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Termpaper, 2003, 33 Pages
Author: Marco Böhmer
Subject: Politics - International Politics - Topic: Globalisation, Political Economics
Details
Institution/College: University Witten/Herdecke (Lehrtstuhl für gesamtwirtschaftliche Entwicklung)
Tags: Braucht, Europa, Verfassung, Verfassungscheck, Europäische, Union, Genese, Perspektiven
Year: 2003
Pages: 33
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-30136-7
File size: 229 KB
Es wird die Frage ausführlich angegangen, ob die EU eine Verfassung benötigt. Dabei wird die aktuelle Literatur zum Thema sorgfältig herangezogen und ausgewertet.
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Excerpt (computer-generated)
Braucht Europa eine Verfassung - ein Verfassungscheck
von: Marco Böhmer
7. Semester
Inhaltsverzeichnis
1. Fragestellung 3
2. Zur Historie der Verfassungsdiskussion 5
3. Definition und Inhalt des Verfassungsbegriffes 9
4. Hat Europa bereits eine Verfassung bzw. hat das primäre Gemeinschaftsrecht der EU Verfassungscharakter? 12
5. Argumente für eine Verfassung 17
6. Argumente gegen eine Verfassung 23
7. Abschließende Betrachtung 25
8. Quellen- und Literaturverzeichnis 28
9. Anhang 32
1. Fragestellung
Die Einberufung eines Konvents zur Zukunft Europas am 15. Dezember 2001 durch die Konferenz von Laeken bedeutet eine besondere Herausforderung für die Bürger Europas, ihre Parlamente und Regierungen. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union stellen erneut die Frage „einer Verfassung für die europäischen Bürger“. Die Antwort wird im Rahmen der europäischen Zukunftsdebatte in die Hand des „Konvents zur Zukunft Europas“ gelegt. Der Konvent hat die Verfassungsdebatte zu führen. Dieser nahm seine Arbeit am 28. Januar 2002 auf und nach einer umfassenden Verfassungsdebatte soll im Sommer diesen Jahres ein Verfassungsentwurf den Regierungschefs vorgelegt werden. Im Sommer 2004 wird es zu einer Regierungskonferenz kommen, die die Ergebnisse des Konvents in die Verträge einarbeiten soll. Bemerkenswert an der Forderung nach einer Verfassung für die Europäische Union ist die Tatsache, dass die Verfassungsdebatte bisher in bzw. als Reaktion auf Krisensituationen der Union geführt wurde. An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob die Europäische Union derzeit in einer Krise steckt oder ob die gegenwärtige Verfassungsdebatte andere Ursachen hat ?
Die momentanen Hauptprobleme der Europäischen Union sind zweifelsohne das Missverhältnis zwischen der enormen ökonomischen Verflechtung der Mitgliedsstaaten und der losen politischen Verflechtung. Zum anderen gilt das Demokratiedefizit der Entscheidungsprozesse auf europäischer Ebene als ernstzunehmendes Problem, da die vielfach diskutierte Kompetenzverlagerung zugunsten der Union bei gleichbleibenden Entscheidungsstrukturen das Demokratiedefizit verschärfen könnte. Im den folgenden Abschnitten möchte ich zunächst auf die Vorgeschichte der Verfassungsdebatte innerhalb der Europäischen Union eingehen, um ein Verständnis für die historische Dimension zu vermitteln.
Weiterhin gilt es zu klären, ob die Unionsbürger in Form der Gemeinschaftsverträge bereits implizit eine Verfassung haben - die Forderung nach einer solchen wäre damit überflüssig. Dafür scheint es zunächst notwendig den Verfassungsbegriff hinreichend zu definieren. In einem letzten Schritt gilt es die Argumente pro bzw. contra einer europäischen Verfassung die in der Verfassungsdebatte angebracht werden aufzuzeigen und gegeneinander abzuwägen, um die Chancen, den Sinn und die Voraussetzungen einer möglichen europäischen Verfassung abschließend zu diskutieren .
2. Zur Historie der Verfassungsdiskussion
Der Europäischen Union eine Verfassung zu geben hat eine lange Tradition und diese streift einige berühmte Namen wie Abbé de Saint Pierre oder Immanuel Kant, einige Widerstandsvereinigungen während des zweiten Weltkrieges1 und Winston Churchill, der seine Vision der „Vereinigten Staaten von Europa“ in Zürich 1946 vorlegte2. Es folgten eine Reihe von Initiativen und Impulsen in den folgenden vier Jahrzehnten, um der Europäischen Union eine Verfassung zu verleihen. Der Entwurf der „Europäischen Politischen Gemeinschaft“ (1953) markierte in diesem Zusammenhang den Beginn der Verfassungsdiskussion auf supranationaler Ebene zwischen den EU-Staaten. Es sollten noch einige Berichte, Pläne und Entwürfe folgen (Fouchet-Plan, 1961; Davignon- Bericht, 1970; Tindemans-Bericht, 1976; Spinelli-Entwurf, 1984; Maastrichter Vertrag, 1992; Hermann-Bericht, 1994).
