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Das nationale Verbandswesen im Kaiserreich: Merkmale, Erklärungsansätze und historiographische Zusammenhänge

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1998, 31 Pages
Author: Jan Jansen
Subject: History - Empire, Imperialism

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 1998
Pages: 31
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V27035
ISBN (E-book): 978-3-638-29183-5

File size: 285 KB
Notes :
Sehr gute diskursive Auseinandersetzung mit dem Thema, gute Gliederung.



Excerpt (computer-generated)

Das nationale Verbandswesen im Kaiserreich: Merkmale,
Erklärungsansätze und historiographische Zusammenhänge

von: Jan Jansen

6. Fachsemester

 


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Die nationalen Verbände im Kaiserreich 3

1. Europäische Perspektiven  3
2. Erkenntnisinteresse, historische und historiographische Relevanz 4
3. Vorgehensweise und Gliederung 6

II. Der Ausgangspunkt: Die Charakteristika der Verbände  7

1. Das neue Nationsverständnis 7
2. Selbstverständnis und Verhältnis zu den Parteien 7
3. Struktur und Strategie  8
4. Soziale Zusammensetzung und Mitgliederentwicklung  9

III. Strukturgeschichte und Sozialimperialismus - Die nationalen Verbände im Urteil der „kritischen“ Geschichtswissenschaft  11

1. Der historiographische Kontext 11

a) Entstehungszusammenhänge 11
b) Die Bewertung des Kaiserreichs 12

2. Die strukturellen Determinanten der Entwicklung nationaler Verbände im Kaiserreich  14

a) Industrielle Revolution und Agrarkrise in Deutschland  14
b) Die Folgen der Modernisierung  15
c) Die politische Verarbeitung der Transformationsprozesse  15

3. Anmerkungen zum „Sozialimperialismus“  18

IV. „Rethinking German History“ and „Reshaping the Radical Right“ - Die Kritik aus Großbritannien 20

1. Der historiographische Kontext 20
2. Die Untersuchungen der nationalen Verbände  22

V. Schlussbetrachtung: „A synthesis of these various interpretations“ - a mission impossible ?  25

Literaturliste  29


 

 

I. Einleitung: Die nationalen Verbände im Kaiserreich

1. Europäische Perspektiven

„Die Faszination von Patriotismus und Nationalismus - Die „neue Rechte“ und die Mittelschichten“ - so das Thema des Referats, aus dem sich die vorliegende Arbeit entwickelt hat. Untersuchungsgegenstand waren die gesellschaftlichen Trägergruppen von Imperialismus und Nationalismus, oder genauer: Die Trägergruppen, die sich in der Hochphase des Imperialismus in den „nationalen Verbänden“ eine organisatorische Form gaben. Diese nationalen Verbände sollen auch in der folgenden Arbeit im Zentrum des Interesses stehen. Hierbei handelt es sich zunächst um ein europäisches Phänomen1: Im Referat wurde versucht, dem Rechnung zu tragen, indem die diesbezüglichen Entwicklungen im Deutschen Kaiserreich und in Großbritannien umrissen wurden. Gerade aus dieser komparativen Perspektive heraus fiel bereits bei der Lektüre zum Referat eine Besonderheit der Entwicklung in Deutschland auf: Den nationalen Verbänden im Kaiserreich wird in der gesamten Literatur zum Thema ein besonderes, politisches wie gesellschaftliches Durchsetzungsvermögen attestiert.

So weist Hans-Ulrich Wehler darauf hin, daß die „Alldeutschen“, d.h. die Mitglieder des radikalsten Exponenten des nationalen Verbandswesens, noch in den 1890er Jahren bei Konservativen als „Stammtischpolitiker“ galten - vor dem Weltkrieg jedoch „wichtige Berater- und Vermittungsfunktionen“ wahrnehmen2. Geoff Eley stellt heraus, daß die in den Verbänden organisierten radikalen Nationalisten die Konservativen in die Ecke drängten und letztlich zu Zugeständnissen zwangen: „This amounted to a fundamental radicalization of the right“3. Paul Kennedy vergleicht das nationale Verbandswesen in Deutschland mit dem in Großbritannien; er verweist ebenfalls auf die besondere Allianz zwischen Konservatismus und Radikalnationalismus im Kaiserreich. Diese habe zur Folge, daß die deutsche politische Kultur vor dem Weltkrieg wesentlich weiter rechts stehen würde als im Empire, und das in fast jedem Bereich4. Und Roger Chickering, um einen letzten Kenner der nationalen ‘Szene’ im Kaiserreich anzuführen, stellt in Bezug auf die europäische Perspektive der hier focussierten Organisationen fest: „It appears certain that nowhere were they as large, numerous, active, or well financed as in the German Empire. Nor does any European government appear to have cultivated them as extensively as the German government“5. Diese Feststellung eines besonderen Durchsetzungsvermögens nationaler Verbände im Deutschen Reich ruft natürlich nach einer Erklärung. Sie soll in den folgenden Erörterungen versucht werden.

