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Die "Ritter" des Aristophanes. Die athenische Demokratie in der komischen Kritik

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 33 Pages
Author: Jan Jansen
Subject: History - Early and Ancient History

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2001
Pages: 33
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V27034
ISBN (E-book): 978-3-638-29182-8

File size: 430 KB


Excerpt (computer-generated)

Die "Ritter" des Aristophanes.
Die athenische Demokratie in der komischen Kritik

von: Jan Jansen

11. Fachsemester

 


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Politik und Komödie nach dem Tod des Perikles 03

II. Die „Ritter“ – Handlung und Hintergrund  05

a) Das Problem und die Personen 07
b) Der Wettkampf 13
c) Die Lösung  20

III. Politische Analyse, Kritik und Zielsetzung der „Ritter“  25

IV. Fazit: Die athenische Demokratie in der komischen Kritik  30

Quellen- und Literaturverzeichnis 32


 

 

1. Einleitung: Politik und Komödie nach dem Tode des Perikles

Der Tod des Perikles im Jahre 429 v. Chr. markierte eine Zäsur in der Geschichte der attischen Demokratie und den Anfang vom Ende der Machtstellung Athens in Griechenland – darin sind sich antike Quellen weitgehend einig. Aristoteles schreibt in seiner „Athenaíon politeía“: „Solange nur Perikles an der Spitze des Volkes stand, stand es besser um das Staatswesen, nach seinem Tode aber wurde es damit viel schlechter. Dann nämlich nahm sich das Volk erstmals einen Führer, der bei den besseren Leuten nicht gut angesehen war; in den früheren Zeiten hingegen hatten immer die Besseren das Volk geführt“1. Thukydides, nach dessen Urteil die politische Organisation Athens zu Zeiten des Perikles zwar nur „dem Namen nach eine Demokratie, in Wirklichkeit eine Herrschaft des Ersten Mannes“ war, stellt ebenfalls fest: „Aber die Späteren, untereinander gleichen Ranges und nur bemüht, jeder der erste zu werden, gingen sogar soweit, die Führung der Geschäfte den Launen des Volkes auszuliefern. Daher wurden immer wieder, bei der Größe der Stadt und ihrer Herrschaft, viele Fehler begangen“2. Das Machtvakuum, welches durch den Tod des „Ersten Mannes“ entstanden war, führte unter der Belastung des Archidamischen Krieges und seiner Auswirkungen für die Bevölkerung zu Parteienkämpfen und zur Spaltung der Polis – nach Einschätzung antiker Que llen die größte Gefahr für das Gemeinwesen: „Faction is he greatest evil and the most common danger“3.

Zur Darstellung zeitgenössischen Empfindens der politischen Entwicklung nach dem Tod des Perikles konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf ein Beispiel aus einer Quellengattung, die in der Forschung als originär „demokratisch“ eingestuft wird: Die „Alte Komödie“. Theater fungierte im demokratischen Athen als Repräsentation nach Außen und Identitätsstiftung nach Innen. Die Aufführungen waren eingebunden in mehrtägige Festlichkeiten, die Lenäen und Großen Dionysien, an denen die Polis sich selbst feierte; bei den Großen Dionysien in Anwesenheit der Bundesgenossen, die zu dieser Zeit ihre Tribute ablieferten. „Festivals were one of the chief ways in which the city organized itself, established who was who, and demonstrated what was important“4. Die Dichter traten im Agon um die Gunst der versammelten Bürgerschaft an, die Stücke wurden speziell zu dieser Festlichkeit verfasst und nur einmalig aufgeführt. Die „Alte Komödie“ widmete sich dabei eminent politischen Themen: „Politisch in umfassendem Sinne heißt hier, der Bedeutung des griechischen Wortes entsprechend, alles, was die in der Polis vereinigte, demokratisch verfasste Bürgerschaft angeht, und das nicht nur Haupt- und Staatsaktionen im neuzeitlichen Sinne, sondern auch Religion und Kult, Bildung und Erziehung, Recht und Gerichtsbarkeit, Wohlfahrt und Wirtschaft, Kunst und besonders Theater – kurz alles die Gemeinschaft betreffende“5. So fand natürlich auch die Entwicklung der Staatsführung und der Polis insgesamt nach Perikles’ Tod ihren Niederschlag in der „Alten Komödie“. Ihr Hauptvertreter Aristophanes widmet diesem Thema mit seinen „Rittern“ ein ganzes Stück. Aristophanes war ein scharfsinniger, konservativ gesinnter Beobachter des gesellschaftlichen Wandels in Athen. Seine Dichtung reflektierte die Entwicklung der Polis ganz im oben genannten politischen Sinne; sie war dabei voll von beissendem persönlichem Spott gegen mehr oder minder prominente Bürger Athens. In seinen „Rittern“ (424 v. Chr.) attackiert der Dichter den Politiker Kleon, einen der Nachfolger des Perikles. Kleon war Besitzer einer großen Gerberei und in den 430er Jahren durch seine Opposition zu Perikles bekannt geworden6. Nach dessen Tod konkurrierte er mit Nikias um die politische Führung, und setzte sich im Krieg für eine energische und unnachgiebige Machtpolitik Athens ein. Kleon gehörte (neben, aber sicher noch vor Euripides und Sokrates) zu den bevorzugten Zielen der aristophanischen Kritik: Es finden sich zahlreiche satirische Seitenhiebe auf Kleons Person und Politik in den Komödien des Aristophanes. Die folgende Darstellung und Analyse der „Ritter“ soll aufzeigen, wie die politische Entwicklung nach 429 v. Chr. von einem ihrer prominenten Kritiker wahrgenommen wurde und vor der im Theater versammelten Bürgerschaft dargeboten wurde. Sie konzentriert sich auf die vielfältigen Kritikpunkte an der attischen Demokratie nach dem Tod des Perikles und deren komische Aufbereitung, zeigt die Bezüge und Hintergründe des Stückes auf. Zunächst orientiert sie sich am Fortgang der Komödie, um schließlich zusammenfassend die politische Analyse, Ziel und Strategie des Aristophanes der Kritik im Hinblick auf andere Quellen und den aktuellen Forschungsstand zu unterziehen. in Aristophanes, Oxford / New York 1996, S. 65-97, hier: S. 80.

