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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 31 Pages
Author: MMag. M.A. Gisela Spreitzhofer
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology
Details
Tags: Matriarchatsforschung, Vergangenheit, Gegenwart, Matriarchate, Lateinamerika
Year: 2002
Pages: 31
Grade: Sehr gut
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-31836-5
ISBN (Book): 978-3-638-68293-0
File size: 497 KB
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Abstract
Die funktionalistische Ethnologie hatte das Thema „Matriarchat“ schon ad acta gelegt – dennoch wird heute erneut debattiert, ob nichtpatriarchale Gesellschaften eine archaische Wirklichkeit, einen „Mythos“ oder eine Utopie verkörpern. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Forschungssituation zum Thema sehr zum Positiven gewandelt: Untersuchungen von Ethnologinnen beschäftigten sich mit dem lange in der Wissenschaft vorherrschenden „male bias“, der Prägung durch männerzentrierte Sichtweisen und Aussagen. Empirische Fallstudien von Wildbeutern bis zu bäuerlichen Gesellschaften, darunter etwa die Studien Eleanor Leacocks über die historischen Geschlechterverhältnisse bei den Montaignais in Kanada oder Alice Schlegels Studien über die Frauen in den Hopi-Reservaten, wurden begleitet von neuen theoretischen Ansätzen jenseits der Matriarchatsdebatte, die der Erfassung sozialer und politischer Prozesse in „geschlechtsegalitären“ oder „geschlechtssymmetrischen“ Gesellschaften dienen sollten. Das neu erwachte Interesse an „Frauenmacht ohne Herrschaft“ ist unter anderem darin begründet, dass der androzentrisch geprägte, mit Herrschaft verbundene Machtbegriff zunehmend hinterfragt wird. Lange galt es als patriarchale Selbstverständlichkeit, dass jede Gesellschaft Befehlende und Gehorchende kennt; dabei wurde übersehen, dass sich bis heute trotz Kolonisierung und Missionierung matriarchale Gesellschaften mit Beratenden und freiwillig Akzeptierenden erhalten haben. In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst einen Überblick über die frühen Matriarchatsdebatten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bieten: MatriarchatsforscherInnen der ersten Stunde wie Bachofen und Morgan werden erläutert werden. Danach werde ich neuere Ansätze über „herrschaftsfreie Gesellschaften“, etwa von Leacock, Schlegel oder Göttner-Abendroth, zur Sprache bringen. Es folgt die Suche nach Erklärungsmodellen für den historischen Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. Schließlich werde ich zwei ethnografische Beispiele noch heute existierender matriarchaler Gesellschaften im mesoamerikanischen Raum (Cuna, Juchitán) besprechen. Eine Conclusio wird am Ende meiner Arbeit stehen.
Excerpt (computer-generated)
