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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1999, 25 Pages
Author: Cornelia Maass
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Institut für Germanistik)
Tags: Jüdisches, Briefen, Franz, Kafkas, Milena, Jesenská, Hauptseminar, Franz, Kafkas, Briefe, Antisemitismus´
Year: 1999
Pages: 25
Grade: 1,7
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-11887-3
File size: 255 KB
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Excerpt (computer-generated)
Jüdisches in den Briefen Franz Kafkas an Milena Jesenská
von Cornelia Maass
INHALTSVERZEICHNIS
1 EINLEITUNG 1
2 MILENA JESENSKÁ UND FRANZ KAFKA 2
3 KAFKAS ERLEBTER ANTISEMITISMUS 4
3.1 Die Pogromschilderungen 5
3.2 Die Ritualmordlegende 6
4 KAFKAS JUDENTUM 9
4.1 Das Westjudentum 10
4.2 Der "Ewige Jude" 12
4.3 Sexualität, Angst und Judentum 13
5 MÖGLICHE MOTIVATION UND FUNKTION DER JÜDISCHEN ELEMENTE IN DEN BRIEFEN AN MILENA JESENSKÁ 16
5.1 Die Briefe an die christliche Tschechin 16
5.2 Die Briefe als Selbstreflexion 18
6 SCHLUßBEMERKUNGEN 20
7 LITERATURVERZEICHNIS 22
1 Einleitung
Zwischen den Jahren 1920 und 1922 entstand ein Briefwechsel zwischen Franz Kafka und Milena Jesenská, von dem nur noch die Briefe Kafkas existieren. In diesen Briefen ist nachzulesen, wie er versuchte, eine Liebesbeziehung mit Milena Jesenská zu führen. Kafkas Wunsch nach einem gemeinsamen Leben und gleichzeitig seine Gegenwehr und Angst vor einer Bindung stellen wichtige Motive der Briefe dar. Auffällig sind die häufigen Anspielungen auf das Judentum, die häufig in den Passagen zu beobachten sind, in denen Kafka sich selbst und seine Ängste beschrieb oder wenn er Situationen mit besonders abschätzigen Worten schilderte. Dadurch wirkt auch das Judentum selbst als von Kafka sehr negativ bewertet.
Im folgenden werde ich, nachdem ich die Brief-Beziehung Kafkas zu Milena Jesenská kurz umrissen habe, speziell auf die jüdischen Motive der Briefe eingehen und dabei nach möglichen Erklärungen für ihr Vorkommen suchen.
Einerseits handelt es sich dabei um Passagen, in denen Kafkas selbst erlebter Antisemitismus zum Ausdruck kommt. So ging er z.B. auf einen direkt erlebten Pogrom in Prag ein und beschrieb die Stimmungen in den Straßen. Außerdem bezog er sich in einem Brief auf eine Ritualmordbeschuldigung und übertrug sie auf einen Bekannten.
Andererseits gibt es viele Briefstellen, in denen Kafka jüdische Elemente verwendete, um sich selbst oder auch andere Juden - in meistens negativer Weise - zu beschreiben. Dazu gebrauchte er das mehrmals auftauchende Motiv des "Westjudentums", mit dem die Problematik der assimilierten Juden aufgegriffen wird. Außerdem erwähnte Kafka den "Ewigen Juden", um zu erklären, warum er sich viel älter fühlte, als er an Jahren gelebt hatte und um seinen Sexualtrieb zu beschreiben. Auffällig ist, daß Kafka gerade dann jüdische Elemente anführte, als er Milena Jesenská sein erstes, angsterfülltes, sexuelles Erlebnis schilderte. Überhaupt finden sich die jüdischen Bezüge oft in Zusammenhang mit Dingen, die Kafka Angst machten.
Nachdem ich auf verschiedene jüdische Motive in den Briefen eingegangen bin, versuche ich zu erklären, warum das Thema Judentum in Kafkas Briefen an Milena Jesenská so bedeutsam wurde. Welche Eigenschaften oder Verhaltensweisen Milena Jesenskás können Kafka dazu angeregt haben, so zu schreiben? Dabei soll auch die Möglichkeit beachtet werden, daß die Briefe - und vor allem dabei die Bezüge auf das Judentum - viel mehr der Selbstreflexion als dem Gedankenaustausch dienen sollten.
