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Häresien im Hohen Mittelalter. Historische Darstellung und didaktische Überlegungen für eine Thematisierung im Geschichtsunterricht

Examination Thesis, 2001, 114 Pages
Author: Jürgen Grabowksi
Subject: History - Middle Ages, Early Modern

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2001
Pages: 114
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V3273
ISBN (E-book): 978-3-638-11989-4

File size: 458 KB


Excerpt (computer-generated)

Wissenschaftliche Hausarbeit
für das Lehramt an Haupt- und Realschulen,
eingereicht dem Wissenschaftlichen Prüfungsamt für die Lehrämter in Frankfurt am Main

Thema: Häresien im hohen Mittelalter.
Historische Darstellung und didaktische Überlegungen
für eine Thematisierung im Geschichtsunterricht.

Gutachter: Dr. Arnold Bühler

Fachbereich 08 - Geschichtswissenschaften

Abgabetermin der Arbeit: 10.05.2001

Verfasser der Arbeit: Jürgen Grabowski

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG ... 4

I. FACHWISSENSCHAFTLICHER TEIL ... 6

1. HÄRESIEN IM HOHEN MITTELALTER ... 6
    1.1. Begriffserklärung Ketzerei/ Häresie ... 6
    1.2. Forschungsstand und Quellenlage ... 9
        1.2.1. Zur Forschung ... 9
        1.2.2. Zu den Quellen ... 12

2. DIE HÄRESIEN IM ÜBERBLICK ... 15
    2.1. Häresien des 11. Jahrhunderts ... 17
        2.1.1. Der Bauer Leuthard (1000) ... 17
        2.1.2. Orléans (1022) ... 18
        2.1.3. Lüttich und Arras (1025) ... 20
        2.1.4. Monteforte (1028) ... 22
        2.1.5. Zusammenfassung ... 24
        2.1.6. Die "Ketzer" während des Investiturstreits ... 26
    2.2. Wiederaufleben im 12. Jahrhundert ... 29
        2.2.1. Tanchelm von Antwerpen und Seeland ... 31
        2.2.2. Der Mönch Heinrich ... 33
        2.2.3. Peter von Bruis ... 36
        2.2.4. Arnold von Brescia ... 38
        2.2.5. Zusammenfassung ... 40
    2.3. Die Waldenser ... 42
        2.3.1. Die Entstehung ... 42
        2.3.2. Die weitere Entwicklung der Bewegung (Von 1182-1215) ... 45
        2.3.3. Die Organisation ... 47
    2.4. Die Katharer ... 48
        2.4.1. Anfänge und Verbreitung ... 48
        2.4.2. Lehre und Organisation ... 51
        2.4.3. Verfolgung ... 54

3. ERKLÄRUNGSVERSUCHE ... 56
    3.1. Marxistische Interpretation ... 57
    3.2. Bürgerliche Deutung ... 60
    3.3. Gesellschaft und Kirche im hohen Mittelalter ... 61
        3.3.1. Wandel der gesellschaftlichen Bedingungen seit dem 11. Jahrhundert ... 62
        3.3.2. Wandel der Kirche und der Religiosität ... 66
    3.4. Zusammenfassende Beurteilung der Häresien ... 70

4. REAKTIONEN DER KIRCHE ... 72
    4.1. Bettelorden ... 74
        4.1.1. Dominikaner ... 74
        4.1.2. Franziskaner ... 75
    4.2. Inquisition ... 76

II. DIDAKTISCHER TEIL ... 78

1. MITTELALTER IM GESCHICHTSUNTERRICHT ... 78
    1.1. Ziele des Geschichtsunterrichts ... 78
    1.2. Warum Mittelalter? Prüfung eines historischen Gegenstandes ... 82
        1.2.1. Bedeutung des Themas Mittelalter für die SchülerInnen ... 84
        1.2.2. Wie kann das Mittelalter SchülerInnen betroffen machen? ... 86
    1.3. Häresien im Spiegel der Geschichtsbücher ... 88

2. DIDAKTISCHE ÜBERLEGUNGEN FÜR EINE THEMATISIERUNG
IM UNTERRICHT ... 94
    2.1. Was kann eine Unterrichtseinheit Ketzer im hohen Mittelalter leisten? ... 94
        2.1.1. Aufzeigen des Wandels der mittelalterlichen Gesellschaft ... 95
        2.1.2. Mittelalterliche Religiosität ... 95
        2.1.3. Betroffenheit der SchülerInnen ... 96
        2.1.4. Instrumentalisierung (u.a.) religiöser Motive ... 98
        2.1.5. Europäisierung der mittelalterlichen Geschichte ... 98
        2.1.6. Perspektivisches Denken ... 98
        2.1.7. Fazit ... 99
    2.2. Vorschläge zur Umsetzung ... 100

