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Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 31 Pages
Author: Christiane Landsiedel
Subject: Sociology - Miscellaneous

Details

Event: HS: Soziales Kapital und Bürgerschaftliches Engagement
Institution/College: http://www.uni-jena.de/ (Institut für Soziologie)
Tags: Bürgerschaftliches, Engagement, Ostdeutschland, Soziales, Kapital, Bürgerschaftliches, Engagement
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 31
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V29638
ISBN (E-book): 978-3-638-31104-5
ISBN (Book): 978-3-638-65036-6
File size: 261 KB

Abstract

In meiner Arbeit werde ich mich auf einige Kernanalysen beziehen um die Frage, ob sich das bürgerschaftliche Engagement in Ost und West bezüglich Quantität und Qualität unterscheidet, zu beantworten. Gibt es Besonderheiten des bürgerschaftlichen Engagements in den neuen Bundesländern? Hierzu werde ich Traditionen der DDR beleuchten. Darüber hinaus werde ich mich mit besonderen Problemen des Institutionentransfers von West nach Ost sowie engagementrelevanten Folgen des Umbruchs beschäftigen und in diesem Kontext einen Ausschnitt des „breiten Beziehungsfeldes gesellschaftlicher Entwicklungs- und Veränderungstrends“8 beleuchten, die vermehrt auf die Lebenshaltung großer Teile der Bevölkerung Einfluss nehmen. In einem nächsten Schritt werde ich ostdeutsche Engagementmotive und –Bereiche sowie gender-spezifische Differenzen in Ostdeutschland analysieren.


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Soziologie
HS: Soziales Kapital und Bürgerschaftliches Engagement

Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland

von: Christiane Landsiedel

 


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

1. Zum Begriff des „bürgerschaftlichen Engagements“  5

2. Empirische Untersuchungen 7

3. Besonderheiten des bürgerschaftlichen Engagements in den neuen Bundesländern  10

3.1 Traditionen der DDR, Institutionentransfer und engagementrelevante Folgen des Umbruchs 11

3.1.1 Traditionen 11
3.1.2 Besondere Probleme des Institutionentransfers 14
3.1.3 Engagementrelevante Folgen des Umbruchs 15

3.2 Engagementmotive und –Bereiche und Gender-spezifische Differenzen 17

3.2.1 Motive für bürgerschaftliches Engagement 17
3.2.2 Engagementbereiche 18
3.2.3 Frauen und bürgerschaftliches Engagement 19

4. Erklärungsansätze 19

4.1 Bestimmungsfaktoren für bürgerschaftliches Engagement in den neuen Ländern 20

4.1.1 Die Ressourcen der DDR-Gesellschaft 20
4.1.2 Der unvollständige Transfer 21
4.1.3 Nähe zur Erwerbsarbeit 22

4.2 Defizit oder Differenz?  23

5. Barrieren für bürgerschaftliches Engagement 26

6. Resümee 27

Bibliographie 30


 

Einleitung

Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Selbsthilfe können in Deutschland auf eine lange Tradition zurückblicken und sind in vielen gesellschaftlichen Bereichen von großer Bedeutung. Erst in den letzten Jahren aber hat sich ein Bewusstsein herausgebildet, welches die Vielfalt der einzelnen Bereiche, Formen und Initiativen als Ganzes betrachtet, "als ein gesellschaftliches Handlungsfeld eigener Art". 1 Die aktuelle Präsenz des „Modebegriffs“ Bürgerschaftliches Engagement in Anstalten und Medien lässt sich nicht von der Hand weisen. 2 Bürgerschaftliches Engagement als „Hit der Saison“ gewann noch zusätzlich an Aufmerksamkeit durch das vo n den Vereinten Nationen initiierte "Internationale Jahr der Freiwilligen" (IJF) - das Jahr 2001 - sowie durch die Einsetzung der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, deren Aufgabe in der Analyse der „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ 3 lag. Mehr und mehr wird der Bereich des bürgerschaftlichen Engagements damit auch zu einem eigenständigen Politikfeld. Die Aktualität des Themas bürgerschaftliches Engagement spiegelt sich in der emotionalen Aufgeladenheit von Befürchtungen über seinen Verfall, der mit dem Verlust des gesellschaftlichen „Kitts“ einhergeht, ebenso wie in der „Hoffnung auf die aktiven Bürger, die [...] bereits dabei seien, sich von allen institutionellen Fesseln zu befreien, die sie bislang am Aktivwerden gehindert hätten“. 4 Roland Roth bezeichnet bürgerschaftliches Engagement als „ungehobenen Schatz, um dessen Bergung sich die politischen und gesellschaftlichen Institutionen auch im eigenen Interesse schleunigst bemühen sollten“. 5 Diese Diskussion unterstreicht die Bedeutsamkeit bürgerschaftlicher Aktivitäten für ein lebendiges, intaktes Gemeinwesen. Im Hinblick auf die Zukunft des Wohlfahrtsstaates knüpft sich an bürgerschaftliches Engagement „die Hoffnung, auf diese Weise Potenziale für soziale Unterstützung und solidarisches Handeln in der Gesellschaft gewinnen und fördern zu können“. 6

