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Termpaper, 2004, 18 Pages
Author: Julia Hermanns
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Franz, Kafka, Verwandlung, Antimärchen
Year: 2004
Pages: 18
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-33204-0
File size: 300 KB
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Excerpt (computer-generated)
ALBERT-LUDWIGS-UNIVERSITÄT FREIBURG IM BREISGAU
Deutsches Seminar II
Proseminar: Franz Kafka: Erzählungen
3. Semester
Franz Kafka - Die Verwandlung - Ein Antimärchen?
von: Julia Hermanns
Inhaltsverzeichnis
Einleitung S. 1
1) Die Gattung des Märchens S. 4
2) Der märchenhaft anmutende Vorgang der Verwandlung S. 5
2.1) Der Erzählanfang S. 6
2.2) Gregors Degradation ins Tierische S. 8
2.3) Die Schwester als Sinnbild für Gregors Erlösungssehnsucht S. 11
Ausblick S. 13
Literatur
1) Primärliteratur S. 15
2) Sekundärliteratur S. 15
Einleitung
„Das Groteske entwickelt sich in Kafkas Umformungen zu dem eigentlichen Pendant des Märchenhaften. Aufgebaut aus der gleichen Mischung von Realem und Phantastischen, erzählt aus der gleichen Einsinnigkeit der Perspektive, bedient es sich der Harmonie jener Erzählgattung, um den Leser aus der Illusion einer im Kunstwerk erstellten, heilen Welt zu reißen, ihm den `Boden unter den Füßen` wankend zu machen und das Gefühl der Unsicherheit gegenüber der bekannten Weltordnung hervorzurufen.“1
Kafkas Erzählungen und Romane stimmen nicht mit der Welt überein, die wird durch unsere Sinne wahrnehmen. In seinen Werken treten sprechende und sich verwandelnde Tiere in Erscheinung. Diese Tierverwandlungen sind häufige Märchenmotive und auch Kafkas Erzählungen erscheinen in manchen Zügen fast wie ein Märchen. In der Sorge des Hausvaters erinnert Odradek z.B. an die Gestalt des Zwergs in manchen deutschen Märchen und auch die Erzählung Ein Landarzt enthält märchenhafte Züge. Denn Kafka hat in seinen Werken Figuren entwickelt, die aus dem Reich der Menschen, Tiere und Dinge entstammen. Er entstellt mit dieser Figurenkonzeption das Vertraute und macht das Fremde für uns unheimlich. Daher ist sehr verständlich, dass seine Texte immer wieder als Märchen eingeordnet werden und manchen Deuter dazu verleiten, dem rätselhaften Vorgang auf die Spur kommen zu wollen. Folglich gibt es über die motivlichen und strukturellen Parallelen zwischen dem Märchen und den Erzählungen Kafkas sehr verschiedene Untersuchungen, die sich aber oft ins allzu Fragliche und Abstrakte verlieren. 2
Kafkas märchenhaft anmutenden Erzählungen rücken jedoch von der etablierten und nach Jolles benannten `einfachen Form` des Märchens ab.3 Sie stimmen ausnahmslos nicht mit der `naiven Moral` des Märchens überein. Denn in den Kafkaschen Märchen wird der Protagonist am Ende nicht erlöst. Es findet keine Rückverwandlung statt. Nach Jolles werden demnach die Erwartungen und Anforderungen, die der Leser an eine gerechte Welt gemäß des Märchens stellt, nicht erfüllt. Die märchenhaften Erzählungen Kafkas beziehen eine unmoralische Wirklichkeit der Welt als charakteristisches Strukturelement mit ein. Das bedeutet, dass sich zumeist in der Hauptfigur oder den anderen Personen, die sich in ihrem realem Verhalten oft als unmärchenhaft erweisen, ein Strukturprinzip kontrastiert, das der naiven Glückswelt des Märchens entgegengesetzt ist. Bei Jolles werden Kafkas märchenhaft anmutenden Erzählungen somit zum `Antimärchen`. 4 Das Motiv der Verwandlung ist so alt wie die Märchen selbst. Am berühmtesten sind die Metamorphosen des Ovids. Dieser schildert den Akt der Verwandlung an sich, Kafkas Erzählungen setzen erst nach der Verwandlung des Helden ein und es werden im Laufe der Erzählung Leben und Schicksal des Verwandelten geschildert. Gemeinsam ist beiden aber das Muster der Bestrafungsverwandlung. In der Antike sind es die Götter, die die erniedrigenden Mächte darstellen, in den Märchen oft unbekannte Schicksalsmächte, bei Kafka ist es ebenfalls stets eine anonyme Macht.
