Bitte warten
Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.
Untertitel: Von der Selbstpsychologie Kohuts zum intersubjektiven Ansatz von Stolorow et al.: Ein Vergleich aus behandlungstechnischer Perspektive
Autor: Dipl.-Psych., Dipl.-Päd. Knuth Müller
Fach: Psychologie - Beratung, Therapie
Details
Tags: Technik-Debatte, Psychoanalyse
Jahr: 2004
Seiten: 125
Note: sehr gut
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 794 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-29321-1
ISBN (Buch): 978-3-638-70256-0
Zusammenfassung / Abstract
Die vorliegende Arbeit vergleicht behandlungstechnische Elemente psychoanalytischer Selbstpsychologe mit den technischen Behandlungsgrundsätzen des durch die Selbstpsychologie inspirierten intersubjektiven Ansatzes von Robert Stolorow et al. Mit dem Fokus auf die Person Heinz Kohut wird im ersten Kapitel die Entwicklungsgeschichte der Selbstpsychologie dargestellt. Entlang einer theoriegeschichtlichen Entwicklungslinie gibt das zweite Kapitel eine detaillierte Darstellung grundlegender Konzepte psychoanalytischer Selbstpsychologie. Im dritten Kapitel werden schließlich die behandlungstechnischen Grundsätze der Selbstpsychologie aufgezeigt. Die theoretischen Grundlagen des intersubjektiven Ansatzes der Gruppe um Robert Stolorow sowie Konvergenzen und Divergenzen zur psychoanalytischen Selbstpsychologie folgen im vierten Kapitel. Während das fünfte Kapitel sich dezidiert mit den behandlungstechnischen Konsequenzen des intersubjektiven Ansatzes beschäftigt, diskutiert das letzte Kapitel den durch den intersubjektiven Ansatz eingeleiteten paradigmatischen Wandel in der psychoanalytischen Behandlungstechnik: Der intersubjektive Ansatz versteht sich demnach nicht als eine neue psychoanalytische Richtung im Gesamtkanon psychoanalytischer Theorieschulen, sondern er plädiert für eine grundlegend veränderte analytische Haltung, die bisher bestehende Dichotomien von wissend vs. unwissend, richtig vs. falsch, wahr vs. unwahr, neutral vs. agierend, Übertragung vs. Gegenübertragung und anderen so genannten "objektiven" Kriterien therapeutischer Interaktion aufzuweichen sucht. Die Position des “wissenden Analytikers” wird abgelehnt, bestehende, tradierte Grundsätze und -regeln des analytischen Prozesses kritisch hinterfragt – frei nach Winnicott: „There is no such thing as a patient“.
Textauszug (computergeneriert)
Die Technik-Debatte in der zeitgenössischen Psychoanalyse
Von der Selbstpsychologie KOHUTs zum intersubjektiven Ansatz von STOLOROW et al.:
Ein Vergleich aus behandlungstechnischer Perspektive
Diplomarbeit
zur Erlangung des Diploms
im Diplomstudiengang Psychologie
im Fachbereich Erziehungswissenschaft, Psychologie
der Freien Universität Berlin.