SCHLUßBETRACHTUNG ... 102
ABBILDUNGSVERZEICHNIS ... 104
TABELLENVERZEICHNIS ... 104
LITERATURVERZEICHNIS ... 104

Einleitung

Der Begriff Ketzer ist auch heute noch eine gängige Bezeichnung für Personen, die von einer herrschenden Meinung abweichen. Daß dieser Begriff aus dem Mittelalter stammt, ist dabei weitgehend bekannt, assoziiert man mit ihm doch auch diese finstere Zeit, in der solche Abweichler noch von der Kirche verurteilt und verbrannt wurden. Neben den weiteren Schlagwörtern die man damit verbindet, wie etwa Inquisition, Scheiterhaufen oder Hexenverfolgung, wobei man häufig vergißt, daß das klassische Zeitalter der Hexenjagden in Europa erst 1430 begann und noch bis 1780 reichte, kommen einem schließlich auch die positiven Bestandteile dieses Begriffs in den Sinn. Man denkt an Menschen wie Galileo Galilei (1564-1642) , die dazu beitrugen, daß sich die Wissenschaft gegenüber "mittelalterlichem" und "einfältigem" Denken durchsetzte, und somit der Rationalität und der Logik den Weg ebneten, welche schließlich zu den Errungenschaften der modernen Zivilisation führten.

Die vorliegende Arbeit befaßt sich aber nicht mit jenen Ketzern des Spätmittelalters oder der frühen Neuzeit, sondern mit den weitaus weniger bekannten Häresien des hohen Mittelalters. Dabei soll eine Auseinandersetzung mit diesen früheren Ketzern keineswegs dazu beitragen, die Wurzeln neuzeitlicher Genialität um einige Jahrhunderte zurückzuverlegen. Gerade im Gegenteil kann die Beschäftigung mit diesen Menschen eventuell dazu verhelfen, mittelalterliches Denken und Handeln besser zu verstehen, um dadurch Vorurteile gegen diese Epoche abzubauen und darüber hinaus ein kritischeres Verhältnis zur eigenen Gegenwart aufzubauen.

Es geht aber nicht nur um eine mögliche Widerlegung vorgefertigter Geschichtsbilder heutiger Zeit. Gerade auch in Hinsicht auf die traurige, fast zeitlose Aktualität der Begriffe Intoleranz, Verfolgung und Unterdrückung von Minderheiten lohnt sich die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und Verfolgten in vergangenen Zeiten, da damit aus einer unbeteiligten Beobachterposition möglicherweise Erkenntnisse gewonnen werden, die helfen können, Probleme der Gegenwart zu lösen.

Als Thema für die wissenschaftliche Hausarbeit zur ersten Staatsprüfung für das Lehramt erschien es sinnvoll, eine nicht rein fachwissenschaftliche Arbeit anzufertigen, sondern darüber hinaus auch für fachdidaktische Überlegungen Raum zu lassen. Die folgende Arbeit gliedert sich demnach in zwei Teile. Während im ersten Teil eine historische Darstellung der Häresien des hohen Mittelalters angestrengt wurde, beschäftigt sich der zweite Teil mit den Möglichkeiten einer Thematisierung derselben im Geschichtsunterricht.

I. Fachwissenschaftlicher Teil

1. Häresien im hohen Mittelalter

1.1. Begriffserklärung Ketzerei/ Häresie
Etymologisch betrachtet ist der Begriff Häresie der weitaus ältere von beiden. Im antiken Griechenland verwendete man ihn mit der Bedeutung das Erwählte, die erwählte Lebensrichtung oder die religiöse oder politische Parteirichtung. Das hellenistische Judentum übernahm ihn und gebrauchte ihn überdies in der Bedeutung einer Partei selbst, wie etwa die der Sadduzäer, Pharisäer oder Essener. Auch die christliche Lehre und die Christengemeinde wurde, als Abspaltung von dem einheitlichen Glauben, von den Juden häretisch genannt. Diese Tatsache verweist schon auf die Eigenschaft des Begriffes Häresie, mit dem fortan abweichende Glaubensrichtungen gekennzeichnet wurden, daß es immer auf den jeweiligen Standpunkt desjenigen ankommt, der ihn gebraucht. Als weiteres Charakteristikum ist seine Funktion als Gruppenbegriff zu nennen, mit dem, stets von außen, die nicht zur eigenen Gruppe gehörenden, gekennzeichnet werden.

