Psycho-Analyse. Betrachtungen zur Entwicklung der kinematographischen Sprache in und um Alfred Hitchcocks Duschmordmontage

Autor: Martin Schlesinger
Fach: Filmwissenschaft

Lesen Sie im E-Book



Details

Veranstaltung: Seminar: Im Rausch der Montage
Institution/Hochschule: Bauhaus-Universität Weimar
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 29
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 486 KB
Archivnummer: V27939
ISBN (E-Book): 978-3-638-29854-4
Anmerkungen :
Zielsetzung dieser Arbeit war es, Hitchcocks filmspezifische Montagefertigkeiten am Beispiel eines Films etwas genauer zu skizzieren. Um zu einer eigenen Perspektive zu gelangen, die eventuell zu frischen Montageuntersuchungen anregen kann, habe ich einige Gedanken zusammenfügen, die in der Literatur Hitchcocks Duschmordszene in Psycho (1960) umschreiben. Zum Teil habe ich versuchen Hitchcocks Montage durch semiotische Begrifflichkeiten und geschichtliche Bedingungen zu ergründen...

Textauszug (computergeneriert)

Bauhaus-Universität Weimar
Seminar »Im Rausch der Montage«
Semester: 4

Psycho-Analyse. Betrachtungen zur Entwicklung der
kinematographischen Sprache in und um
Alfred Hitchcocks Duschmordmontage

von: Martin Schlesinger

 


Inhalt

1. Ein/schnitte 4 - 6
– Sprechen Sie ‚Film’?

2. Aus/schnitte 7 - 11
- Neuer Film sucht alte Codes. Chiffre: ‚Kultur’

3. Flashback 12 - 14
- Hitchcock in Hollywood und den départements

4. Kein Durch/schnitt 14 - 16
– Hitchcocks Handwerk

5. Vom Klassenka mpf zum Kassenkampf 17 - 20
– Der Eisenstein im Alfred H.

6. Short Cuts 21 - 27
- Im Rausch der Duschmordmontage

7. Final Cut 27 - 30
- The thrill is gone?

8. Literaturverzeichnis 31 - 32


 

 

1. Ein/schnitte

– Sprechen Sie ‚Film’?

„Ich sagte mir: Mit Psycho werde ich einen kleinen hübschen Film machen. Ich habe mir nie gesagt: Ich drehe jetzt einen Film, der mir fünfzehn Millionen einbringen wird.“1 Alfred Hitchcock Einen Diskurs über Film als Sprache, die Sprache des Films oder eine filmspezifische Sprache zu führen, ist ein schwieriges Unterfangen. Um einen einigermaßen fundierten Eindruck vermitteln zu können, bedarf es über die Kenntnisse technischer, apparativer Möglichkeiten hinaus, eines sehr weitläufigen Wissens - von den Pionieren der Montage, wie Sergej Eisenstein, Vsevolod I. Pudovkin oder Lev Kule(?)ov, über die praktisch-theoretischen Filmemacher der Nouvelle Vague, wie Jean-Luc Godard oder François Truffaut, bis hin zu den semiologischen Analysen eines Christian Metz oder eines Umberto Eco. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Film/Sprache’ zog in der Filmgeschichte weite Kreise, die je nach persönlichen Motivationen einzelner Filmschaffender oder Interessensgruppen einmal in Richtung Formalismus, ein anderes mal in Richtung Realismus oder zur synthetischen Vereinigung beider Ismen tendierten. Es ging darum, Strömungen zu manifestieren und das praktische Filmgeschäft auch ideell voranzutreiben.