SE Gender-Studies in und über Lateinamerika
SS 2002
Gruppe: Komplementarität, Geschlechterantagonismus, Hierarchie
Matriarchatsforschung in Vergangenheit und Gegenwart
&
Zwei verbliebene Matriarchate in Lateinamerika
von
Gisela Spreitzhofer
Inhaltsverzeichnis
1 MATRIARCHATSFORSCHUNG: EIN ZEITGEMÄßES THEMA? 2
2 EINIGE „KLASSIKER“ DER MATRIARCHATSDEBATTE 3
2.1 JOSEPH-FRANÇOIS LAFITAU 4
2.2 JOHANN JAKOB BACHOFEN 4
2.3 LEWIS HENRY MORGAN 6
2.4 JOHN FERGUSON MCLENNAN 6
2.5 EDWARD ALEXANDER WESTERMARCK 7
2.6 WILHELM WUNDT 7
2.7 FRIEDRICH ENGELS 8
2.8 MATHILDE VAERTING 9
2.9 BERTHA ECKSTEIN-DIENER 9
3 NEUERE ANSÄTZE: MATRIARCHATE ALS HERRSCHAFTSFREIE RÄUME 10
3.1 DEFINITION VON MATRIARCHAT 11
3.2 EMPIRISCHE ZUGÄNGE 13
3.3 THEORETISCHE ZUGÄNGE 15
4 WIE DAS PATRIARCHAT DAS MATRIARCHAT BESIEGTE 19
5 BEISPIELE MATRIARCHALER GESELLSCHAFTEN AUS MESOAMERIKA 21
5.1 DAS „GOLDENE VOLK“ DER CUNA 22
5.2 JUCHITÁN – EIN STÄDTISCHES MATRIARCHAT 23
5.3 ZUSAMMENFASSUNG DER STRUKTUR MATRIARCHALER GESELLSCHAFTEN IN MESOAMERIKA 26
6 CONCLUSIO 26
QUELLEN 28
LITERATUR 28
INTERNET 29
1 Matriarchatsforschung: Ein zeitgemäßes Thema?
Die funktionalistische Ethnologie hatte das Thema „Matriarchat“ schon ad acta gelegt – dennoch wird heute erneut debattiert, ob nichtpatriarchale Gesellschaften eine archaische Wirklichkeit, einen „Mythos“ oder eine Utopie verkörpern.1 In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Forschungssituation zum Thema sehr zum Positiven gewandelt: Untersuchungen von Ethnologinnen beschäftigten sich mit dem lange in der Wissenschaft vorherrschenden „male bias“, der Prägung durch männerzentrierte Sichtweisen und Aussagen. Empirische Fallstudien von Wildbeutern bis zu bäuerlichen Gesellschaften, darunter etwa die Studien Eleanor Leacocks über die historischen Geschlechterverhältnisse bei den Montaignais in Kanada oder Alice Schlegels Studien über die Frauen in den Hopi-Reservaten, wurden begleitet von neuen theoretischen Ansätzen jenseits der Matriarchatsdebatte, die der Erfassung sozialer und politischer Prozesse in „geschlechtsegalitären“ oder „geschlechtssymmetrischen“ Gesellschaften dienen sollten. Das neu erwachte Interesse an „Frauenmacht ohne Herrschaft“ ist unter anderem darin begründet, dass der androzentrisch geprägte, mit Herrschaft verbundene Machtbegriff zunehmend hinterfragt wird. Lange galt es als patriarchale Selbstverständlichkeit, dass jede Gesellschaft Befehlende und Gehorchende kennt; dabei wurde übersehen, dass sich bis heute trotz Kolonisierung und Missionierung matriarchale Gesellschaften mit Beratenden und freiwillig Akzeptierenden erhalten haben.2
Die jüngsten Publikationen über Frauen- und Geschlechterforschung beschäftigen sich mit der Konstruktion der Geschlechterverhältnisse.3 An die Stelle der dualen Kategorien Mann-Frau traten multiple Geschlechteridentitäten, welche sowohl inter- als auch intrakulturell als variabel gelten. Die Trennung von „sex“ und „gender“ liegt dieser Flexibilität der Geschlechtszuschreibung zu Grunde. Das Interesse an Vorstellungen und Praktiken über den Körper, an Problemen seiner Konsumierbarkeit, Ästhetisierung und Sensualisierung ist im Steigen. Die Diskussion verlagerte sich von den Sozialwissenschaften auf die Kulturwissenschaften, ebenfalls von der Ebene des Verallgemeinerbaren auf die des Besonderen, was sich in einer Flut narrativer, biografischer und autobiografischer Darstellungen äußert.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst einen Überblick über die frühen Matriarchatsdebatten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bieten: MatriarchatsforscherInnen der ersten Stunde wie Bachofen und Morgan werden erläutert werden. Danach werde ich neuere Ansätze über „herrschaftsfreie Gesellschaften“, etwa von Leacock, Schlegel oder Göttner-Abendroth, zur Sprache bringen. Es folgt die Suche nach Erklärungsmodellen für den historischen Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. Schließlich werde ich – dem Thema des Seminars „Gender-Studies in und über Lateinamerika“ entsprechend – zwei ethnografische Beispiele noch heute existierender matriarchaler Gesellschaften im mesoamerikanischen Raum (Cuna, Juchitán) besprechen. Eine Conclusio wird am Ende meiner Arbeit stehen.
2 Einige „Klassiker“ der Matriarchatsdebatte
Vor etwa 150 Jahren begannen sich Gelehrte und WissenschaftlerInnen mit der Erforschung der Urgeschichte zu befassen. Eine Frage tauchte dabei zwangsläufig auf: War die menschliche Gesellschaftsordnung schon immer patriarchal geprägt oder gab es am Beginn der Menschheitsentwicklung Gesellschaften mit Frauenmacht? Die Beantwortung dieser Frage wirft methodische Probleme auf, da die „Urgesellschaft“ in eine längst vergangene Zeit fällt, ohne Spuren hinterlassen zu haben.4 Also zog man alte schriftliche Quellen nicht mehr existierender Völker, Mythen und Berichte früher Reisender wie Strabo und Herodot heran. Die koloniale Durchdringung der außereuropäischen Welt belebte die Theoriebildung außerordentlich, weil eine Unzahl von Berichten über das Leben dortiger Völker (welche man lange als Abbild steinzeitlicher Menschen betrachtete) verfasst wurde. Manche ForscherInnen zogen auch Daten aus der Biologie heran und kombinierten Evolutionstheorie, humane Verhaltensforschung und Primatenforschung.
Damals wie heute besteht die große Herausforderung, Fiktion und Realität, historischen Kern und Ideologie voneinander zu trennen. Da jedeR ForscherIn ihr/sein Material verschieden interpretiert, ist es nötig, deren/dessen ideologischen Hintergrund bei der Betrachtung der jeweiligen Schlussfolgerungen miteinzubeziehen.
[....]
1 Vgl. Lenz 1995, 27f.
2 Vgl. Derungs 1997, 7f.
3 Vgl. Lenz/Luig 1995, 7f.
4 Vgl. Schröter 1990, 117-120.
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