2. Erkenntnisinteresse, historische und historiographische Relevanz

Warum konnten die nationalen Verbände im Kaiserreich so großen Einfluß gewinnen ? Bei der Beantwortung dieser Frage ist es vorbei mit dem Konsens unter den Historikern - der hält sowieso nur einer oberflächlichen Betrachtung stand. Die Auseinandersetzung mit den Ursachen der Entwicklung nationaler Verbände, speziell in Deutschland, enthüllt erst die Vielschichtigkeit des Themas. Im wesentlichen konnten zwei unterschiedliche Erklärungsansätze ausgemacht werden6. Der erste Ansatz analysiert die Rolle der nationalen Verbände „von oben“, d.h. über die strukturellen Determinanten ihrer Entwicklung, und über ihre Funktion in der Machtpolitik der „traditionellen, vorindustriellen Eliten“7. Der zweite Ansatz hebt bei der Analyse des nationalen Verbandswesens mehr auf die Motivationen der Basis ab und auf diejenigen Momente der Entwicklung, die sich durch die Annäherung „von oben“ nicht erfassen lassen8. Hier liegt die Betonung der Untersuchungen auf den systemgefährdenden Inhalten und Strategien, welche absolut nicht über das Machtkalkül „traditioneller“ Eliten erklärt werden können.

Die unterschiedlichen Ansatzweisen und Argumente zu den nationalen Verbänden lassen sich dabei zwei verschiedenen Historikerschulen zuschreiben. Die Analysen, die sich dem Problem über die strukturellen Rahmenbedingungen der Entwicklung der Verbände und über ihre Stellung in der Machtpolitik der herrschenden Gruppen nähern, können einer westdeutschen Historikerströmung zugeordnet werden: Der „kritischen“ Sozial- und Strukturgeschichte9. Die Gruppe junger Historiker, die diese Konzeption vertritt, tritt ab der Mitte der sechziger Jahre in Erscheinung. Im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und universitären Umbrüchen dieser Zeit fordert sie eine grundlegende Revision auch des traditionellen deutschen Geschichtsbilds. Der zweite Ansatz entsteht in Großbritannien ca. zehn Jahre später10. In bewußter Kontrastierung zu der in der Bundesrepublik mittlerweile etablierten, „kritischen“ Geschichtsauffassung prüft eine Gruppe britischer, wiederum jüngerer Historiker die dort vertretenen Argumente auf ihre Stichhaltigkeit. Die Bewertung des nationalen Verbandswesens und seiner Durchsetzungsfähigkeit in Deutschland steht damit in wesentlich weiteren Zusammenhängen - was sich auch darin niederschlägt, daß der Analyse dieses konkreten Themenfeldes z.T. nur geringer Raum in weiter ausgreifenden Untersuchungen zugestanden wird. Es ist verknüpft mit der Gesamtbewertung der Rolle des Kaiserreichs für die deutsche Geschichte, mit historiographischen Diskussionen über die Wurzeln des Nationalsozialismus, über den „deutschen Sonderweg“, über geschichtswissenschaftliche Methoden, deren Erkenntnisinteresse und Erklärungskraft.

Meines Erachtens kommt man nicht umhin, diese weiteren historischen und historiographischen Zusammenhänge in die Darstellung mit einzubeziehen. Der deutsche Standardtext zur Einordnung des nationalen Verbandswesens in seine strukturellen Zusammenhänge kommt von Hans-Ulrich Wehler11, dem wohl (neben Jürgen Kocka) prominentesten Verfechter einer „kritischen“ Sozialgeschichte. Andere, grundlegende und weiter ausdifferenzierende Texte zum nationalen Verbandswesen kommen aus Oxford 1984 (im folgenden: Blackbourn / Eley, Peculiarities); Blackbourn, D., Populists and Patricians. Essays in Modern German History, London 1987 (im folgenden: Blackbourn, Populists); Coetzee, F. / Coetzee, M. S., Rethinking the Radical Right in Germany and Britain before 1914, in: JCH, 21 (1986), S.515-537; Evans, R. J., Rethinking German History. Nineteenth-Century Germany and the Origins of the Third Reich, London 1987.

[...]


