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Spekulationischer Geist und zweifelhaftes Gemüt. Zur Beschreibung und Funktion der Melancholie in der 'Historia von D. Johann Fausten'

Essay, 2002, 16 Seiten
Autor: Hadwig-Maria Kuhn
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Details

Kategorie: Essay
Jahr: 2002
Seiten: 16
Note: 1,7
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V28120
ISBN (E-Book): 978-3-638-29996-1

Dateigröße: 192 KB


Textauszug (computergeneriert)

Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Ältere deutsche Literatur
HS Teufelsbündnererzählungen, Wissenschaftliches Essay
11. Semester

Spekulationischer Geist und zweifelhaftes Gemüt.
Zur Beschreibung und Funktion der Melancholie
in der ′Historia von D. Johann Fausten′

von: Hadwig-Maria Kuhn

 


Anmerkungen zur Form der Arbeit:

Als Textgrundlage benutze ich die im Literaturverzeichnis angegebene, von Stephan Füssel und Hans Joachim Kreutzer herausgegebene kritische Ausgabe der ′Historia′. Aus Gründen der Übersichtlichkeit und des Leseflusses gebe ich Textstellen aus der ′Historia′, sofern ich mich nicht auf ganze Kapitel beziehe, nur mit Seiten- und Zeilenzahl im laufenden Text an. Mein Schreibprogramm unterstützt den frühneuhochdeutschen Druck-Zeichensatz nicht, so dass ich darauf ausweichen musste, Diphtonge, die in der Vorlage übereinander angeordnet sind, nebeneinander wiederzugeben. Ich stütze mich im Wesentlichen auf die Forschungsberichte von Jan-Dirk Müller "Curiositas und ′erfarung′ der Welt im frühen deutschen Prosaroman", Maria E. Müller "Der andere Faust. Melancholie und Individualität in der Historia von D. Johann Fausten" und Kirsten Molly Søholm "Historia von Dr. Johann Fausten. Ein Beispiel barocker Melancholie". Zitate aus diesen Aufsätzen werden im laufenden Text in der Form Name (ggf. Vornamenkürzel) und Seitenzahl angegeben. Die Literaturangaben aller weiteren verwendeten Schriften habe ich in Fußnoten gesetzt.

Einleitung

Seit der italienischen Renaissance wurde Melancholie oft mit Genialität in Verbindung gebracht. Für bestimmte Berufsgruppen galt sie als ein Markenzeichen, welches für schöpferischen Geist und Kreativität stand. "Die Selbststilisierung als melancholisches Saturnkind gehört[e] in der Künstler-, Dichter- und Gelehrtenwelt zum guten Ton" (M. Müller, 592). Melancholie erst schien der Motor zu sein, der beim Genie Kreativität freisetzen konnte. In der Literaturwissenschaft war es lange Zeit Konsens, dass es dem Faust des Volksbuchs an dieser Genialität mangelte. Dies war auch einer der Hauptgründe, weshalb die ′Historia′ in Forscherkreisen als nicht besonders ′gut′ galt. "Man vermißte am Faust des Volksbuches das Zeichen jener tragischen Größe, die spätere Generationen in ihm verkörpert sahen, man verübelte es dem Autor, daß er aus kleinlichen religiösen Gründen, wie man meinte, Fausts Paktmotive, den Wissensdrang und Forscherehrgeiz, so einseitig negativ beurteilte, und machte ihm also zum Vorwurf, daß seine Auffassung und Gestaltung des Faustthemas in keiner Weise dem entspricht, was wir heute an Vorstellungen, Ideen und Problemen mit diesem Thema zu verknüpfen gewohnt sind" (Könnecker, 161). Welches sind aber die spezifischen Merkmale eines genialen Menschen? Genies fühlen sich meistens auf Grund ihrer außergewöhnlichen Begabung von ihrer Umwelt unverstanden. Sie leiden unter starken Gefühlsschwankungen. Seit der Romantik, besonders seit Schopenhauer heißt es, dass Genialität und Wahnsinn oft nahe beieinander liegen. Oft wird ihnen Einzelgängertum und – damit verknüpft - der Hang zu Alkohol und Drogen nachgesagt. Beleuchet man in diesem Zusammenhang den Lebensstil Fausts, zeigen sich deutliche Parallelen:

Zum einen charakterisiert Fausts Leben das "Motiv der sozialen Bindungslosigkeit" (M. Müller, 592): Als eines Bauwern Sohn geboren, wird er zur Erziehung einem reichen Vetter übergeben und siedelt ins städtische Milieu nach Wittenberg um – an den Ort, an dem auch der geniale Melancholiker Hamlet seine Studienzeit verbrachte. Fausts gelerniger und geschwinder Kopff, die Leichtigkeit, mit der er sein Theologie-Studium bewältigt und als Bester abschließt (Vgl. 14, 13-19), scheinen diese Maßnahme des ′Verpflanzens′ zu rechtfertigen. Dennoch wirkt Faust entwurzelt, weil er nirgendwo wirklich hingehört. Er passt auf der einen Seite als sozialer Aussteiger nicht mehr zum Bauernstand. Auf der anderen Seite kann er sich im städtischen Milieu wegen seiner Herkunft als Bauernsohn nicht richtig etablieren. Dieser Umstand hat Auswirkungen auf sein soziales und berufliches Leben. Er kann sich auf nichts festlegen. Nichts kann seine Aufmerksamkeit lange fesseln. Aus diesem Grund bricht er nach dem Studium seine geistliche Laufbahn ab und schließt sich in der Folge den verschiedensten Berufsgruppen an; er wird Arzt, Astrologe und Mathematiker. Doch auch in einem wissenschaftlichen Umfeld kommt er nicht zur Ruhe. (14,22 - 15,6). Diese soziale Unverbindlichkeit isoliert ihn von der christlichen Gemeinde. Er lässt sich mit zwielichtigen Gestalten (14,22) und zu guter Letzt auch noch mit dem Teufel selbst ein. Fausts Bindungslosigkeit wird durch den daraus resultierenden Pakt endgültig besiegelt. Denn Mephostophiles besteht ganz besonders auf der Einhaltung von Paktbedingung Nummer drei, Faust müsse sich von allen Christenmenschen fernhalten (20, 31-36).

[...]


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