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Gender - Migration - Flucht - Theoretische Analysen und ausgewählte Fallbeispiele

Diploma Thesis, 2004, 117 Pages
Author: MMag. M.A. Gisela Spreitzhofer
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2004
Pages: 117
Grade: Gut (2)
Bibliography: ~ 105  Entries
Language: German
Archive No.: V30616
ISBN (E-book): 978-3-638-31833-4
ISBN (Book): 978-3-638-74859-9
File size: 558 KB

Abstract

Im vergangenen Jahrhundert brachen so viele Menschen wie noch nie zuvor in der Weltgeschichte in andere Erdteile auf. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg verdichteten sich die globalen Migrationsströme enorm. Dies gilt sowohl für freiwillige Auswanderung aus primär wirtschaftlichen Gründen – wobei sich die „Freiwilligkeit“ vielfach auf die Einsicht in die Notwendigkeit beschränkt – als auch für erzwungene Flucht. Mediale Darstellungen dieses Phänomens geizen nicht mit plakativen Slogans: Die Rede ist von einer „neuen Völkerwanderung“, vom „Jahrhundert der Flüchtlinge“, vom „vollen Boot“. Beinahe täglich finden sich Berichte über Schlepperbanden und „Scheinasylanten“ sowie Bilder von Flüchtlingslagern mit unzähligen ausgemergelten, verzweifelten Menschen in den Nachrichten. Die Massenmedien und so manche PolitikerInnen zeichnen für die negativen Bilder verantwortlich, die sich in den Köpfen vieler festgesaugt haben: MigrantInnen und Flüchtlinge als Transporteure von Drogen, Kriminalität, Krankheiten wie Aids, Fundamentalismus und Terrorismus. Diese Arbeit beleuchtet den Themenkomplex Migration und Flucht aus einer geschlechtssensiblen Perspektive. Die Lage von Frauen in Migrations- und Fluchtsituationen wird zeitübergreifend und generalisierend dargestellt – im Bewusstsein, dass Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen keine homogene Gruppe bilden. Aber sie teilen typischerweise eine Reihe von Erfahrungen und Problemen, die als frauenspezifisch bezeichnet werden können. Diese Gemeinsamkeiten im Status und im Dasein dieser „Grenzgängerinnen“ sollen unter Einbezug des globalen politischen und wirtschaftlichen Kontextes herausgearbeitet werden.


Excerpt (computer-generated)

Gender – Migration – Flucht
Theoretische Reflexionen und ausgewählte Fallbeispiele

DIPLOMARBEIT

zur Erlangung des Magistragrades der Philosophie
an der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften der Universität Wien,
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie

eingereicht von

Gisela Spreitzhofer

Wien, im Oktober 2004

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungen ... 3

1 Einleitung ... 4
1.1 Allgemeine Einführung ... 4
1.2 Forschungsstand, Fragestellung und Methode ... 5

2 Die Bedeutung globaler Wanderungsbewegungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ... 7
2.1 Was ist Migration? ... 8
2.2 Flucht als besondere Form von Migration ... 10
2.2.1 Abgrenzungsfragen: Wer zählt als Flüchtling? ... 10
2.2.2 Flüchtlingsschutz weltweit ... 16
2.2.3 Zur Wahrnehmung von Flüchtlingen ... 24
2.2.4 Flüchtlingsforschung und Ethnologie ... 26
2.3 Internationale Migration: Historische Einbettung, Zahlen, regionale Unterschiede und Trends ... 28

3 Die Ausblendung sowie Sichtbarmachung von Frauen in der Migrationsforschung ... 35
3.1 Wo sind die Migrantinnen? ... 35
3.2 Gender als analytische Kategorie ... 41

