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Termpaper, 1997, 17 Pages
Author: Jan Jansen
Subject: History - Empire, Imperialism
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Geschichtswissenschaften)
Tags: Studentischer, Nationalismus, Antisemitismus, Kaiserreich, Wandel, Politikverständnis, Universität, Determinanten, Nationalismus, Nationsbildung, Deutschen, Kaiserreich
Year: 1997
Pages: 17
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-29186-6
File size: 230 KB
Eine vorzügliche, quellennahe und analytisch dichte Arbeit, die sowohl quantitative als auch qualitative Quellen auswertet.
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Excerpt (computer-generated)
Studentischer Nationalismus und Antisemitismus im Kaiserreich:
Wandel und Politikverständnis der Universität
als historische Determinanten
von: Jan Jansen
3. Fachsemester
INHALTSVERZEICHNIS
0. Einleitung 3
I. Der Wandel der Universitäten: Ursachen für die studentische Identitätskrise und gesteigerte Konkurrenz
a) Frequenzexplosion und soziale Umschichtungen... 4
b) ... und ihre Folgen 7
II. Das Politikverständnis der Universitäten: Wegweiser zur politischen Identitätsfindung 9
III. Die Entstehung von Vereinen Deutscher Studenten: Das Beispiel aus der Praxis 11
IV. Zusammenfassung und Zusammenhang 14
Literaturliste 16
0. Einleitung
Das Thema der vorliegenden Hausarbeit, „Studentischer Nationalismus und Antisemitismus im Kaiserreich: Wandel und Politikverständnis der Universitäten als historische Determinanten“, ergab sich aus der Auseinandersetzung mit dem Rechtsrutsch von studentischen Organisationen und Verbänden im Kaiserreich. In der modernen Forschung zu diesem Themenkomplex werden verschiedene Erklärungsansätze für die ses Phänomen dargelegt; insbesondere sei hier der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck, verursacht durch die Reichsgründung und verstärkt durch die innenpolitische Wende von 1878/79, genannt, die spezifischen Gegebenheiten des Studentenlebens durch Rechtsstellung und Politikverständnis an der Universität, sowie die aus Modernisierung und Industrialisierung entstehenden erdrückenden Problemstellungen. Die beiden letzteren Faktoren zogen bereits bei der Vorbereitung des geplanten Referats meine besondere Aufmerksamkeit auf sich. „Auf Überfüllungskrise und sozialen Strukturwandel an den deutschen Universitäten reagierten studentische Organisationen mit zunehmendem Nationalismus und Antisemitismus, also mit Ideologien, welche durch negative Ausgrenzung integrativ auf die Mitglieder wirkten“ - so lautete meine 1. These zum Referat. Um sie soll sich auch die vorliegende Arbeit gruppieren. Daß bei einer Analyse von studentischem Nationalismus die strukturellen Determinanten durch die Universität zum Hauptthema gewählt wurden, ergab sich aus der Forderung an den Historiker, „den Spielraum von Möglichkeiten, den die verschiedenartigen Strukturen in ihrem Zusammenwirken (strukturelle Konstellation) begrenzen, so eng wie irgend möglich zu ziehen“1 ebenso, wie aus einem persönlichen Interesse an bildungspolitischen Problemen2.
Der gesamtgesellschaftliche historische Kontext wurde bereits angedeutet: Die Gründung eines deutschen Nationalstaats, jahrzehntelange Sehnsucht der Studentenschaft, war vollzogen. Folge war eine Rechtswendung des liberalen (Bildungs-)Bürgertums, für welches die alte „Freiheits“-Forderung unter dem Eindruck der endlich erreichten „Einheit“ deutlich an Gewicht verlor3. Durch den partiellen Verlust an Kritikfähigkeit, die Verherrlichung der Nation und ihrer Gründer (insbes. Bismarck) wurde der obrigkeitsstaatliche status quo dauerhaft stabilisiert; diese Tendenz wurde durch die „konservative Reichsgründung“ und die Diskreditierung des Liberalismus von 78/79 weiter forciert4. Hinzu traten wirtschaftliche Probleme: Der Börsenkrach von 1873 traf weite Kreise der Bevölkerung, ebenso die sich anschließende „Große Depression“, welche bis 1896 anhielt. Die gesuchten Schuldigen wurden von einer zunehmenden Zahl von Bürgern in den Juden gefunden, welche durch die Reichsgründung gerade erst endlich ihre rechtliche Gleichstellung erhalten hatten. Der sich ausweitende Antisemitismus war in diesem Kontext als eine partielle Kapitalismuskritik zu verstehen; Judentum, Kapitalismus und (Wirtschafts-)Liberalismus wurden zunehmend gleichgesetzt5.
