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Wohlfahrt und Lebensqualität in Deutschland - Vergleichende Analyse verschiedener Indikatoren im Zeitverlauf in ausgewählten EU-Staaten

Scholarly Research Paper, 2004, 88 Pages
Author: Christian Haupricht
Subject: Economics / Business: Economic Policy

Details

Category: Scholarly Research Paper
Year: 2004
Pages: 88
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V27187
ISBN (E-book): 978-3-638-29303-7
ISBN (Book): 978-3-638-70255-3
File size: 322 KB

Abstract

Bei der aktuellen öffentlichen Diskussion über die Sozialsysteme geht es in erster Linie darum, dass Deutschland ein geringeres Wachstum aufweist, als seine europäischen Nachbarn. Es wird insbesondere um den Abbau von Sozialleistungen zugunsten der Senkung der Lohnnebenkosten gestritten. Alle Maßnahmen, die ergriffen werden sollen, zielen tendenziell in die Richtung, den Sozialstaat abzubauen und die Marktkräfte mehr zu nutzen, um Deutschland international wettbewerbsfähiger zu machen. Dagegen steht, dass der Preis, der für dieses Wachstum gezahlt werden soll, in Relation zum Nutzen stehen sollte. Es ist denkbar, dass durch zum Beispiel höhere Kriminalität infolge größerer Einkommensungleichheit der Gewinn des BIP wieder aufgezehrt wird, da der Anstieg durch höhere Aufwendungen für Strafverfolgung ausgeglichen werden muss. Denn Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern dient in der Regel zur Aufhebung von Verteilungsproblemen. Jedoch bedeutet Wachstum nicht immer eine Verbesserung, da auch Wirkungen denkbar sind, in denen das BIP steigt, obwohl der Gütezustand der Volkswirtschaft bzw. der Individuen innerhalb der Volkswirtschaft sinkt. Das Inlandsprodukt ist kein geeigneter Maßstab, um qualitative Aspekte des Wirtschaftswachstums, die eher mit dem Begriff Lebensqualität verknüpft sind, entsprechend widerzuspiegeln. Viele produktive (positive) Aktivitäten werden im Inlandsprodukt nicht erfasst (Hausarbeit, Gartenpflege etc.), andere (negative) werden entweder als wertsteigernd gewertet (Krankheitskosten, Reparatur von Unfallschäden, Behebung von Umweltschäden), obgleich sie allenfalls werterhaltend sind, oder bleiben unberücksichtigt, obgleich sie sich negativ auswirken (sog. externe Kosten). Es gibt daher eine Vielzahl von Vorschlägen für die Ermittlung sozialer Indikatoren, welche die qualitative Dimension des Wachstums berücksichtigen. Neben diesen nicht erfassten qualitativen Aspekten des Wachstums entsteht bei der Freisetzung der Marktkräfte gerade auf dem Arbeitsmarkt eine möglicherweise unerwünschte Fehlwirkung. Da der Arbeitsmarkt offensichtlich nicht im optimalen Gleichgewicht ist, wirkt sich die Senkung bestimmter Absicherungen z.B. des Kündigungsschutzes direkt in eine Senkung der Arbeitslosigkeit aus. Die Absicherungen haben aber andere Gründe. In dieser Arbeit wird desshalb die Entwicklung verschiedener, sozialer Indikatoren und der klassischen Wohlfahrtsindikatoren in Deutschland und weiteren ausgewählten EU-Ländern verglichen.


Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Darmstadt
Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften

Wohlfahrt und Lebensqualität in Deutschland -
Vergleichende Analyse verschiedener Indikatoren
im Zeitverlauf in ausgewählten EU-Staaten

von: Christian Haupricht

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1

2. Abgrenzung verschiedener Begriffe der Lebensqualität  4

2.1. Erklärung und Einordnung der Begriffe Wohlfahrt, Wohlstand und Lebensqualität  4
2.2. Erklärung und Einordnung der Begriffe BIP, Wachstum und soziale Sicherung 6
2.3. Erklärung und Einordnung der Begriffe externe Effekte, öffentliche Güter, Free rider 8

3. Ökonomische Grundlagen zu verteilungspolitischen Maßnahmen und Konzepte der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung  11

3.1. Wirtschaftstheoretische Sichtweise der Wohlfahrt und Einkommenstransfers 12

3.1.1. Allgemeines 12
3.1.2. Einkommenspolitik  13
3.1.3. Sicherungspolitik 24
3.1.4. Fazit der wirtschaftstheoretischen Sichtweise 32

3.2. Die Einteilung der Wohlfahrtsstaaten nach Esping-Andersen und die BSLQ 34
3.3. Konzept der NSLQ nach Adema  37
3.4. Modell zur Bekämpfung der Kriminalität durch Sozialtransfers 41

