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Waren die Demoskopen Le Pens Wahlhelfer? Eine Untersuchung des Einflusses der Meinungsumfragen auf den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen 2002 in Frankreich

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 43 Pages
Author: Verena Jung
Subject: Interpreting / Translating

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 43
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V32157
ISBN (E-book): 978-3-638-32946-0

File size: 626 KB


Excerpt (computer-generated)

Waren die Demoskopen Le Pens Wahlhelfer?
Eine Untersuchung des Einflusses der Meinungsumfragen
auf den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen 2002 in Frankreich

von: Verena Jung

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: S. 3

2 Einführung in die Problematik S. 4

2.1 Stellung der Wahlforschung in Europa und den USA S. 4
2.2 Theoretischer politikwissenschaftlicher Hintergrund S. 6

2.2.1 Einfluss auf die Stimmabgabe S. 6
2.2.2 Einfluss auf die Wahlbeteiligung S. 7

2.3 Richtlinien zur Durchführung und Veröffentlichung von Umfragen S. 9

3 Situation in Frankreich S. 10

3.1 Gesetz zur Veröffentlichung von Wahlumfragen S. 10
3.2 Wahlforschungstradition in Frankreich S. 12
3.3 Französische Umfrageinstitute S. 12

4 Reaktionen der Institute auf die Vorwürfe S. 12

4.1 Stellungnahme CSA S. 13
4.2 Stellungnahme BVA S. 14

5 Vergleichende Analyse der endgültigen Ergebnisse mit den letzten Umfragedaten S. 16

6 Analyse ausgewählter Wahlumfragen S. 18

6.1 Fixierung auf ein Duell Chirac – Jospin? S. 19
6.2 Anzeichen für den Wahlausgang S. 20
6.3 Selbsteinschätzung der wahlberechtigten Franzosen S. 22

7 Fazit S. 23

8 Anhang S. 26

9 Literaturverzeichnis S. 43


 

1 Einleitung:

Nach dem ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen am 21. April 2002 befand sich das ganze Land in einem Ausnahmezustand. Den zweiten Wahlgang hatten nicht wie erwartet der französische Staatpräsident Jacques Chirac (RPR) und der Premierminister Lionel Jospin (PS) erreicht, sondern Chirac und der Kandidat der rechtsextremen Front National, Jean-Marie Le Pen. Nach der Bekanntgabe der ersten Hochrechnung ging ein Schock durch das Land. Schon in der Nacht auf den 22. April gingen Tausende von Demonstranten auf die Strasse, um gegen den Einzug von Le Pen in den zweiten Wahlgang zu demonstrieren. Gleichzeitig wurden erste Anschuldigungen laut. Noch nie zuvor in der Geschichte der fünften Republik hatten so viele Politiker um das Amt des Präsidenten kandidiert. Den vielen kleinen Kandidaten wurde vorgeworfen, sie hätten durch ihre Kandidatur zur Zersplitterung der Linken beigetragen und somit Jospin um den Einzug in den zweiten Wahlgang gebracht, da sonst alle Wähler der Linken ihre Stimmen auf ihn vereinigt hätten.

Vor allem aber die Meinungsforschungsinstitute wurden von den Medien, den Politikern und der Bevölkerung dafür verantwortlich gemacht, dass sie sie nicht davor gewarnt hätten, was passieren könnte. In der vorliegenden Arbeit möchte ich anhand ausgewählter Wahlumfragen, die vor dem ersten Wahlgang in Frankreich veröffentlicht wurden, analysieren, ob dieser Vorwürfe gerechtfertigt sind oder ob sie zurückgewiesen werden müssen, weil sie haltlos sind. Dabei beginne ich mit einer kurzen Schilderung der Problematik. Danach werde ich in Abschnitt 2.1 zeigen, dass Vorwürfe gegenüber der Demoskopie, das Wahlergebnis zu beeinflussen, kein neues und kein Frankreich-spezifisches Phänomen sind. Der darauffolgende Abschnitt stellt politikwissenschaftliche Thesen in Bezug auf die möglichen Effekte der Beeinflussung des Wählers durch Wahlumfragen vor. Dabei wird der Einfluss auf die Wahlbeteiligung von dem auf die Stimmabgabe unterschieden. Der letzte Teil des zweiten Kapitels setzt sich dann vor allem mit dem Richtlinienkatalog der AAPOR auseinander, einer Sammlung von Regeln, deren Befolgung Missverständnisse und Fehleinschätzungen von Umfragen seitens der Wähler zu verhindern hilft. Nach diesem allgemeinen, theoretischen Teil meiner Arbeit widmet sich das dritte Kapitel der speziellen Situation in Frankreich, im Einzelnen dem umstrittenen Gesetz aus dem Jahr 1977, dass die Veröffentlichung von Wahlumfragen eine Woche vor der Wahl verbietet sowie der Änderung dieses Gesetzes aus dem Jahr 2002, der Tradition der Wahlforschung in Frankreich sowie der Vorstellung der relevanten Umfrageinstitute. Das vierte Kapitel behandelt die Stellungnahmen der Umfrageinstitute BVA und CSA. Im fünften Kapitel wird ein Blick auf das amtliche Endergebnis des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen geworfen und dieses mit den letzten Umfragenergebnissen der verschiedenen Institute verglichen. Im Hintergrund stehen dabei die Fragen, wie groß die tatsächlichen Unterschiede sind, ob sich die Institute stark voneinander unterscheiden und inwieweit Hinweise auf den Einzug Le Pens und das Scheitern Jospins zu finden sind. Danach beschäftige ich mich intensiver mit einigen Umfragen, anhand derer ich drei Thesen formulieren werde, die sich auf die Vorwürfe beziehen. Im Fazit werde ich dann abschließend die Frage beantworten, ob die Demoskopen eine Mitschuld an dem Ergebnis des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahl tragen.