2 Milena Jesenská und Franz Kafka
Milena Jesenská war eine tschechische Christin, die zu der Zeit, in der die Briefe Kafkas an sie entstanden, mit einem Juden verheiratet war. Die Bekanntschaft zwischen Milena Jesenská und Franz Kafka begann im Jahr 1919 mit ihrer Bitte, seine Erzählungen ins Tschechische übersetzen zu dürfen. Sie übersetzte zunächst "Der Heizer". Während der bereits an Tuberkulose erkrankte Kafka im Frühling und im Sommer 1920 einen Kuraufenthalt in Meran verbrachte, nahm er den Briefwechsel im April auf. Bald schrieb er Milena Jesenská täglich (auf deutsch, während sie in tschechischer Sprache antwortete); aus dem anfänglichen "Sie" wurde ein "Du"; der Ton wurde schnell intensiver. Kafka drückte viel von seinen Empfindungen und Ängsten aus (das Wort "Angst" kommt in den Briefen sehr häufig vor).
Die Briefe Milena Jesenskás an Franz Kafka sind verschwunden, es existieren jedoch andere Briefe von ihr (u.a. an Max Brod), ein Nachruf auf Kafka und Feuilletons, die Ernst Pawel zu folgendem (euphorischen) Urteil veranlaßten:
"Man erhält aus diesen Zeugnissen einen guten Eindruck von der Vitalität und Tiefe, die sie als Schriftstellerin und Frau kennzeichneten. Und man versteht auch, warum Kafka von ihren Briefen so beeindruckt war: nun endlich hatte er eine ′Briefgeliebte′ gefunden, die ihm gewachsen war. Sie war keine steife und zimperliche Berliner Geschäftsfrau, keine abweisende Festung, die erobert werden mußte, sondern ein ′lebendiges′ Feuer, und schon nach ein paar Wochen oder sogar Tagen war er ihr so nahe gekommen, daß er sich verbrannte."
Wie nah sie sich scheinbar schon nach kurzer Zeit des rein schriftlichen Kontakts waren, zeigt z.B. die Tatsache, daß er ihr schon früh riet, ihren Mann (vorübergehend) zu verlassen (vgl. S. 52, S. 57f.).
Als es um die Planung eines gemeinsamen Treffens in Wien (und damit der ersten Begegnung seit Aufnahme ihres Briefkontakts) ging, zögerte Kafka das Treffen bis zuletzt hinaus:
"Ich will nicht (Milena, helfen Sie mir! Verstehen Sie mehr, als ich sage!) ich will nicht (das ist kein Stottern) nach Wien kommen, weil dich die Anstrengung geistig nicht aushalten würde. Ich bin geistig krank, die Lungenkrankheit ist nur ein Aus-den-Ufern-treten der geistigen Krankheit." (S. 29)
Im gleichen Brief schrieb er weiter:
" Ich komme ganz bestimmt nicht, sollte ich aber doch - es wird nicht geschehn - zu meiner schrecklichen Überraschung in Wien sein, dann brauche ich weder Frühstück noch Abendessen, sondern eher eine Bahre auf der ich mich ein Weilchen niederlegen kann." (S. 32)
Er hatte Angst vor der Begegnung, und dennoch fand sie statt: Vom 29. Juni bis zum 04. Juli 1920 verbrachten sie vier gemeinsame Tage in Wien. Zurück in Prag, löste Franz Kafka seine Verlobung mit Julie Wohryzek und schrieb Milena oft mehrmals am Tag. Er sendete Milena den "Brief an den Vater", was sicherlich als großer Vertrauensbeweis angesehen werden kann. Er schien zunächst auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr in Prag zu hoffen (vgl. S. 103). Dazu kam es jedoch niemals - sie wollte ihren Ehemann nicht verlassen, und Kafka hatte scheinbar Angst vor einer Bindung. Die Briefe klangen bald schon fast resigniert:
"Und eigentlich schreiben wir immerfort das Gleiche. Einmal frage ich ob Du krank bist und dann schreibst Du davon, einmal will ich sterben und dann Du, einmal will ich Marken und dann Du, einmal will ich vor Dir weinen wie ein kleiner Junge und dann Du vor mir wie ein kleines Mädchen. Und einmal und zehnmal und tausendmal und immerfort will ich bei Dir sein
und Du sagst es auch. Genug, Genug." (S. 148)
Sie trafen sich noch einmal in Gmünd, danach schrieben sie sich seltener. Offensichtlich hatten sie aufgehört, an ein mögliches Zusammensein zu glauben.
"Sonst aber stimmst Du mit mir schon seit langem überein, daß wir einander jetzt nicht mehr schreiben sollten; daß ich es gerade gesagt habe, war nur Zufall, Du hättest es ebenso gut sagen können. Und da wir einig sind, ist es nicht nötig, zu erklären warum das Nicht-schreiben gut sein wird." (S. 264)
[...]
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