Autor: Moritz Deutschmann
Fach: Geschichte - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Details
Institution/Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Historisches Seminar)
Jahr: 2004
Seiten: 18
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 27 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 234 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-33653-6
ISBN (Buch): 978-3-640-13918-7
Die Arbeit untersucht den Melancholiebegriff in einigen Trostschriften Luthers und der lutherischen Orthodoxie im 16. Jahrhundert
Zusammenfassung / Abstract
Im 16. Jahrhundert war die religiöse Melancholie und der Umgang mit ihr unter Protestanten ein viel diskutiertes Thema. Dass der Teufel seine ”feurigen Pfeile” abschießt und dadurch die Seele des Menschen in Brand setzt wie Soldaten eine belagerte Stadt, scheint für die Menschen des konfessionellen Zeitalters eine vollkommen plausible Vorstellung gewesen zu sein. Schon im Mittelalter war eine der Melancholie eng verwandte Krankheit bekannt gewesen, nämlich die ”acedia”, die ”Mönchskrankheit”, zu deren Bekämpfung nicht zuletzt auch das Beten und Arbeiten der Benediktiner diente. Gerade die enge Verbindung von Melancholie und Mönchtum macht die Frage interessant, was aus der Melancholie wurde, als sich mit der Reformation die Meinung durchsetzte, dass, wie Luther es sagt, ”alle Christen [...] wahrhafftig geystlichs Stands” sind. Wurden die Protestanten, wie es die katholische Seite behauptete, reihenweise Opfer von religiöser Melancholie? Oder besteht überhaupt kein spezifischer Zusammenhang zwischen der Konfession und einem bestimmten psychischen Zustand? Die Hausarbeit geht diesen Fragen anhand von Trostschriften und -briefen Luthers und der lutherischen Orthodoxie des 16. Jahrhunderts nach. Die Auswahl der Texte erfolgte nach verschiedenen Kriterien: Die Texte sollten das Thema ”Melancholie und religiöse Anfechtung” möglichst direkt ansprechen; andere Geisteskrankheiten oder das Problem des Selbstmordes wurden weitestgehend ausgeklammert. Außerdem spielte die Verfügbarkeit der Schriften eine Rolle. Das Thema ist bisher wenig untersucht worden: Die vorhandenen Forschungen zu Luthers Trostbriefen behandeln diese eher aus einer theologischen als aus einer historischen Perspektive. Das gilt auch für die wenigen Untersuchungen zur lutherischen Orthodoxie. Bei der reichlich vorhandenen Literatur zum Melancholiebegriff dominieren kulturwissenschaftliche Fragestellungen. Zunächst soll geklärt werden, welche Vorstellungen von Melancholie sich in den Trostschriften finden und welche Mittel die Autoren zu ihrer Bekämpfung empfehlen. Im zweiten Teil soll kurz erörtert werden, an wen sich die Schriften richteten und wessen Mentalität in ihnen zum Ausdruck kommt. Schließlich wird die Frage behandelt, inwieweit es einen Zusammenhang zwischen Melancholie und protestantischer Glaubenslehre gab.
Textauszug (computergeneriert)
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Historisches Seminar
Proseminar: Religion und Magie in der frühen Neuzeit
"Fewrige Pfeile des Teufels" - Melancholie und religioese
Anfechtung im Luthertum des 16. Jahrhunderts
von: Moritz Deutschmann
Inhalt
Einleitung 2
2 Die Darstellung der Melancholie in den Trostschriften 3
2.1 Melancholie im 16. Jahrhundert 3
2.2 Der Teufel als Urheber 4
2.3 Die Umstände der Melancholie 5
2.4 Die positiven Seiten der Melancholie 7
2.5 Methoden der Melancholiebehandlung 8
3 Wessen Mentalität schildern die Quellen? 9
4 Melancholie und Konfession 10
4.1 Melancholie und protestantischer Glaubenslehre 10
4.2 Melancholie als sozial akzeptierte Erfahrung 12
5 Fazit 13
Literaturverzeichnis 15
6.1.1 Quellen 15
6.1.3 Forschungsliteratur 15
Einleitung
”MELANCHOLIE RELIGIEUSE, (Théol.) tristesse née de la fausse idée que la religion proscrit les plaisirs innocens, & qu′elle n′ordonne aux hommes pour les sauver, que le jeûne, les larmes & la contrition du coeur. Cette tristesse est tout ensemble une maladie du corps & de l′esprit, qui procéde du dérangement de la machine, de craintes chimériques & superstitieuses, de scrupules mal fondés & de fausses idées qu′on se fait de la religion.”1
Wie dieses Zitat der Enzyklopädisten zeigt, hatte die Aufklärung kaum noch Verständnis dafür, wie ein Mensch aus Zweifel am eigenen Glauben in Melancholie verfallen konnte. Dabei war in den Jahrhunderten zuvor die religiöse Melancholie und der Umgang mit ihr zumindest unter Protestanten ein viel diskutiertes Thema. Dass der Teufel seine ”feurigen Pfeile”2 abschießt und dadurch die Seele des Menschen in Brand setzt wie Soldaten eine belagerte Stadt, scheint für die Menschen des konfessionellen Zeitalters eine vollkommen plausible Vorstellung gewesen zu sein.
