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Kommunikationsmodelle in Shanghai: Selbstdefinition durch individuelle Sprachformen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 32 Pages
Author: Anja Schmidt
Subject: Orientalism / Sinology - Chinese / China

Details

Event: Kommunikative Strategien in Asien und Afrika
Institution/College: University of Hamburg
Tags: Kommunikationsmodelle, Shanghai, Selbstdefinition, Sprachformen, Kommunikative, Strategien, Asien, Afrika
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 32
Grade: gut
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German
Archive No.: V30317
ISBN (E-book): 978-3-638-31600-2
ISBN (Book): 978-3-638-76087-4
File size: 306 KB

Abstract

Betrachtet man die Bevölkerung Shanghais etwas näher, so wird ziemlich schnell deutlich, dass sie vor allem eins nicht ist: homogen. In der ganzen Stadt wimmelt es nur so vor Fremdsprachen, Dialekten und Aussprachevarianten. Das ist nicht weiter verwunderlich, da Shanghai nicht nur als internationaler Finanzmarkt Investoren, Geschäftsleute, Arbeiter und Glücksritter aus dem In- und Ausland anlockt, sondern auch als Kulturzentrum gilt, und sich daher Künstler und Freigeister in den Akademien und Bars der Stadt tummeln. Bereits vor der Gründung der Volksrepublik 1949 machten Immigranten zwei Drittel der Stadtbevölkerung Shanghais aus. Vor allem aus den Nachbarprovinzen Jiangsu und Zhejiang, sowie aus Guangdong strömten die Menschen nach Shanghai, um dort vor allem zu wirtschaftlichem Erfolg zu gelangen. Und dieser Trend setzte sich auch nach der Befreiung fort. So wurde in Shanghai eine vielschichtige Sprachgemeinschaft geschaffen, die ihre ganz eigenen Methoden für das Miteinander geschaffen hat. Sprache dient hier zur sozialen und regionalen Abgrenzung von anderen Gruppen und fördert gleichzeitig die Solidarität innerhalb der Gemeinschaft. Aber nicht nur Dialekte aus den verschiedenen Regionen Chinas spielen eine große Rolle in der Selbstdefinition der Shanghaier. Auch ausländische Sprachen fließen in den Sprachgebrauch ein und wirken sich auf die soziale Kompetenz eines jeden Bürgers aus. Zudem werden wir im Folgenden sehen, dass der Shanghaier ein Meister darin ist, sich seine ganz individuellen Kommunikationssysteme zu erschaffen, und dies vor dem Hintergrund einer auf Veränderung angelegten Stadtbevölkerung.


Excerpt (computer-generated)

Kommunikationsmodelle in Shanghai:
Selbstdefinition durch individuelle Sprachformen

von: Anja Schmidt

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Entstehung einer multilingualen Stadtbevölkerung 3

2.1. Wirtschaftliche Faktoren 4
2.2. Anziehungskraft einer Metropolregion 5
2.3. Verbreitung der Hochsprache 7
2.4. Kulturrevolution 9

3. Kommunikationssysteme 10

3.1. Shanghaihua 11
3.2. Putonghua 14
3.3. Regionaldialekte 15
3.4. Sonstige Sprachformen 16

4. Gebrauch der verschiedenen Systeme 16

4.1. Präferenzen 17
4.2. Kompetenzen und Sprachempfinden 19
4.3. Interaktion: Prozesse des Sprachwandels 23

5. Folgen 26

5.1. Identitätsprobleme 26
5.2. Individuelle Sprachsysteme 27

6. Entwicklungstendenzen 27

7. Anhang 29

7.1. Kommunikatives Profil Familie in Shanghai 29

8. Literaturverzeichnis 30


 

1. Einleitung

Betrachtet man die Bevölkerung Shanghais etwas näher, so wird ziemlich schnell deutlich, dass sie vor allem eins nicht ist: homogen. In der ganzen Stadt wimmelt es nur so vor Fremdsprachen, Dialekten und Aussprachevarianten. Das ist nicht weiter verwunderlich, da Shanghai nicht nur als internationaler Finanzmarkt Investoren, Geschäftsleute, Arbeiter und Glücksritter aus dem In- und Ausland anlockt, sondern auch als Kulturzentrum gilt, und sich daher Künstler und Freigeister in den Akademien und Bars der Stadt tummeln. Bereits vor der Gründung der Volksrepublik 1949 machten Immigranten zwei Drittel der Stadtbevölkerung Shanghais aus. Vor allem aus den Nachbarprovinzen Jiangsu und Zhejiang, sowie aus Guangdong strömten die Menschen nach Shanghai, um dort vor allem zu wirtschaftlichem Erfolg zu gelangen. Und dieser Trend setzte sich auch nach der Befreiung fort.1