3.4.1. Genauere Beschreibung des Modells  42
3.4.2. Kriminelle Aktivität 43
3.4.3. Die Entscheidung über die Aktivität  44

4. Vorstellung der Vergleichsländer  48

5. Darstellung der Indikatoren im Zeitverlauf für die ausgewählten Länder 52

5.1. BIP, Wachstum und EL-Quote (Erfolg der Vergleichsländer)  53

5.1.1. Darstellung der Verläufe des BIP in den ausgewählten Ländern 53
5.1.2. Darstellung des Wirtschaftswachstums im Zeitverlauf  55
5.1.3. Darstellung des Verlaufs der Erwerbslosenquote  57

5.2. Verlauf der BSLQ  58
5.3. Substitution der staatlichen sozialen Sicherung in private Gesundheits- und Versicherungsausgaben  61
5.4. Risikobereitschaft durch soziale Sicherung 62
5.5. Entwicklung der Einkommensungleichheit und der Kriminalität  64
5.6. Gefahr der geringeren Krankheitsvorsorge durch Reduktion der sozialen Sicherung 68
5.7. Fazit aus der Analyse aller Indikatoren der drei Länder im Zeitverlauf  70

6. Zusammenfassung und Ausblick  73

Literaturverzeichnis  75

Anhang  80
 

 


 

1. Einleitung

Ist Deutschland noch zu retten, fragt Hans Werner Sinn in seinem aktuellen Buch und ist davon überzeugt, dass einschneidende Reformen erforderlich sind, um das Land wieder auf den Erfolgspfad zu bringen. Seine Meinung deckt sich in weiten Zügen mit der anderer Experten, und allein die Durchsetzbarkeit gegen Lobbyisten scheint das Problem zu sein. Verkrustete Strukturen und unflexible Systeme machen Deutschland zu einem unbeweglichen, langsamen und vor allem international nicht konkurrenzfähigen Land. Es ist die Rede vom kranken Mann Europas, der beim Wachstum Schlusslicht ist.1

Bei der aktuellen öffentlichen Diskussion über die Sozialsysteme und ihre Bedeutung für Wachstum geht es in erster Linie darum, dass Deutschland ein geringeres Wachstum aufweist, als seine europäischen Nachbarn. Es wird insbesondere um den Abbau von Sozialleistungen zugunsten der Senkung der Lohnnebenkosten gestritten.2 Alle Maßnahmen, die ergriffen werden sollen, zielen tendenziell in die Richtung, den Sozialstaat abzubauen und die Marktkräfte mehr zu nutzen, um Deutschland international wettbewerbsfähiger zu machen. Dies bedeutet, dass der Standort Deutschland für Unternehmen bessere Investitionsbedingungen schafft. Dadurch sollen die Investitionen steigen, damit das Wachstum vergrößert und Arbeitslosigkeit abgebaut wird. Diese Annahme kann in sich kaum bezweifelt werden. Was allerdings kritisiert werden kann, ist, dass der Preis, der für dieses Wachstum gezahlt werden soll, in Relation zum Nutzen stehen sollte. Es ist denkbar, dass durch zum Beispiel höhere Kriminalität infolge größerer Einkommensungleichheit der Gewinn des BIP wieder aufgezehrt wird, da der Anstieg durch höhere Aufwendungen für Strafverfolgung ausgeglichen werden muss. Denn Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern dient in der Regel zur Aufhebung von Verteilungsproblemen.3 Jedoch bedeutet Wachstum nicht immer eine Verbesserung, da auch Wirkungen denkbar sind, in denen das BIP steigt, obwohl der Gütezustand der Volkswirtschaft bzw. der Individuen innerhalb der Volkswirtschaft sinkt. Das Inlandsprodukt ist kein geeigneter Maßstab, um qualitative Aspekte des Wirtschaftswachstums, die eher mit dem Begriff Lebensqualität verknüpft sind, entsprechend widerzuspiegeln. Viele produktive (positive) Aktivitäten werden im Inlandsprodukt nicht erfasst (Hausarbeit, Gartenpflege etc.), andere (negative) werden entweder als wertsteigernd gewertet (Krankheitskosten, Reparatur von Unfallschäden, Behebung von Umweltschäden), obgleich sie allenfalls werterhaltend sind, oder bleiben unberücksichtigt, obgleich sie sich negativ auswirken (sog. externe Kosten, die zu lasten Dritter gehen). Es gibt daher eine Vielzahl von Vorschlägen für die Ermittlung sozialer Indikatoren, welche die qualitative Dimension des Wachstums (besser) berücksichtigen.4 Neben diesen nicht erfassten qualitativen Aspekten des Wachstums entsteht bei der Freisetzung der Marktkräfte gerade auf dem Arbeitsmarkt eine möglicherweise unerwünschte Fehlwirkung. Da der Arbeitsmarkt offensichtlich nicht im optimalen Gleichgewicht ist, wirkt sich die Senkung bestimmter Absicherungen z.B. des Kündigungsschutzes direkt in eine Senkung der Arbeitslosigkeit aus. Die Absicherungen haben aber andere Gründe, die im sozialwissenschaftlichen Bereich liegen.

