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Die Sprachwandeltheorie von Ferdinand de Saussure

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 22 Pages
Author: Thomas Jörgens
Subject: Romance Languages - General

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2000
Pages: 22
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V28713
ISBN (E-book): 978-3-638-30415-3

File size: 399 KB


Excerpt (computer-generated)

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Romanisches Seminar

DIE SPRACHWANDELTHEORIE
VON FERDINAND DE SAUSSURE

Hausarbeit für das Hauptseminar
"Sprachwandel und Sprachwandeltheorien"
im Wintersemester 1999/2000

von

Thomas Jörgens
April 2000

 

Inhalt:

0. Einleitung  3

1. Die Dichotomie Synchronie/Diachronie  5
1.1. Synchronische und diachronische Sprachwissenschaft  5
1.2. Abhängigkeit und Unabhängigkeit von Synchronie und Diachronie  6
1.3. Über die Schwierigkeit, einen Sprachzustand zu definieren  7

2. Grundlegende Prinzipien des Sprachwandels  9
2.1. Sprachwandel vollzieht sich unwillentlich  9
2.2. Der Mechanismus des Sprachwandels  10

3. Typen des Sprachwandels  11
3.1. Vorbemerkungen  11
3.2. Der Lautwandel  12
3.3. Die Analogie  13
3.4. Weitere Typen des Sprachwandels  14
3.4.1. Die Reinterpretation  14
3.4.2. Die Volksetymologie  15
3.4.3. Sprachveränderung durch Stammwortbildung  15
3.5. Ein Kapitel zu semantische Veränderungen fehlt  16

4. Kritik an Saussures Theorie  17
4.1. Allgemeines  17
4.2. Die Kritik W. v. Wartburgs  18

5. Schlußbemerkungen  20

6. Bibliographie  21

 

0. Einleitung

Ferdinand de Saussure gilt als Begründer der „modernen“ Sprachwissenschaft. Sein Name ist jedem ein Begriff, der sich mit dieser Disziplin beschäftigt. Vor allem seine berühmten Dichotomien, die Unterscheidung in langage, langue und parole, die Lehre vom Zeichen als eine Verbindung eines signifiant mit einem signifié sowie die postulierte Arbitrarität des sprachlichen Zeichens gelten als seine Hauptlehren.1 Wenn es jedoch um Sprachwandel bei Saussure geht, so ist häufig nur die Trennung der Sprachwissenschaft in eine synchronische und eine diachronische in der Lehre Saussures diskutiert worden. Seine genaueren Ausführungen zum Sprachwandel, wie er sich vollzieht und in welche verschiedenen Typen er einzuteilen ist, bleiben weitgehend unberücksichtigt. Bei genauerer Betrachtung stellt man aber fest, daß sich über die Hälfte des Cours de linguistique générale (CLG), der 1916 von Charles Bally und Albert Sechehaye publiziert wurde, der diachronischen Sprachwissenschaft also dem Sprachwandel widmet.2

Ziel dieser Arbeit ist es, gerade diese Teile des CLG vorzustellen und Saussures Sprachwandeltheorie zu erläutern. Hierzu wird es notwendig sein, zuerst die Trennung in eine synchronische und eine diachronische Sprachwissenschaft in Saussures Theorie zu erläutern. Anschließend werden die grundlegenden Prinzipien des Sprachwandels und eine Unterteilung in verschiedene Typen des Sprachwandels nach Saussure darlegt. Zum Schluß soll die Kritik an Saussures Sprachwandeltheorie und an der Trennung in eine diachronische und eine synchronische Sprachwissenschaft diskutiert werden.