Herrscht über die Bedeutsamkeit des Themas im politischen als auch wissenschaftlichen Dialog weitgehend Einvernehmen, so ist es um die empirische Beschreibung weitaus schlechter bestellt. Der Stand des empirischen Wissens über bürgerschaftliches Engagement lässt keine eindeutige Aussage über die Häufigkeitsverteilung zwischen Ost- und Westdeutschland zu. Jedoch überwiegen Analysen, die zum Ergebnis kommen, dass ein größeres Engagement in Westdeutschland vorherrscht. Das Fehlen einer konsistenten Empirie Studien erschwert die Klärung dieser Frage.7

In meiner Arbeit werde ich mich auf einige Kernanalysen beziehen um die Frage, ob sich das bürgerschaftliche Engagement in Ost und West bezüglich Quantität und Qualität unterscheidet, zu beantworten. Gibt es Besonderheiten des bürgerschaftlichen Engagements in den neuen Bundesländern? Hierzu werde ich Traditionen der DDR beleuchten. Darüber hinaus werde ich mich mit besonderen Problemen des Institutionentransfers von West nach Ost sowie engagementrelevanten Folgen des Umbruchs beschäftigen und in diesem Kontext einen Ausschnitt des „breiten Beziehungsfeldes gesellschaftlicher Entwicklungs- und Veränderungstrends“8 beleuchten, die vermehrt auf die Lebenshaltung großer Teile der Bevölkerung Einfluss nehmen. In einem nächsten Schritt werde ich ostdeutsche Engagementmotive und –Bereiche sowie gender-spezifische Differenzen in Ostdeutschland analysieren. Danach werde ich verschiedene Erklärungsansätze analysieren, indem ich wichtige Bestimmungsfaktoren für bürgerschaftliches Engagement in den neuen Ländern benenne und deren Einfluss analysiere: Welche Rolle spielen Ressourcen der DDR-Gesellschaft? Wie wirkt sich die besondere Transformationssituation der neuen Länder auf bürgerschaftliches Engagement aus? Warum kommt es zu einer größeren Nähe des ostdeutschen Engagements zur Erwerbsarbeit? Schließlich werde ich versuchen zu klären, ob es sich bei bürgerschaftlichem Engagement in den neuen Ländern um eine defizitäre oder um eine differenzierte Entwicklung handelt. Im vorletzten Schritt werde ich Barrieren für Engagement untersuchen. Hierzu werde ich mich mit Hemmnissen beschäftigen, die einem Einstieg in bürgerschaftliches Engagement entgegenstehen und somit bewirken, dass das in der Bevölkerung bestehende engagementbezogene Interesse nur beschränkt realisiert wird „und somit ein umfangreiches ‚Humanpotenzial’ in der Latenz verbleibt“9. Im Resümee werde ich die Hauptbefunde zusammenfassen und einen Ausblick geben. Doch zunächst folgt eine Klärung des Begriffs bürgerschaftliches Engagement.