Die nächste Etappe in der Reihe der Verfassungsdebatten markierte dann zu Beginn der deutschen Ratpräsidentschaft der Europäischen Union die von Bundesaußenminister Joschka Fischer gehaltene Rede vor dem Europäischen Parlament, dass eine Diskussion über eine europäische Verfassung zustande kommen möge. Diese möglichst breit angelegte Diskussion sollte „Klarheit und Orientierung“ über „wichtige Zielfragen“ schaffen und so „neue Impulse für die politische Integration bringen“3. Ein gesamteuropäischer Verfassungsdiskurs entwickelte sich und erhielt durch die Humboldt- Rede von Joschka Fischer als Privatmann vor der Berliner Humboldt-Universität4 und der Diskussion um die „EU-Grundrechtscharta“ zusätzliche Dynamik. Die Rede Fischers fand innerhalb Deutschlands breite Zustimmung5, die französische Seite reagierte zunächst zwiespältig6. Die Diskussion einer möglichen europäischen Verfassung wurde aber von mehreren Staatspräsidenten gleichermaßen aufgegriffen. In den Reden der Staatspräsidenten Ciampi7 in Leipzig und Chirac8 in Berlin, Lipponen9 in Brügge und Ministerpräsident Verhofstadt10 in Brüssel wird deutlich, dass die Verfassungsdebatte aktueller denn je ist. Dennoch ist der Verfassungsgedanke für die angelsächsische Tradition weniger bedeutsam als sie für Kontinentaleuropa ist. Die „unwritten constituiton“ ist in Großbritannien nach wie vor Leitbild. Tony Blair11 beteiligte sich nichtsdestoweniger an der Debatte, auch wenn Blair einen konsolidierten Text ablehnt. Die Konferenz von Nizza (Dezember 2000) markierte hinsichtlich der Ergebnisse eine Ernüchterung für die zuvor so visionär geführte Diskussion über mögliche Form, Inhalt und Ausgestaltung einer europäischen Verfassung. Die Verfassungsfrage wurde bewusst ausgeklammert und nicht explizit behandelt. Für die weitere Verfassungsdebatte traf der Europäische Rat jedoch eine ausschlaggebende Entscheidung. Auf das Betreiben von Deutschland und Italien hin, wurden in der „Erklärung zur Zukunft der Union“ konkrete Angaben über Inhalt und Ablauf des „Post-Nizza- Prozesses“ gemacht. Der Erklärung zufolge sollten die EU-Mitgliedsstaaten eine breiter angelegte und eingehendere Diskussion über die Zukunft Europas anregen. Die wesentlichen Fragen, die bei diesem Post-Nizza-Prozess behandelt werden sollen, stellen nunmehr keine sog. „left overs“ der vergangenen Regierungskonferenz dar (in Analogie zu Nizza, das die „left overs“ des Vertrags von Amsterdam zu klären hatte), sondern sind Fragen, die zu einer Konstitutionalisierungsdebatte der Union führen.
[...]
1 Schneider, H.: Gesamteuropäische Herausforderungen an eine Europäische Union, 1991, S.125.
2 Weidenfeld, W.: Die Reformbilanz der Europäischen Gemeinschaft: Bundesrepublik Europa als Perspektive?, 1986, S.28, und Hertel, W.: Supranationalität als Verfassungsprinzip. Normativität und Legitimation als Elemente des Europäischen Verfassungsrechts, Diss. Univ. Tübingen, 1998, S.21.
3 Rede vom 12. Januar 1999 vor dem EP in Straßburg, http://www.uni-koeln.de/wiso-fak/powi/wessels/veran/WS0102/HSnizza/links.htm
4 Fischer, J.: Vom Staatenbund zur Föderation – Gedanken über die Finalität der europäischen Integration. Rede am 12. Mai 2000 in der Humboldt-Universität in Berlin, http://www.auswaertiges-amt.de/4_europa/index.htm
5 Frankfurter Rundschau, 13. 5. 2000: „Mit der Schwerkraft zum Ziel“ und FAZ, 13.5.2000 „Fischer greift nach dem europäischen Rettungsring“.
6 Die französische „Zurückhaltung“ in Fragen der Europapolitik hat auch innenpolitische Gründe.
7 Ciampi, C.A., Rede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig, Juli 2000, http://www.dgap.org/IP/ip0008/ciampi060700.html
8 Chirac, J., Mit Deutschland und Frankreich eine Avantgarde bilden. Die Europa Rede des französischen Staatspräsidenten vor dem Deutschen Bundestag in Berlin, FAZ Nr. 147, S.10-12
Das knappe Maastricht - Referendum hat nicht nur die Parteien in europafreundliche und skeptische Flügel gespalten, sondern auch zu einer Unsicherheit in der Europapolitik überhaupt geführt: Die „Mobilisierung der Menschen für Europa“ werde seit Maastricht als „Störung der nationalen Demokratie empfunden“, weil sie zu „nationalen Spaltungen der Interessen“ führe. Siehe dazu: Arnaud, Jean-Louis: Die Franzosen und Europa: „Der Stand der Debatte in Frankreich bei Eröffnung der französischen Ratspräsidentschaft“. Studien und Forschung Nr. 10, Notre Europe, Groupement d’Études et de Recherches, Paris, Juli 2000, S. 3.
9 Lipponen, P., Rede vom 10. November 2000 in Brügge, http://www.zeit.de/2000/50/Politik/200050_nach_nizza.html
10 Verhofstadt, G., Rede vom 21. September 2000, http://www.uni-koeln.de/wiso- fak/powi/wessels/veran/WS0102/HSnizza/links.htm
11 Blair, T., Rede vom 6. Oktober 2000 vor der Warschauer Börse, http://www.uni- koeln.de/wiso-fak/powi/wessels/veran/WS0102/HSnizza/links.htm
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