2 Einführung in die Problematik

Nach dem ersten Gang der Präsidentschaftswahlen 2002 in Frankreich wurden den Meinungsforschungsinstituten verschiedenartige Vorhaltungen gemacht. Zum Einen äußerten sich nach dem ersten Wahlgang viele wahlberechtigte Franzosen (vor allem aus dem Sozialistenlager, die zwar im zweiten Wahlgang ihre Stimme Jospin geben wollten, aber mit der Nichtwahl beim ersten Wahlgang ihrem Unmut über seine Linie Ausdruck verleihen wollten), die sagten, sie seien nicht zur Wahl gegangen, da das Ergebnis doch schon vorher festgestanden hätte, da laut Meinungsumfragen „auf jeden Fall“ Chirac und Jospin im zweiten Wahlgang gegeneinander antreten würden. Auch diejenigen, die ihre Stimme zum Teil aus Protest den kleineren, chancenlosen Kandidaten der extremen Linken oder sogar dem Kandidaten der rechtsextremen Front National, Jean-Marie Le Pen gegeben hatten, bedauerten dies öffentlich. Sie gaben an, dass sie anders gehandelt hätten, wenn die Umfragen ihnen gesagt hätten, was passieren würde. Zum Anderen wurde von Politikern und Medien den Meinungsforschungsinstituten vorgeworfen, sie hätten Le Pen unterschätzt und von ihm abgelenkt und dadurch sein gutes Abschneiden erst ermöglicht.

2.1 Stellung der Wahlforschung in Europa und den USA

Seit dem Beginn der Umfrageforschung gibt es negative Äußerungen aller Art über diese Wissenschaft, aber vor allem Vorwürfe der Manipulation. In vielen Ländern, in denen die Wahlforschung eine mehr oder weniger bedeutende Rolle spielt, werden ihr gelegentlich von Seiten der Bürger, aber auch der Politiker, „dämonische“ Kräfte zugeschrieben. Diese Kritik richtet sich in den meisten Fällen aber nicht gegen die Methode der Empirischen Sozialforschung, sondern sie beinhaltet stattdessen oft den Vorwurf der Manipulation des Wählerverhaltens. Grob kann man die Vorhaltungen, die den Umfrageinstituten seitens der Politiker gemacht werden, in zwei Vorwürfe zusammenfassen. In einigen Fällen wird der Demoskopie vorgeworfen, die Wähler durch zu hohe Umfragewerte der Parteien oder Kandidaten „einzulullen“, so der FDP-Politiker Möllemann (vgl. Brettschneider 2000), in anderen Fällen wiederum hält man ihnen vor, durch zu günstige Vorhersagen die Wähler positiv zu stimmen, und somit bestimmte Parteien oder Kandidaten zu bevorteilen. Oft werden diese Vorwürfe gegen ein und dieselbe Umfrage erhoben, nur von unterschiedlichen Parteien bzw. Lagern. Generell lässt sich in Ländern wie zum Beispiel den USA, der BRD und auch Frankreich feststellen, dass die Parteien zwar oft Kritik an der Umfrageforschung üben, sie andererseits aber auch instrumentalisieren und für ihre Zwecke zu nutzen versuchen.

In vielen Ländern führte der Vorwurf, dass die Umfragen auf illegitime Weise die Meinungsbildung der Wähler beeinflussen dazu, dass ein gesetzliches Veröffentlichungsverbot gefordert und in einigen Ländern auch durchgesetzt wurde. So dürfen Umfrageergebnisse in Ungarn, Portugal, Spanien und der Schweiz in der letzten Woche vor der Wahl nicht mehr veröffentlicht werden. Auch in Frankreich gab es bis vor kurzem ein solches Verbot (siehe Kapitel 3.1). In Polen beträgt der Zeitraum zwei, in Italien sogar vier Wochen (vgl. Brettschneider 2000). Auch in Deutschland wurde in der Vergangenheit mehrere Male die Forderung nach einem solchen Verbot laut; diese Forderung steht aber nach Mehrheitsmeinung in Widerspruch zur im Grundgesetz verankerten Meinungs-, Informations-, und Pressefreiheit. Außerdem argumentierten die Gegner damit, dass sich ein solches Verbot praktisch nicht durchsetzen ließe. Dies lässt sich deutlich an Frankreich erkennen, wo in den letzten Jahren das Verbot immer häufiger umgangen wurde. Viele Experten sind der Ansicht, dass ein solches Verbot zumindest solange unzulässig sei, als eine illegitime Wählerbeeinflussung nicht hinreichend empirisch belegt sei. Dies ist bislang weder in den USA, noch in Deutschland oder Frankreich der Fall. Des weiteren muss man sich, wenn man sich mit der Wirkung von Wahlumfragen auf das Wählerverhalten beschäftigt darüber im Klaren sein, dass diese Annahmen von Politikern und Journalisten (und manchmal auch von Politikwissenschaftlern) so formuliert werden, als handele es sich dabei um empirisch belegte Tatsachen (vgl. Brettschneider 2000). Wie wir später noch sehen werden, sind aber weder die vermuteten Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung (Mobilisierungs-, Defätismus-, Lethargie- und Bequemlichkeitseffekt), noch die auf die Stimmabgabe (Bandwagon- und Underdogeffekt) empirisch belegt.

2.2 Theoretischer politikwissenschaftlicher Hintergrund

[...]


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