Aggression und Gewalt in der stationären Versorgung von Menschen mit Demenz

Autor: Annett Beyer
Fach: Pflegewissenschaften

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Details

Institut: Sächsische Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Dresden
Kategorie: Studienarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 59
Note: gut
Literaturverzeichnis: ~ 46  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 376 KB
Archivnummer: V31724
ISBN (E-Book): 978-3-638-32636-0
ISBN (Buch): 978-3-638-70362-8

Zusammenfassung / Abstract

Die vorliegende Facharbeit stellt einen Versuch dar, das schwierige Thema „Aggression und Gewalt“ im Umgang mit Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen zu thematisieren. Vor dem eigenen, persönlichen Erfahrungshintergrund sowie bezugnehmend auf Erfahrungen von anderen Mitarbeitern in der Pflege war es Intention, die gewonnenen Informationen unter Berücksichtigung empirischer Befunde zu reflektieren und in ein Gesamtbild einzuordnen. Zu diesem Zweck wurden unter anderem halbstrukturierte Interviews mit zwei Pflegekräften durchgeführt. Die Darstellungen zeigen, dass sowohl die eigens gemachten Erfahrungen als auch die aus den Interviews hervorgegangenen Ergebnisse nicht nur physische, sondern auch psychische Gewalterscheinungen im Verhalten des Personals erkennen lassen, die auf verschiedene Problemkonstellationen im Umgang zurück zuführen sind. Darüber hinaus konnte zudem gezeigt werden, dass ein gewisses Informationsdefizit bei den Mitarbeitern vorherrscht, um situationsgerecht - und damit bedürfnisorientiert - mit den Betroffenen umgehen zu können. Zudem spielen Faktoren wie die verbindliche Orientierung am Tagesablauf, die Vorurteilsbildung aufgrund der bestehenden Erkrankung und der damit im Zusammenhang stehenden Symptomatik (herausforderndes Verhalten), das Entstehen eines Mehraufwandes in der pflegerischen Versorgung sowie andere, institutionell und von außen bedingte Anforderungen ebenfalls eine Rolle.

Textauszug (computergeneriert)

Aggression und Gewalt in der stationären
Versorgung von Menschen mit Demenz

von: Annett Beyer

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung  1

2 Grundlegende Begriffsklärungen  4

2.1 Symptome der dementiellen Erkrankung  4
2.2 Definition Aggression  6
2.3 Definition Gewalt und Gewaltformen  6

2.3.1 Strukturelle Gewalt  6
2.3.2 Personale Gewalt  7

2.4 Zusammenfassung  7

3 Aggression und Gewalt in der stationäre n Pflege  9

3.1 Alltägliche Formen von Aggression und Gewalt   9
3.2 Ursachen für das Auftreten von Aggression und Gewalt  10
3.3 Zusammenfassung  13

4 Einblicke in unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen im Umgang mit Demenzkranken  15

4.1 Eigene Erfahrungen  15
4.2 Interviews mit Pflegekräften  18
4.3 Zusammenfassung  25

5 Diskussion  28

5.1 Rollenzuschreibungen und Rollenerwartungen  28

5.1.1 Die Rolle des Heimbewohners  29
5.1.2 Die Rolle der Pflegekraft  30

5.2 Strukturelle Einflussfaktoren  31
5.3 Zusammenfassung  32

6 Schlussfolgerungen und Ausblick  33

Literaturverzeichnis  37

Anhang  42

Interviewleitfaden  43
Interview PK 1  44
Interview PK 2  52
 


 

1 Einleitung

Pflegeeinrichtungen haben eine, dem allgemein anerkannten Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse, entsprechende Qualität des Wohnens, der Pflege und der Betreuung zu sichern. Ebenso haben sie die Aufgabe, Interessen und Bedürfnisse der Bewohner1 vor Beeinträchtigung zu schützen und Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und die Selbstverantwortung zu wahren bzw. zu fördern (§ 2 Abs. 1 Heimgesetz, vgl. Klie/Stascheit 2003).