„Insbesondere wird Sozialpolitik notwendig, um die Folgen von Marktversagen in Gestalt unvollkommenen Wettbewerbs, unvollkommener Information, vor allem auf dem Arbeits- und Versicherungsmärkten, und negative externe Effekte sehr niedrigen Einkommens zu vermeiden oder abzumildern, positive externe Effekte der vor allem in Familien erfolgenden Humanvermögensbildung durch Transfers an die Familien partiell zu kompensieren, ein ausreichendes Angebot an meritorischen Gütern zu sichern und die Konsequenzen fehlender oder nur mit starker zeitlicher Verzögerung oder mit hohen sozialen Kosten wie Kapitalvernichtung und Arbeitslosigkeit zustande kommender Marktgleichgewichte zu vermeiden oder abzumildern.“5 Es ist also die Situation denkbar, dass durch die Reduktion sozialer Leistungen des Staates, und zwar vor allem der Leistungen zum Ausgleich ungewünschter externer Effekte auf unvollkommenen Märkten, eine Verschlechterung der Situation aller entsteht, obwohl sich die statistischen Kenngrößen wie Arbeitslosenquote und wirtschaftliches Wachstum verbessern.

Deshalb soll in dieser Studienarbeit die Entwicklung verschiedener, sozialer Indikatoren und der klassischen Wohlfahrtsindikatoren in Deutschland und weiteren ausgewählten EU-Ländern verglichen werden. Diese Länder nehmen eine Art Vorbildfunktion ein, da sie bereits erfolgreich die Erwerbslosenzahlen reduzieren konnten. Es wird zunächst in Kapitel 2 auf die verschiedenen Begriffe, die im Rahmen der Analyse wichtig sind, eingegangen. Im 3. Kapitel werden dann die theoretischen, ökonomischen Grundlagen erläutert und auf mögliche Kritikpunkte an der Bewertung durch das BIP und anderen klassischen Erfolgsindikatoren eingegangen. Alle, also die klassischen und ausgewählte soziale Indikatoren werden im 5. Kapitel in ihrem Verlauf dargestellt und analysiert, ob die Bedenken gegen eine Wirtschaftspolitik, wie sie in den Vergleichsländern getätigt wurde, berechtigt sind oder nicht. Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf mögliche Folgearbeiten gegeben.

2. Abgrenzung verschiedener Begriffe der Lebensqualität

Da sich die vorliegende Arbeit mit der Analyse verschiedener Wirkungen beschäftigt, die am BIP nicht zu erkennen sind, da sie als Externalitäten nicht in die Berechnung mit eingehen werden in diesem Kapitel verschiedene Begriffe erläutert und abgegrenzt. Es geht vor allem darum, die Begriffsverwirrungen von Wohlstand, Wohlfahrt und Lebensqualität aufzulösen. Außerdem wird hier die Einordnung der sozialen Sicherung in den Gesamtkontext vorgenommen und ihre Bedeutung für Wohlstand, Wohlfahrt und Lebensqualität erläutert.

2.1. Erklärung und Einordnung der Begriffe Wohlfahrt, Wohlstand und Lebensqualität

Der Begriff Wohlfahrt ist ein ökonomischer Begriff, auf dessen Basis ein gesellschaftliches Wohlfahrtsoptimum hergeleitet wird.6 Bei der Verwendung des Wohlfahrtsbegriffs zur Bestimmung des Optimums muss geklärt sein, aus welchen Elementen sich die Wohlfahrt zusammensetzt. Zur exakten Quantifizierung ist ein einheitlicher Bewertungsmaßstab notwendig. Es ist der Wohlfahrtsökonomik bis heute nicht gelungen, ein einheitliches, allgemein verwendetes Maß für die Wohlfahrt zu entwickeln. Die Wohlfahrt repräsentiert also ein Optimum aus ökonomischer Sicht. Werden, sofern das möglich wäre, alle externen Effekte berücksichtigt, so wäre das Wohlfahrtsoptimum mit optimalem Wohlstand und optimaler Lebensqualität gleichzusetzen.7

[...]


1 Vgl. hierzu: Sinn (2003), S.12

2 Vgl. hierzu: Wagner (2003), S.322

3 Vgl. hierzu: Streit (2000), S.153

4 Vgl. hierzu: Altmann (2000) , S.48

5 Vgl. hierzu: Lampert, Althammer (2001), S.134

6 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Gabler Wirtschaftslexikon (1997)

7 Vgl. hierzu: Teichmann (2001), S.104 ff


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