4 Warum Frauen wandern ... 48
4.1 Erklärungsansätze zu freiwilliger Migration ... 49
4.1.1 Geschlechtsneutrale Theorien ... 49
4.1.1.1 Neoklassische Ökonomie ... 49
4.1.1.2 Theorie des dualen Arbeitsmarktes ... 50
4.1.1.3 The New Economics of Migration ... 50
4.1.1.4 Weltsystemtheorie und Neomarxismus ... 51
4.1.1.5 Migrationsnetzwerke ... 52
4.1.1.6 Transnationale Räume und Identitäten ... 53
4.1.2 Frauenspezifische Theorien ... 54
4.1.2.1 Neoklassik ... 54
4.1.2.2 Behaviorismus ... 54
4.1.2.3 Strukturalismus ... 55
4.1.2.4 Haushaltsstrategien ... 55
4.2 Ursachen von Flucht ... 56
4.2.1 Geschlechtsneutrale Gründe ... 56
4.2.2 Frauenspezifische Gründe ... 58

5 Veränderte Geschlechterrollen und Identitätskrisen als Folge migratorischer Prozesse ... 63
5.1 (Re-)konstruierte Weiblichkeit und Männlichkeit ... 63
5.2 Die wechselseitige Beeinflussung von Geschlechterbeziehungen und Migrationsprozess ... 68
5.2.1 Noch im Herkunftsland ... 68
5.2.2 Der Grenzübertritt ... 69
5.2.3 Im Aufnahmeland ... 69
5.3 Migrations- und Fluchtbewegungen und ihr Einfluss auf weibliche Identitäten ... 70

6 Spezifische Erfahrungen und Probleme migrierender Frauen ... 74
6.1 Migrantinnen als Opfer von Diskriminierungen ... 74
6.2 Wie sich Gender auf Fluchtsituationen auswirkt ... 77
6.3 Kontrolle über weibliche Körper: Sexuelle Gewalt gegen Flüchtlingsfrauen ... 80

7 Frauen im Asyl- und Flüchtlingsrecht ... 85
7.1 Geschlechtsspezifische Verfolgung: zunehmende Anerkennung als Fluchtgrund ... 86
7.2 Weibliche Flüchtlinge im Asylverfahren ... 90

8 Frauen in Flüchtlingslagern und in Aufnahmeländern ... 93
8.1 Einige Aspekte des Lagerlebens ... 93
8.1.1 Gesundheit ... 93
8.1.2 Bildung ... 96
8.1.3 Erwerbstätigkeit ... 97
8.2 Alltag im Exil ... 98

9 Abschliessende Bemerkungen ... 100
9.1 Fazit: Die „femina migrans“ als „global player“ ... 100
9.2 Zukünftige Richtungen einer gendersensiblen Migrationsforschung ... 102
9.3 Lehren für die Politik ... 103

Quellen ... 106
Bibliografie ... 106
Urlgrafie ... 114

 

1.1 Allgemeine Einführung
Im vergangenen Jahrhundert brachen so viele Menschen wie noch nie zuvor in der Weltgeschichte in andere Erdteile auf. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg verdichteten sich die globalen Migrationsströme enorm. Dies gilt sowohl für freiwillige Auswanderung aus primär wirtschaftlichen Gründen – wobei sich die „Freiwilligkeit“ vielfach auf die Einsicht in die Notwendigkeit beschränkt – als auch für erzwungene Flucht. Mediale Darstellungen dieses Phänomens geizen nicht mit plakativen Slogans: Die Rede ist von einer „neuen Völkerwanderung“, vom „Jahrhundert der Flüchtlinge“, vom „vollen Boot“. Beinahe täglich finden sich Berichte über Schlepperbanden und „Scheinasylanten“ sowie Bilder von Flüchtlingslagern mit unzähligen ausgemergelten, verzweifelten Menschen in den Nachrichten. Die Massenmedien und so manche PolitikerInnen zeichnen für die negativen Bilder verantwortlich, die sich in den Köpfen vieler festgesaugt haben: MigrantInnen und Flüchtlinge als Transporteure von Drogen, Kriminalität, Krankheiten wie Aids, Fundamentalismus und Terrorismus (vgl. Nuscheler 1995:23).

