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Untersuchungen zur Phantastik in den Kurzgeschichten von Adolfo Bioy Casares

Magisterarbeit, 2004, 105 Seiten
Autor: Heiko Wessels
Fach: Romanistik - Lateinamerik. Sprache, Literatur, Landeskunde

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 105
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 80  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V30489
ISBN (E-Book): 978-3-638-31741-2

Dateigröße: 418 KB


Textauszug (computergeneriert)

 Philosophische Fakultät
der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn

Magisterarbeit

zur Erlangung des Grades eines Magister Artium M.A.

Untersuchungen zur Phantastik in den 
Kurzgeschichten von Adolfo Bioy Casares

von

Heiko Wessels

 

 

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung ... 1

2. Forschungsstand zum Phantastischen und zur Phantastik ... 3

3. Definition der phantastischen Literatur ... 9
3.1 Begriffsabgrenzung ... 9
3.2 Das Problem der Referentialität und der Fiktionalisierungsprozess ... 10
3.3 Realismus versus Phantastik ... 14
3.4 Erkennungsmerkmale phantastischer Texte ... 17
3.5 Phantastik im 20. Jahrhundert ... 19
3.6 Phantastik im Argentinien des 20. Jahrhunderts und Bioy Casares´ Konzeption phantastischer Literatur ... 21

4. „De los reyes futuros“ – Entfesselte Evolution ... 25
4.1 Das Übertreten der Schwelle – Eine semantisch-syntaktische Analyse ... 26
4.2 Der Einfluss der rhetorischen Ebene auf das Phantastische ... 40

5. Das Phantastische in „Los milagros no se recuperan“ – Die Widerlegung von Materie, Raum und Zeit ... 42
5.1 Spiegel & Doppelgänger – Eine Untersuchung der semantisch-syntaktischen Ebene ... 44
5.2 Die Unterstützung des Phantastischen auf der rhetorischen Ebene ... 54

6. „El héroe de las mujeres“ – Die Überschneidung von Traum und Wachsein ... 57
6.1 Die Akkumulation des Phantastischen – Untersuchung des Syntax ... 58
6.2 Das semantische Netz des Phantastischen ... 72
6.3 Die Bedeutung der rhetorischen Ebene für das Phantastische ... 76

7. Eine phantastische Weihnachtsgeschichte – „Encuentro en Rauch“  ... 79
7.1 Semantik und Syntax – Die Destabilisierung der Realität ... 80
7.2 Die rhetorische Unterstützung des phantastischen Konflikts ... 87

8. Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Ausblick ... 89

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

 

1. EINLEITUNG

In den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist zur Phantastik in den Romanen des Argentiniers Adolfo Bioy Casares viel geforscht worden. Dabei lag das Interesse in erster Linie bei den ersten berühmten Werken wie La invención de Morel (1940), Plan de evasión (1945), El sueño de los héroes (1954) oder den in Zusammenarbeit mit Borges entstandenen Werken. Suárez Coallas Arbeit Lo fantástico en la obra de Adolfo Bioy Casares (1994) stellt die einzige ausführliche Untersuchung des Phantastischen auch in neueren Romanen des Autors dar. Die Autorin setzt sich darin mit der Entwicklung seines Romanwerks auseinander. Zu Bioys Kurzgeschichten liegen meist nur Analysen einzelner Erzählungen vor, die keine diachrone Untersuchung der narrativen Struktur seines Werkes beinhalten. Die dazu bisher umfassendste und sehr ergiebige Untersuchung ist Curias La concepción del cuento en Adolfo Bioy Casares (1986, 1986a).

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist, anhand der Analyse von vier Kurzgeschichten das Funktionieren des Phantastischen und dessen Entwicklung repräsentativ für alle Kurzerzählungen Bioys innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu erarbeiten. Dieser Zeitraum erstreckt sich vom Beginn seines Erfolgs, der mit der Veröffentlichung von La invención de Morel in den vierziger Jahren in Argentinien begann, bis zu seinem Spätwerk in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die Arbeit beginnt mit einem theoretischen Teil, der zunächst den relevanten Forschungsstand zur Definition des Phantastischen und zur Phantastik darstellt. Darin wird die für die argentinische phantastische Literatur des 20. Jahrhunderts bedeutende Forschungskontroverse diskutiert, in deren Zentrum die vielbeachtete, umfangreiche, aber auch umstrittene Untersuchung Todorovs (1972) steht. Die Theorie Barrenecheas (1972, 1979, 1991), die das Phantastische als konfliktäre Koexistenz des lo normal und des lo a-normal begreift, wird in Verbindung mit dem hermeneutischen Ansatz von Reisz de Rivarola (1979) und Mignolo (1986) als Grundlage für die vorliegende Arbeit herangezogen.