zur Begutachtung eingereicht
von: KNUTH MÜLLER
Datum: 24.05.2004
Inhaltsverzeichnis
ANMERKUNGEN ZUR ORIENTIERUNG IM TEXT: ... 7
DANKSAGUNG ... 8
EINLEITUNG ... 9
I. AUF DEM WEG ZUR SELBSTPSYCHOLOGIE ... 14
1.2 Biographischer Abriss zur Person HEINZ KOHUT ... 14
1.2.1 Der Weg zur Psychoanalyse ... 14
1.2.2 Narzissmus und die Person KOHUTs ... 15
1.2.3 Von den Anfängen zur Selbstpsychologie ... 16
II. FUNDAMENTE DER SELBSTPSYCHOLOGIE ... 19
2.1 Frühe Annäherungen KOHUTs an das Narzissmuskonzept ... 19
2.1.1 Der Einfluss ALFRED AICHHORNs auf KOHUT ... 19
2.1.2 „Introspektion, Empathie und Psychoanalyse“ (1959) ... 20
2.1.2.1 Empathie ... 20
2.1.2.2 Introspektion ... 21
2.1.3 „Formen und Umformungen des Narzissmus“ (1966) ... 23
2.1.4 „Die psychoanalytische Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen“ (1969) ... 25
2.1.5 Kritische Bemerkungen über KOHUTs frühe Orientierung ... 27
2.1.6 Zusammenfassung ... 28
2.2 Die Geburt der Selbstpsychologie ... 29
2.2.1 Reaktionen auf KOHUTs Theoriewandel ... 30
2.2.2 „Narzissmus“ (1971), „Die Heilung des Selbst“ (1977), „Wie heilt die Psychoanalyse“ (1984) und darüber hinaus: Ein Theorieabriss ... 32
2.2.2.1 Der Begriff des Selbst ... 32
2.2.2.2 Bipolares Selbst ... 35
2.2.2.3 Selbstobjekte ... 36
2.2.2.4 Ödipuskomplex im Licht der Selbstpsychologie ... 37
2.2.2.5 Selbststörungen (Psychopathologie des Selbst) ... 39
2.2.2.6 „Optimale Frustration“ und „umwandelnde Verinnerlichung“ ... 41
III. BEHANDLUNGSTECHNIK IN DER SELBSTPSYCHOLOGIE HEINZ KOHUTS ... 43
3.1 Einleitende Bemerkungen ... 43
3.2 Elemente der Behandlungstechnik nach KOHUT ... 45
3.2.1 Rahmenbedingungen für eine psychoanalytische Behandlung ... 46
3.2.1.1 Das selbstpsychologische Setting ... 46
3.2.1.1.1 Physische Merkmale des Settings ... 46
3.2.1.1.1.1 Raumgestaltung ... 46
3.2.1.1.1.2 Stundenfrequenz ... 47
3.2.1.1.1.3 Sitzungsdauer ... 48
3.2.1.1.2 Grundregel ... 48
3.2.1.1.3 Analytische Haltung ... 49
3.2.2 Theoriegeleitete und erfahrungsspezifische Behandlungstechniken ... 52
3.2.2.1 Fragen nach der Analysierbarkeit ... 52
3.2.2.2 Umgang mit Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung ... 53
3.2.2.2.1 Widerstand und Übertragung - Grundlagen ... 53
3.2.2.2.1.1 Widerstand ... 53
3.2.2.2.1.2 Übertragung ... 55
3.2.2.2.2 Formen der Selbstobjektübertragung ... 56
3.2.2.2.2.1 Größenselbstübertragungen ... 56
3.2.2.2.2.1.1 Kreativitätsübertragung: ... 57
3.2.2.2.2.1.2 Spiegelübertragung (im engeren Sinne): ... 58
3.2.2.2.2.1.3 Alter-Ego- bzw. Zwillingsübertragung: ... 59
3.2.2.2.2.1.4 Verschmelzungsübertragung: ... 59
3.2.2.2.2.2 Idealisierende Übertragungsformen ... 60
3.2.2.2.2.2.1 Kreativitätsübertragung ... 60
3.2.2.2.2.2.2 Idealisierende Übertragung ... 61
3.2.2.2.3 Gegenübertragung ... 62
3.2.2.2.3.1 Reaktionen des Analytikers auf Größenselbstübertragungen ... 63
3.2.2.2.3.1.1 Reaktionen auf Kreativitätsübertragung ... 63
3.2.2.2.3.1.2 Reaktionen auf Spiegelübertragung ... 64
3.2.2.2.3.1.3 Reaktionen auf Alter-Ego- bzw. Zwillingsübertragung ... 64
3.2.2.2.3.1.4 Reaktionen auf Verschmelzungsübertragung ... 65
3.2.2.2.3.2 Reaktionen des Analytikers auf idealisierende Übertragungen ... 66
3.2.2.2.3.2.1 Reaktionen auf Kreativitätsübertragungen ... 66
3.2.2.2.3.2.2 Reaktionen auf idealisierende Übertragungen ... 68
3.2.2.2.4 Ergänzungen und Zusammenfassung ... 69
3.2.2.3 Deutung ... 70
3.2.2.4 Traumdeutung in der Selbstpsychologie ... 71
3.2.2.5 Nachbearbeitung der Sitzungen ... 73
3.2.2.6 Ziele der analytischen Behandlung ... 74
3.2.2.7 Abschluss der analytischen Behandlung ... 75