In der Tat sind Migrations- und Fluchtbewegungen politisch heiß umstrittene, hoch aktuelle Themen. Aus diesem Grund habe ich mich auch dafür entschieden, zu diesem Gebiet meine Diplomarbeit zu verfassen: Meiner Ansicht nach sind insbesondere SozialwissenschaftlerInnen dazu aufgerufen, zu gesellschaftlich brisanten Themen Stellung zu nehmen. Gerade die Migrationsforschung bzw. die Refugee Studies als Teilbereich davon führen der Anthropologie ihre verantwortungsvolle Rolle vor Augen, was Gingrich (2002:17) folgendermaßen formuliert: „For what purpose are we pursuing our scholarly work, if it does not sooner or later yield something for the benefit of humanity?” Die Rechtfertigung jeder wissenschaftlichen Tätigkeit besteht für mich in der Anwendbarkeit für die Gesellschaft.

Mein Interesse an Gender Studies bewog mich dazu, den Themenkomplex Migration und Flucht aus einer geschlechtssensiblen Perspektive zu beleuchten. Ich möchte die Lage von Frauen in Migrations- und Fluchtsituationen zeitübergreifend und generalisierend darstellen – wenngleich ich mir dessen bewusst bin, dass Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen keine homogene Gruppe bilden. Aber sie teilen typischerweise eine Reihe von Erfahrungen und Problemen, die als frauenspezifisch bezeichnet werden können. Meine Absicht ist es, diese Gemeinsamkeiten im Status und im Dasein dieser „Grenzgängerinnen“ (Jansen/Rohr 2002) unter Einbezug des globalen politischen und wirtschaftlichen Kontextes herauszuarbeiten.

1.2 Forschungsstand, Fragestellung und Methode
Ungefähr jede zweite transnationale Wanderung wird von einer Frau unternommen; in den weltweiten Fluchtbewegungen bilden Frauen und Mädchen sogar klar die Mehrheit. Diesen eindeutigen Fakten wurde in der Literatur lange Zeit nicht ausreichend Rechnung getragen. Männliche Migranten wurden als die Norm betrachtet, und die Beschäftigung mit Frauen war allenfalls ein „Bindestrich“-Thema. Erst jüngere Forschungsarbeiten der vergangenen beiden Dekaden begannen der Kategorie Geschlecht mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Aber auch heute noch werden Migrantinnen in den alltäglichen Wahrnehmungen wie im wissenschaftlichen Diskurs oft aus einer androzentrischen Perspektive betrachtet.

Diese Arbeit dient dazu aufzuzeigen, wie essenziell die Berücksichtigung von Gender-Aspekten für das Verständnis von Migrations- und Fluchtbewegungen ist. Hintergründe und Motive der Migrationsentscheidung, Erlebnisse und Schwierigkeiten während der Wanderung, der rechtliche Rahmen, die Lebensbedingungen im Exilland – dies sind nur einige Bereiche, die Männer und Frauen in unterschiedlicher Weise betreffen. Mein Ziel ist es, ein möglichst breites thematisches Spektrum genderspezifischer Probleme im Zuge migratorischer Prozesse abzudecken. Zu diesem Zweck werde ich nach einigen grundlegenden Feststellungen zu internationalen Wanderungsbewegungen in Kapitel 2 Antworten auf folgende Fragen suchen:

