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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 22 Pages
Author: Kristian Klett
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Cologne (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Tags: Faust, Szene, Wald, Höhle, Hauptseminar, Goethes, Naturtheorie
Year: 2002
Pages: 22
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-30924-0
ISBN (Book): 978-3-640-20320-8
File size: 329 KB
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Abstract
Die Szene Wald und Höhle gehört zu den viel diskutierten und umstrittenen Szenen des 'Faust I'1. Gegenstand heftiger Diskussionen ist nicht nur die Figur des Erdgeists, ob dieser hier von Faust angesprochen wird ("Erhabener Geist" V. 3217), und der Widerspruch zum Prolog im Himmel, ob Mephistopheles nun vom Herrn oder vom Erdgeist gesandt wurde, sondern auch die Frage der Platzierung dieser Szene in Goethes Werk. Diese Szene kommt im sogen. Urfaust überhaupt nicht vor und später im Fragment von 1790 steht sie zunächst hinter der Szene Am Brunnen, also nach der Vereinigung Fausts mit Gretchen. Goethe setzte sie erst in der endgültigen Fassung von 1808 vor benannte Szene. Durch diese Verschiebung wurde in verschiedenen Interpretationen ihre Bedeutung und auch ihre Dramatik2 verschoben und ihr sogar zum Teil abgesprochen.3 Die Meinungen über die angesprochenen Streitpunkte gehen weit auseinander, und sollen hier nur supplementarisch die Bedeutung dieser Szene veranschaulichen, des weiteren jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit werden. Diese Arbeit will sich mit darüber hinaus gehenden Aspekten der Szene auseinandersetzen, die aufzeigen welchen Einfluss auf die Wirkung des 'Faust I', sowie welche Auswirkungen für das Verständnis des faustischen Dilemmas dieser Szene beigemessen werden kann. Es soll ihr für den ersten Teil von Faust eine zentrale Bedeutung zugesprochen werden. Im einzelnen soll folgend die Bedeutung des Titels der Szene und seine Funktion analysiert werden. Hieran schließt sich die Erörterung von Wald und Höhle an, als Symbol für die Lebenstendenzen der Ausbreitung und der Einschränkung, sowie dessen Variante, des Wanderer-Hütte Motivs. Daran knüpft sich eine Besprechung der aus früheren Szenen gesponnenen Handlungsfäden, die zurückverfolgt werden, um hieraus einen textimmanenten Aufschluss über Goethes Charakteranlage Fausts zu erlangen. Goethes Theorie über die Unerreichbarkeit eines Ideals wird hier, anschaulich besprochen, belegt. Es wird die These vertreten, dass Fausts Ideal knapp vor seiner Erfüllung steht. Die Schlussbetrachtung möchte die besprochenen Aspekte zusammenführen und aussöhnen. 1 „FAUST I“ STEHT IM FOLGENDEN FÜR GOETHES LETZTE FASSUNG VON 1808: „FAUST. DER TRAGÖDIE ERSTER TEIL“. 2 VGL. PETER MICHELSEN: S.87. 3 VGL. PAUL REQUADT: S. 247 F.
Excerpt (computer-generated)
Faust - Die Szene Wald und Höhle
von: Kristian Klett
Inhalt
A. Einleitung: Die Diskussion um die Szene Wald und Höhle 2
B. Interpretationsversuch der Szene Wald und Höhle 4
1. Der Szenentitel: Wald und Höhle 4
a) Szenentitel im Vergleich 4
b) Szenenbild von Wald und Höhle: kein wirklicher Ort? 5
2. Einschränkung und Ausbreitung 7
a) Eine „Eng-weite Situation“ 7
b) Das Wanderer-Hütte Motiv 9
3. Von der Sehnsucht zur Erfüllung 11
a) Vom Studierzimmer zu Wald und Höhle 11
b) Der Taumel als unerreichbares Ideal 14
C. Schlußbetrachtung 17
LITERATURVERZEICHNIS 19
A. EINLEITUNG: DIE DISKUSSION UM DIE SZENE WALD UND HÖHLE
Die Szene Wald und Höhle gehört zu den viel diskutierten und umstrittenen Szenen des ′Faust I′1. Gegenstand heftiger Diskussionen ist nicht nur die Figur des Erdgeists, ob dieser hier von Faust angesprochen wird ("Erhabener Geist" V. 3217), und der Widerspruch zum Prolog im Himmel, ob Mephistopheles nun vom Herrn oder vom Erdgeist gesandt wurde, sondern auch die Frage der Platzierung dieser Szene in Goethes Werk. Diese Szene kommt im sogen. Urfaust überhaupt nicht vor und später im Fragment von 1790 steht sie zunächst hinter der Szene Am Brunnen, also nach der Vereinigung Fausts mit Gretchen. Goethe setzte sie erst in der endgültigen Fassung von 1808 vor benannte Szene. Durch diese Verschiebung wurde in verschiedenen Interpretationen ihre Bedeutung und auch ihre Dramatik2 verschoben und ihr sogar zum Teil abgesprochen.3 Die Meinungen über die angesprochenen Streitpunkte gehen weit auseinander, und sollen hier nur supplementarisch die Bedeutung dieser Szene veranschaulichen, des weiteren jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit werden. Diese Arbeit will sich mit darüber hinaus gehenden Aspekten der Szene auseinandersetzen, die aufzeigen welchen Einfluss auf die Wirkung des ′Faust I′, sowie welche Auswirkungen für das Verständnis des faustischen Dilemmas dieser Szene beigemessen werden kann. Es soll ihr für den ersten Teil von Faust eine zentrale Bedeutung zugesprochen werden.
