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Rhetorik und Autonomie in Goethes "Iphigenie auf Tauris"

Seminararbeit, 2003, 14 Seiten
Autor: Sarah Trede
Fach: Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Details

Veranstaltung: Goethe und die Rhetorik
Institution/Hochschule: Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Tags: Rhetorik, Autonomie, Goethes, Iphigenie, Tauris, Goethe, Rhetorik
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2003
Seiten: 14
Note: 2
Literaturverzeichnis: ~ 6  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V31500
ISBN (E-Book): 978-3-638-32485-4

Dateigröße: 219 KB


Textauszug (computergeneriert)

Rhetorik und Autonomie in Goethes "Iphigenie auf Tauris"

von: Sarah Trede

6. Semester

 


Inhalt

1. Einleitung 2

2. Die Interpretation von Rasch im Vergleich zur traditionellen Sichtweise 3

3. Autonomie und die rhetorischen Strategien der Figuren 6

4. Die Rhetoriktheorie unter dem Aspekt Blumenbergs 9

5. Schlußbetrachtungen 12

6. Literaturverzeichnis 13


 

1. Einleitung

„Was der Dichter diesem Bande/ Glaubend, hoffend anvertraut,/ Werd’ im Kreise deutscher Lande/ Durch des Künstlers Wirken laut./ So im Handeln, so im Sprechen/ Liebevoll verkünd’ es weit:/ Alle menschlichen Gebrechen/ sühnet reine Menschlichkeit.“1 Diese Verse Goethes, die er für einen Schauspieler, der den Orest spielte, in dessen Exemplar von „Iphigenie auf Tauris“ schrieb, wurden von der Literaturwissenschaft über einen langen Zeitraum hinweg dahingehend ausgelegt, im Zentrum des Stückes stehe der Triumph der Humanität. Und Goethe stelle dies durch seine Figur der Iphigenie, quasi als Personifikation der Menschlichkeit, dar, wobei diese Grundthese der meisten Interpretationen nur selten hinterfragt wurde. Genau das jedoch macht W. Rasch in seinem Buch „Goethes ‚Iphigenie auf Tauris’ als Drama der Autonomie“, daß eine moderne Deutung des Stücks darstellt und sowohl die Aussagen Goethes zu seinem Werk als auch die daraus folgenden traditionellen Forschungsergebnisse kritisch betrachtet. Er kommt daraufhin zu dem Schluß, daß als zentrales Thema nicht die Humanität Iphigenies, sondern vielmehr der Autonomiegedanke, den Goethe in diesem Werk ausführt und seinem Publikum vermitteln will, in den Mittelpunkt der Interpretation gerückt werden muß, eine Ansicht, die wiederum von Literaturwissenschaftlern kritisiert wird.2

Die Unabhängigkeit der Figuren beschränkt sich aber nicht nur auf das persönliche Verhalten des Einzelnen, sondern zeigt sich zusätzlich dadurch, daß der Umgang mit den Göttern durch die menschliche Autonomie verändert wird, und in ein neues, gleichberechtigteres Verhältnis gesetzt wird. Die Interpretation des Schauspiels durch Rasch will ich im folgenden in ihren Grundzügen darstellen, sowie dadurch auch die Unterschiede zwischen dieser und der traditionellen Sichtweise deutlich machen. Danach möchte ich auf die rhetorischen Theorien in „Iphigenie auf Tauris“ eingehen, wobei der Rhetorikbezug Goethes, den wir im Verlauf des Seminars in allen behandelten Werken herausgearbeitet haben, hier sehr eng mit der neueren Deutung zusammenhängt. Denn um wirklich autonom agieren zu können, bedarf der Mensch der rhetorischen Mittel, da er nur, wenn er seinen Willen sich selbst und anderen gegenüber auszudrücken in der Lage ist, diesen daraufhin auch in die Tat umsetzen kann. Um den Zusammenhang zwischen der Rhetoriktheorie bzw. den rhetorischen Strategien der einzelnen Charaktere im Drama und dem Autonomiebegriff zu untersuchen, werde ich einen Aufsatz von Hans Blumenberg3 miteinbeziehen, der sich stellenweise sehr gut auf „Iphigenie auf Tauris“ anwenden läßt.

2. Die Interpretation von Rasch im Vergleich zur traditionellen Sichtweise

Rasch stützt die Grundgedanken seiner Deutung darauf, daß einige Aussagen Goethes zu „Iphigenie“ bislang falsch ausgelegt wurden, so könne sich z.b. das zu anfangs bereits angeführte Zitat, da es direkt ‚an den Orest’ gerichtet ist, nicht auf die „reine Menschlichkeit“ Iphigenies beziehen. Diese Worte müssen von Goethe also anders gemeint gewesen sein, und zwar so, daß er die Schuld, die er durch den Muttermord auf sich geladen hat, selbst verantworten und ohne Hilfe von außen, also von Iphigenie oder den Göttern, auf eine menschlich-autonome Art sühnen muß.

Hier entwickelt sich bereits ein starker Gegensatz zu den vorangehenden Interpretationen, die davon ausgehen, daß Orests Verbrechen erst durch die Hilfe seiner Schwester und die darauf folgende Absolution der Götter vergeben werden kann. Laut Rasch spiegelt sich in seiner Form der Auslegung auch Goethes Abneigung gegen die christliche Kirche und ihre Vertreter wieder, deren Lehre, daß nur Gott die Menschen von ihren Sünden befreien kann, er hiermit widerspricht. Denn Goethe befürchtete eine weitere Ausbreitung der kirchlichen Macht, wodurch er die Fortschritte der Aufklärung, die ihm überaus wichtig waren, in Gefahr sah. 4 In dieser Zitatauslegung sind schon die zwei wichtigsten Punkte enthalten, durch die Rasch von anderen Literaturwissenschaftlern, die sich mit diesem Werk beschäftigt haben, unterschieden werden kann.

[...]


1 Rasch, Wolfdietrich: Goethes „Iphigenie auf Tauris“ als Drama der Autonomie. München 1979, S. 17.

2 Vgl. z.B. Wittkowski, Wolfgang: Goethe und Kleist: Autonome Humanität und religiöse Autorität zwischen Unterbewußtsein und Bewußtsein in Iphigenie, Amphitryon, Penthesilea. In: Ders. (Hrsg.): Goethe im Kontext. Tübingen 1984.

3 Blumenberg, Hans: Anthropologische Annäherung an die Aktualität der Rhetorik. In: Ders.: Wirklichke iten, in denen wir leben. Aufsätze und eine Rede. Reclam, Stuttgart 1981.

4 Vgl. Rasch, Wolfgang: Goethes „Iphigenie auf Tauris“ als Drama der Autonomie. München 1979. S. 19f.


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