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Thesis (M.A.), 2003, 109 Pages
Author: Fabian Otto
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Erich, Kästners, Konzept, Gebrauchslyrik
Year: 2003
Pages: 109
Grade: 1,7
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-30821-2
File size: 470 KB
Erich Kästners theoretisches Lyrikkonzept und dessen Umsetzung in den Gedichten des "Moralisten" in der Zeit der Weimarer Republik. Im Zusammenhang mit Kästners Lyrik Diskussion der Begriffe von "Gebrauchslyrik" und "Neuer Sachlichkeit".
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Excerpt (computer-generated)
ERICH KÄSTNERS KONZEPT VON GEBRAUCHSLYRIK
WISSENSCHAFTLICHE ARBEIT ZUR ERLANGUNG DES HOCHSCHULGRADES
MAGISTER ARTIUM
VORGELEGT DEM FACHBEREICH PHILOLOGIE
AN DER
ABTEILUNG KOBLENZ
DER
UNIVERSITÄT KOBLENZ-LANDAU
VON
FABIAN OTTO
AM 29. AUGUST 2003
Inhaltsverzeichnis
I.
Einleitung
II.
1. Kästners Lyrikkonzept in der Theorie
2. Umsetzung des Konzepts
2.1 Der private Bereich
2.1.1 Beziehungen
Sachliche Romanze
Familiäre Stanzen
Gewisse Ehepaare
Ein Mann gibt Auskunft
2.1.2 Sexualität
Moralische Anatomie
2.2 Der öffentliche Bereich
2.2.1 Militarismus und autoritäre Strukturen
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
2.2.2 Die sozialen und ökonomischen Verhältnisse
Vorstadtstraßen
Ein Buchhalter schreibt seiner Mutter
Maskenball im Hochgebirge
2.2.3 Heldentum
Der Handstand auf der Loreley
III. Zusammenfassende Betrachtung
Literaturverzeichnis
I. EINLEITUNG
Im Jahr 1928 erschien Erich Kästners erster Gedichtband Herz auf Taille. Es folgten Lärm im Spiegel (1929), Ein Mann gibt Auskunft (1930) und Gesang zwischen den Stühlen (1932). Die vier Bände aus Kästners engagiertester Zeit, der Zeit der Weimarer Republik, mit Gedichten, die – entstanden in Kästners „kleiner Versfabrik“1 – fast alle ursprünglich in Tageszeitungen, Wochenschriften etc. erschienen waren2, erreichten allesamt ungewöhnlich hohe Auflagenzahlen3. Der Verkaufserfolg ist dabei nicht zuletzt zurückzuführen auf die Volkstümlichkeit der Kästnerschen Gedichte, die sich sowohl an der Themenwahl, als auch am eingängigen Sprachstil festmachen läßt. Erich Kästner verwendete für seine Gedichte gerne den Begriff „Gebrauchslyrik“.4 Die genannten Merkmale der Volkstümlichkeit nun gehören unmittelbar zu Erich Kästners Konzept von Gebrauchslyrik, das in der vorliegenden Arbeit in Theorie und Umsetzung dargestellt und untersucht werden soll.
