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Scholary Paper (Seminar), 2003, 24 Pages
Author: Sarah Trede
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Tubingen
Tags: Geisteszerrüttungen, Medardus, Hoffmanns, Roman, Elixiere, Teufels, Wahnsinn, Hysterie, Verbrechen, Gesicht, Aufklärung
Year: 2003
Pages: 24
Grade: 2
Bibliography: ~ 5 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-32486-1
File size: 259 KB
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Excerpt (computer-generated)
Über die Geisteszerrüttungen von Medardus in
E.T.A. Hoffmanns Roman "Die Elixiere des Teufels"
von: Sarah Trede
5. Semester
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Melancholie bzw. Fixer Wahnsinn 3
2.1. Ursachen der Melancholie 3
a) Reil 3
b) Hoffmann 4
2.2. Äußerungsformen der Melancholie 6
a) Reil 6
b) Hoffmann 8
2.3. Kur der Melancholie 13
a) Reil 13
b) Hoffmann 13
3. Manie bzw. Tobsucht 14
a) Reil 14
b) Hoffmann 16
4. Exkurs: Die Bedeutung von Schlaf und Traum in den Geisteszerrüttungen 17
a) Reil 17
b) Hoffmann 18
5. Zusammenfassung und Schlußbemerkungen 19
6. Literaturverzeichnis 22
1. Einleitung
„..., da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüfte aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem, entsetzlichem Gelächter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das Gesicht – ich erkannte mich selbst – mir vergingen die Sinne.“1 In derart furchterregenden Bildern schildert E.T.A. Hoffmann in seinem Roman „Die Elixiere des Teufels“ (erschienen 1815/1816), der zum Genre des Schauerromans gezählt wird, den Wahnsinn seiner Hauptfigur Medardus, einem Kapuzinermönch. Durch den autobiographischen Erzählstil und immer wiederkehrende unheimliche Motive werden dessen psychische Grenzerfahrungen dem Leser sehr eindrücklich vermittelt.
Medardus, entschließt sich, bedingt durch eine äußerst kirchliche Prägung seiner Kindheit, bereits in jungen Jahren, ins Kloster einzutreten und wird dort bald ein bekannter Prediger, den die Menschen bewundern. Sein Bekanntheitsgrad steigt ihm schnell zu Kopf, doch er verschließt sich vor den Warnungen seines Priors, der ihn vor allzu großer Überheblichkeit bewahren will. Erst die gespenstische Erscheinung eines fremden Malers, der im Verlauf der Geschichte wiederholt auftaucht und der Stammvater seiner sündenbeladenen Familie ist, bringt die Wende und straft Medardus für seinen Hochmut: Er verliert nach diesem Ereignis sein Rednertalent. Dieses versucht er durch den Mißbrauch einer ihm anvertrauten Reliquie, ein Fläschchen, gefüllt mit einem Elixier, das der heilige Antonius einst dem Teufel abgenommen haben soll, zurückzugewinnen. Sein Vorhaben gelingt ihm, doch erwachen nun seine sündigen Triebe und Gedanken, die er zuvor unterdrückte und schließlich läßt die Begegnung mit einer Unbekannten, die ihm im Beichtstuhl ihre Liebe gesteht, seinen Wahnsinn ausbrechen - sie zu besitzen entwickelt sich zu seinem einzigen Lebensziel. Seine Geistesstörung steigert sich immer weiter, nachdem er das Kloster verlassen und die Fremde – Aurelie – gefunden hat. Er bricht sein klösterliches Gelübde und begeht während seiner Wahnsinnsanfälle mehrere Verbrechen. Auf seinem weiteren Weg, während er wiederholt seine Identität wechselt, um unerkannt zu bleiben, wird er von einem mysteriösen, ebenfalls wahnsinnigen Doppelgänger verfolgt. Aufgerüttelt durch seinen seelischen Tiefpunkt nach einer geplanten, nicht vollzogenen, Hochzeit mit Aurelie, unterzieht sich Medardus zur Wiederherstellung seines Verstandes strengen Bußübungen und Selbstkasteiungen. Doch erst durch die eigene Erkenntnis seiner Verbrechen und das Eingeständnis seiner Schuld gelingt es ihm schließlich, seine psychische Zerrissenheit zu überwinden. Von E.T.A. Hoffmann ist bekannt, daß er sehr an der Medizin, Psychologie und Naturphilosophie seiner Zeit interessiert war. Während seiner Zeit in Bamberg bekam er durch seinen Freund, den Arzt Adalbert Friedrich Marcus, sowie durch den Zugang zur umfassenden Bibliothek eines Bekannten, in der nahezu alle wichtigen naturphilosophischen und medizinischen Fachbücher vorhanden waren, einen Einblick in den zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Forschungsstand. Er begleitete Marcus, der Leibarzt des örtlichen Regenten und außerdem Direktor des Bamberger Krankenhauses war, sogar bei seiner Visite, wobei er unter anderem auch Geisteskranke zu sehen bekam. Hoffmann war davon sehr beeindruckt und überhaupt interessiert an dieser Art von Krankheiten, mit denen er sich in seinen Werken immer wieder beschäftigte. Die Heilanstalt St. Getreu, die er selbst besichtigte, und auch Marcus, als deren Direktor und „genialen Arzte,“2 werden von Hoffmann in den „Elixieren des Teufels“ direkt erwähnt.3
Im folgenden möchte ich untersuchen, inwieweit Hoffmann seine Darstellung des Wahnsinns an den medizinischen und psychologischen Kontext der Romantik anlehnt bzw. diesen adaptiert oder inwieweit seine Beschreibungen als literarisches Stilmittel - zur Erzeugung eines möglichst starken Gruselgefühls der Leser - und damit als Produkt von Hoffmanns Phantasie gesehen werden können. Festgemacht werden soll der medizinisch-psychologische Hintergrund an Johann Christian Reils Buch: „Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen“ (erschienen 1803), das als erstes psychiatrisches Lehrbuch in Deutschland gilt. In Reils Ausführungen werden sowohl mögliche Ursachen von Wahnsinn, als auch dessen Äußerungsformen und Heilungsmöglichkeiten geschildert. Es muß allerdings gesagt werden, daß Reil selbst keine praktische Erfahrung mit Geisteskranken hatte, es sich also um ein rein theoriebezogenes Werk handelt.4 Den einzelnen Krankheitsbildern, die von Reil aufgestellt werden, sollen Hoffmanns Beschreibungen gegenübergestellt und mit diesen verglichen werden, um so die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der medizinisch-theoretischen und der literarischen Darstellung von Wahnsinn in der Romantik herauszufinden. Allerdings beschränke ich mich auf die Figur des Medardus und damit auf die Krankheitsbilder der Melancholie bzw. des fixen Wahnsinns und der Manie bzw. der Tobsucht, da die beiden anderen von Reil unterschiedenen und vorgestellten Arten, die Narrheit und der Blödsinn auf diesen nicht zutreffen.
2. Melancholie bzw. Fixer Wahnsinn
2.1. Ursachen der Melancholie
a) Reil:
Die Anlage zu fixen Ideen befindet sich laut Reil in jedem Menschen, da dieser von Natur aus dazu neigt, sich bestimmte Dinge zu erhoffen und zu erträumen, auch wenn dieses Erträumte mit der Realität in keinem Zusammenhang steht.5 Auch kennt jeder das Gefühl, daß sich ein Gedanke förmlich im Kopf „festsetzt“ und man sich eine Zeitlang auf nichts anderes mehr konzentrieren kann. Beim gesunden Menschen dauert solch ein Zustand in der Regel nicht sehr lange an, beim Geisteskranken brennt sich die fixe Idee je doch so im Gehirn ein, daß er für nichts anderes mehr aufnahmefähig ist und darüberhinaus gewillt ist, zur Erreichung seines, durch diese Idee vorgegebenen, Zieles jedes Hindernis aus dem Weg zu räumen.
Wie aber kann es dazu kommen, daß eine fixe Idee ein solches Maß annehmen und dadurch zum Wahnsinn führen kann? Die Gründe hierfür können in einer allzu lebhaften Phantasie liegen, durch welche die Träumereien eines Menschen diesem als so lebendig erscheinen, daß er sich immer mehr in sie vertieft, bis er schließlich nicht mehr in der Lage ist, sie loszulassen und sie für ihn zur Wirklichkeit werden. Zusätzlich können falsche moralische Wertvorstellungen oder eine übersteigerte bzw. anomale Sexualität und Triebhaftigkeit dazu führen, daß die Vernunft eines Menschen, die ansonsten ein Gegengewicht zu fixen Ideen bildet, außer Kraft gesetzt wird6. Daraufhin kann dieser so sehr an einem Gegenstand oder Gedanken festhalten, daß sich ein fixer Wahn entwickelt. „Treffen vollends noch mit diesen inneren Zuständen äussere Verhältnisse, z.B. Aufenthalt an öden Orten, Einsamkeit, einförmige Arbeit, Klosterleben u.f.w. zusammen, die die Phantasie wenig beschäftigen, so entsteht der fixe Wahn umso leichter.“7
[...]
1 E.T.A. Hoffmann: „Die Elixiere des Teufels“, S.190 (im folgenden nur: Elixiere, S.x)
2 Elixiere, S. 303
3 Vgl. Patricia Tap: E.T.A. Hoffmann und die Faszination romantischer Medizin. Düsseldorf 1996, S. 7 ff. (im folgenden nur: Tap 1996)
4 Vgl. Tap 1996, S. 34 f.
5 Vgl. Johann C. Reil: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S.320 ff. (im folgenden nur: Rhapsodieen, S. x)
6 Vgl. Rhapsodieen, S.279 f. und S. 255 ff.
7 Rhapsodieen, S.322
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