Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde Musik vorrangig als Ausdrucksmittel einer Ideologie genutzt. Über Lieder wurden nationalsozialistische Vorstellungen – formuliert in den Liedtexten – vermittelt. „Die Musik diente nicht dem Menschen, sondern der Staatsideologie und dem Führer.“ Christian Dornbusch und Jan Raabe urteilen über die Funktion von Musik in dieser Zeit: „Gemeinsames Musizieren, vor allem als kollektives Singen, wurde zu einem wichtigen Moment bei der Konstituierung nationalsozialistischer Volksgemeinschaft.“ Längst beschränkt sich der Bereich „rechtsextreme“ Musik nicht mehr auf alte NS-Lieder, Märsche oder Liedgut, das dem der NS-Zeit in musikalischer Gestaltung nachempfunden wurde und wird – vor allem in der mittlerweile verbotenen »Wiking-Jugend«, rechtsextremen Parteien und neonazistischen Organisationen verbreitet. Seit Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wird auch „moderne“ Popularmusik zum Ausdrucksmittel rechter Ideologie; erst Anfang der neunziger Jahre wurde dieses Phänomen in Deutschland einerseits verstärkt in der Öffentlichkeit wahrgenommen und andererseits zu einem der wichtigsten Instrumente zur Rekrutierung rechtsextremer und neonazistischer Sympathisanten. Im Zentrum steht auch heute noch eine rechtsextreme Skinhead-Szene, in deren Umfeld zahlreiche Bands entstanden sind. Dementsprechend halten Produktion und Verbreitung dieser Musik an.
Die vorliegende Arbeit soll gleichermaßen Analyse wie auch Bestandsaufnahme sein. Einerseits werden grundlegende Aspekte der Thematik „Rechtsextreme Popularmusik“ beleuchtet. Da es sich bei dieser Musik sowohl um ein politisches Phänomen als auch ein jugendkulturell-kommerzielles Medium handelt, gilt es Zusammenhänge mit politisch-ideologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Gesichtspunkten herzustellen und demnach das Thema interdisziplinär zu bearbeiten. Diese Arbeit zielt zudem auf eine Differenzierung der verwendeten Musikgenres ab; des Weiteren wird im Schwerpunkt der Betrachtung auf inhaltlicher Ebene darzustellen sein, auf welche Weise diese Musik zum Ausdrucksmittel rechter Ideologie wird. Denn vielmehr als die musikalische Substanz ist es der ideologische Charakter, der „rechtsextreme“ Popularmusik primär kennzeichnet.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 BEGRIFFSKLÄRUNG
2.1 RECHTSEXTREMISMUS UND NEONAZISMUS
2.2 RECHTSEXTREME IDEOLOGIE
2.3 „RECHTSEXTREME“ MUSIK?