Eine wichtige Voraussetzung zur Erfüllung derartiger Forderungen, stellt das Vorhandensein einer ausreichenden personellen Ausstattung dar. Die derzeitige Situation zeigt jedoch, dass oft nicht einmal der vom Gesetz geforderte Rahmen (§ 5 Heimpersonalverordnung) eingeha lten wird bzw. eingehalten werden kann, gerade im Hinblick auf die Verteilung von Fach- und Hilfskräften. Die angestrebte Fachkraftquote von 50 % erreichen, nach Untersuchungen zufolge, wenige Einrichtungen: „Nur 62 % der Einrichtungen erreichen die Quote, 11 % der Einrichtungen beschäftigen weniger als 40 % Fachkräfte“ (Schneekloth/Müller 2000, zit. n. BMFSFJ 2002). Hinzu kommt, dass – vor allen im großstädtischen Raum – ein Personalmangel in den Altenpflegeheimen zu verzeichnen ist, der in der Praxis zu einer steigenden Arbeitsbelastung führt, da das Personal2 einem ständigen Zeitdruck ausgesetzt ist und infolgedessen es zu ausgeprägten körperlichen und psychischen Belastungen kommen kann (BMFSFJ 2002). Da die Belastung als Widerspruch zur eigenen Berufsauffassung von den Pflegekräften erlebt wird, sinkt natürlich auch die Motivation. Kolleginnen und Kollegen der Altenpflege äußern immer wieder, dass „unsere Arbeit sehr viel schwerer geworden ist, als dies früher der Fall war, und die Belastungen nehmen noch weiter zu“. Zum einen wird damit die Reduzierung des Pflegepersonals oder der aus der Pflegeversicherung resultierende Aufwand für Dokumentation und verschiedener Abstimmungsprozesse, der in den letzten Jahren zugenommen hat, angesprochen. Mehr aber noch gilt die Klage „der zunehmenden Anzahl von schwierigen Dementen“ in den Einrichtungen.

Die zunehmende Anzahl gerontopsychiatrisch erkrankter Heimbewohner3 stellt für die Zukunft eine besondere Herausforderung dar. Nicht nur auf gesellschaftspolitischer Ebene ist hier ein Umdenken anzustreben und weiter zu verfolgen, auch in den Einrichtungen muss vermehrt auf den gegenwärtigen Bedarf reagiert werden, um sich auf die zukünftige Entwicklung entsprechend vorbereiten zu können. Neben der ausreichenden Anzahl der Mitarbeiter spielt daher auch deren Qualifikation und der bedarfsgerechte Einsatz zunehmend eine entscheidende Rolle. Gerade im Umgang mit Demenzkranken sind psychosoziale Fähig- und Fertigkeiten von großer Bedeutung, was letztlich in der Beziehung zwischen Pflegekraft und Bewohner zum Ausdruck kommt. An dieser Stelle muss die Pflege, ausgehend von ihrem Sinnverständnis, wieder an ihrem Ursprung ansetzen: dem Aufbau, Gestalten und Beenden von Beziehungen.

Gerade wenn es um den Beziehungsfaktor in der Pflege geht, ist vermehrt in den letzten Jahren festzustellen, dass z. B. Themen wie Gewalt und Aggression nicht nur in den Medien, sondern auch zunehmend in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ihre Aufmerksamkeit finden. Diese Tatsache lässt sich auch mit eigenen Erfahrungen vereinbaren, wo oft von Gewaltsituationen, Grenzsituationen, Konfliktsituationen oder etwas allgemeiner ausgedrückt, von Problemen in der Pflege, die sich in hohem Maße belastend auf das Personal auswirken, gesprochen wird. Die Auseinandersetzung mit diesen belastenden Situationen, vor allen Dingen auch im Dementenbereich, war und ist in erster Linie emotional geprägt, d. h. hier sind Affekte und Affekthandlungen, sowohl von seiten des Personals als auch von seiten der Bewohner, an der Tagessordnung.

