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Hauptseminararbeit, 2003, 23 Seiten
Autor: Hans-Joachim Frölich
Fach: Geschichte - Geschichtstheorie
Details
Tags: Postkoloniale, Theoriediskussion, Bedeutung, Geschichte
Jahr: 2003
Seiten: 23
Note: gut (2,0)
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-29109-5
ISBN (Buch): 978-3-638-64924-7
Dateigröße: 221 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Die postcolonial studies sind, zumal in Deutschland, eine noch relativ junge wissenschaftliche Richtung. Dementsprechend euphorisch fallen bisweilen die Hoffnungen aus, die in sie gesetzt werden. Solche neue Sendungsideologie kann nicht unwidersprochen bleiben. Mit Blick auf Edward Said und dessen These vom Orientalismus-Diskurs schreibt Jürgen Osterhammel: „Das Studium von Texten (...) rechtfertigt sich so allenfalls durch den Text um Text wiederholten Nachweis der Fehlrepräsentation, Zerrspiegelung und Entstellung außereuropäischer Kulturen (...). Erst in der „postkolonialen” Gegenwart, so glauben zahlreiche Vertreter <u.a. des Postkolonialismus>, ist die Annäherung an die Wahrheit des ‚Anderen’ möglich geworden.” Das Thema ist umstritten. Dieser Streit kann hier nicht geschlichtet werden. Der Ansatz ist ein viel pragmatischerer: Welche Anregungen, welche Elemente der postkolonialen Theoriediskussion können für die deutsche Geschichte fruchtbar gemacht werden? Passt das überhaupt, postkoloniale Ideen für ein kolonial doch vergleichsweise wenig bedeutsames Land? Zur Beantwortung dieser Fragen werden nach einer begrifflichen Klärung zunächst einige Ansätze der postkolonialen Debatte nachgezeichnet und Beispiele einer Anknüpfung an die deutsche Geschichte vorgestellt. Es zeigt sich dann, dass die - vom Postkolonialismus angeregte - Überwindung nationalstaatlich zentrierter Geschichtswissenschaft einige theoretische Überlegungen nötig gemacht hat und macht. Schließlich drängen sich aus den Schriften einiger postkolonialer Autoren fundamentale Fragen auf. Diese, keineswegs ganz neuen, epistemologischen Probleme einer Geschichtswissenschaft jenseits ihrer europäischen Wurzeln sollen zuletzt nur ausschnittartig beleuchtet werden.
Textauszug (computergeneriert)
Hausarbeit
FU Berlin
FB Geschichts- und Kulturwissenschaften
Friedrich-Meinecke-Institut
Neuere Geschichte
5. Fachsemester
Wintersemester 2002/2003
Hauptseminar „Neue Blicke auf das 19. Jahrhundert.
Deutschland in Europa”
Postkoloniale Theoriediskussion und ihre mögliche Bedeutung
für die deutsche Geschichte
von
Hans-Joachim Frölich
Inhalt
I. Einleitung 1
II. „Postkolonialismus” - was ist das? 2
1. Ein wissenschaftlicher Sammelbegriff 2
2. Die politische Dimension 5
3. Ein Epochenbegriff? 6
III. Deutschland postkolonial 7
1. „Was hat das alles mit Deutschland zu tun?” 7
2. Beispiele kolonialer Verflechtung Deutschlands 8
IV. Postkoloniale Theorie, historiographische Methodologie - und die Praxis der Geschichtsschreibung? 10
1. Vergleich, Transfer, transnationale Gesellschaftsgeschichte, histoire croisée 10
2. Hat der Eurozentrismus ein Jenseits? 13
V. Schluß 18
Literaturverzeichnis 19
I. Einleitung
Die postcolonial studies sind, zumal in Deutschland, eine noch relativ junge wissenschaftliche Richtung. Dementsprechend euphorisch fallen bisweilen die Hoffnungen aus, die in sie gesetzt werden:
„[S]tudies such as those (...) may pose a challenge to any easy reliance on universalizing models of inclusion (...). [E]ssays such as these may ultimately have a salutary effect even on German cultural production itself.”1
Solche neue Sendungsideologie kann nicht unwidersprochen bleiben. Mit Blick auf Edward Said und dessen These vom Orientalismus-Diskurs (näher II.2.) schreibt Jürgen Osterhammel:
„Das Studium von Texten (...) rechtfertigt sich so allenfalls durch den Text um Text wiederholten Nachweis der Fehlrepräsentation, Zerrspiegelung und Enstellung außereuropäischer Kulturen (...). Erst in der „postkolonialen” Gegenwart, so glauben zahlreiche Vertreter <u.a. des Postkolonialismus>, ist die Annäherung an die Wahrheit des „Anderen” möglich geworden.”2
Das Thema ist umstritten. Dieser Streit kann hier nicht geschlichtet werden. Der Ansatz ist ein viel pragmatischerer: Welche Anregungen, welche Elemente der postkolonialen Theoriediskussion können für die deutsche Geschichte fruchtbar gemacht werden? Paßt das überhaupt, postkoloniale Ideen für ein kolonial doch vergleichsweise wenig bedeutsames Land?