Wird in wissenschaftlicher Literatur der Begriff „Gebrauchslyrik“ verwendet, so ist damit vorrangig die beim Lesen leicht zugängliche und vielfach in irgendeiner Weise (gesellschafts-) politisch ambitionierte Lyrik gemeint, die als typische Äußerungsform der sogenannten Neuen Sachlichkeit in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ihre kurze Blütezeit hatte.5 Genau zu definieren, was unter Gebrauchslyrik eigentlich zu verstehen ist, gestaltet sich allerdings nicht einfach. Hermann Kesten versucht mit einiger zeitlicher Distanz zur Neuen Sachlichkeit, den Begriff durch Nennung typischer Merkmale folgendermaßen zu fassen:
„Die ‚Gebrauchslyrik‘ gehört zum Programm der ‚Neuen Sachlichkeit‘, der Gegenbewegung zum Expressionismus; sie parodiert mit der Mischung von Volkslied und Chanson, Bänkelsang und Kabarett; es ist eine zerebrale Lyrik voller programmatischer Nachlässigkeit; der Ton kommt von Heinrich Heine, die Tendenzen stammen vom ‚Jungen Deutschland‘; es ist ein exzedierender Naturalismus. Ohne die Schärfe des fortgesetzten Epigramms wäre diese Lyrik oft nur gereimte Prosa, ohne den Reim zuweilen nur politischer Jargon, ohne die echten lyrischen Bilder und Gefühle wäre sie oft nur gereimtes Feuilleton.“6
Als die Vertreter dieser Form der Lyrik, deren Namen heute noch bekannt sind, nennt Kesten neben Kästner Tucholsky, Brecht, Karl Kraus, Alfred Kerr, Walter Mehring, Mascha Kaleko, Erich Weinert, Klabund, Morgenstern und Ringelnatz.7 Ganz klar wird der Begriff durch die Charakteristika, die Kesten zusammenträgt, jedoch nicht. Schon in den 1920er Jahren wichen die Vorstellungen, die verschiedene Autoren und Kritiker mit einer Gebrauchslyrik verbanden, teilweise erheblich voneinander ab. Hans Sahl beispielsweise sieht in dem Begriff lediglich den Hinweis auf die Möglichkeit des alltäglichen Gebrauchs der Lyrik. Andere verlangten von einer Gebrauchslyrik ganz spezielle Nutzwerte: So forderten den Ideen des Marxismus Nahestehende – ihnen voran Walter Benjamin –, eine Gebrauchslyrik müsse sich der Arbeiterbewegung verschreiben und einen Beitrag zur Herbeiführung der Revolution leisten.8
Kurt Tucholsky nimmt eine recht präzise Definition der Art des Gebrauchs vor, der sich nach seinem Verständnis mit einer Gebrauchslyrik verbindet. Diese Definition kommt wegen ihres Verzichts auf ganz spezielle – womöglich ideologisch geprägte – Nutzwertbestimmungen auch dem Kästnerschen Verständnis von einer Gebrauchslyrik relativ nahe:
„Es hat zu allen Zeiten eine Sorte Lyrik gegeben, bei der die Frage nach dem Kunstwert eine falsch gestellte Frage ist: ich möchte diese Verse ‚Gebrauchs-Lyrik‘ nennen. Nur scheinbar hebt hier ein Begriff den anderen auf. Der politische, ethische oder religiöse Zweck benutzt, um auf die Massen zu wirken, die Formen der Kunst, deren nicht alltägliche Ausdrucksformen ihm sehr gelegen kommen. Die Wirkung soll sofort erfolgen, sie soll unmittelbar sein, ohne Umschweife – die These passiert also nicht die Kunst, sie wird nirgends sublimiert, sondern unmittelbar, in literarischer Maskerade vorgeführt.9“
Sehr unterschiedlich waren Ende der 1920er Jahre aber nicht nur die generellen Vorstellungen von einer Gebrauchslyrik, ebenso breit gefächert fielen auch die Bewertungen zu Kästners Gedichtbänden aus. So wurde Kästners Lyrik als „intellektueller Vorspann kommunistischer Polemik“10 bezeichnet, während andere Kritiker in Kästner nur den Humoristen sahen11. Walter Benjamin hielt Kästners Gebrauchslyrik deren „linksradikale“ Haltung vor, die eine bürgerliche und fatalistische sei, wenig mit der Arbeiterbewegung zu tun habe und – trotz einer häufig politisch relevanten Thematik in den Gedichten – keiner politischen Aktion mehr entspreche.12 In der Zeit zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und heute sah man in Kästner mit einiger zeitlicher Distanz häufig vor allem den humorvollen „programmatischen Aufklärer“13 und den Moralisten, der gegen „Verstandesvernebelung und Herzensträgheit“14 vorging.
