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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 20 Pages
Author: Jessica Heyser
Subject: Philosophy - Philosophy of the Present
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Philosophie)
Tags: Konzeption, Identität, Carol, Rovane, Anwendung, Phänomen, Multiplen, Persönlichkeit, Hauptseminar, Selbstbewußtsein, Ich-Identität
Year: 2000
Pages: 20
Grade: 1,7
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-30087-2
ISBN (Book): 978-3-638-84263-1
File size: 212 KB
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Abstract
In den letzten Jahren ist es zu einem besorgniserregenden Anstieg von PatientInnen gekommen, bei denen die Multiple Persönlichkeitsstörung („Multiple Personality Disorder“, MPD), diagnostiziert wurde. In den USA wurden bereits ca.100.000 Fälle registriert. Dabei handelt es sich zu 90% um Frauen. – Wie ist dieser gewaltige Anstieg zu erklären? Handelt es sich möglicherweise um eine Modekrankheit? Die Ursache für diese Krankheit wird heute damit erklärt, dass frühkindliche traumatische Erlebnisse, zumeist inzestuöse Übergriffe, zu Dissoziationen führen. Damit wurde eine neue Erklärung für diese Krankheit gefunden, die schon seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert ist. Es wird angenommen, dass ein sich in einer ausweglosen Situation befindende Mensch sognannte Alter-Egos („Alters“, Alter-Persönlichkeiten) hervorbringt, die das ihre Entstehung auslösende Geschehen vergessen bzw. verdrängt haben. Es werden verschiedene, völlig getrennte Persönlichkeiten entwickelt, die sich von einer normalen Person meist nur dadurch unterscheiden, dass ihnen weniger Zeit zur Verfügung steht, da sie sich ja mit anderen einen Körper teilen müssen. Eine Therapie wird aufgrund von den Schwierigkeiten, welche sich im Alltag stellen, besonders wenn Amnesie auftritt, notwendig. Meist begibt sich die (wie der Therapeut sie bezeichnet) „Wirtspersönlichkeit“ in die Therapie und lernt in der Regel erst während dieser die anderen Alter-Persönlichkeiten kennen. Rovane entfaltet ihren Ansatz zunächst, ohne auf die Multiple Dissoziationsstörung einzugehen. Jedoch scheint die Übertragung als ein Argument für ihren Personenbegriff zu fungie-ren, indem sie auf der Grundlage eines empirischen Phänomens ihre Definition vom rationalen Standpunkt untermauert. Dazu schließen sich für mich folgende kritische Frage an: Kann man von einem pathologischen Phänomen wie der Multiplen Dissoziationsstörung überhaupt auf normale Menschen schließen? Oder ist die Übertragung auf MPD hier weniger Argument als Illustration oder Herleitung? Dem fügt sich an, ob Rovanes Personenbestimmung möglicherweise schon im Hinblick auf MPD konzipiert wurde.
Excerpt (computer-generated)
Humboldt-Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät I
Hauptseminar: Selbstbewußtsein und Ich-Identität
Die Konzeption von personaler Identität nach Carol Rovane
und ihre Anwendung auf das Phänomen der Multiplen Persönlichkeit
von: Jessica Heyser
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S. 2
2. Ausgangspunkt bei John Locke S. 3
3. Der rationale Standpunkt S. 5
4. Erfordert der rationale Standpunkt ein einheitliches Bewußtsein? S. 7
5. Gruppen-Personen S. 8
6. Übertragung auf die Multiple Persönlichkeitsstörung S. 9
7. MitbewußtseinS. 10
8. Analogie zu Gruppen-Personen S. 14
9. Die „Lehrer-Philosoph-Musiker-Persönlichkeit“ S. 15
10. „Wie würde sich Locke entscheiden?“ S. 16
11. Schluß S. 18
Literaturverzeichnis S. 19
1. Einleitung
In den letzten Jahren ist es zu einem besorgniserregenden Anstieg von PatientInnen gekommen, bei denen die Multiple Persönlichkeitsstörung („Multiple Personality Disorder“, MPD), diagnostiziert wurde. In den USA wurden bereits ca.100.000 Fälle registriert. Dabei handelt es sich zu 90% um Frauen. – Wie ist dieser gewaltige Anstieg zu erklären? Handelt es sich möglicherweise um eine Modekrankheit? Die Ursache für diese Krankheit wird heute damit erklärt, dass frühkindliche traumatische Erlebnisse, zumeist inzestuöse Übergriffe, zu Dissoziationen führen. Damit wurde eine neue Erklärung für diese Krankheit gefunden, die schon seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert ist. Es wird angenommen, dass ein sich in einer ausweglosen Situation befindende Mensch sogenannte Alter-Egos („Alters“, Alter-Persönlichkeiten) hervorbringt, die das ihre Entstehung auslösende Geschehen vergessen bzw. verdrängt haben. Es werden verschiedene, völlig getrennte Persönlichkeiten entwickelt, die sich von einer normalen Person meist nur dadurch unterscheiden, dass ihnen weniger Zeit zur Verfügung steht, da sie sich ja mit anderen einen Körper teilen müssen. Eine Therapie wird aufgrund von den Schwierigkeiten, welche sich im Alltag stellen, besonders wenn Amnesie auftritt, notwendig. Meist begibt sich die (wie der Therapeut sie bezeichnet) „Wirtspersönlichkeit“ in die Therapie und lernt in der Regel erst während dieser die anderen Alter-Persönlichkeiten kennen. 1 „Der Therapeut sucht im Reigen der während der Behandlung erscheinenden Alter- Persönlichkeiten – das können zwischen drei und hundert sein – nach Helferpersönlichkeiten („internal self helper“), die meist im Gegensatz zu den anderen Alter-Persönlichkeiten ein Bewußtsein („co-consciousness“) von den anderen Persönlichkeiten haben, um mit deren Hilfe zur Erinnerung, Anerkennung und kathartischen Durchlebung des Ursprungstraumas zu finden und die disparaten Persönlichkeiten am Ende wieder zu einer einzigen Persönlichkeit zu verschmelzen, womit das Therapieziel erreicht wäre.“2