Für eine Definition der phantastischen Literatur wird zunächst die in der Forschung herrschende Konfusion über die Verwendung der Begriffe das Phantastische und Phantastik geklärt. Im Anschluss daran schlägt die Arbeit eine Lösung des Referentialitätsproblems fiktionaler Texte vor und erläutert das Funktionieren des Fiktionalisierungsprozesses, um der Gattungsdefinition eine literaturwissenschaftliche Basis zu geben. Schließlich wird die Phantastik in Opposition zum Realismus definiert, wobei der Bezugsgrad des Textes zur außertextuellen Wirklichkeit das Definitionskriterium bildet. Damit diese abstrakte Form der Definition fassbarer wird, behandelt die Arbeit auch konkrete Erkennungsmerkmale phantastischer Literatur. Dabei wird der bereits im Forschungsstand deutlich gewordene Kontrast zwischen der Phantastik des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts hervorgehoben. Abschließend stellt die Arbeit den Entstehungshintergrund der argentinischen Phantastik des 20. Jahrhunderts und inbesondere die Einflüsse auf die Literaturkonzeption Bioy Casares´ dar.

Der praktische Teil wendet die erarbeiteten theoretischen Grundlagen auf eine Auswahl von Kurzgeschichten des Autors an. Diese sind in der Reihenfolge ihres ersten Erscheinungsjahres „De los reyes futuros“ aus dem Band La trama celeste (1948), „Los milagros no se recuperan“ aus El gran serafín (1962), die im gleichnamigen Band erschienene Erzählung „El héroe de las mujeres“ (1978) und die in Una muñeca rusa (1991) enthaltene Kurzgeschichte „Encuentro en Rauch“. Die ausgewählten Kurzerzählungen decken zusammen eine Veröffentlichungsspanne von dreiundvierzig Jahren ab und wurden mit einem Abstand von jeweils dreizehn bis sechzehn Jahren publiziert. So erfasst die vorliegende Arbeit einerseits einen möglichst breiten und damit repräsentativen Untersuchungszeitraum und kann andererseits durch die gleichmäßige Verteilung der „Stichproben“ ein besonders aussagekräftiges Bild über die Entwicklung des Phantastischen in Bioy Casares Kurzgeschichten vermitteln. Die einzelnen Texte werden auf die für das Phantastische maßgeblichen Elemente und Strukturen der syntaktischen, semantischen und rhetorischen Ebene hin analysiert. Die syntaktische Analyse der Kurzgeschichten beinhaltet in erster Linie die Verwendung der noch zu definierenden „Leerstellen“ und deren Auflösungen nach Campra (1985, 1991). Die semantisch-räumliche Struktur wird anhand der Theorie Lotmans (41993) untersucht. Diese erfasst modellhaft die Sinnstruktur narrativer Texte, in denen das Ereignis der „Grenzüberschreitung“ eines Helden (oder Antihelden) im Kontext zweier semantisch oppositiv besetzter Räume erfolgt. Die Untersuchung der Erzählebene orientiert sich vor allem an Genette (1972, 1972a) und beinhaltet die Analyse der Erzählinstanz und des Erzähltempos, welche durch eine besondere Betrachtung des Humors ergänzt wird. Aufgrund der engen Verflechtung der Ebenen ergeben sich für die Analyse der Kurzgeschichten unterschiedlich starke Überschneidungen. Je nach Komplexität werden die Ebenen in den einzelnen Kurzgeschichten zusammen oder differenziert behandelt.

Das letzte Kapitel der vorliegenden Arbeit fasst die Ergebnisse der vorangegangenen Untersuchung zusammen und bewertet diese vergleichend. Es werden Konstanten und Schwerpunktverschiebungen in der narrativen Struktur der untersuchten Kurzerzählungen aufgezeigt, die für das Phantastische maßgeblich sind. Die Arbeit endet mit einem Ausblick auf die aktuelle und zukünftige Bedeutung der oft als „hedonistisch“ und „eskapistisch“ kritisierten Literaturgattung der Phantastik. 

2. FORSCHUNGSSTAND ZUM PHANTASTISCHEN UND ZUR PHANTASTIK 

Die Phantastik ist oft aus einem literarhistorischen Kontext heraus definiert worden. Die betreffenden Forscher kommen dabei zu ähnlichen Ergebnissen. So grenzt Castex in seinem Werk Le conte fantastique en France de Nodier à Maupassant (1951/71987) die Phantastik von den Mythen und Märchen ab: „Le fantastique, en effet, ne se confond pas avec l´affabulation conventionelle des récits mythologiques ou des feérries“ (8). Er datiert die Entstehung der französischen Phantastik zwischen 1830 und 1890, welche ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert besitze (10) und beendet seinen Untersuchungszeitraum Anfang des 20. Jahrhunderts mit Kafka (406). Das Phantastische wird als Einbruch des Mysteriums in den Bereich des realen Lebens verstanden, dass in der Regel mit Angst verbunden ist:

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