Schon im Mittelalter war eine der Melancholie eng verwandte Krankheit bekannt gewesen, nämlich die ”acedia”, die ”Mönchskrankheit”, zu deren Bekämpfung nicht zuletzt auch das Beten und Arbeiten der Benediktiner diente. Gerade die enge Verbindung von Melancholie und Mönchtum macht die Frage interessant, was aus der Melancholie wurde, als sich mit der Reformation die Meinung durchsetzte, dass, wie Luther es sagt, ”alle Christen [...] wahrhafftig geystlichs Stands”3 sind. Wurden die Protestanten, wie es die katholische Seite behauptete, reihenweise Opfer von religiöser Melancholie? Oder besteht überhaupt kein spezifischer Zusammenhang zwischen der Konfession und einem bestimmten psychischen Zustand? Die Hausarbeit geht diesen Fragen anhand von Trostschriften und -briefen Luthers und der lutherischen Orthodoxie des 16. Jahrhunderts nach. Die Auswahl der Texte erfolgte nach verschiedenen Kriterien: Die Texte sollten das Thema ”Melancholie und religiöse Anfechtung” möglichst direkt ansprechen; andere Geisteskrankheiten oder das Problem des Selbstmordes wurden weitestgehend ausgeklammert. Außerdem spielte die Verfügbarkeit der Schriften eine Rolle. Das Thema ist bisher wenig untersucht worden: Die vorhandenen Forschungen zu Luthers Trostbriefen behandeln diese eher aus einer theologischen als aus einer historischen Perspektive. 4 Das gilt auch für die wenigen Untersuchungen zur lutherischen Orthodoxie.5 Bei der reichlich vorhandenen Literatur zum Melancholiebegriff dominieren kulturwissenschaftliche Fragestellungen. Zunächst soll geklärt werden, welche Vorstellungen von Melancholie sich in den Trostschriften finden und welche Mittel die Autoren zu ihrer Bekämpfung empfehlen. Im zweiten Teil soll kurz erörtert werden, an wen sich die Schriften richteten und wessen Mentalität in ihnen zum Ausdruck kommt. Schließlich wird die Frage behandelt, inwieweit es einen Zusammenhang zwischen Melancholie und protestantischer Glaubenslehre gab.
