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Re|Vokation. Von der Autorschaft in den Neuen Medien

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 35 Pages
Author: Maik Philipp
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 35
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V28491
ISBN (E-book): 978-3-638-30252-4

File size: 1363 KB
Notes :
In den Neuen Medien stellt sich die Frage nach der Autorschaft neu. Trug der Poststrukturalismus den Autor als omnipotente Gestalt, deren Biografie sich im Werk spiegelt, zu Grabe, so ist der Autor nun stärker als zuvor präsent in den digital codierten Werken. Diese Hausarbeit stellt den aktuellen Stand der deutschen Forschung dar und beleuchtet zudem die Rolle des Lesers, ohne die das neue Konzept von Autorschaft nicht zu denken ist. Umfangreiches Literaturverzeichnis!



Excerpt (computer-generated)

Universität Lüneburg
Veranstaltung: Tod des Autors/Rückkehr des Autors?
Fach: Sprache und Kommunikation, B 3
Fachsemester: 6

Re|Vokation. Von der Autorschaft in den Neuen Medien

von: Maik Philipp

 


Inhalt

Enter Hypertext 1

1 | Neue Medien, Hypertext und digitale Literatur  2

1.1 | Non-sequential writing – das Konzept Hypertext 3
1.2 | 0/1: Digitale Literatur, eine Annäherung  6

2 | Wer schreibt? Autorschaft in den Neuen Medien 9

2.1 | Wen kümmert’s, wer schreibt? Die Postmoderne als Totengräber 10
2.2 | Hypertext und Postmoderne = Praxis zur Theorie?  11
2.3 | Autor³ – autoritärer denn je zuvor?  15

3 | Wen kümmert’s, wer liest? Die Rolle des Lesers  21

4 | Nachlese 25

Literatur 29


 

Enter Hypertext

Die Zeit der Euphorie ist vergangen. Zumindest wenn man den Spiegel-Autoren Anne PETERSEN und Johannes SALTZWEDEL Glauben schenkt, die in ihrem Beitrag „Absturz der Netzpoeten“ ein Scherbengericht abhalten über die „schwindsüchtige[] Szene“ der Autoren (PETERSEN, SALTZWEDEL (2002), S. 178), die in den digitalen Medien, allen voran: dem World Wide Web, publizieren. Im WWW, heißt es, sähen viele nur eine „Probebühne für Unfertiges … Literarische Wert arbeit hingegen, so die stillschweigende Überzeugung, sollte man auch getrost nach Hause tragen und ins Regal stellen können.“ Dieser Attitüde folgend attestiert das Spiegel- Duo denn auch Mitschreibprojekten eine rührende „Hobby-Mentalität“ und „heitere[] Bedeutungslosigkeit“. Vernichtend ist die Einschätzung, ein digital publizierender Autor könne „heute nur noch Artist ohne Geldsorgen, verzweifelt armer Poet oder williger Schreibnovize sein“; ernst zu nehmende Poeten hingegen seien dem Buch verhaftet (ebd., S. 180).1

Dabei gab es keine Dekade zuvor durchaus eine veritable deutsche Szene interessierter Leser und Netz- Literaten, stimuliert durch die Ausbreitung des WWW und quasi als Nebenwirkung des „Internet-Literatur- Wettbewerbs“, den ZEIT, IBM, Radio Bremen und weitere Sponsoren ausgelobt hatten. Doch bereits nach drei Jahren war Schluss: Nach einer Umbenennung in „Pegasus“ wurde der Wettbewerb 1998 eingestellt (vgl. SUTER (2000c)). Überraschend kam dies nicht, hieß es doch in der der Zeitung, die den Wettbewerb mit aus gelobt hat: „Lesen im Internet ist wie Musikhören übers Telephon. … Literatur im Netz ist eine Totgeburt. Sie scheitert schon als Idee, weil ihr Widersinn womöglich nur noch von Hörspielen aus dem Handy übertroffen wird“ (BENNE (1998)). SIMANOWSKI (1999) hält entgegen, BENNES polemischer Kommentar beeindrucke durch „bös willige Ignoranz“, denn wer einen Vergleich wie den BENNES anstelle, gehe auch davon aus, dass „man ‚Krieg und Frieden‘ am Computerbildschirm liest“. Texte lediglich zu digitalisieren, sei ohnehin nicht Anliegen der digitalen Literatur, sondern das Produzieren nicht-druckbarer. Die wahren „Probleme digitaler Literatur sind anderer Art“, meint SIMANOWSKI: „Sie lauten Desorientierung, Ermüdung und Betrug ums Happy End“ (a. a. O.).Offenbar sind diese Probleme nicht gelöst worden, wenn drei Jahre später zu lesen ist: „Der Hyper-Hype ist vorbei“ (PETERSEN, SALTZWEDEL (2002), S. 178). Ist digitale Literatur also tot? Es gibt andere Perspektiven. Zum Beispiel die Dirk SCHRÖDERS,2 eines Pioniers der Netzliteratur, der deutliche Worte findet für Beiträge wie die in ZEIT und Spiegel veröffentlichten bzw. die Attitüde dahinter: „Die digitale Literatur … erscheint der zeitgenössischen Philologie als Marginalie – um nicht zu sagen als Quatsch“ (SCHRÖDER (1999), S. 43). Ganz ohne Komplikationen und Widerworte lässt sich die vom Buch losgelöste, auf Bits und Bytes basierende Literatur nicht marginalisieren. Das trifft ebenfalls auf den Autor zu, dessen Position der Poststrukturalismus, und hier sind besonders Roland BARTHES und Michel FOUCAULT zu nennen, angegriffen hat. Stirbt der Autor im Hypertext? Geht er darin verloren? Oder erstarkt er? Was fordert das Schreiben in den Neuen Medien den Autoren und Lesern ab? Es sind diese und andere Fragen, denen diese Hausarbeit nachgehen will. Dazu wird es zunächst notwendig sein, Begriffe zu bestimmen, wobei dem Terminus „Hypertext“ als Ausgangspunkt für ein geändertes Textverständnis besonderes Gewicht zufällt, um sodann auf digitale Literatur einzugehen. Das neue Verständnis von Literatur geht einher mit einer Neuverortung des Autors. Die teils oppositionellen Ansichten und die Transformationen des Autors stellt das zweite Kapitel dar. Im Anschluss ist danach zu fragen, welche Folgen digitale Literatur für den Leser hat. Schließlich gilt es zu fragen, warum der Erfolg der digitalen Literatur weiterhin auf sich warten lässt.

