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The Civic Culture - Der Begriff der Politischen Kultur bei Sidney und Verba und seine Problematik

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 28 Pages
Author: Ruth Heidingsfelder
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 28
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V29274
ISBN (E-book): 978-3-638-30833-5

File size: 301 KB


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Institut für Politische Wissenschaft
Seminar: „Politische Kultur“

The Civic Culture - Der Begriff der Politischen Kultur
bei Sidney und Verba und seine Problematik

von: Ruth Heidingsfelder

 


INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG 3

2. DIE WURZELN DES POLITISCHEN KULTUR-ANSATZES 3

3. ALMOND UND VERBA: THE CIVIC CULTURE – POLITICAL ATTITUDES AND DEMOCRACA IN FIVE NATIONS 5

3.1. Der Begriff „politische Kultur“ 5
3.2. Orientierungen gegenüber politischen Objekten 5
3.3. Politische Objekte: Das politische System und seine Bestandteile als Gegenstände politischer Orientierungen 6
3.4. Typen politischer Kultur 7
3.5. Politische Stabilität – Übereinstimmung zwischen politischem System und politischer Kultur 8
3.6. Mischtypen politischer Kultur und die „Civic Culture“ 11
3.7. Die ausgewählten Forschungsobjekte 13
3.8. Die Methoden der Studie 14
3.9. Die Ergebnisse der Studie – Länderprofile und Bürgertypen 16

3.9.1. Italien: Politische Kultur der Entfremdung 16
3.9.2. Mexiko: Politische Selbstüberschätzung und Systementfremdung 17
3.9.3. Deutschland: Untertanenkultur 18
3.9.4. USA: Partizipatorische Staatsbürgerkultur 18
3.9.5. Großbritannien: Staatsbürgerkultur mit „Untertanen“-Elementen 19

4. DIE KRITIK AN DER AUFFASSUNG POLITISCHER KULTUR NACH ALMOND UND VERBA 19

4.1. Politische Kultur als Progrnoseinstrument 20
4.2. Die Definition politischer Kultur und ihre Aspekte 20
4.3. Operationalisierung und Methoden 21
4.4. Ethnozentrismus: Die USA und Großbritannien als „kulturelle Messlatte“ 22
4.5. Ist Kultur messbar? 23
4.6. Der Zusammenhang zwischen politischer Kultur und politischer Stabilität: Die Mesoebene 23
4.7. Die Gewichtung von Einstellungen 25
4.8. Weitere Erklärungsfaktoren für politische Kultur 26

5. SCHLUSSBEMERKUNG 26

6. LITERATURVERZEICHNIS 27


 

1. EINLEITUNG

Das Konzept der Politischen Kultur stellt einen der am heftigsten umstrittensten Forschungsansätze dar. Obwohl der Begriff schon in der Epoche der Aufklärung von Hegel geprägt wurde, erhielt er seinen heute noch gebrauchten Sinn das erste Mal 1956 von dem amerikanischen Wissenschaftler Gabriel Almond, der damit eine Flut an Publikationen über diesen Ansatz auslöste, besonders nach der Veröffentlichung eines Forschungsberichts über eine in mehreren Ländern durchgeführte Untersuchung zur politischen Kultur 1963 zusammen mit Sidney Verba. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich nun mit dieser Studie und ihren Ergebnissen. Dabei stellt ihre Darstellung den Schwerpunkt meiner Ausführungen dar, ich möchte jedoch auch auf die Schwierigkeiten und Probleme des Konzeptes Politische Kultur eingehen, die bereits vor, während und nach der Durchführung der Studie auftauchten und entsprechende Kritik nach sich zogen. Zunächst sollen daher die Ursprünge des Ansatzes kurz umrissen werden, im zweiten Teil erfolgt sodann die Beschreibung des Projektes selber und der dritte Abschnitt umfasst die Zusammenfassung der wichtigsten Kritikpunkte.