1. Zum Begriff des „bürgerschaftlichen Engagements“

Eine klare Umreißung des Begriffs fällt schwer, denn dieser fasst weit mehr als das klassische Ehrenamt. Es gibt in Deutschland noch keine allgemein akzeptierte Bezeichnung für dieses Feld. So stellt sich die Frage, ob es um Arbeit („Freiwilligenarbeit“), um soziales und politisches Engagement („Bürgerengagement“), um bestimmte Ämter und Funktionen („Ehrenämter“) in gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen oder um Selbsthilfegruppen bzw. selbst organisierte Initiativen und Projekte, wie bspw. im Gesundheitsbereich, geht.10 All dies ist gemeint. Der Begriff ist also durchaus nicht eindeutig. Empirisch gesehen fasst dieser alle Aktivitäten jenseits einer [...] Intim- und Privatsphäre, zu der in unserer Gesellschaft z.B. Familien, aber auch wesentliche ökonomische Aktivitäten, wie die Erwerbsarbeit gehören, und unterhalb der im engeren Sinne staatlichen Handlungssphäre, die weitgehend bürokratischer Rationalität folgt.11 Roland Roth benennt folgende Dimensionen, die bürgerschaftliches Engagement konstituieren:
- Konventionelle und neuere Formen der politischen Beteiligung, gemeint ist ehrenamtliches Engagement wie bspw. die Mitarbeit in Parteien, aber auch Bürgerinitiativen und soziale Bewegungen. Eine unmittelbare politische Beteiligung gilt als charakteristisches Kennzeichen und kann sowohl gesetzlich geregelter als auch informeller Natur sein bis hin zu unabhängigen Formen der Mobilisierung in Initiativen oder Protesten.
- Die freiwillige bzw. ehrenamtliche Wahrnehmung öffentlicher Funktionen. Hierzu zählen Schöffen sowohl als auch Bürgervereine, die vormals kommunale Einrichtungen selbständig betreiben oder deren Leistungen durch ihr Engagement aufwerten.
- Klassische und neue Formen des sozialen Engagements, wie z.B. das klassische soziale Ehrenamt in Wohlfahrtsverbänden, das freiwillige soziale/ökologische Jahr, aber auch die sogenannte „neue“ Ehrenamtlichkeit, die von Freiwilligenagenturen und Ehrenamtsbörsen vermittelt wird.
- Klassische und neue Formen der gemeinschaftsorientierten, moralökonomischen bzw. von Solidarvorstellungen geprägten Erwerbs- und Eigenarbeit, deren Charakteristikum in moralökonomischen Elementen liegt im Gegensatz zur regulären Erwerbsarbeit. Hierbei reicht die Bandbreite von der traditionellen Nachbarschaftshilfe, über Genossenschaften bis zu Seniorenservice-Zentren. Die Grenzen zur Erwerbsarbeit sind fließend und die Intention der Projekte mehrdimensional.
- Klassische und neue Formen von gemeinschaftlicher Selbsthilfe und andere gemeinschaftsbezogene Aktivitäten, wie bspw. Selbsthilfegruppen für spezifische Krankheitsbilder, aber auch Kinder- und Jugendarbeit von Sportvereinen. Oft sind die Übergänge von Selbstbezug zu bürgerschaftlichem Engagement unscharf. 12

[...]


1 Von Rosenbladt, Bernhard (2000): Freiwilliges Engagement in Deutschland: Gesamtbericht, Ergebnisse der Repräsentativerhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Band 1, Stuttgart/ Berlin/Köln: , S. 16.

2 Klages, Helmut; Gensicke, Thomas (1998): Bürgeschaftliches Engagement 1997. In: Meulemann, Heiner (Hg.): Werte und nationale Identität im vereinten Deutschland. Erklärungsansätze der Umfrageforschung. Opladen: Leske+Budrich, S. 177.

3 Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages (2002): Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft. Opladen: Leske+Budrich.

4 Roth, Roland (2002): Chancen und Hindernisse bürgerschaftlichen Engagements in den neuen Bundesländern. In: Backhaus-Maul, Holger; Ebert, Olaf; Jakob, Gisela; Olk, Thomas: Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland. Opladen: Leske+Budrich, S. 20.

5 Ebd., S. 20.

6 Von Rosenbladt, S. 33.

7 Roth, S. 26.

8 Ebd., S. 22.

9 Roth, S. 20.

10 Von Rosenbladt, S. 16.

11 Roth, S. 26.

12 Roth., S. 22f.


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