukrainisches Volk definierten.
Excerpt (computer-generated)
"Polnisches Piemont"? Die Autonomie Galiziens innerhalb
Cisleithaniens und das polnisch-ruthenische
Verhältnis in Galizien
von: Michael Treichler
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Die Ära Metternich 3
3. Die Zeiten des Neoabsolutismus und der Verfassungsexperimente 9
4. Die Erlangung der Autonomie 14
5. Resümee 23
6. Literaturverzeichnis 27
1. Einleitung
Als das Kronland Galizien im Zuge des österreichisch-ungarischen Ausgleichs von 1867 eine weitgehende Autonomie erlangte, markierte diese den Endzustand eines über zwei Jahrzehnte andauernden Prozesses, in dem sich die Beziehungen zwischen der politischen Führung der Provinz und der Wiener Zentralregierung erheblich gewandelt hatten. Die galizischen konservativen Adligen, die noch während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Ziel der polnischen staatlichen Selbstständigkeit auch um den Preis einer Konfrontation mit den habsburgischen Monarchen verfolgt hatten, schwenkten im Laufe der 1860er Jahre auf einen nahezu servilen kaisertreuen Kurs um, durch den sie im Gegenzug von der Regierung Zugeständnisse hinsichtlich einer weitgehenden Selbstverwaltung der Provinz zu erhalten hofften. Mit der Gewährung dieser Konzessionen im Zuge des österreichischungarischen Ausgleichs von 1867 sollten sie schließlich einige ihrer Ziele erreichen und der österreichisch okkupierte Teil Polens von einer ähnlichen Germanisierungs- respektive Russifizierungspolitik verschont bleiben, wie sie in den anderen zwei polnischen Teilungsgebieten vorherrschte.
Im ersten Abschnitt dieser Arbeit wird der von Spannungen zwischen dem galizischen Adel und der Wiener Regierung geprägte Zeitabschnitt der Regierungszeit Metternichs geschildert, der seinen gewaltsamen Höhepunkt im Bauernaufstand des Jahres 1846 in Westgalizien fand. Im zweiten Abschnitt wird daran anschließend der Prozess geschildert, in dessen Verlauf die führenden galizischen Konservativen während der Zeit des Neoabsolutismus und der Verfassungsexperimente die Ausrichtung ihrer Politik vollkommen änderten und schließlich die Gewährung der Autonomierechte erlangen sollten. Abschließend werden die Verhandlungen über die Ausgestaltung dieser Autonomie dargestellt sowie diskutiert, worauf der während dieser Zeit entstandene Vergleich Galiziens als ein Polnisches Piemont basiert. Alle drei Abschnitte werden durch Exkurse über die Entwicklungen ergänzt, die sich im behandelten Zeitabschnitt in den Beziehungen der polnischen Bevölkerungsmehrheit zur ruthenischen Minderheit vollzogen. Weiterhin wird im dritten dieser Exkurse der Prozess geschildert, in denen sich die ruthenischen Kleriker, Politiker und Intellektuellen zunehmend nicht mehr als Teil einer großen russischen Nation, sondern als eigenständiges ukrainisches Volk definierten. In allen diesen Abschnitten wird versucht werden, die Motive zu ergründen, von denen die führenden politischen Vertreter der galizischen Polen zu dieser radikalen Kursänderung veranlasst wurden. Abschließend wird diskutiert, ob und in welcher Hinsicht der Vergleich mit Piemont für Galizien sowie für die politischen Motive der Konservativen zutreffend ist und in welcher Hinsicht dieser Vergleich eher nicht gezogen werden sollte. Für die Darstellung unterschiedlicher Standpunkte in der Geschichtsschreibung wird weiterhin versucht, aus der Fülle der Perspektiven zur Geschichte der Polen sowie der Ruthenen innerhalb der Donaumonarchie sowohl zeitlich als auch national verschiedene Sekundärliteratur heranzuziehen.