1 | Neue Medien, Hypertext und digitale Literatur

Es scheint angebracht, zunächst grundlegende Begriffe zu definieren, da die Änderungen hinsichtlich Literatur und Autorschaft vor allem struktural bedingte sind. Das beginnt bereits beim neuen, das heißt digitalem Trägermedium, anhand dessen, so Andrea NEMEDI (2004), der Literaturwissenschaft zwangsläufig deutlich werden musste, „dass Medien nicht als neutrale Träger oder Überträger, sondern als konstitutive Faktoren von Literatur angesehen werden sollten.“3 Christiane HEIBACH schreibt in diesem Zusammenhang über jene Dependenz am Beispiel des Internets: „Ich bin mir sicher, dass das Internet seine eigenen ästhetischen Formen entwickeln wird, die sich aber von denen des Buches unterscheiden werden – wie auch das Buch spezifische literarische Genres hervorgebracht hat (insbesondere den Roman), die sich von der oralen Literatur des Mittelalters unterscheiden“ (zit. nach BASTING (2003)).

Zurück zu den Definitionen. Mit dem Ausdruck „Neue Medien“ sind den Worten SIMANOWSKIS nach „die auf dem Prinzip des digitalen Codes basierenden Speicher- und Übertragungstechnologien Computer, Diskette, CD-ROM, DVD und Internet gemeint“ (SIMANOWSKI (2002), S. 9). Digitalen Medien ist gemein, dass sie des Monitors als Repräsentationsform bedürfen (vgl. WINKO (1999), S. 511). In ihnen liegen die Informationen binär codiert vor; sie sind in Bits gespeichert, also als Anweisungen für „Strom“ und „kein Strom“. Das Besondere der Digitalität der Daten besteht darin, „jegliches akustische, poetische, sprachliche und rechnerisch-arithmetische Element in eine binäre 0/1-‚Sprache‘ übersetzen (‚codieren‘) zu können“. Daraus ergeben sich zwei Gestaltungsmöglichkeiten. Zum einen die der der Multimedialität, also der Kombination verschiedener Medien in einem Werk: „Dieses 0/1-‚Alphabet‘ als letzter gemeinsamer Nenner aller modernen Medienphänomene ist die Basis der totalen Konvertierbarkeit sämtlicher denkbaren Daten und der sich heute abzeichnenden ‚Konver- genz‘ der Medien“.4 Zum anderen lassen sich dadurch Inhalte anders, nämlich nicht-linear strukturieren, womit auf den Begriff Hypertext abgehoben ist.