Eine zentrale Stellung nimmt das Verwandlungsmotiv im Märchen ein. Häufig verwandelt sich ein Mensch in ein Tier und die Rückverwandlung findet durch eine menschliche Erlösung statt. Man denke z.B. an die Rückverwandlung des verzauberten Prinzen im Froschkönig: Die Prinzessin gibt ihre Ablehnung dem väterlichen Wunsch gegenüber auf und nimmt das Tier an. Die von außen ausgelöste Rückverwandlung eines zum Tier verwandelten Menschen findet sich auch in dem Märchen Die Schöne und das Biest. 5 Kafka kannte die Grimmschen Märchen gut. Gelegentlich benutzte er auch Märchen, Volkssagen oder E.T.A. Hoffmanns Nachtstücke als Quellen, durch die er auch einen Anschluss an Ovids Metamorphosen gewann. Nach Max Brods Erinnerung habe Kafka eine Neigung zu „phantastischen Märchen“6 besessen. Dies ist jedoch kritisch aufzunehmen, denn Kafka stand dem Märchen auch sehr skeptisch gegenüber. Dies geht aus seiner Tagebucheintragung hervor, die er sich infolge seiner Urlaubsbekanntschaft mit einer junge n Schweizerin in Riva notierte: „Gerne wollte ich Märchen (warum hasse ich das Wort so?) schreiben, die der W. gefallen können.“7 Wichtige Ideen für seine märchenhaften Erzählungen könnte Kafka auch aus der religiösen Tradition und der Volkskultur des Ostjudentums erhalten haben. Durch seine Begegnung mit dem jiddischen Theater in Prag in den Jahren 1910-1912 erhielt Kafka, vor allem durch den Schauspieler Jizchak Löwy, wichtige Einblicke in ihre Mythen und Märchen. 8
Die Verwandlung, die zu den berühmtesten übernatürlichen Erzählungen des 20. Jahrhunderts zu zählen ist, in Bezug zum Märchen zu setzen, liegt nahe, wenn man die groben Handlungspunkte dieser Erzählung betrachtet. Eine einzelne Person wird von einem schweren Schicksal getroffen und muss versuc hen, sich so gut wie es nur geht, mit dieser Situation zu arrangieren. Aber im Sinne der Märchenstruktur wird Gregor Samsa nicht von seiner Metamorphose erlöst, weshalb man die Verwandlung auch als Antimärchen betrachtet hat. Aber der Begriff ´Antimärchen` ist nur in Bezug auf die bekannten Grimmschen Märchen sinnvoll, denn viele außereuropäischen Volksmärchen, wie etwa die auch Kafka bekannte chinesischen, kennen auch das tragische Ende des Helden. 9
[...]
1 Karl-Heinz FINGERHUT: Die Funktion der Tierfiguren im Werke Franz Kafkas, Bonn 1969, S. 167.
2 Vgl. u.a. Rudolf KREIS: Die doppelte Rede des Franz Kafka, Paderborn 1976; Dieter HASSELBLATT: Zauber und Logik. Eine Kafka -Studie, Köln 1964.
3 Vgl. Andre JOLLES: Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz, Tübingen6 1982, S. 202.
4 Vgl. ebd. S. 240-244.
5 nach `La Belle et la bête` von Gabrielle -Suzane Barbot de Villeneuve, 1740.
6 Max BROD: Über Franz Kafka. Franz Kafka, eine Biographie – Franz Kafkas Glauben und Lehre – Verzweiflung und Erlösung im Werk Franz Kafkas, Frankfurt a.M./Hamburg 1966, S. 43.
7 Franz KAFKA: Tagebücher 1910-1923, Frankfurt a.M. 1951, S. 323 f.
8 vgl. zu diesem Abschnitt Peter BEICKEN: Franz Kafka Die Verwandlung. Erläuterungen und Dokumente, Stuttgart 1983, S. 77 f.
9 vgl. Hartmut BINDER: Motiv und Gestaltung bei Franz Kafka, Bonn 1966, S. 56.
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