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Das Phänomen der "ekklesiogenen Neurosen" - eine kritische Analyse religiös bedingter Lebenskonflikte und ihre Interventionsmöglichkeiten

Diploma Thesis, 2002, 149 Pages
Author: Melanie Vita
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2002
Pages: 149
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V27406
ISBN (E-book): 978-3-638-78454-2

File size: 734 KB


Excerpt (computer-generated)

Georg-Simon-Ohm Fachhochschule Nürnberg
Fachbereich Sozialwesen

Das Phänomen der „ekklesiogenen Neurosen“ -
eine kritische Analyse religiös bedingter Lebenskonflikte
und ihre Interventionsmöglichkeiten

Diplomarbeit

eingereicht von

Melanie Santa Vita

Im März 2002

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis ... VI

1 Einleitung ... 1
1.1 Hinführung zum Thema ... 1
1.2 Fragestellung und Aufbau dieser Arbeit ... 4

2 Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ ... 6
2.1 Prolog ... 6
2.2 Zur Korrelation von Religiosität und psychischer Gesundheit ... 7
2.2.1 Etymologische Bestimmung der Religiosität ... 7
2.2.1.1 Bipolare Erfassung der Religiosität ... 8
2.2.1.2 Extrinsische und intrinsische religiöse Orientierung ... 9
2.2.2 Charakteristische Merkmale psychischer Gesundheit ... 11
2.2.3 Ergebnisse empirischer Untersuchungen zur Korrelation von Religiosität und psychischer Gesundheit ... 14
2.3 Zur Neurosenlehre im Allgemeinen ... 17
2.3.1 Charakteristische Merkmale einer Neurose ... 17
2.3.2 Symptome ... 18
2.3.3 Syndrome ... 20
2.3.4 Ursachen der Neurosenentstehung ... 21
2.4 Zum Begriff der „ekklesiogenen Neurose“ ... 22
2.4.1 Die Entstehung des Begriffes ... 23
2.4.2 Fallbeispiele ... 25
2.4.3 Exkurs: Sexual- und leibfeindliche Einstellung der Kirche ... 27
2.4.3.1 Geschichtliche Hintergründe ... 27
2.4.3.2 Ihre Bedeutung für die heutige Zeit ... 28
2.4.4 Zusammenfassung ... 29
2.5 Kritik am Begriff der „ekklesiogenen Neurose“ ... 30
2.6 Fazit ... 32

3 Entstehungsursachen religiös bedingter Lebenskonflikte ... 33
3.1 Wesentliche Merkmale eines neurotischen Konfliktes ... 33
3.2 Konfliktbereiche im Spannungsfeld von Neurose und Religiosität ... 34
3.2.1 Familiäre Prägung versus Selbstverantwortung und freie Persönlichkeitsentfaltung ... 36
3.2.1.1 Zur Bedeutung der Familie ... 36
3.2.1.2 Defizitäre Erziehungsstrategien ... 37
3.2.1.2.1 Überakzentuierung einer vorbildlichen Moralentwicklung ... 38
3.2.1.2.2 Ein strafender Gott als Erziehungsmittel ... 40
3.2.1.2.3 Mangelnde Authentizität und Transparenz ... 41
3.2.1.2.4 Erlernte Hilflosigkeit ... 42
3.2.1.2.5 Ablösungsproblematik bei Jugendlichen aus christlichen Familien ... 43
3.2.1.3 Konsequenzen ... 45
3.2.2 Kirchliche Morallehre versus persönlicher christlicher Freiheit ... 46
3.2.2.1 Zur Bedeutung der kirchlichen Lehre ... 46
3.2.2.1.1 Gesetzlichkeit und Leistungsorientierung ... 47
3.2.2.1.2 Das Leugnen des freien Willens ... 48
3.2.2.1.3 Vergeistlichung ideologischer Denkansätze ... 49
3.2.2.2 Exkurs „geistlicher Missbrauch“ ... 51
3.2.2.2.1 Erläuterung des Begriffes ... 51
3.2.2.2.2 Die Folgen geistlichen Missbrauchs ... 53
3.2.2.2.3 Die Gefahr einer vorschnellen Stigmatisierung ... 54
3.2.2.3 Zusammenfassung ... 54
3.2.3 Generelle neurotische Konflikthaftigkeit ... 55
3.2.3.1 Zur Bedeutung der individuellen Persönlichkeitsstruktur ... 55
3.2.3.2 Defizitäre Persönlichkeitsstrukturen ... 56
3.2.3.2.1 Die zwanghafte Persönlichkeitsstruktur ... 57
3.2.3.2.2 Die schizoide Persönlichkeitsstruktur ... 59
3.2.3.2.3 Die depressive Persönlichkeitsstruktur ... 60
3.2.3.2.4 Die hysterische Persönlichkeitsstruktur ... 62
3.2.3.3 Zusammenfassung ... 64
3.3 Fazit ... 65

