Autor: Hanna M. Stoll
Fach: Romanistik - Französisch - Literatur
Details
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Institut für Romanistik)
Jahr: 2004
Seiten: 36
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 12 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 229 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-33731-1
ISBN (Buch): 978-3-638-64557-7
Zusammenfassung / Abstract
Die Arbeit „Melancholie in Mussets ‚La Confession d’un enfant du siècle’“ beschäftigt sich mit dem Thema der Melancholie und ihrer historischen Entwicklung seit der Antike. Zu den Melancholie-Symptomen, die direkt am Roman, und hier insbesondere an der Hauptperson Octave aufgezeigt werden, zählen nicht nur die psychischen und körperlichen Merkmale, sondern auch bestimmte Einstellungen, wie etwa gegenüber Frauen, der Natur oder dem Reisen.
Textauszug (computergeneriert)
Melancholie in Mussets "La Confession d′un enfant du siècle"
von: Marthe Stoll
1. Einleitung 3
2. Melancholie 3
2.1 Entwicklung und Bedeutung des Melancholiebegriffes 3
3. „La confession d’un enfant du siècle“ 10
3.1 Inhaltsangabe 10
3.2 Octaves Persönlichkeitsstörung 12
3.3 Anzeichen psychischer und physischer Melancholie 15
3.3.1 Psychische Melancholie 15
3.3.1.1 Innerer Widerspruch 15
3.3.1.2 Daseinsmonotonie oder Melancholie der Erfüllung 16
3.3.1.3 Das Tantalusmotiv oder Melancholie der Nicht-Erfüllung 18
3.3.2 Physische Melancholie 21
3.4 Die Bedeutung von Frauen für Octave 23
3.4.1 „La maîtresse“ 23
3.4.2 Die namenlose Prostituierte 25
3.4.3 Brigitte 26
3.5 Die Bedeutung des Verlustes für Octave 27
3.6 Die Bedeutung der Natur für Octave 29
3.7 Die Bedeutung des Reisens für Octave 31
3.8 Zusammenfassung 31
4. Quellenverzeichnis 34
4.1 Literaturquellen 34
4.2 Internetquellen 35
1. Einleitung
In meiner Hausarbeit „Melancholie in Mussets ‚La Confession d’un enfant du siècle’“ werde ich mich mit dem Thema der Melancholie, das für sich genommen bereits ein sehr umfangreiches Phänomen darstellt, auseinandersetzen, hierbei zunächst auf die historische Entwicklung seit der Antike eingehen und daraufhin versuchen Symptome der Melancholie direkt am Roman zu untersuchen. Hierzu zählen nicht nur die psychischen und körperlichen Merkmale, sondern auch bestimmte Einstellungen, wie etwa gegenüber Frauen, der Natur oder dem Reisen, auf die ich ebenfalls kurz mein Augenmerk richten möchte. Vorab sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass ich mich bei der Analyse des melancholischen Subjekts überwiegend auf die Hauptperson Octave bezogen habe, obwohl eine tiefere Analyse Brigittes, so wie eine Erwähnung Desgenais’, Henri Smiths oder auch Marcos durchaus Sinn gemacht hätte, durch die aber auch der Rahmen der Hausarbeit erheblich gesprengt worden wäre. Auch wäre ich gerne auf Parallelen zu Mussets Biografie eingegangen, was aber ebenfalls zu viel geworden wäre.
2. Melancholie
2.1 Entwicklung und Bedeutung des Melancholiebegriffes
Wenn man sich romantische Romane wie etwa Chateaubriands „René“ (1802), Constants „Adolphe“ (1806) oder aber Mussets „La Confession d’un enfant du siècle“ (1836) anschaut, so fällt auf, dass gerade die Protagonisten, die immer auch ein paar autobiographische Züge des jeweiligen Autors aufweisen, Figuren sind, die sich überwiegend als „melancholisch oder gar wahnsinnig“1 erweisen, was nicht unbedingt verwundert, da schließlich die Romantik, in der diese Werke verfasst wurden, als „das Zeitalter des Ernsten, der Melancholie [und] der Sentimentalität“2 begriffen wird und, wie Goethe bemerkt, im Gegensatz zum Klassizismus eine Krankheit ist.3 Die Gründe dieser Krankheit kann man sowohl in der damaligen politischen wie auch in der gesellschaftlichen Situation finden und werden im folgenden für den speziellen Fall von Mussets Werk „La Confession d’un enfant du siècle“, auf das ich mich in dieser Arbeit beziehen werde, noch einmal kurz aufgegriffen. Neben einer oftmals unsicheren, pessimistischen und verzweifelten Grundhaltung, einem Rückzug ins Ich und in den Traum, einer Faszination für das Düstere und Fantastische und einer Sehnsucht nach dem Unendlichen, dem Schönen und dem Anderswo, von denen die meisten in Mussets Roman auch auftauchen, war besonders eine Melancholie ohne offensichtlichen Grund und ohne eine Möglichkeit der Heilung die Folge der Unzufriedenheit vieler Romantiker.4