Im einzelnen soll folgend die Bedeutung des Titels der Szene und seine Funktion analysiert werden. Hieran schließt sich die Erörterung von Wald und Höhle an, als Symbol für die Lebenstendenzen der Ausbreitung und der Einschränkung, sowie dessen Variante, des Wanderer-Hütte Motivs. Daran knüpft sich eine Besprechung der aus früheren Szenen gesponnenen Handlungsfäden, die zurückverfolgt werden, um hieraus einen textimmanenten Aufschluss über Goethes Charakteranlage Fausts zu erlangen. Goethes Theorie über die Unerreichbarkeit eines Ideals wird hier, anschaulich besprochen, belegt. Es wird die These vertreten, dass Fausts Ideal knapp vor seiner Erfüllung steht. Die Schlussbetrachtung möchte die besprochenen Aspekte zusammenführen und aussöhnen.
B. INTERPRETATIONSVERSUCH DER SZENE WALD UND HÖHLE
1. Der Szenentitel: Wald und Höhle
a) Szenentitel im Vergleich
Szenennamen haben im Allgemeinen den Zweck einer Regieangabe, den Ort oder die Umgebung, die Umstände, die Zeit oder die Stimmung der Szene vorzugeben oder hervorzuheben. Der Szenentitel schafft wichtige Hintergrundinformationen und bildet den Rahmen der Handlung. Im Faust I geben die meisten Szenennamen den Ort (z.B.: Garten, Vor dem Tor, Zwinger, etc.) oder die Zeit an (z.B.: Nacht, etc.). Manchmal heben sie eine Stimmung hervor (z.B.: Trüber Tag. Feld) oder sie zeichnen eine Tätigkeit aus, die wichtiger ist als Ort oder Zeit (z.B.: Spaziergang). Bei dem Szenenamen Wald und Höhle fällt auf, dass es der einzige Szenenname ist, der sich aus zwei nicht notwendigerweise zusammengehörenden Orten kombiniert: einem Wald und einer Höhle.4 Hier stellt sich die Frage, sind hier wirklich zwei Orte gemeint, oder ist hier ein wirklicher Ort gemeint? Wie könnte das Szenenbild aussehen? Befinden wir uns in einer Höhle im Wald? Und wenn dem so ist, warum hat Goethe die Szenen nicht Höhle im Wald genannt? Warum wählt er die Verknüpfung „und“?5 Diese Konjunktion scheint eine seltsame Verbindung für eine Ortsangabe. Ist hier also doch wieder eine Stimmung hervorgehoben (wie in Trüber Tag. Feld)? Und warum nennt Goethe den Wald vor der Höhle. Hat auch die Reihenfolge eine Bedeutung? Zwei Dinge fallen auf: Die Reihenfolge und die Verknüpfung der Begriffe sind ungewöhnlich. Um herauszufinden, ob diese Titelkonstruktion eine Bedeutung jenseits einer normalen Regieangabe hat und um diese zu klären, schauen wir uns das Szenenbild genauer an, wie es von den beiden Protagonisten jeweils geschildert wird.
b) Szenenbild von Wald und Höhle: kein wirklicher Ort?
[...]
1 „FAUST I“ STEHT IM FOLGENDEN FÜR GOETHES LETZTE FASSUNG VON 1808: „FAUST. DER TRAGÖDIE ERSTER TEIL“.
2 VGL. PETER MICHELSEN: S.87.
3 VGL. PAUL REQUADT: S. 247 F.
4 HIERZU SEI ANGEMERKT, DASS SICH ZWAR EINE BIBLISCHE VERBINDUNG ZWISCHEN DEN BENANNTEN ORTEN ANFÜHREN LASSEN KANN, DEREN ÜBERTRAGBARKEIT UND ARGUMENTATIVER WERT HIER DEM LESER SELBST ZU BEMESSEN ÜBERLASSEN WERDEN SOLL. DIE EINZIGE PASSAGE IN DER BEIDE ORTE GEMEINSAM AUFGEFÜHRT WERDEN LAUTET: „BRÜLLT AUCH EIN LÖWE IM WALDE, WENN ER KEINEN RAUB HAT? SCHREIT AUCH EIN JUNGER LÖWE AUS SEINER HÖHLE, ER HABE DENN ETWAS GEFANGEN?“ (DIE BIBEL, AT, DER PROPHET AMOS, AMOS 3.KAPITEL, PSALM 4).
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