3.3 ZUSAMMENFASSUNG ... 76
3.4 KRITISCHE BEMERKUNGEN ... 77
IV. DER INTERSUBJEKTIVE ANSATZ ... 81
4.1 Einleitung ... 81
4.2 Zur Person und theoretischen Hintergrund von ROBERT D. STOLOROW ... 82
4.3 Grundlagen der Theorie der Intersubjektivität in der Psychoanalyse ... 83
4.3.1 Das intersubjektive Feld und seine theoretische Verortung ... 84
4.3.2 Entwicklungspsychologische Aspekte aus Sicht der intersubjektiven Perspektive. ... 86
4.3.3 Psychopathologie im Licht der Intersubjektivität ... 87
4.4 Konvergenzen und Divergenzen zur Selbstpsychologie HEINZ KOHUTs ... 89
4.4.1 Konvergenzen ... 89
4.4.2 Divergenzen ... 90
4.4.2.1 Der Begriff des Selbst ... 90
4.4.2.2 Die Bi-Polarität des Selbst ... 91
4.4.2.3 Fragmentierung: isolierte Triebmanifestation als Desintegrationsprodukt? ... 92
4.4.2.4 Selbstobjekte vs. „echte“ Objekte ... 93
4.5 Zusammenfassung ... 93
V. BEHANDLUNGSTECHNISCHE IMPLIKATIONEN DER INTERSUBJEKTIVEN PERSPEKTIVE ... 95
5.1 Grundlegende Gedanken zur psychoanalytischen Behandlungstechnik aus intersubjektiver Perspektive ... 95
5.1.1 Das intersubjektive Setting ... 96
5.1.2 Die analytische Haltung: Eine kritische Bestandsaufnahme ... 97
5.1.2.1 Der Mythos von der suggestionsfreien Deutung ... 98
5.1.2.2 Der Mythos von der unkontaminierten Übertragung ... 98
5.1.2.3 Der Mythos von der Objektivität und die Frage nach der Analysierbarkeit ... 99
5.1.2.4 Der Mythos vom isolierten Geist ... 99
5.1.2.5 Die analytische Haltung aus intersubjektiver Perspektive ... 100
5.1.3 Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand ... 102
5.1.3.1 Übertragung ... 102
5.1.3.1.1 Ziele der Übertragungsanalyse ... 105
5.1.3.2 Gegenübertragung ... 106
5.1.3.3 Widerstand ... 106
5.1.4 Traumdeutung ... 108
5.1.5 Ziele und Abschluss der Behandlung ... 109
5.1.5.1 Ziele der Behandlung aus intersubjektiver Sicht ... 109
5.1.5.2 Abschluss der Behandlung ... 110
5.2 Zusammenfassung ... 111
5.3 Kritische Bemerkungen ... 112
VI. SCHLUßBETRACHTUNG ... 116
LITERATURLISTE ... 120
Anmerkungen zur Orientierung im Text:
Im folgenden Text wurden alle Zitate mit dem Publikationsdatum der Erstveröffentlichung versehen, d.h. bei englischsprachigen Erstveröffentlichungen bezieht sich die Jahresangabe auf die englische Erstveröffentlichung. Die zitierte Stelle, soweit sie in deutscher Sprache wiedergegeben wurde, entstammt aus der deutschen Übersetzung, deren Erscheinungsdatum am Ende der deutschen Quellenangabe im Literaturverzeichnis genannt wird.
In der Literaturliste sind nur die Schriften KOHUTs und STOLOROW et al. sowohl mit der englischen Originalquelle wie auch mit der deutschen Übersetzung angegeben. Andere englischsprachige Autoren werden entweder mit dem Original – soweit daraus zitiert wird - oder in der deutschen Übersetzung wiedergegeben, ohne dass bei der deutschen Übersetzung noch der englischen Originaltitel hinzugefügt worden ist. Da es sich hier um einen Autorenvergleich handelt, habe ich mich entschlossen, bei der Bearbeitung der Primärquellen beider Autoren bzw. Autorengruppe eine genauere Quellenangabe einzufügen, da deren ins Deutsche übersetzte Titel teilweise mit dem englischen Original wenig übereinstimmen. Zur schnelleren Übersicht habe ich zusätzlich zur Literaturliste am Ende der Arbeit eine Liste der in dieser Arbeit verwendeten Internet-Seiten angeführt.
Der Text wurde aus Gründen der Einfachheit aus männlicher Perspektive verfasst. Jeder Psychoanalytiker soll demnach auch als Psychoanalytikerin, jeder Patient auch als Patientin gelesen werden, soweit nicht spezifische Personen genannt sind.