4 Interventionsmöglichkeiten ... 66
4.1 Zur Situation der Betroffenen ... 66
4.2 Elementare Ziele für eine Wiederherstellung der psychischen Gesundheit ... 68
4.2.1 Beziehungsfähigkeit ... 68
4.2.2 Veränderungsfähigkeit ... 69
4.2.3 Konfliktfähigkeit ... 70
4.2.4 Persönlichkeitsentfaltung ... 71
4.3 Möglichkeiten der Zielerreichung ... 73
4.3.1 Zur Frage des Umgangs mit dem religiösen Themenkomplex in Beratung und Therapie ... 74
4.3.1.1 Ausgangssituation ... 74
4.3.1.2 Die Rolle der religiösen Passung von Therapeut und Klient ... 76
4.3.2 Integration von Religiosität in Beratung und Therapie ... 81
4.3.2.1 Allgemeines ... 81
4.3.2.2 Formen spiritueller Interventionen ... 82
4.3.2.2.1 Das Gebet ... 83
4.3.2.2.2 Meditation ... 84
4.3.2.2.3 Vergebung ... 85
4.3.2.2.4 Das Lesen der Bibel ... 87
4.3.2.3 Zur Anwendung spiritueller Interventionen ... 88
4.3.3 Das Konzept der De′Ignis – Fachklinik für christliche Psychiatrie und Psychosomatik als Modell für die Integration von Religiosität in die therapeutische Behandlung ... 89
4.3.3.1 Allgemeines ... 90
4.3.3.2 Indikationen ... 90
4.3.3.3 Klientel ... 91
4.3.3.4 Die Behandlung ... 92
4.3.3.5 Behandlungsverfahren ... 92
4.3.3.6 Qualitätssicherung ... 95
4.3.3.7 Schlussfolgerung ... 99
4.3.4 Fazit ... 100
4.4 Ressourcenerschließung ... 101
4.4.1 Die Kirchengemeinde als Ressource ... 102
4.4.1.1 Voraussetzungen ... 102
4.4.1.1.1 Multipolarität statt Unipolarität ... 102
4.4.1.1.2 Konstruktiver Umgang mit leidvollen Erfahrungen ... 103
4.4.1.1.3 Abkehr vom Perfektionismus ... 103
4.4.1.2 Präventionsmöglichkeiten ... 104
4.4.1.2.1 Primäre Prävention ... 104
4.4.1.2.2 Sekundäre Prävention ... 105
4.4.1.2.3 Tertiäre Prävention ... 105
4.4.2 Exkurs: Die Seelsorge ... 106
4.4.3 Grenzen kirchlicher Hilfe ... 109
4.5 Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Kirchengemeinden und psychosozialen Einrichtungen zum Wohl psychisch Kranker ... 110
4.5.1 Ausgangssituation ... 110
4.5.2 Praktische Umsetzung einer Zusammenarbeit ... 111
4.5.3 Fazit ... 112

5 Zusammenfassung ... 113
5.1 Auswertung ... 113
5.2 Abschließendes Resümee ... 116

6 Anhang ... 119
6.1 Zum Entwicklungsverlauf einer religiösen Sozialisation ... 119
6.1.1 Das Stufenmodell der Glaubensentwicklung nach Fowler ... 120
6.1.1.1 Vorstufe ... 120
6.1.1.2 Stufe des intuitiv-projektiven Glaubens ... 121
6.1.1.3 Stufe des mythisch-wörtlichen Glaubens ... 122
6.1.1.4 Stufe des synthetisch-konventionellen Glaubens ... 123
6.1.1.5 Stufe des individualisierend - reflektierenden Glaubens ... 124
6.1.1.6 Stufe des verbindenden Glaubens ... 125
6.1.1.7 Stufe des universellen Glaubens ... 126
6.1.2 Konsequenzen ... 127
6.2 Jana-Herzberg-Grafiken – Zeichnungen zum Thema ... 128
6.3 Fragebogen zum Thema „ekklesiogene Neurosen“ – ihre Hintergründe, Ursachen und Interventionsmöglichkeiten ... 131
    Fragen zum Krankheitsbild der „ekklesiogenen Neurose“ ... 131
    Intervention ... 132
    Fragen zu Ihrer Einrichtung ... 133
    Fragen zur Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden oder anderen Einrichtungen ... 133