Die Studenten des Kaiserreichs reagierten mit ihrer Tendenzwende vom liberalen zum nationalen und antisemitischen Gedankengut also auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen; bzgl. des Antisemitismus nahmen sie zeitweise eine Vorreiterrolle ein (frühe rassische Komponente). Die nachfolgende Arbeit steht unter der Prämisse, daß Nationalismus und Antisemitismus für die Studentenschaft als Integrationsideologien zur Kompensation von Identitätskrisen und gesteigerter Konkurrenz dienten. Wie diese im spezifischen studentischen Umfeld, der Universität, hervorgerufen wurden und worin ihre Ursachen liegen, ist Untersuchungsgegenstand des Hauptteils der Arbeit. Sie schließt sich damit dem Erklärungsansatz von Jarausch6 und Kampe an, der von anderen Forschern durchaus negiert wird7. Hierbei soll ein Augenmerk auch darauf liegen, inwieweit Nationalismus und Antisemitismus auf „reale“ Bedrohungen durch Ausländer und Judentum auf dem akademischen Sektor reagie rten. Der Zeitraum der Analyse wurde (soweit möglich) auf die Phase von 1865-1885 eingeschränkt, da zu Beginn der 80er Jahre der Nationalismus und Antisemitismus in der Studentenschaft organisatorisch konsolidiert wurde. Im zweiten Teil der Arbeit soll dargelegt werden, inwiefern die nationalistische Integrationsideologie von dem universitären Politikverständnis nahegelegt wurde; im dritten und letzten Teil soll ihre Ausformung an der Entstehungsgeschichte der „Vereine Deutscher Studenten“ (VVDSt) exemplarisch verdeutlicht werden. Diese Organisation wurde gewählt, da sie nach dem einhelligen Urteil der modernen Forschung im studentischen Milieu eine Vorreiterrolle für nationalistische und antisemitische Entwicklungen einnahm8. In einer anschließenden Auswertung sollen die Fäden zusammengezogen und zusammenfassend ausgewertet werden. Zu der benutzten Literatur läßt sich anmerken, daß aufgrund des Schwerpunkts der Arbeit auf strukturellen Entwicklungen kein Quellenmaterial, sondern statistische Daten verwertet wurden. Hierbei sei das „Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte“ von H. Titze9 sowie die Forschungsergebnisse von Jarausch und Kampe besonders hervorgehoben. Die Darstellung des zweiten und dritten Teils stützt sich auf eine Vielzahl von Literatur und Zeitschriftenartikeln zur Universität im Kaiserreich und insbesondere zur politischen Arbeit von Studentenorganisationen.
I. Der Wandel an den Universitäten: Ursachen für die studentische Identitätskrise und gesteigerte Konkurrenz
a) Frequenzexplosion und soziale Umschichtungen...
Mit der Gründung des Kaiserreichs 1870/71 sahen sich die Universitäten des neuen deutschen Nationalstaats vor neuartige, bisher unbekannte Anforderungen gestellt; diese lassen sich hauptsächlich in den Begriffen der Frequenzexplosion und der sozialen Umschichtung zusammenfassen. Mit der Reichsgründung setzte ein run auf die Universitäten ein, auf den diese zunächst keineswegs vorbereitet waren10. Pendelte die Zahl der insgesamt an deutschen Universitäten immatrikulierten Studenten von der Mitte der 1830er Jahre bis Anfang der 1860er zwischen 11000 und 12000, so stieg sie bereits von 1860 bis 1870 von 11933 (SS 1860) auf 14157 (SS 1870), um dann bis zum Wintersemester 1880/81 (der Gründungszeit der VVDSt) auf 21432 emporzuschnellen. Damit setzte seine Entwicklung ein, welche erst zum Ersten Weltkrieg vorläufig unterbrochen werden sollte; in der Zeit des Kaiserreichs vervierfachte sich die absolute Zahl der an deutschen Universitäten immatrikulierten Studenten. In dem für diese Arbeit maßgeblichen Zeitraum, von 1865 bis 1885, verdoppelte sie sich ziemlich genau, von 13556 im SS 1865 auf 27064 im SS 1885. Betrachtet man die Zahlen in Preußen, dem Land, welches die Hälfte der deutschen Universitäten kontrollierte11, so zeigt sich das gleiche Bild:
[...]
1 Kocka, J. Sozialgeschichte. Begriff - Entwicklung - Probleme, Göttingen 1986, S.76 f.
2 Ich habe selbst 3 Jahre in der LandesschülerInnenvertretung NRW mitgearbeitet.
3 Schwarz, J., Deutsche Studenten und Politik im 19. Jahrhundert, in: GWU 20.1969, S.88; Bleuel, H.P., Deutschlands Bekenner. Professoren zwischen Kaiserreich und Diktatur, Bern 1968, S.28 ff.
4 Kampe, N., Studenten und „Judenfrage“ im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 1988, S.16 ff; Jarausch, K.H., Deutsche Studenten 1800-1970, Frankfurt/M.1984(im folgenden: Jarausch, Studenten),S.82 f.
5 Schindler, T., Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880-1933, Nürnberg 1988, S.26 f.; Kampe, S.16 f.; Jarausch, Studenten, S.82
6 In nahezu allen Aufsätzen und Publikationen zu Studenten und Universität geht er auf diesen Zusammenhang ein (siehe Literaturliste), besonders sei hier neben dem genannten Jarausch, Studenten, das Werk ders., Students, Society and Politics in Imperial Germany. The Rise of Academic Illiberalism, Princeton 1982 (im folgenden: Jarausch, Students) hervorgehoben.
7 so u.a. von Roos-Schumacher, H., Der Kyffhäuserverband der Vereine Deutscher Studenten 1880-1914/18, Gifhorn 1986
8 neben Jarausch und Kampe u. a. nachzulesen bei Grieswelle, D., Antisemitismus in deutschen Studentenverbindungen des 19. Jahrhunderts, S.372; Schwarz, S.90; Heither, D., Zwischen bürgerlicher Revolution und Erstem Weltkrieg, S.71, in: Elm, L./Heither, D./Schäfer, G., Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute, Köln 1992
9 Titze, H., Das Hochschulstudium in Preußen und Deutschland 1820-1944, Göttingen 1988
10 McClelland, C.E., Structural change and social reproduction in German universities 1870-1920, Cambridge 1980, (im folgenden: McClelland, Change), S.180
11 McClelland, Change, S.180 dopplung von 6078 Studierenden im SS 1865 (wobei die Expansion bereits 10 Jahre vorher einsetzte) auf 13244 im SS 1885.
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