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Physikalische und wahrnehmbare Eigenschaften des Schattens als Ansatzspunkt zur Deutung "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 18 Pages
Author: Alexandra Lisson
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Licht und Schatten - Die Konstruktion von Bedeutung in literarischen Texten vom 18. bis zum 20. Jahrhundert
Institution/College: University of Cologne (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Tags: Physikalische, Eigenschaften, Schattens, Ansatzspunkt, Deutung, Peter, Schlemihls, Geschichte, Licht, Schatten, Konstruktion, Bedeutung, Texten, Jahrhundert
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2001
Pages: 18
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V29540
ISBN (E-book): 978-3-638-31023-9

File size: 204 KB


Excerpt (computer-generated)

Universität zu Köln
„Licht und Schatten – die Konstruktion von Raum und Bedeutung
in literarischen Texten vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“
7. Semester

Physikalische und wahrnehmbare Eigenschaften des
Schattens als Ansatzspunkt zur Deutung
"Peter Schlemihls wundersamer Geschichte"

von: Alexandra Lisson

 


Inhalt

A. Einführung 3

B. Textanalyse

I. Der Schatten: Eigenschaften auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene 4
II. Der Schatten Peter Schlemihls 6

1. Die Besonderheiten der ‚Schlagschattenlehre‘ Chamissos 6
2. Die Suche nach der Bedeutung des Schattens 10

III. Produktion von Realitäts- und Fiktionalitätseffekten 13

C. Schlussbetrachtung 17

Literaturverzeichnis 18


 

A. Einführung

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist der Text „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso, der im August/September 1813 entstanden ist und 1814 veröffentlicht wurde. Das Motiv der Schattenlosigkeit, über dessen Bedeutung viel gerätselt worden ist, taucht hier erstmals als Leitmotiv einer Dichtung auf. Eine umfangreiche Darstellung des Motivs vom verlorenen Schatten im Allgemeinen und seiner Ausprägung bei Chamisso im Besonderen, hat Gero von Wilpert1 vorgelegt. Hier findet sich eine ausführliche Untersuchung zu möglichen Quellen und Vorbildern in Volksglauben und Volksdichtung und in der Literatur, die Chamisso inspiriert haben könnten.

Der Text hat seit seinem Erscheinen viele literarische und literarkritische Rezeptionen hervorgerufen, die sich mit dem Schattenmotiv und dessen Bedeutung auseinandersetzen. Die einzelnen Interpretationen kommen in bezug auf die Bedeutung der Schattenlosigkeit zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, die für sich stehend jeweils ihre Berechtigung haben. Eine Auflistung und Auswertung der bisherigen Deutungen kann und soll nicht Zielsetzung die ser Untersuchung sein. Vielmehr wird der Frage nachzugehen sein, warum es möglich ist, den Text so mannigfaltig auszulegen. Die Textanalyse setzt ein mit dem Versuch, dem Phänomen Schatten auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene näher zu kommen. In einem zweiten Schritt soll untersucht werden, welche der erarbeiteten Merkmale des Schattens in der Erzählung beibehalten, welche verändert oder weggelassen werden. Inwiefern die im „Peter Schlemihl“ ausgeprägten Eigenschaften des Schattens einen Beitrag zum Verstehen des Textes leisten können, wird sich im dritten Kapitel, das sich mit der Bedeutung des Schattens auseinandersetzt, zeigen. Im letzten Kapitel gilt es, darzustellen, worin die Schwierigkeit begründet liegt, die Erzählung auf eine bestimmte literarische Gattung festzulegen. In diesem Zusammenhang wird die Frage aufgeworfen, wie es dem Text gelingt, Realitäts- bzw. Fiktionalitätseffekte zu produzieren.

B. Textanalyse

I. Der Schatten: Eigenschaften auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene

Ein nicht leuchtender Körper kann nur teilweise von einem leuchtenden Körper erhellt werden. Der lichtlose Raum, welcher auf der Seite des nicht beleuchteten Teiles liegt, ist das, was man Schatten nennt. Schatten bezeichnet also im eigentlichen Sinne einen körperlichen Raum, dessen Gestalt zugleich von der Gestalt des leuchtenden Körpers, von der des beleuchteten und von ihrer gegenseitigen Stellung gegeneinander abhängt. Der auf einer hinter dem schattenwerfenden Körper befindlichen Fläche aufgefangene Schatten ist daher nichts anderes als der Durchschnitt dieser Fläche mit dem körperlichen Raum, den wir vorher mit dem Namen Schatten bezeichneten.2 Mit dieser Schattendefinition des Physikers Haüy antwortet Adelbert von Chamisso in der Vorrede zu der im Jahre 1838 erschienenen neuen französischen Übersetzung der „wundersamen Geschichte des Peter Schlemihl“ auf die Frage nach der Bedeutung des Schattens, die nach der Veröffentlichung der Erzählung von allen Seiten an ihn heran getragen wurde. Der Schatten wird hier als körperlicher Raum, im Französischen ‚le solide‘, was wörtlich mit ‚das Solide‘ zu übersetzen ist, bezeichnet. Im Anschluss an diese trockene physikalische Beschreibung des Schattenphänomens greift Chamisso diese Bezeichnung auf und setzt den Schattenverlust Schlemihls mit dem Verlust des Soliden gleich. “Mein unbesonnener Freund hat sich nach dem Gelde gelüsten lassen, dessen Wert er kannte, und nicht an das Solide gedacht“3. Auf die ironische Intention dieser physikalischen Bestimmung ist vielfach hingewiesen worden. Der Schatten, als sich ständig veränderndes, flüchtiges und schwer greifbares Phänomen, lässt gerade diese Analogiebildung nicht zu. Dennoch haben sich viele Interpreten nicht davon abhalten lassen, dieses Deutungsangebot des Autors zu nutzen und weiter auszufüllen. 4 Die Frage nach dem Wert, den es für den Schatten einzusetzen gilt, soll in dieser Arbeit zunächst einmal zurück treten hinter der Darstellung der Eigenschaften des Schattens auf physikalischer Ebene und Wahrnehmungsebene und der Frage, in wieweit diese im „Peter Schlemihl“ eine Brechung erfahren. Wichtig ist hierbei vorab die klare Unterscheidung zwischen Eigenschatten und Schlagschatten. Der erste bezeichnet den Schatten, der neben dem Schlaglicht auf dem angestrahlten Objekt selbst erscheint. Letzterer denjenigen Schatten, den ein Gegenstand auf die ihn umgebenden Körper oder Flächen projiziert.

[...]


1 Gero von Wilpert: Der verlorene Schatten. Varianten eines literarischen Motivs. Stuttgart 1978.

2 Zit. nach Max Sydow (Hrsg.): Chamissos Werke. Dritter Teil. Berlin, S.150 – 151.

3 Vgl.: Ebd.: S. 151.

4 Vgl. insb.: Thomas Mann: Gesammelte Werke in 12 Bänden. Band IX. Reden und Aufsätze. Oldenburg 1960, S. 56: „Der Schatten ist im ‚Peter Schlemihl‘ zum Symbol aller bürgerlichen Solidität und menschlichen Zugehörigkeit geworden.“


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