In den deutschen Zitaten findet sich noch die alte Rechtschreibung. Ich habe Wert darauf gelegt, keinerlei Veränderungen in den Zitaten durchzuführen, außer sie wurden mit „[]“ gekennzeichnet, um einen sinngemäßen und damit verständlichen Lesefluss zu gewährleisten.
Einleitung
„Wenn wissenschaftliche Theorien aufeinanderprallen,
ist es nicht gesagt, dass ein
Kompromiß die Wahrheit ist. Die Erde ist nicht
ein Zwischending zwischen flach und rund“.
(COOPER 1980, zitiert nach KÖHLER 1982, S. 353).
“The quintessential irony of the analytic
relationship resides in the analyst who insists
that the patient have a right to his or her own
life, a right to develop a personal sense of
freedom and agency.”
(WILLIAM COBURN1998)1
In dem Feld der Psychoanalyse ist es selten, eine Arbeit über Behandlungstechnik lesen zu können, die nicht von einem praktizierenden Analytiker stammt. Es liegt in der Natur der Sache, dass Behandlungstechnik im psychoanalytischen Kontext immer an eigene Erfahrungen gekoppelt sein muss und demnach nicht unabhängig vom Erfahrungsraum gelehrt oder geleistet werden kann. Ein solches Verständnis vom Umgang mit dem Thema Behandlungstechnik ist nachvollziehbar und notwendig, da es ja um die verantwortungsvolle Behandlung von Patienten oder die Ausbildung von zukünftigen Psychoanalytikern geht.
Die vorliegende Arbeit nähert sich dem Thema Behandlungstechnik jedoch von einer anderen Seite an, welche auch ohne persönlichen Erfahrungshintergrund den Weg zur Beschreibung von Behandlungstechnik gangbar macht. Im Folgenden soll herausgestrichen werden, was bestimmte Analytiker unter Behandlungstechnik verstehen, wie sie ihre persönliche Behandlungstechnik darstellen und wie sie sie von einander abgrenzen und/oder modifizieren.
Im Zentrum stehen zwei Analytiker bzw. Analytikergruppen: Zum einen wird die Selbstpsychologie HEINZ KOHUTs und ihre behandlungstechnischen Konzepte dargestellt, zum anderen die der intersubjektiven Perspektive der Autoren um ROBERT D. STOLOROW. In der Darstellung beider Konzepte soll zunächst auf die theoretischen Grundlagen der KOHUTschen Selbstpsychologie eingegangen werden (Kapitel I und II). Dieser Weg wird notwendig, da sich die Theorie der Intersubjektivität von STOLOROW et al. explizit auf selbstpsychologische Grundannahmen bezieht, ihr Konzept also als Ergänzung und Erweiterung der Selbstpsychologie (und darüber hinaus!)2 verstanden wissen will. Darauf folgend soll KOHUTs behandlungstechnisches Verständnis aufgezeigt werden (Kapitel III). Das Kapitel IV stellt sowohl die theoretische Konzeption der intersubjektiven Perspektive wie auch eine Gegenüberstellung zur KOHUTschen Selbstpsychologie vor und leitet schließlich in Kapitel V über zu den behandlungstechnischen Konsequenzen der intersubjektiven Perspektive.
Für mich bedeutet diese Arbeit ein Fortführen eines Interesses, das durch eine vorangegangene Diplomarbeit (MÜLLER 1999) viel Nahrung bekommen hat. War das Thema der ersten Arbeit das Verhältnis zwischen Eltern und Säuglingen resp. Kleinkindern aus psychoanalytischer und bindungstheoretischer Sicht im Hinblick auf die Phantasieentwicklung und transgenerationaler Weitergabe von Interaktionsschemata, so hat sich der Schwerpunkt in der vorliegenden Arbeit weg von der Säuglings- und Kleinkindforschung hin zur Frage des Umgang mit sog. „frühen Störungen“ im Erwachsenenalter verlagert. So folgte der Beschäftigung mit der Bindungstheorie und den neueren psychoanalytischen Theorien über den Säugling das Interesse für die Selbstpsychologie HEINZ KOHUTs und deren Weiterentwicklung durch die intersubjektive Perspektive. Nicht zufällig ist die enge theoretische Verbundenheit der modernen psychoanalytisch orientierten Säuglingsforschung mit den Auffassungen KOHUTscher Selbstpsychologie (s. z.B. STERN 1985; LICHTENBERG et al. 1995), da sie Grundlagen schaffte für eine alternative Sicht auf die Konstituierung des Selbst – weg von einer triebtheoretischen hin zu einer relational geleiteten Auffassung, welche durch die moderne Säuglingsforschung in vielerlei Aspekten Bestätigung findet.