2. DIE WURZELN DES POLITISCHEN KULTUR-ANSATZES

Da in dieser Arbeit politische Kultur im Sinne von Almond und Verba besprochen werden soll, möchte ich im folgenden nur oberflächlich auf die diesem Ansatz vorrangegangenen Konzepte eingehen. Vorlä ufer der Idee der politischen Kultur finden sich bereits in der Antike. So beschäftigten sich Platon und Aristoteles mit bestimmten „Geisteszuständen“, welche entweder Revolutionen oder aber Stabilität begünstigen sollten, sowie mit der Bedeutung von Sozialisation, und es scheint sogar eine Art „Nationa lcharakterforschung“ gegeben zu haben, da Roger Eatwell bemerkt, „the Greeks attributed notably different characteristics to Athenians, Spartans, and Corinthians – as well as to the barbarian ‚Other’“. 1 Auch Jean Jacques Rousseau und Alexis de Toqueville zeigten Interesse an den Werten, die Politik zugrunde liegen. Letzterer bemerkte während seiner Reise durch die Vereinigten Staaten die hohe Bedeutung, die Werten wie Individualismus und Pioniergeist zugewiesen werden2 In neuerer Zeit behauptete Seymour Martin Lipset einen Zusammenhang zwischen protestantisch geprägten Gesellschaften und der Dauerhaftigkeit von Demokratie.3

Waren Almond und Verba von diesen Erkenntnissen sicherlich beeinflusst, entstand ihre Studie jedoch hauptsächlich als Antwort auf mehrere zeitgeschichtliche Phänomene. Erstens traten sie der gängigen Beschäftigung der Politikwissenschaft mit politischen Institutionen und Eliten und der Vernachlässigung der Rolle der Menschen als Teil des politischen Systems entgegen. Sie schlossen sich der gerade entstehenden Behavioralismus-Forschung an, welche ihren Fokus auf Verhalten und seine determinierenden Faktoren richtete und die Annahme der Rational- oder Strategic -Choice-Theorie, Menschen handelten allein nach nutzenmaximierenden Überlegungen, als zu simplizistisch zurückwies. Zweitens nutzten sie die gerade neu aufgekommenen sozialwissenschaftlichen Techniken, namentlich die Umfrageforschung, deren Bedeutung insbesondere während der vierziger Jahre in den USA enorm gestiegen war.4 Der dritte Grund war die Frage nach den Ursachen des Zusammenbruchs einiger Demokratien, vor allem Deutschlands, aber auch nach den Erfolgschancen der neu entstehenden Demokratien in der Dritten Welt. Institutionelle und modernisierungstheoretische Ansätze hatten hier bereits versagt bzw. schienen keine Antworten auf die Frage geben zu können, weshalb bei gleichen sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Ausgangsbedingungen unterschiedlich stabile Demokratien entstanden und wie hoch die Erfolgschancen dieser jungen Systeme waren, sich demokratisch zu konsolidieren. Auch herrschte Unsicherheit über die Durchsetzungsfähigkeit der demokratisch-kapitalistisch ausgerichteten westlichen Staaten gegenüber dem totalitären Systemtypus auf der Osthalbkugel. 5

An diesem Punkt setzten Almond und Verba nun ihre Überlegungen an. In ihren Augen musste es weitere „Faktoren außerhalb des Institutionengefüges und der Ökonomie geben, die für den Bestand des demokratischen Systemtypus von Bedeutung waren.“6 Diese glaubten sie in den zustimmenden oder ablehnenden Einstellungen sowie den Werten der Bevölkerung gegenüber der Politik gefunden zu haben, welche einen gewissen Einfluss auf die Stabilität eines politischen Systems ausüben könnten, indem sie entweder seiner Struktur entsprächen oder aber dies nicht täten. Diese „politische Kultur“ versuchten sie nun anhand einer fünf Länder untersuchenden Studie aufzuspüren. Ihre Fragen lauteten dabei, welche Eigenschaften und Einstellungen demokratische Bürger ausmachten, welche Rolle die Sozialisation im Kindesalter bei der Formung solcher Haltungen spielte, ob es demokratieförderliche Einstellunge n überhaupt gab und wenn ja, ob diese gelernt werden konnten. Dahinter stand die zentrale Hypothese, dass ein bestimmter Katalog von Einstellungen, Meinungen und Werten, die „Civic Culture“, besonders stabilitätsfördernd für eine Demokratie sei. Dieser sollte ermittelt und die Frage beantwortet werden, inwieweit diese Eigenschaften als Produkt der jeweiligen Geschichte des Landes zu betrachten waren und ob sie übernommen werden konnten. 7 Im Folgenden sollen nun zuerst die Almond und Verbas Konzept zugrunde legenden Begriffe politische Kultur, Orientierungen und Objekte von Orientierungen, beschrieben und danach die Aufstellung der Hypothese der Studie anhand der Entwicklung der unterschiedlichen Typen politischer Kultur nachvollzogen werden.

