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Aggression in der Gottesbeziehung

Examination Thesis, 2004, 79 Pages
Author: Martina Schnetter
Subject: Theology - Practical Theology

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2004
Pages: 79
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V29445
ISBN (E-book): 978-3-638-30946-2

File size: 277 KB


Excerpt (computer-generated)

Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Aggression in der Gottesbeziehung

Wissenschaftliche Arbeit
zur ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien
angefertigt im Fach
Katholische Theologie

vorgelegt von

Martina Schnetter

Tübingen, den 16.02.2004

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ... 1

2 Was ist Aggression? ... 4
2.1 Definition von Aggression ... 4
2.2 Modelle zur Entstehung von Aggression ... 7
2.2.1 Trieb- und instinkttheoretisches Erklärungsmodell ... 7
2.2.1.1 Der Aggressionstrieb bei FREUD ... 7
2.2.1.2 Der Aggressionstrieb bei LORENZ ... 8
2.2.2 Frustrations-Aggressions-Hypothese ... 9
2.2.3 Lerntheoretische Ansätze ... 10
2.2.4 „Multikausaler“ Ansatz ... 13
2.3 Differenzierung des Begriffs der Aggression ... 14
2.3.1 Arten von Aggression ... 14
2.3.2 Formen von Aggression ... 15
2.4 Abgrenzung der Begriffe: Ärger, Wut, Zorn, Hass und Gewalt ... 17
2.4.1 Ärger ... 17
2.4.2 Wut ... 21
2.4.3 Zorn ... 22
2.4.4 Hass ... 22
2.4.5 Gewalt ... 23

3 Die entwicklungs- und gesundheitspsychologische Bedeutung von Aggression und Ärger-Emotionen ... 25
3.1 Entwicklungspsychologische Bedeutung von Aggression und Ärger-Emotionen ... 26
3.2 Unterdrückte affektive Aggression und Ärger-Emotionen ... 30

4 Theologische Deutung von Aggression ... 35
4.1 Aggression im christlichen Gottesbild ... 35
4.2 Aggression im christlichen Menschenbild ... 42

5 Bedeutung von Aggression und Ärger-Emotionen in der Gottesbeziehung ... 47
5.1 Gottesbeziehung: Gott als DU ... 49
5.2 Bestimmung und Definition aggressiven Verhaltens in der Gottesbeziehung ... 53
5.3 Die Anklage Gottes als praktische Umsetzung einer individuellen, direkten, verbalen affektiven Aggression in der Gottesbeziehung am Beispiel der modernen jüdischen Ijob-Dichtung „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“ ... 57

6 Schlussbemerkung ... 63

7 Literatur ... 66

 

1 Einleitung
Aggression in der Gottesbeziehung? Wenn überhaupt, wird das nur Gott zugestanden. Aber dem Menschen? Für die meisten Christen undenkbar!

Dies ist keineswegs verwunderlich, denn „[i]n der traditionellen theologischen Anthropologie geschieht die Auseinandersetzung mit den Phänomenen von Ärger und Aggression im Abschnitt ‚Vom Bösen’.“1 Mit dieser Feststellung KLESSMANNs ist die Bewertung von Aggression in christlichen Kreisen bereits vorskizziert. Dem Ideal der christlichen Vollkommenheit im Sinne von Sanftmut, Liebe und Freundlichkeit widersprechend, wird Aggression als von sich aus schlecht und destruktiv verurteilt. Aggressive Impulse und Gefühle werden mit der Begründung des christlichen Liebesgebotes tabuisiert und sollen unterdrückt, verdrängt und überwunden werden.2

Für die meisten gläubigen Menschen ist es dann natürlich unvorstellbar bzw. nur schuldhaft erlebbar, Gott gegenüber Gefühle wie Ärger, Wut und Zorn zu empfinden oder diese gar aggressiv zum Ausdruck zu bringen.3 Aggression in der Gottesbeziehung4 ist für sie gleichbedeutend mit Zerstörung dieser Beziehung.

Trotzdem wird mit der vorliegenden Arbeit, der Versuch gewagt, zu behaupten, dass Aggression in der Gottesbeziehung nicht unbedingt Zerstörung der Beziehung bedeutet, sondern Intensivierung – und manchmal auch den einzigen Weg, die Beziehung gerade nicht zu zerstören.

Zielsetzung dieser Arbeit ist es somit, darzustellen, welche positive Bedeutung Aggression in der Gottesbeziehung – im Sinne einer Aggression gegenüber Gott – zukommen kann. Ausgangspunkt der aggressiven Auseinandersetzung mit Gott soll allerdings – in Abhebung von anderen Arbeiten mit ähnlicher Thematik – nicht ein krankmachendes, dämonisches Gottesbild5 sein, sondern Ohnmachts- und Krisenerfahrungen im Leben gläubiger Menschen.