Doch nun mehr zum Begriff der Melancholie an sich. Um den Ausdruck melancholia, der seit der Antike zahlreiche Metamorphosen durchlaufen hat, für die Epoche der Romantik entsprechend zu definieren, bietet es sich durchaus an, einen kleinen Ausflug in die Entstehungsgeschichte dieser Bezeichnung zu machen: Ursprünglich geht der Terminus Melancholie (griech: µe?a??o?ía), der sich aus dem griechischen melan (schwarz) und chole (Galle) ableitet und so wörtlich als „schwarze Galle“ bzw. genauer als „schwarzer Gallensaft“ zu übersetzen ist, auf den griechischen Arzt Hippokrates5 zurück. Dieser definierte Melancholie „als einen Überschuss an schwarzer, verbrannter Galle, die sich ins Blut ergießt“6 und der letztendlich die Basis für jene „traurigen und bitteren Verstimmungen“7 bilde, die man auch heute noch als melancholisch bezeichnet, wenngleich dieser Begriff durch die naturwissenschaftliche Medizin bereits im 19. Jahrhundert zunehmend vom Ausdruck der Depression abgelöst worden ist, wobei diese Begriffe nicht vollkommen identisch sind, da die Depression als eine Krankheit betrachtet wird, die es zu kurieren gilt, während die Melancholie heute kaum mehr als Krankheit betrachtet wird.8 Die Tatsache, dass die Galle schwarz ist, also eine Nicht-Farbe, die Trauer, Tod und Dunkelheit bedeuten kann, ist sicherlich „als Hinweis auf etwas Finsteres und zugleich Unheimliches“9 zu deuten. Weiterhin wurde bereits damals davon ausgegangen, dass schwarze Galle etwas Kaltes ist, und dass sie, wenn sie im Überfluss vorhanden ist, lebenshemmend wirkt und somit Depressionen und Angstzustände hervorrufen kann. Außerdem wurde angenommen, dass schwarze Galle, wenn sie sich stark abkühlt, zugleich trocken ist, was impliziert, dass eben dieser kalten, trockenen, schwarzen Galle jegliche Eigenschaften fehlen, die das Leben erst möglich machen. Ihr kann man „das lebensspendende warme und feuchte Blut [entgegensetzen], während der Schleim kalt und feucht und die gelbe Galle warm und trocken ist10.“11 Melancholie scheint also in der Antike von allen vier Temperamenten die Verfassung zu sein, welche für den Menschen am „giftigsten“ ist. Heute jedoch ist Hippokrates’ Hypothese, dass die schwarze Galle Ursache der Melancholie ist, durch Erkenntnisse der modernen Forschung nicht mehr vertretbar. Im astrologischen Weltbild des Mittelalters12 dann, stellte man, wie ja schon Galen in der Antike13, einen engen Zusammenhang zwischen der Melancholie und dem zweitgrößten Planeten des Sonnensystems, dem Saturn14, her, der „als das Unglücksgestirn“15 galt und dessen „Natur [als] kalt, trocken, bitter, schwarz, dunkel [und] sehr rau“16 definiert wurde.
Eine bemerkenswerte Vorstellung: hier der kummervoll, verdüstert, lustlos, träge, abgesondert und zugleich „lebende“ (insbesondere) krankhafte Melancholiker – dort der auf einer weit von der lebensspendenden Sonne entfernten Umlaufbahn sich bewegende, langsame, lichtschwache, erdferne und also finster, dunkel, trocken und kalt vorgestellte Planet Saturn. 17 Menschen, die unter dem Zeichen des Saturns geboren wurden, galten als Kinder des Saturns und als gesellschaftliche Außenseiter18, denn sie neigten angeblich zu ständiger Trauer, Verzweiflung und zum Kummer.19 Erst in der Renaissance verband man, besonders aufgrund der Schrift „De vita libri tres“ des florentinischen Schriftstellers Marsilio Ficino20, auch positive Konnotationen mit diesem Planeten, denn Künstler wie Gelehrte, denen in besonderem Maß eine Beeinflussung durch den Saturn zugeschrieben wurde, sahen in ihm nun „die notwendigen Voraussetzungen und Eigenschaften für schöpferisches Denken sowie zur Schaffung großer Werke“21. Übereinstimmend stellte auch der Philosoph, Theologe und Arzt Agrippa (eigentlich Heinrich Cornelius)22 folgendes fest:
[...]