2 Die Darstellung der Melancholie in den Trostschriften
2.1 Melancholie im 16. Jahrhundert
Die frühneuzeitlichen Vorstellungen von psychischen Zuständen dürfen nicht an den Maßstäben moderner, medizinischer Begriffsbildung gemessen werden. Insofern überrascht es nicht, wenn keiner der untersuchten Autoren eine klare Definition des Phänomens ”Melancholie” gibt. Man würde wohl auch vergeblich versuchen, Melancholie in den Texten exakt von ebenfalls verwendeten Begriffen wie ”(geistliche) Traurigkeit” oder ”Schwermütigkeit” abzugrenzen. Diese begriffliche Unschärfe ist teilweise auch darauf zurückzuführen, dass die Melancholie im 16. Jahrhundert eine Modeerscheinung war7 und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen diskutiert wurde. Unter anderem Dürer und Cranach stellten die Personifikation der Melancholie in ihren Gemälden dar.8 Im elisabethanischen England war die Krankheit sogar so verbreitet, dass man sie als ”the Elisabethean malady” bezeichnete; Shakespeares Hamlet zeigte genauso melancholische Züge wie der Zyniker Jaques in “As you like it”9. Robert Burton machte die Melancholie zum Thema seines berühmten, 1621 erschienenen Buches ”The Anatomy of Melancholy”. Die mittelalterliche Wertung von Acedia und Melancholie als Todsünden hatte schon im 15. Jahrhundert der Florentiner Neuplatoniker Marsilio Ficino korrigiert, indem er das antike Bild des genialen Melancholikers wiederbelebt hatte.10 Kein Wunder, dass unter den berühmten Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts zahlreiche Melancholiker waren: Michelangelo, Montaigne oder Rudolf II11 sind nur einige Beispiele. Die frühneuzeitliche Medizin beschäftigte sich intensiv mit dem Phänomen12 und griff Konzepte aus Galens Viersäftelehre wieder auf, die den Namen der Krankheit geprägt hatte.13 Für den Melancholiebegriff der untersuchten Trostschriften spielen diese unterschiedlichen Traditionen allerdings eine erstaunlich geringe Rolle.14 Stattdessen dominiert, wie in den nächsten Kapiteln deutlicher werden wird, eine theologische Sichtweise auf die Krankheit.
2.2 Der Teufel als Urheber
[...]
1 Jaucourt, Ch. de.: Art. “Melancolie religieuse” in: Diderot / D’Alembert, Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences des arts et des métiers par une société de gens de lettres, Bd.10, Stuttgart 1966 (=Faksimile der ersten Auflage 1751-1780), S. 308.
2 Eph 6,16. Siehe auch Fußnote 27.
3 Luther, Martin: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, in: WA (=Luther, Martin: Werke. Weimarer Ausgabe, 1883ff.) 1, S. 404-469 (407).
4 Vgl. etwa Mennecke-Haustein, Ute: Luthers Trostbriefe, Heidelberg 1989.
5 Vgl. Steiger, Johann Anselm: Melancholie, Diätetik und Trost. Konzepte der Melancholie-Therapie im 16. und 17. Jahrhundert, Heidelberg 1996.
6 Das gilt auch für den Klassiker auf diesem Gebiet: Klibansky, Raymond - Panofsky, Erwin - Saxl, Fritz: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst, Frankfurt / M. 1990. Als Überblick sehr gut geeignet: Weber, Wolfgang: Im Kampf mit Saturn. Zur Bedeutung der Melancholie im anthropologischen Modernisierungsprozess des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für historische Forschung 17 (1990), S. 155-192.
7 Vgl. Schmitz, Heinz-Günter: Physiologie des Scherzes. Bedeutung und Rechtfertigung der Ars iocandi im 16. Jahrhundert, Hildesheim 1972, S. 119ff.
8 Zu Dürer: Klibansky et al., Saturn und Melancholie, a.a.O., S. 397-512. Zu Cranach: Ebd., S. 563-571.
9 Vgl. Klibansky et al., Saturn und Melancholie, a.a.O., S. 338.
10 Zu Ficino: Klibansky et. al., Saturn und Melancholie, a.a.O., 367-394.
11 Speziell zu den melancholischen Herrschern siehe Midelfort, Erik H.:Mad Princes of Renaissance Germany, Charlottesville 1994.
12 Zusammenfassend dazu: Midelfort, Madness, a.a.O., S. 140-182.
13 “melaina colh” = “schwarze Galle”. Für eine umfassende Darstellung der Kulturgeschichte des Melancholiebegriffs in Antike und Mittelalter vgl.: Klibansky et al., Saturn und Melancholie, a.a.O.
14 Markus Schär kommt in seiner Untersuchung über das calvinistische Zürich zu einem ganz ähnlichen Ergebnis. Schär, Markus: Seelennöte der Untertanen, Zürich 1985, S. 91ff. Zum Vordringen der medizinischen Perspektive im 17. Jahrhundert vgl. Koch, Ernst: Die höchste Gabe in der Christenheit. Der Umgang mit der Schwermut in der geistlich - seelsorgerischen Literatur des Luthertums im 16. und 17. Jahrhundert, in: Monika Hagenmaier / Sabine Holtz: Krisenbewusstsein und Krisenbewältigung in der frühen Neuzeit, Frankfurt 1992, S. 231-245 (S. 238).
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