Beispielsweise in der Film-Semiotik ist die begriffliche Beschäftigung mit der kinematographischen Sprache von jahrzehntelangen Entwicklungen und Moden geprägt, die sich im Kampf um akademische Anerkennung an bestehende Modelle, wie die der Linguistik oder an die Erklärungsversuche der Psychoanalyse, klammerten.2 Als gemeinsamer roter Faden scheint ein opaker Konsens durch das Labyrinth all dieser theoretischen Ansichten zu führen: Film ist keine Sprache, die als allgemeingültiges System mit überschaubarem Zeichensatz oder einer Art bildlichem Alphabet von allen geschrieben und gelesen werden könnte. Aber er ist wie eine Sprache, und konnte daher auch, wie bei Luis Bunuel, zunächst einmal so bezeichnet werden: „Das Kino brachte eine so neue, so ungewohnte Erzählung mit sich, dass die überwiegende Mehrheit des Publikums Mühe hatte zu verstehen, was auf der Leinwand vorging (…) Damals entzifferte das Publikum nur mit Mühe die neue Sprache. Daher die Anwesenheit des Kinoerzählers. Ich vergesse nie den Schrecken, der mich, wie den ganzen Saal, bei der ersten Kamerafahrt nach vorne ergriff. Auf der Leinwand kam ein riesiger Kopf auf uns zu, wurde größer und größer, als wollte er uns verschlingen.“3 Mittlerweile sind wir meistens an riesige Köpfe auf Leinwänden gewöhnt. Wenn es uns auch nicht immer gleich gelingen mag, Filme zu erklären, verstehen wir sie letztendlich doch auf irgendeine Weise. Oder wie Christian Metz sagen würde: „Ein Film ist schwer zu erklären, weil er leicht zu verstehen ist.“4 Trotzdem sind unsere Sehgewohnheiten den Bildern nicht dermaßen überlegen, dass wir nicht ab und zu, und immer wieder aufs Neue, durch Leinwandgeschehen erschreckt oder anderweitig emotional berührt werden würden. Einige Regisseure verstanden und verstehen es in außergewöhnlicher Weise, durch neue Montagetechniken und –strukturen, die filmische Sprache fortwährend zu entfalten und in Hinblick auf bestimmte Absichten zu verfeinern. Als filmspezifischer Moment formt die Montage die kinematographische Sprache, und schafft erst nachträglich Bedeutungen, die beobachtet und beschrieben werden können.

Einer der einflussreichsten Spezialisten auf dem Gebiet innovativer Montagearbeiten war Sir Alfred Joseph Hitchcock. Seine Werke faszinieren bis heute und tragen zu einem ständigen, theoretischen Aufschlussbedürfnis und zu intensiven Decodierungsversuchen bei. Zielsetzung dieser Arbeit ist es, Hitchcocks filmspezifische Montagefertigkeiten am Beispiel eines Films etwas genauer zu skizzieren. Um zu einer eigenen Perspektive zu gelangen, die eventuell zu frischen Montageuntersuchungen anregen kann, werde ich einige Gedanken zusammenfügen, die in der Literatur Hitchcocks Duschmordszene in Psycho (1960) umschreiben. Einerseits möchte ich versuchen Hitchcocks Montage durch semiotische Begrifflichkeiten und theoretische Vergleiche zu ergründen. Einige geschichtliche Ausführungen sollen die Produktionsbedingungen in Hitchcocks Hollywood und deren Auswirkung auf die Montage beleuchten. Letztlich, nach einer Beschreibung der Duschmordmontage, habe ich einige filmische Echos geortet, die Psycho verarbeitet und aktualisiert haben.

2. Aus/schnitte

- Neuer Film sucht alte Codes. Chiffre: ‚Kultur’ “One of these days

I′m going to cut you into little pieces.” Pink Floyd

Von besonderer Wichtigkeit für die Filmtheorie ist der Franzose André Bazin. Bei ihm avancierte sie zum ersten Mal zu einer ausgereiften, intellektuellen Aktivität, die über Frankreich und die bedeutende Zeitschrift Cahiers du Cinéma hinaus Anerkennung gewinnen konnte. In seinem Text über Die Entwicklung der kinematographischen Sprache (1950 - 55) setzt sich Bazin mit der Frage auseinander, wie technischer Fortschritt im Film neue Ausdrucksformen hervorbringen kann. Zwischen seinen filmgeschichtlichen Erläuterungen und Beispielen geht es ihm in seiner Theorie um die Synthese formalistischer und realistischer Neigungen in Montage und Mise en Scène. Von der Geburtstunde des Films, über den Stumm- bis zum Ton- und Farbfilm, trennt er unter den Regisseuren zwischen zwei Richtungen. Nämlich die, „die an das Bild glauben und jene, die an die Realität glauben.“5

[...]


1 Truffaut, François: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München, Wilhelm Heyne Verlag, 2003, S. 184

2 Vgl. Monaco, James: Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der neuen Medien. Mit einer Einführung in Multimedia, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002, S. 445ff

3 Bunuel, Luis, zitiert in: Adachi, Nobuhiko: Verstehen – welcher Horror! Un chien andalou oder die Suche nach dem Unverständlichen, in: Fünkäs, Josef, u.a. (Hrsg.): Das Verstehen von Hören und Sehen, Bielefeld, Aisthesis Verlag, 1993, S. 129

4 Monaco, a.a.O., S. 160

5 Bazin, André: Die Entwicklung der kinematographischen Sprache, in: Albersmeier, Franz-Josef (Hrsg.): Texte zur Theorie des Films, Stuttgart, Reclam, 1995, S. 260

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

http://www.grin.com/e-book/27939/