Zur Beantwortung dieser Fragen werden (nach einer begrifflichen Klärung, II) zunächst einige Ansätze der postkolonialen Debatte nachgezeichnet und Beispiele einer Anknüpfung an die deutsche Geschichte vorgestellt (III.).
Es zeigt sich dann, daß die - vom Postkolonialismus angeregte - Überwindung nationalstaatlich zentrierter Geschichtswissenschaft einige theoretische Überlegungen nötig gemacht hat und macht (IV.1). Schließlich drängen sich aus den Schriften einiger postkolonialer Autoren fundamentale Fragen auf. Diese, keineswegs ganz neuen, epistemologischen Probleme einer Geschichtswissenschaft jenseits ihrer europäischen Wurzeln sollen zuletzt nur ausschnittartig beleuchtet werden (IV.2.).
II. „Postkolonialismus” - was ist das?
So vielgestaltig die postkolonialen Ansätze in der Wissenschaft sind, so unscharf ist auch schon der Begriff Postkolonialismus selbst. Zumindest drei Bedeutungen lassen sich ausmachen, die nachstehend kurz umrissen werden, um den Aspekt des wissenschaftlichen Sammelbegriffs, der der Theoriediskussion des Titels den Namen gibt, etwas einzugrenzen.
1. Ein wissenschaftlicher Sammelbegriff
Es ist mit Edward Saids Orientalism ein Buch eines Literaturwissenschaftlers, das 1978 der postkolonialen Diskussion den wohl wichtigsten Anstoß gibt.3 Und es waren vor allem zwei Philosophen, Michel Foucault und Antonio Gramsci, auf deren Gedanken Said sich stützte. Seit 1978 wiederum sind viele der Anstöße Saids in den Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften aufgenommen und weiterentwickelt worden.
Die Bandbreite der wissenschaftlichen Disziplinen, die den Postkolonialismus rezipieren, erklärt sich aus der umfassenden Bedeutung des Themas: Die Erfahrung des Kolonialismus betraf oder besser (und dies ist Teil der postkolonialen Weltsicht): betrifft einen Großteil der Menschheit, sei es als Kolonisierte oder als Kolonisierende. Diese Feststellung allein kann freilich das immer weitere Ausgreifen der postkolonialen Theorien nicht erklären. Es ist vielmehr die von den Vertretern des Postkolonialismus aufgestellte Behauptung der Wirkungsmacht der kolonialen Beziehungen, die diesen Ansatz so vielfältig anwendbar macht. Offenbar überzeugt diese Behauptung. In den 1980er Jahren fanden postkoloniale Gedanken im angloamerikanischen Raum vermehrt Anklang, seit den 1990er Jahren auch etwa in Deutschland.
[....]
1 Sara Friedrichsmeyer/Sara Lennox/Susanne Zantop, Introduction, in: Dies. (Hg.), The Imperialist Imagination. German Colonialism and its Legacy, Ann Arbor 1998, 1-29, 6.
2 Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert, München 1998, 26.
3 Vgl. Friedrichsmeyer/Lennox/Zantop, Introduction (wie Fn.1), 2; allerdings darf Saids Rolle auch nicht überbewertet werden, wie Patrick Wolfe, History and Imperialism: A Century of Theory, from Marxism to Postcolonialism, in: AHR 102 (1997), 388-420, 408, Fn.77, mit Verweis auf verblüffend ähnlich lautende frühere Texte betont.
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