2. Die Ära Metternich
Am österreichischen Regime über Galizien während der Ära Metternich deutete nichts auf die zukünftige Selbstverwaltung der Provinz hin. In einer überlieferten Aussage des Kanzlers, nach der „der Polonismus nur eine Formel [ist], ein Wortlaut, hinter dem die Revolution in ihrer krassesten Form steht“,1 offenbart sich eine gewisse Furcht Metternichs, die eine mögliche Motivation für ein äußerst strenges Regiment im Kronland Galizien darstellt. So betrachtet denn auch der polnische Historiker Jozef Feldman die Regierung der Habsburger als die härteste der drei über Polen herrschenden Mächte.2 Nach seiner Darstellung waren die Stellen in der Verwaltung überwiegend von Deutschen und germanisierten Tschechen besetzt, wurde die deutsche Kolonisierung gefördert und war Deutsch die Sprache in den Schulen sowie bei Gericht. Weiterhin wirft Feldman Metternich und seiner Administration eine bewusste wirtschaftliche Ausbeutung Galiziens vor, die einer Theorie gefolgt wäre, nach der Galizien zwar die Rolle eines Absatzmarktes für Industriegüter aus Österreich und Böhmen zugedacht wurde, die Provinz selbst prinzipiell aber in Stagnation und Armut gehalten werden sollte und lediglich als Lieferant für Getreide und Vieh vorgesehen war.3 Zusammenfassend bewertet Feldman die Aktivitäten der österreichischen Zentralregierung in Galizien als gezielte Maßnahmen zur „politischen und wirtschaftlichen Zerstörung der polnischen Nation.“4
Zugeständnisse in Richtung einer polnischen politischen Mitbestimmung beschränkten sich auf die Wiedereinsetzung der galizischen Ständeversammlung im Jahre 1817, in der Vertreter des Klerus, der Großgrundbesitzer sowie des niederen Adels zusammentraten. Feldman betrachtet diesen Entschluss der Regierung als Reaktion auf die Furcht vor einem drohenden wachsenden Einfluss des russischen Zaren, der verdächtigt worden sei, das geteilte Polen unter seiner Herrschaft vereinigen zu wollen.5 Robert Kann beurteilt diesen Schritt hinsichtlich seiner Auswirkung auf den galizischen Adel als „geschickter Schachzug zur Zufriedenstellung dieses einflußreichen Standes.“6 Beide Historiker sind sich einig in ihrer Einschätzung, dass diese Ständevertretung ein praktisch bedeutungsloses und für die Wiener Regierung äußerst harmloses Parlament darstellte.7
Gleichzeitig werden in einem Aspekt der Einbindung des polnischen Adels in die Regierungsgeschäfte Grundzüge der vom Hause Habsburg in Galizien verfolgten Politik des divide et impera deutlich, durch die es ihnen gelang, bestehende Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen der Provinz zu schüren und damit zu verhindern, dass eventuell entstehende separatistische Bewegungen den Zulauf großer Teile der Bewohner des Kronlandes erhalten. Die Wiener Regierung übertrug die Verantwortung für die Durchführung unpopulärer administrativer Maßnahmen gegenüber den Bauern wie beispielsweise das Eintreiben der Steuern, die Einberufung zum Kriegsdienst sowie die Rechtsprechung in geringwertigen Streitfragen an die galizischen Großgrundbesitzer, die ihrerseits diese Arbeiten von den sogenannten mandatariuszs durchführen lassen mussten. Die mandatariuszs wurden zwar von den Großgrundbesitzern bezahlt, unterstanden aber den österreichischen Beamten, dessen Anweisungen sie umsetzen mussten. Die für die spätere Entwicklung des sozialen Konfliktes in Galizien entscheidende Auswirkung dieses Systems liegt darin, dass die Bauern die mandatariuszs als Vertreter der Großgrundbesitzer ansahen und der entstehende Unmut über die von ihnen durchgesetzte Politik der Wiener Regierung sich gegen die Grundherren richtete. Der Zentralregierung gelang es somit, durch unpopuläre Maßnahmen gegenüber den galizischen Bauern den Konflikt zwischen diesen und dem polnischen Adel zu schüren, mit dem diese Maßnahmen von den Bauern identifiziert wurden.8 Andererseits wurde unter der Regentschaft Kaiser Josephs der soziale Status der Bauern durch die Umwandlung der Leibeigenschaft in den Status der gemäßigten Untertänigkeit verbessert und Wandycz betont, dass diese Reform eine „Tradition der Sorge des Guten Kaisers für die Bauern“9 begründete und es somit der kaiserlichen Regierung gelang, von den Bauern als Urheber der sozialen Verbesserungen wahrgenommen zu werden, während sie stets durch das Mittel der madatariuszs die Verantwortung für unpopuläre Maßnahmen auf die polnischen Grundherren abwälzen konnte.
[...]
1 zitiert in Wandycz, „The Poles in the Habsburg Monarchy, S. 74 Anm. 12
2 Feldman, „Polish Provinces“, S. 338
3 ebd., S. 339
4 ebd., S. 338. Die Anschuldigung der wirtschaftlichen Ausbeutung wird durch eine Statistik bestärkt, nach der die Wiener Regierung im Jahre 1817 nur ein Sechstel der in Galizien erzielten Einnahmen in die Provinz zurückfließen ließ (vgl. Wandycz, „The Poles in the Habsburg Monarchy, S. 74 Anm. 12). Kann hingegen widerspricht dem und stellt fest, „die Beschuldigung, daß Österreich Galizien unverhüllt nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich abwürgen wollte, läßt sich kaum aufrechterhalten“. (Das Nationalitätenproblem, S. 219).
5 Feldman, „Polish Provinces“, S. 338f.
6 Kann, „Das Nationalitätenproblem“, S. 219
7 Feldman, „Polish Provinces“, S. 339; Kann, „Das Nationalitätenproblem“, S. 219
8 vgl. Feldman, „Polish Provinces“, S. 339f. und Wandycz, „The Poles in the Habsburg Monarchy“, S. 73, die in dieser Einschätzung übereinstimmen.
9 Wandycz, „The Poles in the Habsburg Monarchy“, S. 73
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