Für das Christentum hatte der Begriff von Anfang an eine große Bedeutung, denn Jesus selber warnte bereits seine Jünger vor falschen Propheten, die sich seines Namens bedienen würden, und im Brief an Titus wird bemerkt, daß ein Mensch, der Spaltungen verursache, nach ein oder zweimaliger Verwarnung ausgestoßen werden müsse. Aber nicht nur als Gefahr, sondern auch als Chance für das Christentum erkannte schon Paulus die Häretiker. In seinem Brief an die Korinther verweist er auf die Notwendigkeit von Spaltungen unter den Christen, damit sich die rechtgläubigen Christen daran beweisen können. Und tatsächlich trugen die Häresien der ersten Jahrhunderte des Christentums (Gnosis, Arianismus) zur Festigung und klaren Umreißung der Lehre bei.
Seit der Übernahme des Christentums als offizielle Religion des Römischen Reiches bot sich der Kirche die Möglichkeit an, auch mit Gewalt die Einheitlichkeit des Glaubens zu wahren. "Sowohl in den östlichen als auch in den westlichen Teilen des Reiches wurde zum Gesetze erhoben, daß hartnäckige Häretiker mit Verbannung, öffentlicher Kennzeichnung, Einziehung ihrer Habe oder dem Tode bestraft werden sollten." Die somit entstandenen extremen Konsequenzen, die dem Begriff der Häresie nun anlasteten, machten eine genaue Definition nötig. Die dann auch im Mittelalter geltenden Kriterien des Häretikers sind das hartnäckige (d.h. trotz erfolgter Belehrung) Festhalten an einer von der offiziellen Lehrmeinung abweichenden Lehre, die sich auf die Heilige Schrift bezieht.
Synonym für den Begriff Häretiker wird im Mittelalter das seit Beginn des 13. Jh.s. bezeugte Wort Ketzer verwendet. Es leitet sich ab von dem mittellateinischen Cathari (bzw. altitalienischen gassari), dem Namen einer neumanichäischen Sekte, den Katharern. Auch diesem Begriff liegt eine ursprünglich andere Bedeutung zugrunde. Das aus dem Griechischen stammende Wort (griech. katharós "rein") bezeichnet eigentlich "die Reinen".
Beiden Begriffen liegen also zunächst positive Bedeutungen zugrunde , welche dann jedoch durch den christlichen Sprachgebrauch aufgehoben werden. Im Sinne der katholischen Kirche kennzeichnen beide Begriffe Glaubensrichtungen, die sich zwar auf die Evangelien und Apostelschriften berufen, sie jedoch anders verstehen und deswegen als falsch angesehen werden. Um bei der Betrachtung der Ketzereien bzw. Häresien nicht automatisch die katholische Wertung mit einzubeziehen, müßte man eigentlich von "religiösen Bewegungen" sprechen.
Zu beachten ist jedoch, daß man damit einen Begriff verwendet, den man im Mittelalter noch nicht kannte, bzw. die Worte religio und vita religiosa in dieser Zeit gleichsetzte mit der Bedeutung Mönchsorden und mönchischen Leben .

Wie bereits angedeutet, gab es Häresien schon seit dem Beginn des Christentums. Die Ketzereien im Zeitraum vom 11. bis zum 13. Jh., die in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen sollen, sind somit kein Phänomen, welches einzig in dieser Zeit aufgetreten wäre. Dennoch gibt es keine kontinuierliche Häresieentwicklung vom Beginn des Christentums bis zum Hochmittelalter. Das Gegenteil ist der Fall, denn mit dem Untergang des Römischen Reiches hörten "die Häresien alten Stils [...] praktisch auf zu existieren." Und bis zu den ab dem 11. Jh. auftretenden Häresien gab es im Westen danach nur noch kleinere Ausbrüche, die jedoch meist nur Sondermeinungen einzelner Theologen oder Exzentriker waren.
Erst im Hochmittelalter brachen in Westeuropa erneut Häresien aus, die der Kirche gefährlich werden konnten. Die Untersuchung dieser neueren Häresien und der sich dabei zwangsweise aufdrängenden Frage, welche Bedingungen zu ihrer Entstehung beigetragen haben, kann somit Einblicke in die gesellschaftliche und ideologische Entwicklung des Mittelalters geben.

Die Häresien der Antike waren vor allem dualistische Formen des Christentums, welche zusammengefaßt als Gnosis bezeichnet werden. Sie existierten neben der christlichen Kirche, welche noch über kein fertiges Lehrsystem verfügte, her und waren mit ihr teils eng verbunden, bis sie schließlich von dieser verbannt wurden. Während die Ketzereien, die aus den vielfältigen Glaubensrichtungen der Gnosis entstanden waren, im Westen verschwanden, konnten sie sich im byzantinischen Reich länger halten. So existierten die Manichäer, die auf die Offenbarung des iranischen Priesters Mani aufbauten, im Osten noch etwa bis zum 7. Jh. Hier entwickelten sich auch neue Häresien, wie die Paulikianer, und trugen dazu bei, daß dualistische Traditionen weitergegeben wurden. Über die Expansion Byzanz´ und mit der damit einher gehenden Christianisierung gelangten diese Lehren nach Bulgarien, wo in der ersten Hälfte des 10. Jh.s. eine weitere dualistische Häresie, die der Bogomilen, entstehen sollte. Diese Häresie war unter anderem Ausdruck der feindlichen Haltung der Bulgaren gegenüber Byzanz. Über den enormen Missionseifer der Bogomilen fand der Dualismus dann auch wieder zurück in den westlichen Teil Europas, wo er sich mit den hier entstehenden häretischen Gedanken verband.

[...]


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