7 Literaturverzeichnis ... 134
Bücherquellen ... 134
Zeitschriften ... 138
Internetseiten ... 142

Abbildungsverzeichnis

[...]

1 Einleitung
1.1 Hinführung zum Thema


Lieber Gott, ich möchte mit einem Fluch beginnen, oder mit einer Beschimpfung, die mir bald Erleichterung brächte. Eine Art innere Explosion müßte es werden, die dich zerfetzte. (...) Du warst einst so fürchterlich real, neben Vater und Mutter die wichtigste Figur in meinem Kinderleben. (...) Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit, als mein Körper und meine Seele klein waren. (...) Ich habe unter niemandem so gelitten in meinem Leben wie unter deiner mir aufgezwungenen Existenz. Indem ich dir zeige, wie du als Krankheit in mich eingezogen bist (...) hoffe ich, mich ein Stück weit von dir heilen zu können. 1

Diese Schilderung Mosers, entnommen aus dessen autobiographischer Aufzeichnung „Gottesvergiftung“2 stimmt sehr nachdenklich. Was ist das für ein Gott, der Kinderherzen auf diese Weise erschreckt? Was ist das für eine Religion, die eine derartige Lebensverneinung fördert? Was für ein Gottesbild fördert eine solche Angst zutage? Orientiert man sich an dem Text Mosers, so liegt die Vermutung nahe, dass es sich um das weitverbreitete Bild eines Gottes handeln muss, der nach streng moralischen Prinzipien ahndet, was seinem Willen widerspricht. Ein derartiges Gottesbild scheint eine persönliche Entfaltung zu behindern und lebensverneinende Wirkung zu haben. Es wird sogar davon gesprochen, dass dieser Glaube krank machen kann. Eine vage Behauptung? Moser jedenfalls spricht von einer krankmachenden Religiosität, welche er verantwortlich macht für ein Leben voller Schuldgefühle und Ängste. Er klagt Gott an und bringt ohne Umschweife zur Sprache, welche Auswirkungen die Existenz eines Gottes haben kann, der als omnipotent, allwissend und allgegenwärtig dargestellt wird.

Das Buch „Gottesvergiftung“ ist eine Lektüre, die sowohl unter Christen als auch Nichtchristen sehr für Furore gesorgt hat. Dabei reichen die Reaktionen der Leser von Zustimmung bis zur erbitterten Ablehnung, ja sogar bis zur Überzeugung, Moser sei reiner Blasphemist.

Aus christlicher Sicht mag das Buch einerseits erschrecken, weil Moser auf unverblümte Art und Weise das Bild des christlichen Gottes stark kritisiert und aufgrund dessen gotteslästerlich wirkt. Dabei wird sehr schnell übersehen, dass es zu allen Zeiten religiöse Menschen gab, die ihren Gott anklagten. Bekanntestes Beispiel hierfür ist der israelitische König David, der in seinen Liedern und Dichtungen immer wieder Ängste, Enttäuschungen, Anklage und Kritik an Gott richtet. Diese Offenheit und Ehrlichkeit schafft eine Befreiung aus innerer Unruhe und löst die Bitterkeit über uneingestandene Enttäuschungen Gott gegenüber. Auf dieser Basis ist es möglich, Heilung und Veränderung zu schaffen. Alles „so tun als ob“ bindet dagegen das Misstrauen und lässt die Emotionen unbemerkt schwelen, psychische Krankheiten sind dadurch vorprogrammiert. Viele Christen haben diese Authentizität nie gelernt, um so mehr schreckt natürlich ein derartiges Buch ab.