  • Kapitel 3: Wie konnte es dazu kommen, dass Frauen in der Migrationsforschung so lange unbeachtet blieben? Obwohl Frauen in den internationalen Wanderungsbewegungen stark vertreten waren bzw. sind, wurden sie von der Forschung bis in die jüngste Vergangenheit vernachlässigt.
  • Kapitel 4: Welche Ansätze wurden zur Erklärung weiblicher freiwilliger und unfreiwilliger Wanderung entwickelt? Sowohl angeblich geschlechtsneutrale als auch speziell für weibliche Wanderungen aufgestellte Theorien sollen vorgestellt werden.
  • Kapitel 5: Inwiefern ändern sich Geschlechterrollen und Identitätskonstruktionen während der Migration? Jede Migration impliziert einen Wechsel des sozialen und räumlichen Kontextes, was traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit ins Wanken bringt und zur Hinterfragung der eigenen Identität führt.
  • Kapitel 6: Worin bestehen die besonderen Probleme und Erfahrungen migrierender Frauen? Mehr noch als Migranten laufen Migrantinnen Gefahr, Opfer von Diskriminierungen und sexueller Gewalt zu werden.
  • Kapitel 7: Welchen Status haben Frauen im Asyl- und Flüchtlingsrecht? Zwar besteht die zunehmende Tendenz, geschlechtsspezifische Verfolgung als Fluchtgrund anzuerkennen, doch das Asylverfahren ist noch zu wenig sensibel für die spezifischen Bedürfnisse von flüchtenden Frauen.
  • Kapitel 8: Unter welchen Bedingungen leben weibliche Flüchtlinge in Flüchtlingslagern und in Aufnahmeländern? Nach der Betrachtung von drei Aspekten des Lagerlebens – Gesundheit, Bildung und Erwerbstätigkeit – soll der Alltag im Exil überblicksartig dargestellt werden.

Die Recherchen für die Darstellung meines Themas „Gender – Migration – Flucht“ beruhten auf dem Studium einer Vielzahl von Quellen. Diese stammten zu etwa gleichen Teilen aus dem deutsch- sowie dem englischsprachigen Raum, sodass Stimmen aus verschiedensten geografischen Räumen Berücksichtigung finden konnten. Im Bestreben, mich der Problematik auf vielseitige Weise zu nähern, verwendete ich folgende Arten von Quellen: An erster Stelle standen theoretische Analysen, so etwa zur Abgrenzung zwischen Flucht und Migration, zu deren Ursachen, zur mangelnden Präsenz von Frauen in der Migrationsforschung und zu Identitätskrisen. Als hilfreich erwiesen sich weiters Ergebnisse empirischer Studien, insbesondere hinsichtlich der Situation von Frauen in Flüchtlingslagern und Aufnahmeländern. Ebenfalls in die Arbeit integriert wurden Stellungnahmen von internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen, allen voran vom Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen (UNHCR). Um das Thema nicht nur aus einer soziologischen, sondern auch aus einer juristischen Perspektive zu beleuchten, wurden schließlich auch internationale Konventionen, beispielsweise die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK), und juristische Gutachten, so über die asylrechtliche Aufnahmesituation verfolgter Frauen, herangezogen.

Methodisch steht die Arbeit im Geist der auf den französischen Historiker und Philosophen Michel Foucault zurückgehenden wissenschaftlichen Diskursanalyse. Grob vereinfacht ist der Terminus „Diskurs“ zu begreifen als das Verständnis von Wirklichkeit in einer bestimmten Epoche, das unter anderem in der Sprachverwendung seinen Niederschlag findet. Welcher Sprecher was in welchem Kontext bzw. in Bezug auf welches Wissensgebiet sagen kann, soll oder nicht sagen darf, wird durch die Regeln des Diskurses determiniert. Ziel der Diskursanalyse ist es, gesellschaftlich institutionalisierte Diskursfelder zu beleuchten und zu entlarven, wie bestimmte Begriffe, Metaphern und Argumentationsmuster zur Konstitution, Definition und Modifikation von Themen beitragen und dadurch Wahrnehmung, Denken und Handeln von Individuen steuern.

2 Die Bedeutung globaler Wanderungsbewegungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Migration ist das Thema des ausklingenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts geworden und steht im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit. Manche ExpertInnen bezeichnen unsere Zeit sogar als „the age of migration“ schlechthin (z.B. Castles/Miller 1998).

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