So wurde in Shanghai eine vielschichtige Sprachgemeinschaft geschaffen, die ihre ganz eigenen Methoden für das Miteinander geschaffen hat. Sprache dient hier zur sozialen und regionalen Abgrenzung von anderen Gruppen und fördert gleichzeitig die Solidarität innerhalb der Gemeinschaft. Jos Gamble schreibt zur Sprachsituation in China im Allgemeinen: „In China, dialect is a crucial marker in definitions of self and others. It is a key way in which distinctions between ‘inside’ and ‘outside’, inclusion and exclusion, are created.”2 Aber nicht nur Dialekte aus den verschiedenen Regione n Chinas spielen eine große Rolle in der Selbstdefinition der Shanghaier. Auch ausländische Sprachen fließen in den Sprachgebrauch ein und wirken sich auf die soziale Kompetenz eines jeden Bürgers aus. Zudem werden wir im Folgenden sehen, dass der Shanghaier ein Meister darin ist, sich seine ganz individuellen Kommunikationssysteme zu erschaffen, und dies vor dem Hintergrund einer auf Veränderung angelegten Stadtbevölkerung.

2. Entstehung einer multilingualen Stadtbevölkerung

Mit einer Bevölkerungszahl von über 16 Millionen3 gehört der Verwaltungsbezirk Shanghai zu den beliebtesten Lebensräumen in China. Als ich während eines Aufenthalts in Hangzhou, in der Nachbarprovinz Zhejiang, einige Chinesen fragte, was ihr größter Traum sei, antworteten alle mit: „In Shanghai zu arbeiten“. Auf die Frage warum, erhielt ich die Antwort, dass es in Shanghai mehr und besser bezahlte Arbeit, sowie bessere soziale Absicherung gebe – ohnehin besäße Shanghai alles, was das moderne Leben zu bieten habe.

Die Geschichte Shanghais wurde von mehreren Phasen der Zu- und Abwanderung bestimmt, die von politischen und wirtschaftlichen Ereignissen geprägt wurden. Vor allem bei der wirtschaftlichen Entwicklung Shanghais kann man Parallelen zur verstärkten Beliebtheit der Stadt erkennen. Aber auch die aufblühende Kulturszene hat zum Ansehen der Stadt beigetragen (siehe: Kap.2.2.). Tabelle 1: Zu- und Abwanderung nach/aus Shanghai, 1970-19944 [Tabelle in der Downloaddatei vorhanden] Diese demographischen Entwicklungen (siehe: Tabelle 1) waren aber nicht allein bestimmend für die sprachliche Situation, wie sie heute in Shanghai zu finden ist. Auch in der Verbreitung der Hochsprache, des Putonghua, sowie in der Kulturrevolution lassen sich Gründe für die vielschichtige Kommunikationsgemeinschaft finden. Zunächst werde ich mich jedoch mit den wirtschaftlichen Einflüssen beschäftigen, die bereits vor einigen Jahrhunderten den Grundstein für den Aufstieg Shanghais geliefert haben.

2.1. Wirtschaftliche Faktoren

Die heutige Stadt Shanghai war aufgrund ihrer Küstennähe bereits zur Song- und Yuan-Dynastie ein wichtiger Wirtschaftsstandort und war im 13. Jahrhundert regionales Handelszentrum. Von einem Binnenhafen entwickelte sich die Stadt dann im 19. und 20. Jahrhundert zu einer internationalen Industrie- und Finanzmetropole und war 1930 bereits die siebtgrößte Stadt der Welt. 5 Vor allem der Reichtum an natürlichen Ressourcen, sowie die Entwicklung eines Talentpools (auch: human resources) stärkten die regionale Position Shanghais und brachten mit der wirtschaftlichen Macht auch politische Freiheiten mit sich.6 In den Anfangsjahren der Volksrepublik (1950-54) brachte der Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg eine Schwemme von Zuwanderern in die Stadt.7 Doch die politische Führungsriege blickte mit Skepsis auf die kosmopolitische Metropole, und ihre wirtschaftliche Position sollte fortan auf den Binnenmarkt beschränkt werden. Fast alle Ausländer verschwanden aus Shanghai und somit auch ihre Einflüsse auf die städtische Sprachkultur. 8 Von nun an übernahm Shanghai die wirtschaftliche Vorreiterrolle in der VR, und „Made in Shanghai“ wurde zum Qualitätsmerkmal. Die Zuwanderung wurde durch strikte Planung9 begrenzt und verlieh so der Shanghaier Bevölkerung eine Privilegstellung – schließlich war die reiche Metropole für die meisten in unerreichbare Ferne gerückt.10 Der Große Sprung nach Vorn (1958-60) brachte jedoch viele, wenn teilweise auch nur temporäre, Abwanderungen mit sich. Das Land sollte aufgebaut werden, und dafür waren gerade die hochqualifizierten Shanghaier von Nutzen.11

[...]


1 Sit, S.109

2 Gamble, S.82

3 Schüller, S.104

4 On, S.127

5 Gamble, S.5 ff.

6 On, S.119

7 Sit, S.108

8 Interkulturelle Spracheinflüsse vor 1949 siehe: Chao, Kap.14

9 Städtische Aufenthaltsgenehmigungen siehe: Gamble, S.68

10 Gamble, S.8 u. S.75

11 Sit, S.109


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