Auf der anderen Seite schafft Mosers Darstellung aber auch Luft für diejenigen, die in ihrem Innersten tiefe Zweifel Gott gegenüber haben und diese nie äußern konnten, wollten oder vielleicht auch nicht durften. In diesem Fall bewirkt das Lesen ein zustimmendes Bejahen des Inhaltes, weil es Themen aufgreift, die unterschwellig vorhanden sind, der Mut aber nie ausgereicht hat, um Zweifel und Kritik ganz konkret zum Ausdruck zu bringen.

Was aber hat es mit dem Mythos der krankmachenden Religiosität auf sich? Kann es sein, dass das Evangelium - wörtlich „die gute Nachricht“ - negative Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen hat? Kann der christliche Glaube tatsächlich krank machen? Sind Christen mehr als Nichtchristen psychischen Störungen ausgesetzt?

Die Frage des Einflusses von Religiosität – gemeint ist die christliche Religiosität - auf die psychische Gesundheit eines Menschen löst sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen sehen den christlichen Glauben als Hindernis für Eigenbestimmung und freie Entfaltung und erachten ihn somit als nachteilig für das persönliche Wohlbefinden. Andere dagegen sehen Zufriedenheit und Wohlergehen an Geist, Seele und Leib als unabdingbar verbunden mit dem Glauben an einen liebenden, fürsorgenden Gott. Auch in psychologischen Fachkreisen divergieren die Meinungen bezüglich dieses Themas sehr stark. So wertet der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud und viele seiner Anhänger die Religion als „universelle Zwangsneurose“, Jung, Fromm und Frankl sehen im christlichen Glauben dagegen einen stabilisierenden Faktor für die individuelle Lebensbewältigung. Während die eine Gruppe also Religion als Entstehungsursache von psychischen Krankheiten wie z.B. den Neurosen sieht, vertritt die andere Gruppe die Meinung, eine Neurose könne vielmehr durch Religiosität verhindert werden.3

Woher kommen diese unterschiedlichen Stellungnahmen? Welche Faktoren haben eine prägende Wirkung in Bezug auf die Meinungsbildung? Anzunehmen ist, dass Lebensumfeld, Lebensentwicklung und individuelle Erfahrungen mit Religiosität entscheidend für die Entwicklung einer persönlichen Einstellung zu diesem Thema sind. Sprich je nach Prägung nimmt die religiöse Entwicklung ihren Lauf in eine bestimmte Richtung. Aus diesem Blickwinkel heraus lassen sich die divergierenden Meinungen zu dieser Thematik besser verstehen.

Wird von den individuellen Meinungen abgesehen und nach einem objektiven Sachverhalt gesucht, so stellt sich die Frage: Erhöht Religiosität das Risiko einer Entstehung von psychischen Krankheiten? Viele Christen verschließen bei diesen Worten bereits ihre Ohren. Sie fühlen sich angegriffen, missverstanden und unsicher. Der Anlass für eine derartige Verunsicherung liegt nicht selten in der Angst begründet, bei solchen Fragen die Grundmauern des eigenen Glaubens erschüttert zu sehen. Was, wenn der persönliche Glaube solchen Anschuldigungen nicht Stand hält?

Eine starke Abwehr gegenüber kritischen, an die Substanz gehenden Fragen kann aber auch eine Reaktion sein auf heftige, teils undifferenzierte Kritik im Sinne der Ketzerei. Kritiker schlagen nicht selten einen sehr harten Ton an, wenn es um die Verhöhnung des Glaubens geht. Ihnen geht es nicht um eine objektive Untersuchung der Auswirkungen des Glaubens auf die psychische Gesundheit, sondern vielmehr darum, ihre negativen Erfahrungen in einen wissenschaftlichen Kontext einzubetten. Diese subjektiven Darstellungen haben ihren Ursprung oftmals in persönlichen Erfahrungen, Verletzungen und Missverständnissen mit der Kirche.

Inwieweit eine Kritik nun subjektiv ist oder nicht sei zunächst dahin gestellt. Unabhängig davon ist es wichtig, diesen Sachverhalt genauer zu untersuchen und sich mit der Thematik des Einflusses der Religiosität auf die psychische Gesundheit auseinander zu setzen. Nur so kann jenen Menschen geholfen werden, welche in psychische Schwierigkeiten stecken, die unmittelbar oder aber auch im weitesten Sinn mit ihrem Glauben in Verbindung stehen.