Aber auch ein zweiter Strang des Interesses war ausschlaggebend, mich mit der Selbstpsychologie und deren Weiterentwicklung zu beschäftigen. Dieser zweite Strang könnte als ein theoriehistorisches Interesse bezeichnet werden: In den vergangenen Jahren an der Freien Universität habe ich verschiedenste psychoanalytische Richtungen kennen lernen können.3 Dabei fiel mir auf, dass sich bestimmte Charakteristika in der Rezeption alternativer Richtungen innerhalb eines zur gegebenen Zeit vorherrschenden Theoriekonsenses des psychoanalytischen Establishments wiederholen.
KOHUT wurde, wie zuvor FERENCZI, BION, RANK, REICH usw. zunächst in seiner Arbeit sehr geschätzt, war sie doch noch zu Beginn im Rahmen der damals vorherrschenden U.S.- amerikanischen Ich-Psychologie stark verwurzelt. Doch mit zunehmender Beschäftigung seiner 1971 publizierten Ideen veränderte sich der Schwerpunkt in seiner theoretischen Verortung und machte neue Wege gangbar für die Behandlung von narzisstisch gestörten Patienten. Wie ich unter Punkt 2.2 darstellen werde, veränderte sich seine Theorie hin zu einer neuen Auffassung über Grundsätzliches in der menschlichen Motivation. Der Vorwurf ließ nicht lange auf sich warten, dass das, was diese Herrschaften täten, nun nicht mehr unter dem Namen Psychoanalyse firmieren dürfe. Unangenehme Folgen, wie hier am Beispiel BOWLBYs gezeigt, ließen nicht lange auf sich warten. So schrieb SPITZ (1960):
„Bowlby offers no discussion of the instinctual drives in terms of libido and aggression; he speaks of hostility and of object relations and limits himself to the behavioral level. [...] But for the purpose of explaining empirical data in terms of psycho-analytic theory, this approach is inadequate. Behavioral description has to be combined with the explication of observational facts from the economic, the dynamic, and the structural viewpoint; [...] If Bowlby wishes to do without this kind of explanation, he is entirely within his rights. However, it then ceases to be a psychoanalytic explanation, and the quotations from Freud, which Bowlby uses here, do not really apply.“ (S. 91, Hervorhebung: K. M.).
Hier wird ein Charakteristikum sichtbar, das in der Geschichte der Psychoanalyse schon immer ein sehr problematisches war: Der Umgang mit dem vermeintlichen Wissen um die sog. „Wahrheit“ – genährt durch Aussagen des Begründers der Psychoanalyse SIGMUND FREUD, wie z.B. der folgenden:
„Ich finde mich berechtigt, den Standpunkt zu vertreten, dass auch heute noch, wo ich länger nicht mehr der einzige Psychoanalytiker bin, keiner besser als ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet, und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders zu benennen ist“ (1914, S. 44).
[...]
1 http://www.selfpsychology.com/deepthoughts/1998-1.htm. Stand: 05.05.04.
2 s. dazu Punkt 4.3.1.
3 Ein etwas zu selbstverständlich klingender Satz, da die Möglichkeiten zum Kennenlernen psychoanalytischer Grundlagen und ihren verschiedenen theoretischen Richtungen zunehmend eingeschränkt werden. Die Möglichkeit zur Nutzung psychoanalytisch relevanter Themen bei Diplomarbeiten und -prüfungen wird in schätzungsweise vier bis fünf Jahren ganz versiegt sein. Gründe dafür liegen nicht nur im Rahmen der allgegenwärtigen Kürzungsmaßnahmen, sondern auch ganz deutlich auf organisations- und vor allen Dingen berufspolitischer Ebene. Die Psychoanalyse ist, wie die Kritische Psychologie, eine bis heute eine sehr unbequeme wissenschaftliche Denkrichtung, deren universitäres Fortleben (-vegetieren wäre hier wohl besser angebracht) an den Mauern allumfassender Medizinalisierung und (damit zusammenhängender) Operationalisierung besiegelt zu werden scheint.
Kommentare
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden: