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"Als die Nacht in der Mitte angelangt war..." - Die biblische Bedeutung der Nacht

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 26 Pages
Author: Andreas Schraut
Subject: Theology - Biblical Theology

Details

Event: Die Nacht - Wiederentdeckung einer liturgischen Zeit
Institution/College: University of Würzburg (Institut für Praktische Theologie - Liturgiewissenschaft)
Tags: Nacht, Mitte, Bedeutung, Nacht, Wiederentdeckung, Zeit
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 26
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 15  Entries
Language: German
Archive No.: V31693
ISBN (E-book): 978-3-638-32615-5

File size: 121 KB
Notes :
Diese Arbeit entstand im Rahmen des o.a. Seminars in der Liturgiewissenschaft. Das Thema ist jedoch ausschließlich biblisch orientiert. Die Arbeit bekam "nur" eine 2,0, da ich einige kleinere Formfehler drin hatte, die inzwischen beseitigt sind.



Excerpt (computer-generated)

Kath. - Theol. Fakultät
der Universität Würzburg
Institut für Praktische Theologie
Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft
Seminar: Die Nacht - Wiederentdeckung einer liturgischen Zeit.
9./5. Semester

"Als die Nacht in der Mitte angelangt war..." –
Die biblische Bedeutung der Nacht

von: Andreas Schraut

 


Gliederung

I. Das Alte Testament

1. Die Schöpfung 3

1.1. Der konkrete Schöpfungsakt: Die ersten 7 Tage 3
1.2. Das Motiv der Nacht in der »creatio continua« 5
1.3. Exkurs: Die Nacht in der Offenbarung des Johannes 6

2. Gottes Herrschaft über die Nacht 8

2.1. Die Schrecken der Nacht 9

2.1.1. Gefahren von außen 9
2.1.2. Die Gefährdungen von innen 11

3. Offenbarungen und Gefährdungen in der Nacht 12

3.1. (Selbst-)Offenbarungen Gottes 12
3.2. Erschreckende Gottesbegegnungen 13
3.3. Die nächtlichen Träume und Visionen 15

4. Vorläufiges Fazit 18

II. Das Neue Testament

1. Nacht und Traum bei den Synoptikern 18
2. Die Bedeutung der Nacht im Johannesevangelium und im

1. Johannesbrief 20
3. Die Nacht bei Paulus 23

III. Fazit 24

IV. Literaturverzeichnis 26


 

Schon seit Beginn der Menschheit gehört die Nacht zu den Naturphänomenen, die den Menschen am meisten faszinierten und ängstigten zugleich. Geht man nun beispielsweise von der Religionsdefinition von Rudolf Otto aus, der Religion als mysterium tremendum fascinosum et augustum bezeichnet, so ist es verständlich, dass die Menschen von der Frühzeit an z.T. völlig unabhängig voneinander der Nacht und den Gestirnen des Himmels einen göttlichen Charakter verliehen. Der Dichter Homer, der am Anfang der griechischen Literatur steht und dessen Lebenszeit wohl ins 8. vorchristliche Jahrhundert fällt, beschreibt den besonderen Charakter der Nacht mit ihren Göttererscheinungen in seinen beiden Epen Ilias und Odyssee: Die Nacht gehört bei ihm den Göttern, die sich in der Nacht z.T. persönlich den Menschen zeigen. Die besondere Bedeutung der Nacht rührt daher, dass sie eine Zeitspanne ist, in der der Mensch in seiner Wahrnehmung eingeschränkt ist. Er gehört nicht zu den nachtaktiven Lebewesen, sondern ist in der Nacht den Einflüssen seiner Umwelt schutzlos ausgeliefert. Daraus wächst dann auch der Wert des Feuers im Leben des Menschen hervor. Es erleuchtet die Nacht ebenso wie die Sterne und vor allem der Vollmond am Himmel, der jedoch nur in regelmäßigen Abständen auftaucht. Aus seinem Mangel gewinnt der Mensch jedoch einen Nutzen: Er zieht sich in seinen persönlichen Schutz- und Lebensraum zurück und erholt sich im Schlaf von den Strapazen des Tages. Dabei ereilt ihn jedoch wiederum ein faszinierendes Phänomen der Nacht: der Traum. Was die heutigen Humanwissenschaften weitgehend als Erlebnisverarbeitung bezeichnen, war für den antiken Menschen unerklärbar und wurde deshalb als göttliche Botschaft gedeutet. In dieser Arbeit soll es nun darum gehen, die biblische Bedeutung der Nacht darzustellen. Ausgehend von wichtigen Stellen des Alten und Neuen Testaments wird dabei aufgezeigt, dass die Nacht in der Bibel mehr als nur eine Zeitangabe ist.

I. DAS ALTE TESTAMENT

1. Die Schöpfung

1.1. Der konkrete Schöpfungsakt: Die ersten 7 Tage

Das Alte Testament, das mit der Schöpfungserzählung beginnt, berichtet von einer präexistenten Finsternis über der Urflut: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, daß das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: erster Tag“ (Gen 1,1-5).1 Diese Erzählung von der Erschaffung der Welt, genauer gesagt vom ersten Schöpfungsakt Gottes beschreibt die Einteilung der Urfinsternis in Tag und Nacht, indem Gott das Licht hinzufügt und diese Einteilung vornimmt. Aus der %v,xo des Urchaos wird erst in V. 5 durch das Eingreifen des Schöpfers die hl+y.l_+, die Nacht als rhythmische Zeiteinheit, die sich mit dem Tag abwechselt. Der vierte Schöpfungstag bringt jedoch eine neuerliche Unterscheidung von Tag und Nacht: „am vierten Schöpfungstag wird eben dies noch einmal, mit größerer Ausführlichkeit und mit technisch präzisierten Angaben als neuerliche Schöpfungsaktion [sic] berichtet. Also auch auf der uns hauptsächlichen interessierenden Ebene der Erschaffung von Tag und Nacht stellen wir fest, daß nachgeschaffen werden muss; als ob es mit der erstmaligen Gründung der Dinge und ihrer Ordnung nicht getan wäre. Gilt auch für die Ordnung von Tag und Nacht, daß sie von der Wiederkunft einer totalen Nacht bedroht ist?“2

Für den vierten Schöpfungstag heißt es nämlich: „Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es. Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne. Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, daß es gut war. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: vierter Tag“ (Gen 1,14-19). Es geht dabei jedoch weniger um ein „Nach-Schaffen“ aufgrund einer „drohenden Wiederkunft der Nacht“ – wie sich Seitter ausdrückt; man muss sich der Bedeutung der Schöpfung in Zusammenhang mit der Erschaffung des Menschen bewusst werden, um zu sehen, dass der vierte Schöpfungstag ebenso dem Menschen nutzen soll wie die gesamte Schöpfung überhaupt: „Und den Leuchtkörpern gibt er (sc. Gott) zugleich die Funktion, dem Haus und seinen Bewohnern als großes »Weltuhrwerk« zu dienen, das Tag und Nacht, Monate und Jahre, Jahreszeiten und Festzeiten anzeigen soll.“3 Die Nacht ist nicht (nur) Gegner des Menschen, sondern sie dient auch seinem Lebensrhythmus. Die Nacht „steht dem hellen Tag als dunkle Partnerin polar u. zugleich komplementär gegenüber u. bildet im Wechsel mit ihm die grundlegende, kosmo- u. biorhythmisch gegliederte Ordnung des Zeit-Raums.“4 Auch als Gott seine Schöpfung zerstören will, weil der Mensch sich nicht bewährt hat, wie es die Noah-Geschichte erzählt, spielt der Wechsel von Tag und Nacht eine Rolle. Die ganze Geschichte bildet ja quasi ein „Gegenbild zu Gen 1“5: Die Erde verwandelt sich zurück in den Anfangszustand, man kann also durchaus von einer „Entschöpfung“ oder auch „Dekreation“6 sprechen:

„Als die sieben Tage vorbei waren, kam das Wasser der Flut über die Erde, im sechshundertsten Lebensjahr Noachs, am siebzehnten Tag des zweiten Monats. An diesem Tag brachen alle Quellen der gewaltigen Urflut auf, und die Schleusen des Himmels öffneten sich. Der Regen ergoss sich vierzig Tage und vierzig Nächte lang auf die Erde“ (Gen 7, 10-12). Und als die Flut sich schließlich verzogen hat und die Erde wieder trocken ist betätigt Jahwe erneut mit seinen Worten in einer Art »zweiten Schöpfung«, dass er die Erde künftig den Menschen überlassen will, auch wenn sie sich falsch verhalten. Dabei spielen die Gegensatzpaare eine Rolle, die die Erde als Lebensraum des Menschen charakterisieren:

„So lange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (Gen 8, 22). Doch bei der Erinnerung an diese einmaligen Schöpfung des Kosmos und der Erschaffung von Tag und Nacht - in der Exegese spricht man von der »creatio prima« - belässt es der Mensch nicht. Denn „so wie an jedem Morgen neu die Natur erwacht zu Licht und Leben, so musste es auch am Anfang geschehen sein - das Licht wird geschaffen aus der Urnacht und mit dem Licht das Leben.“7 Deshalb kommt in den atl. Texten immer wieder die Vorstellung von dem Tag als immerwährende »neue Schöpfung« vor, die sog. »creatio continua«.

1.2. Das Motiv der Nacht in der »creatio continua«

[...]


1 Alle Bibelzitate sind dem Stuttgarter AT bzw. NT (EÜ mit Kommentaren) entnommen.

2 Seitter, S. 34.

3 Stuttgarter AT, S. 18.

4 Schwankl, Sp. 616.

5 Stuttgarter AT, S. 28.

6 vgl. Seitter, S. 32: „Diese Allgegenwart des Wassers ist eine Rückgängigmachung der Schöpfung in einer materiellen Dimension - und zwar in einer, die eng mit der Dimension Finsternis-Nacht verbunden ist. Es muß angenommen werden, daß die vierzig Regentage nur halb hell waren“.

7 Bogdanyi, S. 40.


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