1 Loquai, Franz. Künstler und Melancholie in der Romantik. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang GmbH, 1984. S. 1
2 Lafargue, Paul. Die Anfänge der Romantik. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lafargue/1896/07/ romantik2.htm. Letzte Aktualisierung: 9.2.2004
3 Lavergne, Philippe. Le romantisme. http://www.site-magister.com/romantis.htm. 2004
4 Girard, Danielle. La mélancolie. http://www.ac-rouen.fr/pedagogie/equipes/lettres/romantik/ themes/lamelanc.html . Letzte Aktualisierung: 20.09.2004
5 Hippokrates (~ 460 v. Chr. bis ~375 v. Chr.) gilt als Begründer der Viersäftelehre (auch: Temperamentenlehre), die darauf basiert, dass neben der schwarzen Galle (melancholia) noch die drei Körpersäfte Blut (sanguis), Schleim (phlegma) und gelbe Galle (cholera) als im menschlichen Körper vorhandene Vierheiten zu finden sind. Lediglich durch ein Gleichgewicht dieser vier könne man gesund und ausgeglichen sein. Sobald ein Überfluss an Blut, Schleim, gelber oder schwarzer Galle vorherrschte, würde man entweder zum Sanguiniker, zum Phlegmatiker, zum Choleriker, oder aber eben zum Melancholiker werden. Im christlichen Verständnis der Viersäftelehre wird die Melancholie zur Sünde, und zwar genauer zur Acedia, der „Todsünde der Tücke, der Trauer, des Stumpfsinns und der Herzensträgheit [sowie] der Verhärtung gegenüber der Gnade“. Vgl. hierzu: Lambrecht, Roland. Melancholie: Vom Leiden an der Welt und den Schmerzen der Reflexion. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1994. S. 28ff.; Böhme, Hartmut. Kritik der Melancholie und Melancholie der Kritik. http://www.culture.hu-berlin.de/HB/volltexte/texte/natsub/melancho.html. Letzte Aktuali- sierung: 05.08.2004
6 Wikipedia. Melancholie . http://de.wikipedia.org/wiki/Melancholie . Letzte Aktualisierung: 11.09.2004
7 Vgl. Lambrecht. S. 28; Der griechische Arzt und Anatom Galen ging ebenfalls davon aus, dass die schwarze Galle das Gemüt des Melancholikers beeinflusste. Außerdem, so ergänzte er noch, korrespondierte sie mit dem „Element Erde, dem Herbst, dem Erwachsenenalter, dem Nachmittag und den Sternbildern Waage, Skorpion, Schütze“. Galen war auch einer der ersten, die, noch vor dem Mittelalter, den Melancholiker vom Saturn beeinflusst sah. Vgl. hierzu: Wikipedia. Melancholie.
8 Vgl. Hell, Daniel. Allgemeines zur Depression. http://www.depression.unizh.ch/ueberblick/ klinikmain/allgemeines.html. Letzte Aktualisierung: 01.10.2003; Mackenthun, Gerald. Einführung in die Psychosomatik und Somatopsychologie. http://home.t-online.de/home/Mackenthun/lect/psysom/ psysom15.htm. 1999
9 Vgl. Bellebaum, Alfred. Langeweile, Überdruss und Lebenssinn – Eine geistesgeschichtliche und kultur-soziologische Untersuchung. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH, 1990. S. 43
10 Hier wurde noch einmal Bezug genommen auf die Viersäftelehre. Siehe Fußnote 5.
11 Vgl. Bellebaum. S. 43
12 Im Mittelalter wurde der Zustand der Melancholie, wie bereits in Fußnote 5 erwähnt, zum Teil als Acedia, also als Trägheit, bezeichnet und von der römisch-katholischen Kirche als Sünde verstanden. Weiterhin galten melancholische Menschen, die ihrer Natur nach viel nachdachten, als verdächtig. Vgl. hierzu: Schüler, Juliane. Oblomows (geistige) Gefährten - das Phänomen Melancholie. http://www.stura.uni-leipzig.de/~philog/eigensinn/ ausgabe_eins/8oblomowereiundmelancholie.htm. 2003
13 Siehe Fußnote 7
14 In diesem Weltbild entsprach dem Sanguiniker der Jupiter, dem Phlegmatiker der Mond und dem Choleriker der Mars. Vgl. hierzu: Bellebaum. S. 44
15 Vgl. Böhme
16 Vgl. Be llebaum. S. 44
17 Vgl. Bellebaum. S. 44
18 Vgl. Lichtenberger, Peter. Antike Religion – Saturnus. http://imperiumromanum.com/religion/ antikereligion/saturnus_01.htm. 2004
19 Shadowlight. Hela and Saturnian Melancholy. www.geocities.com/rokkrx/melancholy.html . 2003
20 Das vermutlich von Theophrast verfasste Fragment „Problem XXX,1“ weist zwar bereits in der Antike auf eine positive Seite der Melancholie hin, die dort als Vorraussetzung für die „ergriffene Hingabe“ bzw. für den göttlichen Wahnsinn, die mania, betrachtet wurde, aber erst im Renaissance-Neuplatonismus erreichten die dort geäußerten Theorien eine größere Masse. Für Platon war die mania die Quelle jeglicher Inspiration und eine positive Macht für Künstler mit melancholischem Temperament. Vgl. hierzu: Shadowlight.; Wikipedia. Melancholie; Jünger, Hans-Dieter. Dionysos - inständig aufständig und http://www.interment.de/kairosundkaos/Essays_L/dionysos.htm, 2003
21 Vgl. Lichtenberger.
22 Vgl. Baitinger, Gerhard. Agrippa von Nettesheim (1486 – 1535). http://www.philos-website.de/ index_g.htm?autoren/agrippa_von_nettesheim_g.htm~main2. 2003llebaum. S. 44 17 Vgl. Bellebaum. S. 44
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