Wie diese Arbeit zeigen wird, strebt Kästner mit seinen Gedichten tatsächlich zumeist eine nachhaltige Brauchbarkeit an, nämlich eine Wirkung auf den Leser in einem aufklärerischen Sinn. Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist es, zunächst Kästners eigenes Verständnis von Gebrauchslyrik, seine theoretische Konzeption dieser Lyrik in ihren Grundzügen darzustellen, so, wie diese aus einer ganzen Reihe von theoretischen Aussagen zu Lyrik im allgemeinen bzw. zu seinem Selbstverständnis als Schriftsteller und als Aufklärer hervorgeht. Anschließend soll die Lyrik, die der Leser tatsächlich vorfindet, dahingehend untersucht werden, inwieweit sie Kästners theoretischer Konzeption und den damit verbundenen Intentionen, Wirkungsabsichten gerecht werden kann, welchen Gebrauch der Leser von den Gedichten wirklich machen kann.
[...]
1 Vgl. KORDON, Klaus: Die Zeit ist kaputt. Die Lebensgeschichte des Erich Kästner, Weinheim 1994, Neuausgabe 1996, S. 112.
2 Vgl. WALTER, Dirk: Zeitkritik und Idyllensehnsucht. Erich Kästners Frühwerk (1928–1933) als Beispiel linksbürgerlicher Literatur in der Weimarer Republik. Reihe Siegen. Beiträge zur Literaturund Sprachwissenschaft, Heidelberg 1977, S. 66.
3 Vgl. GÖRTZ, Franz Josef und Hans Sarkowicz: Erich Kästner. Eine Biographie, München 1998, S. 120.
4 Vgl. KÄSTNER, Erich: Prosaische Zwischenbemerkung. In: KÄSTNER, Erich: Werke, herausgegeben von Franz Josef Görtz, München 1998, Band I, Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte, herausgegeben von Harald Hartung, S. 87/88, hier S. 88.
5 Vgl. auch KORTE, Hermann: Energie der Brüche. In: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. Sonderband: Lyrik des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Ludwig Arnold, München 1999, S. 63 ff., hier S. 74 ff.
6 KESTEN, Hermann: Erich Kästner. Vorwort zu: Erich Kästner: Gedichte, Frankfurt am Main 1981, S. 21–57, hier S. 25/26.
7 Vgl. KESTEN (1981), S. 25.
8 Vgl. BENJAMIN, Walter: Gebrauchslyrik? Aber nicht so! In: W. Benjamin: Gesammelte Schriften, Band 3, Frankfurt am Main 1972, S. 183–184.
9 TUCHOLSKY, Kurt: Gebrauchslyrik. In: Kurt Tucholsky: Auswahl in sechs Bänden. Herausgegeben von Roland Links. Band 5, Berlin 1972, S. 504.
10 DIETTRICH, Fritz: Lyrik 1928–1929. In: Die Literatur, Jahrgang 1929/30, S. 26 ff., hier S. 29.
11 Vgl. BRENNER, Hans Georg: Lärm im Spiegel. In: Die neue Bücherschau, H. 9, 7. Jahrgang 1929, S. 514/515, hier S. 515.
12 Vgl. BENJAMIN, Walter: Linke Melancholie. Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch. In : W. Benjamin: Gesammelte Schriften, Band 3, Frankfurt am Main 1972, S. 279–283, hier S. 280/281.
13 KRAUSE, Tilman: Lachen stärkt die Abwehrkräfte. In: Die literarische Welt, Beilage der Welt, Nr. 8, 20. Februar 1999.
14 HERRLE, Stephan: Satiriker und Lyriker. In: Straubinger Tagblatt, 22. Februar 1979.
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16.10.2007 21:40:45
Hallo herr Otto, Ich bin sehr erfreut einen derartigen Beitrag über Kästner gefunden zu haben. Für mich ist Kästner eine Ikone dem kein Lyriker das Wasser reichen kann. denn wenn sich in unsere gesellschaft eine veränderung vollzihen soll, dann über eine Umstrukturierung der Bevölkerungsschichten. die armen Menschen, die auch geistig verarmt sind, können nur mit einer derartigen Lyrik wieder interesse an bildung finden. Denn jeder mensch kann die Lyrik Kästners verstehen, weil sie eben unmittelbar anwendbar ist und nicht eine weitere Ursache für Desintresse bildet. Beispiel: Nächtliches Rezept für Städter Quelle: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke.