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Soziale Grenzziehung - Narrationsanalyse eines Konstanzer Nachbarschaftsverhältnisses

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 47 Pages
Author: Malko Ebers
Subject: Sociology - Methodology and Methods

Details

Event: Projektseminar: Grenzstädte in Geschichte und Gegenwart
Institution/College: University of Constance (FB Soziologie)
Tags: Soziale, Grenzziehung, Narrationsanalyse, Konstanzer, Nachbarschaftsverhältnisses, Projektseminar, Grenzstädte, Geschichte, Gegenwart
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 47
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V30841
ISBN (E-book): 978-3-638-32018-4
ISBN (Book): 978-3-638-71372-6
File size: 895 KB
Notes :
Die vorliegende Forschungsarbeit basiert auf von studentischen Kleingruppen erhobenen Daten (narratives Interview) im Grenzraum Konstanz. Die Thematik lautet: soziale Grenzziehung. Basierend auf der Narrationsanalyse (einem Instrument qualitativer, interpretativ-hermeneutischer Sozialforschung) entwickelt die Arbeit einen sehr eigenständigen Ansatz mit qualitativen Daten (Texten) analytisch-methodisch umzugehen. Fazit: Es war viel Arbeit, aber es hat Spaß gemacht!


Abstract

Der Begriff Grenze spielt in der vorliegenden Arbeit eine zentrale Rolle. Wenn man an Ausdrücke denkt wie: „Jemand hat seine Grenze überschritten“, „grenzt sich aus“, „wird in seine Grenzen verwiesen“ oder „in seinen Grenzen leben“ wird deutlich, dass Grenzen nicht nur Objekte und Flächen trennen, sondern auch soziale Beziehungen beschränken, „voneinander abgrenzen“. Der in Konstanz direkt an der Schweizer Grenze lebenden Person Dr. B wurde folgende erste Frage gestellt: „Was fällt ihnen denn spontan zum Thema Nachbarschaft ein? Zu dem Begriff Nachbarschaft?“. Nun, was antwortet jemand auf diese Frage und was sagt dies aus über seine Identität, die Art wie er die Welt wahrnimmt und darauf aufbauend denkt und handelt? Die Antwort ist etwas versteckt, man findet sie zwischen den Zeilen. Erst das auch Zwischen-den- Zeilen-Lesen einer hermeneutischen Herangehensweise überraschte den Autor mit der Antwort. Nach welchen Mustern/Prozessen sich sozialer Sinn in der Handlungsfolge, beziehungsweise der Textsequenz aufbaut ist ein weiteres Untersuchungsziel der vorliegenden Analyse. Nach dieser Identifikation idealtypischer Handlungs- und Denkmuster der interviewten Person abstrahiere ich von einzelnen Mustern und gehe deutend der Frage nach, welche sozialen Faktoren, oder auch prägende Vergangenheitserfahrungen als sogenannte „root causes“ ursächlich wirken könnten. Diese Verbindung zwischen individuellen Handlungs- und Kognitionsmustern mit sozialen Faktoren wirft abschließend die Frage auf, inwiefern die beschriebenen Muster für Gesellschaftsmitglieder mit gleicher oder ähnlicher sozialer Konstellation generalisierbar sind. Grenzen trennen immer. Was aber trennt Menschen genau, was wird als trennend empfunden, welche sozialen Grenzen errichten wir und warum? Angelehnt an Max Webers Auffassung von Soziologie soll als Ergebnis ein theoretisches Modell helfen soziales Handeln deutend zu verstehen und ursächlich zu erklären. Die generelle Herangehensweise ist interpretativhermeneutisch, die spezifische basiert auf der Narrationsanalyse nach Fritz Schütze.


Excerpt (computer-generated)

Soziale Grenzziehung - Narrationsanalyse eines
Konstanzer Nachbarschaftsverhältnisses

von: Malko Ebers

 


Gliederung

1. Einleitung 2

2. Methodik 3

3. Rahmenbedingungen des Interviews 4

4. Inhaltsbeschreibung 6

5. Narrationsanalyse 7

5.1. Formale Textanalyse 8
5.2. Strukturelle inhaltliche Beschreibung 12

5.2.1. Segmentieren und Abschluss der Oberflächenanalyse 12
5.2.2. Strukturelle Tiefenbeschreibung der Erzählsegmente 16

6. Theoretisches Handlungsmodell und Typologie des Erzählers 21

7. Literaturverzeichnis 23

8. Anhang 24
 


 

Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, und viele Geschlechter reihen sich dauernd an ihres Daseins unendliche Kette (Goethe: Grenzen der Menschheit)1

Einleitung:

Grenze kann politisch definiert werden als `Linie, die zwei Grundstücke oder Staaten voneinander trennt` oder auch geometrisch als `Gesamtheit der äußersten Punkte einer Fläche oder eines Körpers`. Der Begriff Grenze spielt in der vorliegenden Arbeit eine zentrale Rolle, allerdings ausgehend von einem Grenzverständnis, das stärker die hiermit verbundenen sozialen Aspekte erfasst. Wenn man an Ausdrücke denkt wie: „Jemand hat seine Grenze überschritten“, „grenzt sich aus“, „wird in seine Grenzen verwiesen“ oder „in seinen Grenzen leben“ wird deutlich, dass Grenzen nicht nur Objekte und Flächen trennen, sondern auch soziale Beziehungen beschränken, „voneinander abgrenzen“. Von welchen Grenzen die befragte Person Dr. B. des zugrundeliegenden Interviews umgeben ist, wie sich seine unmittelbare Nähe zur Schweiz und insbesondere soziale Grenzen auf sein Denken und Handeln auswirken, ist Gegenstand der vorliegenden interpretativ-hermeneutischen Arbeit. Der in Konstanz direkt an der Schweizer Grenze lebenden Person Dr. B wurde folgende erste Frage gestellt: „Was fällt ihnen denn spontan zum Thema Nachbarschaft ein? Zu dem Begriff Nachbarschaft?“. Nun, was antwortet jemand auf diese Frage und was sagt dies aus über seine Identität, die Art wie er die Welt wahrnimmt und darauf aufbauend denkt und handelt? Die Antwort ist etwas versteckt, man findet sie zwischen den Zeilen. Erst das auch Zwischen-den- Zeilen-Lesen einer hermeneutischen Herangehensweise überraschte den Autor mit der Antwort.

Nach welchen Mustern/Prozessen sich sozialer Sinn in der Handlungsfolge, beziehungsweise der Textsequenz aufbaut ist ein weiteres Untersuchungsziel der vorliegenden Analyse. Nach dieser Identifikation idealtypischer Handlungs- und Denkmuster der interviewten Person abstrahiere ich von einzelnen Mustern und gehe deutend der Frage nach, welche sozialen Faktoren, oder auch prägende Vergangenheitserfahrungen als sogenannte „root causes“ ursächlich wirken könnten. Diese Verbindung zwischen individuellen Handlungs- und Kognitionsmustern mit sozialen Faktoren wirft abschließend die Frage auf, inwiefern die beschriebenen Muster für Gesellschaftsmitglieder mit gleicher oder ähnlicher sozialer Konstellation generalisierbar sind. Grenzen trennen immer. Was aber trennt Menschen genau, was wird als trennend empfunden, welche sozialen Grenzen errichten wir und warum? Angelehnt an Max Webers Auffassung von Soziologie soll als Ergebnis ein theoretisches Modell helfen soziales Handeln deutend zu verstehen und ursächlich zu erklären. Die generelle Herangehensweise ist interpretativhermeneutisch, die spezifische basiert auf der Narrationsanalyse nach Fritz Schütze2.

2. Methodik

Frei nach Max Weber sollte die Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft „soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären“ 3. Soziales Handeln ist hierbei seinem sozialen Sinn nach auf andere bezogen. Wie sich sozialer Sinn in der Handlungsfolge, beziehungsweise der Textsequenz aufbaut ist Untersuchungsziel der vorliegenden Arbeit. Ferner sollen Handlungs- und Denkmuster der interviewten Person analysiert werden, um so idealtypische Typologien identifizieren zu können. Nach dieser eher deskriptiven Funktion abstrahiere ich von einzelnen Mustern und beziehe mich auf die Gesamtgestalt der interviewten Person. Auf diese Weise werden die einzelnen Analyseelemente zu einem `Bild` zusammengefügt. Dieses `Bild` soll im Idealfall die Handlungen des Probanden aufzeigen (deskriptiv) und in Verbindung bringen zu seinen Denkmustern, seiner Identität (explikativ). Abschließend gehe ich deutend der Frage nach welche sozialen Faktoren, oder auch prägende Vergangenheitserfahrungen ursächlich wirken könnten. Diese Verbindung zwischen individuellen Handlungs- und Kognitionsmustern mit sozialen Faktoren wirft in der Folge die Frage auf, inwiefern die beschriebenen Muster für Gesellschaftsmitglieder mit gleicher oder ähnlicher sozialer Konstellation generalisierbar sind 4.

Angelehnt an Max Webers Auffassung von Soziologie soll als Ergebnis ein theoretisches Modell helfen soziales Handeln deutend zu verstehen und ursächlich zu erklären. Die generelle Forschungslogik ist in diesem Fall nicht deduktiv nomologisch, sondern versucht Erkenntnisse induktiv durch eine Tiefenanalyse des vorliegenden Materials zu generieren. Die generelle Herangehensweise ist interpretativ-hermeneutisch, die spezifische basiert auf der Narrationsanalyse nach Fritz Schütze 5. Warum die Form des analysierten Materials den Erfordernissen dieser Methodik genügt, und wie die Analyseschritte im Einzelnen aussehen wird gesondert in Punkt 5. Narrationsanalyse besprochen.

3. Rahmenbedingungen des Interviews:

Das der Analyse zugrundeliegende Interview wurde im Juli 2004 im Rahmen des an der Universität Konstanz stattfindenden Soziologie-Kurses „Projektseminar: Grenzstädte in Geschichte und Gegenwart“ aufgenommen. Die vorliegende Aufzeichnungsform ist ein narratives Interview, das heißt alle Äußerungen des Interviewten wie zum Beispiel Pausen oder Stockungen des Redeflusses wurden für die weitere Analyse mit aufgezeichnet. Ziel dieses Abschnittes ist es, neben der Art des vorliegenden Datenmaterials, die biografischen Angaben bezüglich interviewter (Ziel-) Person und die Rahmung des Interviews kurz darzustellen. Auch wenn sich die vorliegende Analyse vorwiegend als Textanalyse versteht, die ihre Aussagen allein aus dem vorliegenden Material induziert, wird diese später durch Bezugnahme auf einige scheinbar unwichtige Rahmungsdetails (setting) ergänzt. Eines dieser Rahmungsdetails ist beispielsweise, dass das Interview draußen vor dem Haus der interviewten Person durchgeführt wurde. Ein ältere Herr, der direkt an der Schweizer Grenze auf deutscher Seite im Südosten von Konstanz wurde zum Thema Nachbarschaft befragten. Die Person wohnt. Bei der Grenze handelt es sich um einen circa 1,3 m hohen Maschendrahtzaun, der durchgängig bis zum circa 200 Meter entfernten Zoll verläuft6. Der geografische Kontext, inklusive begrenzender Bahn- und Wasserlinien (Bodensee), sowie der näheren Zollübergänge ist in Anhang 3 näher dargestellt.

Die Interviewte Person, Dr. B., ist 79 Jahre alt und hat eine über 80-jährige, gehbehinderte Frau7. Gebürtig in Ostpreußen, wohnte das Ehepaar bis 1968 in Hamburg und lebt seitdem an der deutsch - Schweizer Grenze. Sein gesamtes Vermögen investierte Dr. B, der in vierter Generation Zahnarzt ist, in sein Konstanzer Grundstück (Rückgebäude und Haupthaus). Er hat zwei verheiratete Töchter, von denen eine in Hamburg und eine in Kreuzlingen lebt. Ferner erfährt der Leser, dass Dr. B. einen in Kreuzlingen lebenden 20-jährigen Enkel hat. In einer der letzten Sequenzen wird deutlich, dass Dr. B. während des Zweiten Weltkriegs Kriegserfahrungen in Ostpreußen machte. Direkte Nachbarn des Herrn B. sind auf deutscher Seite ein Oberstudiendirektor, sowie ein deutsches Ehepaar (Mann Italiener), das - vorsichtig gedeutet - mit der verwitweten Mutter der Frau zusammenlebt. Herr B. erwähnt zwar „viele Parteien“ die in seinem Haus zur Miete wohnen, er beschreibt jedoch nur zwei näher. Dies ist zum einen eine seit 14 Jahren zur Miete wohnende Juristin und zum anderen eine anscheinend zahlungssäumige Mietpartei. Weiter erwähnt werden ein direkter Nachbar von Beruf Zöllner auf Schweizer Seite, sowie dessen zwei Kinder. Von einem weiter entfernteren Nachbarn ist kurz die Rede, der jedoch nicht näher beschrieben wird und bei dem nicht klar wird auf welcher Seite dieser lebt. Zudem grüßt während des Interviews eine Schweizer Nachbarin „Frau S.“ während eines Spaziergangs. Von den Angaben zu Zaun und geografischem Standpunkt des Interviews abgesehen, handelt es sich bei den erwähnten Rahmenbedingungen um Angaben des Interviewers.

4. Inhaltsbeschreibung

[...]


1 Zitiert wurde die letzte Strophe von Goethes Gedicht Grenzen der Menschheit. In: Reiners, L. (1955): 519, Der ewige Brunnen: ein Volksbuch deutscher Dichtung, München.

2 Schütze, F. ( 1983): Biographieforschung und narratives Interview.

3 Vergleiche Max Weber (1972): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen: 1f.

4 Auch eine Person mit identischer sozialer Konstellation (ceteris paribus Bedingung) wird nicht identische Kognitions- und Handlungsmuster aufweisen. Soziale Wirkungsmechanismen sind nicht deterministisch. Dennoch halte ich es für sinnvoll und möglich vom Einzelfall auf ähnlich gelagerte Fälle induktiv schließen zu können. Der einzelne ist Teil der Gesellschaft, er wird von dieser geprägt, sozialisiert, kurz seine (Lebens-)Wirklichkeit ist sozial konstruiert. Gleichzeitig ist die Gesellschaft das Aggregat vieler Individuen. Aus einer hermeneutischen Analyse des Einzelnen, lassen sich gesellschaftliche Einflussfaktoren und ihr prägender Einfluss auf Kognitions- und Handlungsmuster deuten. Das Individuum als Spiegel der Gesellschaft, hilft uns (indirekt) die Gesellschaft deutend zu verstehen.

5 Schütze, F. (1983 ): Biographieforschung und narratives Interview.

6 Höhe des Zaunes und Entfernung zum nächsten Zoll sind Schätzungen des Autors auf Basis einer Feldbegehung


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