In meiner Hausarbeit werde ich mich zunächst der Frage widmen, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit man von einer Person sprechen kann. Dieser Diskussion wird der Ansatz Carol Rovanes zugrunde liegen. Sie übernimmt von Locke die Bestimmung, dass sich eine Person als sie selbst wahrnehmen, also ein Selbstbewußtsein haben muß. Grundlage aller Wahrnehmung aber ist für Locke das einheitliche Bewußtsein, welches für Rovane ausdrücklich keine Rolle spielt. Ausgehen von diesen beiden Ansätzen werde ich versuchen, den Unterschied zwischen Bewußtsein und Selbstbewußtsein herauszuarbeiten. Als notwendiges Kriterium, um von einer Person ausgehen zu können, führt Rovane den rationalen Standpunkt ein. Zunächst werde ich versuchen, diesen Ansatz nachzuvollziehen, bevor ich ihn kritisch hinterfrage: Reicht diese Definition aus? Kann der rationale Standpunkt isoliert betrachtet werden? Diesen Aspekten werde ich mit Hilfe des Textes „Rationalität und Selbstbewußtsein“ von Sydney Shoemaker nachgehen. Im zweiten Teil ihres Buches „The bounds of agency“ wendet Rovane ihren Personenbegriff auf das Phänomen der Multiplen Dissoziationsstörung an. Hier ist die Fragestellung, ob man bei einer multiplen Persönlichkeit selbständige Personen in einem Menschen annehmen kann. Diesbezüglich werde ich zunächst die Beziehung unter den Alter-Persönlichkeiten, ihre mögliche Kooperation und ihr Bewußtsein von den Zuständen anderer Alters thematisieren. Dafür werde ich einen Text von Jennifer Radden hinzuziehen, in dem sie diese Punkte bearbeitet, und ihre Thesen mit denen Rovanes vergleichen. Zum Ende meiner Hausarbeit erlaube ich mir das Gedankenspiel, ob nach Lockes Konzeption die Alter-Persönlichkeiten als vollwertige Personen betrachtet werden können. Rovane entfaltet ihren Ansatz zunächst, ohne auf die Multiple Dissoziationsstörung einzugehen. Jedoch scheint die Übertragung als ein Argument für ihren Personenbegriff zu fungieren, indem sie auf der Grundlage eines empirischen Phänomens ihre Definition vom rationalen Standpunkt untermauert. Dazu schließen sich für mich folgende kritische Frage an: Kann man von einem pathologischen Phänomen wie der Multiplen Dissoziationsstörung überhaupt auf normale Menschen schließen? Oder ist die Übertragung auf MPD hier weniger Argument als Illustration oder Herleitung? Dem fügt sich an, ob Rovanes Personenbestimmung möglicherweise schon im Hinblick auf MPD konzipiert wurde.
2. Ausgangspunkt bei John Locke
Carol Rovane nimmt in ihrem Buch "The bounds of agency" Lockes Bestimmung des Begriffs der Person zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchung: „Nachdem wir dies [die Erörterung der Identität bei Masseteilchen, Pflanzen und Tieren] vorausgeschickt haben, müssen wir, um festzustellen, worin die Identität der Person besteht, zunächst untersuchen, was Person bedeutet. Meiner Meinung nach bezeichnet dieses Wort ein denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt und sich selbst als sich selbst betrachten kann. Das heißt, es erfaßt sich als dasselbe Ding, das zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten denkt. Das geschieht lediglich durch das Bewußtsein, das vom Denken untrennbar ist und, wie mir scheint, zu dessen Wesen gehört. Denn unmöglich kann jemand wahrnehmen, ohne wahrzunehmen, daß er es tut. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, überlegen oder wollen, so wissen wir, dass wir das tun. Dies gilt jederzeit hinsichtlich unserer gegenwärtigen Situationen und Wahrnehmungen; jeder wird dadurch für sich selbst zu dem, was er sein eigenes Ich nennt.“3 Locke beschreibt den Menschen als ein Subjekt, das insofern es mit sich identisch ist, als eine Person zu betrachten ist. Das identitätsstiftende Moment ist für ihn das Bewußtsein, damit verknüpft das Bewußtsein über die eigene n Handlungen und die Verantwortlichkeit für diese. Eine Person ist also nach Locke jeder Mensch, der seine Handlungen als die seinigen auffassen kann. Er betont damit sowohl den Erfahrungs- als auch den Handlungsaspekt für seine Definition von Person.
[...]
1 Vgl. Christina von Braun, Gabriele Dietze (Hg.): Multiple Persönlichkeit. Krankheit, Medium oder Metapher?, Frankfurt/ Main, 1999, Vorwort.
2 Braun, Dietze: Multiple Persönlichkeit, Vorwort, S. 7.
3 John Locke: Über den menschlichen Verstand. In vier Büchern. Bd. 2, Hamburg, 1988, Kap. 27, S. 419f.
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