In diesem Zusammenhang stellte sich während meiner Tätigkeit als Altenpflegerin oft die Frage, auf welche Faktoren oder Gründe ein unwürdiger bzw. ethisch und moralisch nicht vertretbarer Umgang in Pflegebeziehungen zurückzuführen ist. Um über diese Thematik mehr zu erfahren, beschloss ich, mich intensiver im Rahmen einer Hausarbeit mit dieser Problematik, ausgehend von der Sichtweise des Pflegepersonals, auseinander zusetzen und dies gerade auch im Hinblick auf den (schwierigen) Umgang mit Demenzkranken zu reflektieren. Ein weiterer Grund bestand darin, dass aufgrund eigener Erfahrungen, ein großer Handlungsbedarf in der Praxis besteht, um derartigen Situationen offener und professioneller zu begegnen, da diese oftmals als Tabu behandelt werden. Die Erstellung dieser Hausarbeit erfolgte im Rahmen der Weiterbildung für den Fachkursus „Gerontopsychiatrie“ an der Sächsischen Verwaltung- und Wirtschaftsakademie in Dresden. Das Thema der Arbeit setzt sich im allgemeinen mit der Betrachtung von Gewalt und Aggression und den daraus entstehenden Konfliktsituationen im stationären Altenpflegebereich auseinander. Im besonderen bezieht sich die Fragestellung auf die Ursachen von Aggression und Gewalt von Pflegenden in stationären Einrichtungen unter besonderer Berücksichtigung der Demenzproblematik.

Ziel war es demnach, pfle gerische Beziehungen im Altenheim dahingehend zu beschreiben, welche Umstände Aggression und Gewalt im Umgang miteinander hervorrufen bzw. welche (Belastungs-) Faktoren bei der Entstehung seitens des Pflegepersonals förderlich sind. In diesem Zusammenhang wurde im Abschnitt 3 eine Literaturanalyse durchgeführt, mit dem Anliegen, die Probleme im stationären Altenpflegebereich aus pflegerischer Sicht herauszustellen. Weiterhin sollen in diesem Zusammenhang Auswirkungen auf den Umgang mit Demenzkranken identifiziert werden, die gerade aufgrund des Auftretens bestimmter Verhaltensweisen zu einer hohen psychischen Belastung im Erleben des Pflegepersonals beitragen. Zur praktischen Veranschaulichung dieser Problematik, wurde in diesem Sinne versucht, einen Einblick in verschiedene Beziehungsebenen zu bekommen. Hierfür werden zum einen Erfahrungen, die auf meine praktische Tätigkeit als Altenpflegerin aufbauen, dargestellt. Um den Gehalt meiner Erfahrungen, gerade auch im Hinblick auf den Umgang mit Demenzkranken, zu erweitern, wurden zum anderen halbstrukturierte Interviews mit zwei Pflegekräften durchgeführt, deren Ergebnisse im Abschnitt 4 vorgestellt werden. Anschließend an Abschnitt 4, erfolgt im Abschnitt 5 eine Diskussion des gewählten Themas unter besonderer Berücksicht igung des Auftretens von Aggression und Gewalt gegenüber Menschen mit Demenz. Im letzten Kapitel (Abschnitt 6) werden Schlussfolgerungen und Ausblicke für die Praxis gezogen. Im folgenden Abschnitt werden zum besseren Verständnis grundlegende Begriffe erklärt, die sich zum einen auf eine nähere Erläuterung, der aufgrund der Symptomatik gezeigten Verhaltensweisen Demenzkranker beziehen, da diese von den Pflegenden als ein, zum Teil jedoch schwer handelbarer, Belastungsfaktor angesehen werden. Zum anderen werden an dieser Stelle die Begriffe Aggression und Gewalt, die für diese Arbeit allgemein als thematische Grundlage dienen sollen, genauer definiert.

2 Grundlegende Begriffsklärungen

Zum besseren Verständnis werden im folgenden, die für diese Arbeit relevanten Begrifflichkeiten definiert. Ausgehend von der Darstellung hinsichtlich der Symtomatologie von dementiellen Erkrankungen folgt im Anschluss eine Erläuterung der Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ und deren Ursachen für das jeweilige Auftreten.

2.1 Symptome der dementiellen Erkrankung

[...]


1 Die Begriffe „Bewohner“ und „Heimbewohner“ werden synonym verwendet. Aus pragmatischen Gründen wurde dabei die männliche Form verwendet, die weibliche ist, falls nicht explizit erwähnt, jeweils mit eingeschlossen.

2 Mit Personal, Mitarbeiter oder Pflegenden sind im folgenden Pflegefach- und/oder Pflegehilfskräfte gemeint.

3 Dies trifft in erster Linie auf Menschen mit Demenz zu, da diese den Großteil an der Gesamtzahl von gerontopsychiatrisch erkrankten Heimbewohnern ausmachen. Bis zum Jahr 2050 wird bei gleich bleibenden altersspezifischen Prävalenzraten die Zahl der Demenzkranken in Deutschland auf rund 2 Mill. ansteigen (vgl. Bickel 2001).

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