1.2 Fragestellung und Aufbau dieser Arbeit
Gibt es so etwas wie eine krankmachende Religiosität? Inwiefern beeinflusst Religiosität die psychische Gesundheit? Welche Funktionen und Konsequenzen hat der Glaube in Bezug auf die Entwicklung eines Individuums? Kann es sein, dass Christen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, psychisch krank zu werden? Dies alles sind Fragen, die es Wert sind, näher untersucht zu werden.

Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich eingehen auf die Hintergründe und Zusammenhänge der „ekklesiogenen Neurose“, also der durch die Kirche bzw. kirchlichen Gemeinschaften verursachten psychischen Störungen. Es werden die Begrifflichkeiten „Religiosität“ und „psychische Gesundheit“ geklärt, empirische Untersuchungen zum Verhältnis von Glauben und psychischem Wohlbefinden erörtert und die Entstehung des Terminus „ekklesiogene Neurose“ samt ihrer Bedeutung für unsere heutige Gesellschaft und ihrer Kritikpunkte dargelegt.

Im darauf folgenden Abschnitt soll es um die Frage gehen wodurch religiös bedingte Lebenskonflikte ausgelöst bzw. verursacht werden können. Es werden einzelne Konfliktbereiche und einflussnehmende Faktoren erörtert sowie ihre defizitäre Wirkung für die Entstehung neurotischer Störungen dargelegt. Eine gezielte Analyse möglicher Ursachen, die für ein mangelndes psychisches Wohlbefinden unter Christen verantwortlich sein könnten, ermöglichen es, daraufhin adäquate Interventionen und Wege zur Prävention entwickeln zu können.

Dieser Themenkomplex wird schließlich im dritten Teil behandelt. Es wird ausgeführt, auf welche Weise Menschen mit Konflikten im religiösen Bereich geholfen werden kann. Geklärt werden soll auch, welche Rolle der Religiosität in der Beratungstätigkeit zukommt und inwieweit ein christlich geprägtes Konzept für eine effektive Intervention hilfreich sein kann.

Im Vorfeld halte ich es für wichtig zu betonen, dass es mir nicht darum geht, die Kirche bzw. den Glauben zu entwerten oder generell als pathologisierend zu etikettieren, „sondern darum, transparent und offen über ein Thema zu sprechen, das bisher (...) nicht angemessen beachtet worden ist“4.

Ebenso möchte ich erwähnen, dass ich in meiner Arbeit stärker die „ungesunden“ Aspekte des christlichen Glaubens betrachten werde (was nicht zu der Schlussfolgerung führen sollte, es seien keine positiven Seiten vorhanden). Dies nicht zuletzt mit dem Anliegen, eine aufrichtige Diskussion in Gang zu setzen und durch kritisches Hinterfragen der gegebenen Strukturen einen Anstoß für Veränderungen zu geben und dadurch „gesunde“ Strukturen begünstigt zu können.

Wenn im Folgenden von christlichen Kirchen, Kirchengemeinden, Gemeinden und Glaubensgemeinschaften die Rede ist, so sind damit diejenigen Kirchen damit gemeint, die dem Christentum zuzuordnen sind und in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) anerkannt sind. Eine genauere Differenzierung der einzelnen Denominationen im Hinblick auf ihre Konstruktivität oder Destruktivität wäre sicherlich sehr interessant, würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Aufgrund dessen werden die Kirchen hier im Gesamten genannt, wohl wissend, dass es unter Umständen enorme Diskrepanzen zwischen den einzelnen Lehren, Glaubenshaltungen und Glaubenspraktiken gibt.

Eine Bemerkung noch zur Verwendung geschlechtsspezifischer Schreibweise: In der gesamten Arbeit werde ich aus schreib- und lesetechnischen Gründen die männliche Form bei der Nennung von Personengruppen benutzen, dabei sind die Frauen selbstverständlich mit einbezogen.

2 Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“
2.1 Prolog
Religiosität und ihre Auswirkung auf das psychische Wohlbefinden ist ein Thema, das im psychosozialen Bereich oftmals ausgespart wird und wenig Beachtung findet.

[...]


1 MOSER (1980), S. 9 FF.

2 MOSER (1980)

3 VGL. Dörr (1987), S.1

4 Dieterich (1991), S. 9


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