Dass in der vorliegenden Arbeit die destruktiven Folgen von Aggression nur ansatzweise erwähnt werden, scheint dadurch gerechtfertigt, dass diese sowohl im Christentum als auch in der psychologischen Literatur in der Regel im Vordergrund stehen, während positive Aspekte meist unbeachtet bleiben. Zudem würde durch diese zusätzliche Diskussion der Rahmen der Arbeit bei weitem überstiegen werden.

Kapitel 2 beschäftigt sich zunächst näher mit dem Begriff der Aggression, um eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die weiteren Ausführungen zu schaffen. Nach einer Definition von Aggression werden verschiedene Theorien zur Entstehung von aggressivem Verhalten vorgestellt und eine weitere Ausdifferenzierung der Aggression hinsichtlich Aggressionsformen und -arten vorgenommen. Anhand von Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und der medizinischen Forschung soll dann in Kapitel 3 die entwicklungs- und lebensnotwendige Funktion von affektiver Aggression und Ärger-Emotionen verdeutlicht werden. Dabei wird insbesondere auf die Entwicklung von Autonomie, Identität und Ich- Stärke eingegangen sowie auf psychosomatische Erkrankungen infolge von Aggressionsunterdrückung. Danach erfolgt dann der Schritt auf die theologische Ebene, wobei in Kapitel 4 zunächst das Phänomen der Aggression hinsichtlich des christlichen Gottes- und Menschenbilds diskutiert und interpretiert wird. In Kapitel 5 wird dann die Frage aufgeworfen, ob Aggression und Ärger-Emotionen angesichts unvermeidlicher Ohnmachts- und Krisenerfahrungen im Leben nicht auch in der Gottesbeziehung Platz haben müssen. Aufbauend auf einem dialogisch-partnerschaftlichen Verständnis von Gottesbeziehung erfolgt dann in Anlehnung an die Begriffsdifferenzierung aggressiven Verhaltens eine Definition dessen, was unter Aggression in der Gottesbeziehung verstanden wird. Im Anschluss daran soll am Beispiel einer modernen jüdischen Iiob-Dichtung herausgearbeitet werden, welche bedeutende lebensnotwendige und beziehungsstiftende Funktion dem Prozess der aggressiven Auseinandersetzung mit Gott in extremer Leiderfahrung zukommt. Den Abschluss der Arbeit bilden ein kurzes Resümee und weiterführende Gedanken bezüglich dem eschatologischen Aspekt von Aggression in der Gottesbeziehung.

2 Was ist Aggression?
Ziel dieses Kapitels ist es, eine Verständigungsbasis hinsichtlich des Phänomens der Aggression für die vorliegende Arbeit zu schaffen. Dies ist insbesondere deswegen wichtig, da Aggression ein aus der Umgangssprache entnommener Begriff ist, dessen Bedeutungsgehalt vielschichtig, unscharf und zum Teil auch inkonsistent ist.

[...]


1 KLESSMANN 1992, S. 85.

2 Vgl. dazu im Überblick die bei KLESSMANN vorgestellten und ausgewerteten Studien über Aggressionsvermeidung in der Kirche (1992, S. 94-138).

3 Vgl. FRIELINGSDORF 1999, S. 150-159. FRIELINGSDORF wertet die Erfahrung von mehr als 700 Personen aus, die sich mit Gott bzw. ihrer Gottesbeziehung bewusst auseinandergesetzt haben. „Besonders in Übungen, wo die Auseinandersetzung mit Gott über den Körper ausgedrückt werden sollte, z. B. ‚Gott die Faust zeigen’, wurde deutlich, dass die TeilnehmerInnen erst gar nicht Fäuste gegen Gott ballen konnten [...]. Auf die Frage nach ihrem Widerstand antworteten sie: ‚Ich erlebe die Faust gegen Gott als Todsünde’ oder ‚Ich habe Angst, dass Gottes Strafe mich wie ein Blitz treffen wird’“ (FRIELINGSDORF 1999, S. 151).

4 Hier und im Folgenden ist damit, wenn nicht explizit vermerkt, die Aggression des Menschen Gott gegenüber gemeint.

5 Vgl. z. B. FRIELINGSDORF (1999, S. 148-174), der Aggression in der Gottesbeziehung insofern als beziehungsstiftend auffasst, als dass sie ermöglicht, sich von krankmachenden, dämonischen Gottesbildern zu lösen und zu einem positiven Gottesbild zu kommen.


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