1.1 | Non-sequential writing – das Konzept Hypertext

Als „konzeptueller Prototyp heutiger vernetzter und hypertextueller Environments“ (IDENSEN (2001b) S. 91) gilt der vom amerikanischen Ingenieur Vannevar BUSH ersonnene „Memory Extender“, kurz MEMEX, dessen Funktionsweise er im 1945 erschienenen Artikel „As we may think“ beschrieb. MEMEX ist nie über das Stadium der Idee gekommen, Bahn brechend war der entworfene „analoge Desktop“ (IDENSEN (1999), S. 71), der Informationen und deren Verknüpfungen speichern sollte, allemal. Und ist es bis heute. Der Grund ist der so genannte „Assoziationsmechanismus“, dessen Vorteil BUSH zufolge darin liegt, der Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu entsprechen. Informationen werden im MEMEX nicht über „unnatürliche“ Katalog- und Indizierungssysteme wie in Bibliotheken abgelegt, sondern durch nahe liegende Bezüge miteinander verknüpft. 5 Hier klingt zwar bereits die Idee des Hypertextes an, nämlich die assoziative Verknüpfung, der Begriff „Hypertext“ fällt aber erst Jahre später. Der Informatiker Ted NELSON, ein Schüler BUSHS, führt den Terminus technicus 1965 auf einer Tagung ein (vgl. PFEFFERKORN (2000)), allerdings nicht als reinen Text-Begriff, sondern als „ein grundsätzliches mentales Konzept: dem nicht-lineraren assoziativen Schreiben und Verbinden von Textelementen, das nicht notwendigerweise an den Computer gebunden ist“ (HEIBACH (2003), S. 48). Folgt man dieser Definition, so hat es bereits zahlreiche Hypertexte gegeben. HEIBACH (vgl. a. a. O.) führt diverse Beispiele an: den Talmud, randkommentierte Codizes, Samuel JOHNSONS „Tristam Shandy“. Mit SIMANOWSKI (2002a) ist diese Liste zu ergänzen. Etwa um den Roman „Rayuela“ (1963) von Julio CORTÁZAR, in dem über Hinweise auf alternative Seitenanschlüsse unterschiedliche Wege durch den Textkorpus gangbar sind. Oder um Marc SAPORTAS „Kartenspiel-Roman“ „Composition No. 1“ aus dem Jahr 1961. Der Roman besteht aus 150 unpaginierten losen Blättern, die ihn arbiträrer Reihenfolge gelesen werden können. Auf narrative Strukturen und Konsistenz verzichtet der „Lotterie-Roman“ „Deus ex Skatola“ aus der Feder Konrad Balder SCHÄUFFELENS ganz: Hier stehen auf Papierröllchen Aphorismen und geschlossene Sentenzen. So betrachtet, ist das Konzept Hypertext nicht Bahn brechend neu. Zum erfolgreichen Novum wird es dank der technischen Unterstützung. Die technische Konzeption des Begriffes offenbart sich in NELSONS Datenbank XANADU, die er auf der Grundlage MEMEX’ entwickelt hat. Bei XANADU handelt es sich um ein „globales, integriertes Archiv-, Bibliotheks- und Publiziersystem“ (BÖHLE (1997), S. 126).

[...]


1 Die Häme und der Zynismus des Spiegel-Artikels sind evident. Dass die Autoren auf die Euphorie der Anfangszeit rekurrieren, in der das Ende des Buches proklamiert wurde, ist zulässig, wirkt jedoch als Kontrastierung im Jahre 2002 nicht als Neuigkeit, sondern als Aufguss des Altbekannten. Zudem scheint hier der Versuch stattzufinden, bestehende Vorurteile zu verifizieren. Diese Atti tüde ist nicht neu im Bereich digitaler Literatur; neu ist nur der an Schadenfreude gemahnende Ton, der eine kritische, aber offene Auseinandersetzung mit der Thematik als mindestens fragwürdig erscheinen lässt.

2 SCHRÖDER hat in einem anderen Beitrag bereits die von PETERSEN und SALTZWEDEL nachgezeichnete Problematik der Internetliteratur, z. B. die Reputation, die Verdienstmöglichkeit und dergleichen mehr aufgegriffen und kritisch diskutiert, vgl. dazu SCHRÖDER (1997).

3 Die Entstehung Neuer Medien führte nach NEMEDI dazu, dass „die Literaturwissenschaft … über diese [= zur Aufzeichnung und Distribution notwendigen Medien] noch nie so intensiv reflektiert [hat] wie heute. Die medienwissenschaftliche Orientierung seit Anfang der neunziger Jahre hängt … mit der Einführung der Digitalmedien eng zusammen. Seit 1990 entstehen nämlich literarische Artefakte in den und für die digitalen Medien“ (a. a. O.). Vgl. dazu auch HEIBACH (2003), S. 40ff.

4 Beide Zitate aus: HIEBEL, Hans H. et al. (Hg.) (1999): Große Medienchronik. Technik und Leistung, Entstehung und Geschichte neuzeitlicher Medien. München, S. 12. Zit. nach: NEMEDI (2004)

5 Vgl. ebd., S. 71ff. und IDENSEN (2001b), S. 91ff. sowie SCHRÖDER (1998) Die Funktionsweise des MEMEX ist hier näher beschrieben. Es gibt jedoch auch Kritik an der Theorie der nicht-linearen Vernetzung. DAIBER (1999) stellt mit Rekurs auf neurophysiologische Er - kenntnisse fest: „Die mentale Gewinnung und Repräsentation der Information ist parallel, die Umsetzung dieser Information in Sprache – und damit hat es Hypertext zu tun – jedoch erfolgt seriell und linear. Sprache gibt es nur, wenn Wort auf Wort folgt, Satz auf Satz gesetzt wird. Mit anderen Worten: Der Vergleich zwischen Hypertextstruktur und mentaler Wissensrepräsentation vermengt die Ebenen von textueller Strukturierung (die sprachlich und damit linear ist) und neuronaler Organisation von Wissen. Linear bleibt die Produktion und Rezeption von Sprache immer, wie man es auch dreht und wendet. Lediglich die Organisation der sprachlich produzierten Information vermag nicht-linear zu erfolgen.“


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