Wenn man sich mit Ferdinand de Saussures Überlegungen zum Sprachwandel näher beschäftigen will, bringt der CLG einige Probleme mit sich. Dieses Werk wurde nämlich nicht von Saussure selber verfaßt, sondern ist eine Mischung aus Aufzeichnungen dreier Vorlesungen Saussures aus den Jahren 1906-1907, 1908-1909 und 1910-1911 sowie einigen Ergänzungen der Herausgeber Charles Bally und Albert Sechehaye. Zudem haben die Herausgeber kaum Aufzeichnungen von Saussure selber gefunden und mußten sich größtenteils auf die Aufzeichnungen der Schüler Saussures verlassen. So heißt es im Vorwort zum CLG:


Grande fut notre déception : nous ne trouvâmes rien ou presque rien qui correspondît aux cahiers de ses disciples ; F. de Saussure détruisait à mesure les brouillons hâtifs où il traçait au jour le jour l’esquisse de son exposé ! Les tiroirs de son secrétaire ne nous livrèrent que des ébauches assez anciennes, non certes sans valeur, mais impossible à utiliser et à combiner avec la matière des trois cours.3

Diese Fassung des CLG, die üblicherweise als Vulgatafassung bezeichnet wird, ist also nicht unbedingt geeignet, um Saussures Vorstellungen zum Sprachwandel widerzuspiegeln. Aus diesem Grund ist es im Rahmen dieser Arbeit notwendig, auf die kritische Ausgabe des CLG von Rudolf Engler und die Sekundärliteratur zu diesem Thema zurückzugreifen. Dennoch sollte die Vulgatafassung nicht unberücksichtigt bleiben, da sie die Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts erheblich geprägt hat und die Kritik an Saussures Thesen sich in der Regel auf sie bezieht.

Es sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, daß die aus der kritischen Ausgabe des CLG von Rudolf Engler zitierten Stellen zum größten Teil eine Rekonstruktion der Mitschriften seiner Studenten ist. Der Leser möge sich also nicht über grammatikalische und syntaktische Fehler in diesen Passagen wundern. Für eine ausführliche Erläuterung der aus der kritischen Ausgabe Englers übernommenen Numerierungen, Abkürzungen und Ergänzungen in eckigen Klammern wird auf das Vorwort dieser Ausgabe verwiesen. Auf die Angabe der Buchstabenkürzel für die Studenten Saussures, aus dessen Mitschriften die Ausgabe Englers entstanden ist, wurde verzichtet.

1. Die Dichotomie Synchronie/Diachronie

1.1. Synchronische und diachronische Sprachwissenschaft

„Die Dichotomie Synchronie/Diachronie gehört zu den Grundthemen des Cours und wird in ihm in den verschiedensten Zusammenhängen immer wieder angesprochen.“4 Je ein Kapitel widmet sich im CLG der linguistique synchronique und der linguistique diachronique. Diese beiden Kapitel machen etwa die Hälfte der Vulgatafassung aus. Wenn man bedenkt, daß auch in den anderen Kapiteln auf diese Unterscheidung hingewiesen wird, könnte man diese Dichotomie sogar als „Grundgerüst der Vorlesung und der Vulgatafassung“5 bezeichnen. Für die Untersuchung des Sprachwandels nach Saussure sollte deshalb zunächst geklärt werden, wie diese Dichotomie in Saussures Lehre zu verstehen ist.

[....]


1 Cf. ARENS, H. 21969: Sprachwissenschaft. Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart, Freiburg/München, p.573s.

2 Cf. WUNDERLI, P. 1990: Principes de diachronie. Contributions à l’exégèse du »cours de linguistique générale« de Ferdinand de Saussure, Frankfurt am Main, p. 1ss.

3 BALLY, CH./SECHEHAYE, A. 1915: «Préface de la première édition», in: SAUSSURE, F. DE 1968 (11916): Cours de linguistique générale, p. p. Ch. Bally et A. Sechehaye avec la collaboration de A. Riedlinger, Paris, p. 7s.

4 WUNDERLI, P. 1976: «Saussure, Wartburg und die Panchronie», ZRPh 92, p. 2.

5 WUNDERLI, P. 1976, p. 2.


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