2. „Die Ritter“: Handlung und Hintergrund

Die „Ritter“ waren die erste Komödie, die Aristophanes eigenverantwortlich aufführte – die vorigen von ihm verfassten Stücke hatte er aufgrund seiner noch geringen Erfahrung von älteren, bereits etablierten Dichtern auf die Bühne bringen lassen7. Dennoch hatte ihm die offen artikulierte Feindschaft zu Kleon bereits vor der Aufführung dieses Stückes einigen Ungemach beschert: In den frühen „Babyloniern“, die von Kallistratos aufgeführt wurden, hatte Aristophanes die Bundesgenossen Athens als babylonische Mühlsklaven vorgeführt und den harten Umgang des aufstrebenden Kleon mit diesen angeprangert8. Das Stück wurde an den Großen Dionysien aufgeführt, an denen wie üblich Delegierte der Bundesgenossen zur Ablieferung ihrer Tribute in der Stadt und auch im Theater anwesend waren. Kleon verklagte daraufhin den Dichter wegen der Verspottung des Volkes und seiner Amtsträger in Gegenwart von Fremden9. Aristophanes war jedoch nicht gewillt, in seiner dichterischen Agitation gegen den Politiker nachzulassen: In den „Archarnern“, seiner ersten erhaltenen Komödie aus dem Jahr 425 v. Chr., deutet er bereits an, Kleon und seine Politik zum Thema eines ganzen Stückes machen zu wollen10.

Die „Ritter“ wurden an den Lenäen 424 v. Chr. dargeboten. Kleon befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Macht: Er hatte im Jahr zuvor einen wichtigen, unerwarteten und spektakulären Etappensieg gegen die Spartaner errungen. Dieser sei hier kurz geschildert, da sich in der Komödie zahlreiche Verweise auf diese militärische Operation finden11.

[...]


1 Aristot. Ath. Pol. 28,1.

2 Thuk. II, 65.

3 Finley, M. I., Athenian Demagogues, in: Past & Present 21, 1962, S. 3-24, hier: S. 6; vgl. z.B. die Beschreibung der Folgen von Parteikämpfen bei Thuk. III, 82.

4 Henderson, J., The Demos and the Comic Competition, in: Segal, E. (Hg.), Oxford Readings

5 Newiger, H.-J., Die griechische Komödie (1981), in: Ders., Drama und Theater. Ausgewählte Schriften zum griechischen Drama, Stuttgart 1996, S. 221-261, hier: S. 222.

6 Kahrstedt, U., Art. „Kleon“, in: RE, Bd. 12.1, Stuttgart 1921/1966, Sp. 714-717.

7 Vgl. Parabase der Ritter: Ar. Eq. V. 540-544.

8 Zimmermann, B., Die griechische Komö die, Düsseldorf/Zürich 1998, S. 105.

9 Vgl. Ar. Ach. V. 502-506, sowie zum Verbot der Verspottung des Volkes: Ps.-Xen. II, 18. Halliwell macht darauf aufmerksam, daß die Anklage im besonderen Kontext der angespannten Situation der ersten Kriegsjahre zu sehen ist: Halliwell, S., Comic Satire and Freedom of Speech in Classical Athens, in: JHS 111, 1991, S. 48- 70, hier: S.65. Dover nennt die Möglichkeit, dass auch der aufführende Kallistratos der Angeklagte sein konnte: Dover, K. J., Aristophanic Comedy, Berkeley / Los Angeles 1972, S. 100; Gelzer schätzt diese Möglichkeit in seinem RE-Artikel zu Aristophanes jedoch als unwahrscheinlich ein: Gelzer, T., Art. „Aristophanes“, in: RE Suppl. 12, Stuttgart 1970, Sp. 1392-1569, hier: Sp. 1399.

10 Ar. Ach. V. 299-302: „Du bist verhasster mir als Kleon, / Aus dessen Fell ich derbe Sohlen / Nächstens für die Ritter / Zu schneiden gedenke“.

11 Die Darstellung folgt der detaillierten Beschreibung der Ereignisse bei Thukydides (IV 1-41); auf die grundsätzlich ablehnende Haltung des Historikers gegenüber Kleon und eine eventuelle Beeinflussung des Berichts durch diesen Umstand wird noch zurückzukommen sein. Siehe auch Plut. Nik. 7 f.; Kahrstedt, Sp. 714 f.


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