1 Chickering, R., We Men Who Feel Most German. A Cultural Study of the Pan-German League 1886-1914, Boston 1984 (im folgenden: Chickering, Most German), S.23; ders., Patriotic Societies and German Foreign Policy 1890- 1914, in: IHR I.4 (1979), S.470-489 (im folgenden: Chickering, Patriotic Societies), hier: S.470.

2 Wehler, H.-U., Zur Funktion und Struktur der nationalen Kampfverbände im Kaiserreich, in: Modernisierung und nationale Gesellschaft im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert. Referate einer deutsch-polnischen Historikerkonferenz, hg. v. W. Conze, G. Schramm u. K. Zernack, Berlin 1979, S.113-124 (im folgenden: Wehler, Kampfverbände), hier: S.123.

3 Eley, G., Reshaping the German Right. Radical Nationalism and Political Change after Bismarck, New Haven 1980 (im folgenden: Eley, Reshaping), S.352.

4 Kennedy, P., The Pre-war Right in Britain and Germany, in: Nationalist and Racialist Movements in Britain and Germany before 1914, hg. v. P. Kennedy u. A. Nicholls, Oxford 1986, S.1-20, hier: S.13.

5 Chickering, Patriotic Societies, S.470.

6 Bei Kennedy, S.3, findet sich ein dritter Erklärungsansatz, der sich dem Problem über die Veränderungen in der internationalen Politik nähert; da dieser sich in der rezipierten Literatur nicht auffinden ließ, wird er hier vernachlässigt.

7 Wehler, Kampfverbände; ders., Bismarck und der Imperialismus, Köln 1969 (im folgenden: Wehler, Bismarck); ders., Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 19835 (im folgenden: Wehler, Kaiserreich); ders., Die Radikalisierung des Reichsnationalismus, in: ders., Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3: 1849-1914, München 1995, S.1067-1081 (im folgenden: Wehler, Radikalisierung); Berghahn, V. R., Der Tirpitz-Plan. Genesis und Verfall einer innenpolitischen Krisenstrategie unter Wilhelm II, Düsseldorf 1971; Böhme, H., Probleme der wirtschaftlichen Integration der Deutschen vom frühen 19. Jahrhundert bis 1945, in: Die Rolle der Nation in der deutschen Geschichte und Gegenwart, hg. v. O. Büsch u. J. Sheehan, Berlin 1985, S.137-181; Epkenhans, M., Die wilhelminische Flottenrüstung 1908-14. Weltmachtstreben, industrieller Fortschritt und soziale Integration, München 1991; Gordon, M. R., Domestic Conflict and the Origins of the First World War: The British and the Ge rman Cases, in: JMH, 46 (1974), S.191-226; Schilling, K., Beiträge zu einer Geschichte des radikalen Nationalismus in der Wilhelminischen Ära 1890-1909. Die Entstehung des radikalen Nationalismus, seine Einflußnahme auf die innere und äußere Politik des Deutschen Reiches und die Stellung von Regierung und Reichstag zu seiner politischen und publizistischen Aktivität, Köln 1968; Stegmann, D., Die Erben Bismarcks. Parteien und Verbände in der Spätphase des Wilhelminischen Deutschlands, Köln 1970.

8 Eley, Reshaping; ders., Some Thoughts on the Nationalist Pressure Groups in Imperial Germany, in: Nationalist and Racialist Movements in Britain and Germany before 1914, hg. v. P. Kennedy u. A. Nicholls, Oxford 1986, S.40- 67 (im folgenden: Eley, Some Thoughts); ders., From Unification to Nazism. Reinterpreting the German Past, Boston 1986 (im folgenden: Eley, Unification); ders., Wilhelminismus - Nationalismus - Faschismus. Zur historischen Kontinuität in Deutschland, Münster 1991 (im folgenden: Eley, Wilhelminismus); Blackbourn, D. / Eley, G., The Peculiarities of German History. Bourgeois Society and Politics in Nineteenth-Century Germany,

9 Siehe hierzu die ausführliche Darstellung S.11-14.

10 Siehe die Darstellung S.20-22.

11 Gemeint ist hier Wehler, Kampfverbände; eine lokalgeschichtliche Dissertation zur Entwicklung rechter Organisationen in Münster für den Zeitraum vom Kaiserreich bis 1930 bezieht sich bei den Anmerkungen zu Ursprüngen und Funktionen der Verbände im Kaiserreich nur auf diesen einen Text (Krüger, G., „Treudeutsch allewege !“. Gruppen, Vereine und Verbände der Rechten in Münster (1887-1929/30), Münster 1992, S.44) ! Insbesondere die Tatsache, daß Krügers Arbeit mehr als 12 Jahre später verfasst wurde, verweist auf die Durchsetzungskraft des Wehler’schen Ansatzes.


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