3 GRUNDZÜGE DER GESCHICHTE DES RECHTSROCK
3.1 WURZELN IN GROßBRITANNIEN: SKINHEADS UND IHRE MUSIK
3.1.1 Arbeiterklasse und Ska
3.1.2 Vom Punk zur Oi!-Musik
3.1.3 »Skrewdriver«: Beginn des Rechtsrock
3.2 ENTWICKLUNG DES RECHTSROCK IN DEUTSCHLAND
3.2.1 1979 bis 1989: Beginn des Rechtsrock in der BRD
3.2.2 1989 bis 1993: Radikalisierung
3.2.3 1994 bis heute: Zwischen Anpassung und Underground
EXKURS: STAATLICHE MAßNAHMEN
4 ZU DEN STRUKTUREN DER RECHTEN MUSIKSZENE
4.1 KONZERTE UND FANZINES
4.1.1 Konzerte und ihre Funktionen
4.1.2 Zur Bedeutung von Fanzines
4.2 NETZWERKORGANISATIONEN
4.2.1 »Blood & Honour«
4.2.2 »Hammerskins«
4.3 ÖKONOMISCHE VERNETZUNGEN: BANDS, LABELS, VERTRIEBE, FANZINES
Fallbeispiel: Torsten Lemmer
4.4 ZUR BEDEUTUNG DES INTERNET
5 POPULARMUSIK ALS AUSDRUCKSMITTEL RECHTER IDEOLOGIE
5.1 RECHTE TENDENZEN IN VERSCHIEDENEN MUSIKGENRES
5.1.1 Liedermacher
5.1.2 Dark Wave
5.1.3 Black Metal
5.1.4 HipHop
5.1.5 Techno
5.1.6 „Partymusik“: Schlager und NDW-Hits
5.2 IDEOLOGISCHE FRAGMENTE IN DEN TEXTEN DES RECHTSROCK
5.2.1 „Liebe“
5.2.1.1 Zur Thematisierung von Frauen
5.2.1.2 Deutschland
5.2.2 Helden
5.2.2.1 Adolf Hitler, Rudolf Heß, Ian Stuart
5.2.2.2 Wehrmacht, SA, SS
5.2.2.3 Wikinger und nordische Götter
5.2.3 Feinde
5.2.3.1 „Ausländer“
5.2.3.2 Juden
5.2.3.3 „Linke“
5.2.3.4 Der Staat BRD und seine Vertreter
6 ZU FUNKTION UND WIRKUNG RECHTSEXTREMER MUSIK
6.1 RECHTSEXTREME MUSIK ALS MITTEL FÜR PROPAGANDA UND REKRUTIERUNG
6.2 ZUR WIRKUNG RECHTSEXTREMER MUSIK
6.2.1 Wirkung durch Emotionen und einfache Strukturen
6.2.2 Rechtsrock als Ursache von Gewalttaten und aggressivem Verhalten?
6.2.3 Rezipienten von Rechtsrock
6.2.4 Zum Stellenwert von Kontext und individueller Disposition
7 FAZIT UND AUSBLICK
8 LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht Popularmusik als ein zentrales Ausdrucksmittel rechtsextremer Ideologie in Deutschland. Das Ziel ist eine Bestandsaufnahme, die über eine rein musikwissenschaftliche Analyse hinausgeht und die Musik als interdisziplinäres Phänomen zwischen Politik, Jugendkultur und Ökonomie begreift, um so ihre Funktion bei der Rekrutierung von Anhängern zu durchleuchten.
- Historische Entwicklung des Rechtsrock von den Anfängen in Großbritannien bis zur modernen Szene in Deutschland.
- Analyse struktureller Aspekte wie Konzerte, Fanzines und Netzwerkorganisationen sowie deren ökonomische Vernetzung.
- Untersuchung rechtsextremer Tendenzen in verschiedenen Genres wie Dark Wave, Black Metal, HipHop und Schlager.
- Detaillierte inhaltliche Analyse ideologischer Fragmente (z.B. Feindbilder, Heldenverehrung, Rassismus) in Songtexten.
- Erforschung der psychologischen Wirkungsmechanismen von Musik im Kontext rechtsextremer Propaganda.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Vom Punk zur Oi!-Musik
In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre entstand in Großbritannien ein neuer Musikstil: Punk Rock, eine soziale und musikalische Erscheinungsform der Rockmusik, die aus einem von Jugendarbeitslosigkeit und sozialer Perspektivlosigkeit geprägten Milieu hervorging. Es entstand eine rebellische Protestbewegung mit einem provokanten Outfit und mit eigenem Musikstil, der besonders durch minimalistische Harmoniestrukturen („Drei-Akkord-Songs“), einfachste technische Ausstattung und mehr geschrienen als gesungenen Songtexten gekennzeichnet war. Punk-Rock-Bands rebellierten gegen die als kommerziell betrachtete Musikindustrie und den „ästhetischen und technischen Hochleistungsperfektionismus“ der aktuellen Rockmusikszene. Provokative Songtexte, mit Hilfe derer die Gesellschaft und staatliche Strukturen kritisiert beziehungsweise angegriffen wurden – »Anarchy In The U.K.« von den »Sex Pistols« –, sorgten für Empörung in der Gesellschaft und Schlagzeilen in den Medien.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, Popularmusik als Ausdrucksmittel und Rekrutierungsinstrument rechtsextremer Ideologie interdisziplinär zu untersuchen.
2 BEGRIFFSKLÄRUNG: Hier werden zentrale Begriffe wie Rechtsextremismus, Neonazismus und ideologische Fragmente definiert, um eine theoretische Basis für die Analyse zu schaffen.
3 GRUNDZÜGE DER GESCHICHTE DES RECHTSROCK: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung des Rechtsrock von seinen Ursprüngen in der britischen Skinhead-Kultur bis zur Etablierung in Deutschland nach.
4 ZU DEN STRUKTUREN DER RECHTEN MUSIKSZENE: Es werden die organisatorischen, wirtschaftlichen und medialen Strukturen der Szene (Konzerte, Fanzines, Netzwerke, Internet) analysiert.
5 POPULARMUSIK ALS AUSDRUCKSMITTEL RECHTER IDEOLOGIE: Untersuchung verschiedener Musikgenres auf rechte Tendenzen und detaillierte inhaltliche Analyse ideologischer Inhalte in Songtexten.
6 ZU FUNKTION UND WIRKUNG RECHTSEXTREMER MUSIK: Dieses Kapitel beleuchtet die propagandistische Bedeutung der Musik sowie die psychologischen Wirkungsweisen auf die Rezipienten.
7 FAZIT UND AUSBLICK: Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und Reflexion über die Bedeutung der Musik in der rechtsextremen Szene.
8 LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS: Aufstellung sämtlicher verwendeten Quellen und Literaturangaben.
Schlüsselwörter
Rechtsextremismus, Rechtsrock, Popularmusik, Neonazismus, Skinhead-Szene, Ideologieanalyse, Propaganda, Rekrutierung, Jugendkultur, Musikgenres, Ideologiefragmente, Liedtexte, Indizierung, staatliche Maßnahmen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle der Popularmusik als Ausdrucks- und Propagandamittel für rechtsextreme und neonazistische Ideologien in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Entwicklung des Rechtsrock, die organisatorischen Strukturen der Szene sowie die inhaltliche und psychologische Analyse der Musik und ihrer Texte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist eine Bestandaufnahme, die aufzeigt, wie Musik interdisziplinär (ideologisch, ökonomisch, psychologisch) genutzt wird, um rechtsextreme Weltbilder zu verbreiten und Sympathisanten zu rekrutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, der auf der Auswertung von fachjournalistischer Literatur, Schriften des Verfassungsschutzes, Songtextanalysen und dokumentarischem Material basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Geschichte des Rechtsrock, Strukturen wie Netzwerke und Labels, rechte Tendenzen in Genres wie Dark Wave oder HipHop und die ideologischen Kerninhalte der Songtexte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rechtsextremismus, Rechtsrock, Propaganda, Rekrutierung, Neonazismus und Musikszene charakterisiert.
Warum ist die Analyse der „Liebe“ in der rechtsextremen Musik relevant?
Die Analyse zeigt, dass „Liebe“ in diesen Kontexten oft pervertiert als nationalistische oder rassistische Ideologie sowie als sexistisches oder gewaltverherrlichendes Motiv auftritt, um die eigene „Rasse“ zu überhöhen.
Welche Rolle spielt das Internet bei der Verbreitung rechtsextremer Musik?
Das Internet fungiert als zentrales Distributionssystem, das den illegalen Tausch von indizierten Liedern erleichtert, die Szene vernetzt und eine kostengünstige Rekrutierung ermöglicht.
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- Jana Funke (Author), 2004, Popularmusik als Ausdrucksmittel rechter Ideologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31639