3. ALMOND UND VERBA: THE CIVIC CULTURE – POLITICAL ATTITUDES AND DEMOCRACY IN FIVE NATIONS

3.1. Der Begriff „politische Kultur“

Kultur stellt für Almond und Verba die „psychological orientation toward social objects“ dar und sie benutzen ihn „to utilize the conceptual frameworks and approaches of anthropology, sociology, and psychology”, denn bestimmte damit verbundene anthropologische oder soziologische Kategorien wie Sozialisation erachten sie als nützlich für die Erforschung politischer Kultur.8 Dagegen ist politische Kultur die Abbildung des politischen Systems in der Wahrnehmung, den Gefühlen und Bewertungen seiner Bevölkerung, eine Art „Teppich“ also, der das System unterlegt.9 Diesen Ausdruck präferierten sie anstelle des zu dieser Zeit sehr gebräuchlichen Begriffs des Nationalcharakters, da nur die politisch relevanten Einstellungen und Entwicklungsmuster in einer politischen Gemeinschaft aufgedeckt werden sollen. Das bedeutet weiter, dass die politischen und nicht-politischen Orientierungen voneinander getrennt werden müssen, um allein die politische Kultur einer Gesellschaft erkennen zu können. Politische Kultur definierten Almond und Verba demnach als „the particular distribution of patterns of orientation toward political objects among the members of the nation“.10 Obgleich politische Kultur also immer nur das Merkmal eines Kollektivs sein kann, misst man sie anhand der psychologischen Anlagen und Einstellungen seiner Mitglieder und stellt die Art und Eigenschaften der politischen Kultur mit Hilfe der Verteilung und Intensität dieser einzelnen Orientierungen fest. Die Bezugsgröße für politische Kultur stellt der Nationalstaat dar, keine regionalen nach religiösen, ethnischen oder sozialen Unterschieden gebildete Untereinheiten. Sie entsteht aber durch die bestimmte Verteilung von Einstellungen der Bevölkerung einer Nation gegenüber politischen Objekten. Das bedeutet, dass politische Kultur so etwas wie ein Aggregat individueller Orientierungen darstellt, die Verbindung also zwischen der Ebene des Individuums (Mikroebene) und der des politischen Systems und seiner Leistung (Makroebene): „This relationship between the attitudes and motivations of the discrete individuals who make up political systems and the character and performance of political systems may be discovered systematically through the concepts of political culture“. 11 Nicht Institutionen oder das Verhalten der Mitglieder eines politischen Systems galt es also laut Almond und Verba zu erforschen, sondern die „politische Psychologie“ einer Gesellschaft, d.h. die politischen Einstellungen von Individuen. Dies soll im Folgenden näher beschrieben werden.

3.2. Orientierungen gegenüber politischen Objekten

[...]


1 Eatwell, Roger: Introduction. The Importance of the Political Culture Approach, in: ders. (Hg.): European Political Culture. Conflict or Convergence? London 1997, S. 1.

2 Toqueville, Alexis de: Democracy in America, New York 1945.

3 Lipset, Seymour Martin: Political Man, London 1960.

4 Almond, Gabriel A.: The Intellectual History of the Civic Culture Concept, in: ders./Verba, Sidney (Hg.): The Civic Culture Revisited, Boston 1980, S. 15f.

5 Eatwell (1997), S. 2.

6 Westle, Bettina: Politische Kultur, in: Lauth, Hans-Joachim (Hg.): Vergleichende Regierungslehre, Wiesbaden 2002, S. 320.

7 Almond, Gabriel/Sidney, Verba: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Princeton 1963, S. 10f.

8 Almond/Verba (1963), S. 13.

9 ebd., S. 14.

10 ebd., S. 15.

11 ebd., S. 33.


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