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Seminararbeit, 2002, 22 Seiten
Autor: Nadia Cohen
Fach: Ethnologie / Volkskunde
Details
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Institut für Ethnologie und Afrikastudien)
Tags: Begriffsuntersuchungen, Bereich, Korruptionsforschung, Moralökonomie, Sprache, Korruption, Soziologie, Ethnographie, Korruption, Afrika, Perspektive
Jahr: 2002
Seiten: 22
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 13 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-33839-4
Dateigröße: 173 KB
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Textauszug (computergeneriert)
Begriffsuntersuchungen im Bereich der
Korruptionsforschung - "Moralökonomie"
und "Sprache der Korruption"
von: Nadia Cohen
5. Semester
I n h a l t s v e r z e i c h n i s
0. Allgemeine Einleitung
Thema 1) Für eine „Moralökonomie“ der Korruption?
1. Einleitung
2. Die „Moralökonomie“ nach Thompson und Scott
3. Die „Moralökonomie“ nach de Sardan
4. Die „Economy of Affection“ nach Hyden
5. Fazit: „Moralökonomie“ oder „Economy of Affection“?
Thema 2) Die Sprache der Korruption
6. Einleitung
7. Rhetorik der Korruption
8. Semiologie der Korruption
8.1. Semantik der Korruption
8.2. Diskurs über Korruption
9. Fazit: Rhetorik, Semiologie, Semantik oder Diskurs der Korruption?
10. Literaturangaben
0. Allgemeine Einleitung
In dieser Hausarbeit soll es um die Analyse einiger Begriffe gehen, die für die Untersuchung von Korruption benutzt werden. Zum einen soll der Begriff der „Moralökonomie“ wie er von Olivier de Sardan benutzt wird, näher betrachtet und auf seine Eignung hin geprüft werden (Thema 1). Zum anderen soll der ganze Komplex, der sich mit der Sprache (in) der Korruption befaßt, vorgestellt und beurteilt werden (Thema 2). Diese zwei Themen werden getrennt voneinander behandelt werden und erhalten des besseren Verständnisses wegen jeweils ihre eigene Einleitung und ihr eigenes Fazit. Gemeinsam ist jedoch beiden Themen, daß sie die benutzten Begriffe auf ihre Eignung für das jeweilige Thema untersuchen und eventuell auch Verbesserungsvorschläge machen. THEMA 1) Für eine „Moralökonomie“ der Korruption?
1. Einleitung
Olivier de Sardan plädiert in seinem Artikel A moral economy of corruption in Africa? (1999) für eine Anwendung des Begriffs „Moralökonomie“ von Thompson und Scott auf das Phänomen der Korruption in Afrika. Im folgenden soll nun untersucht werden, ob die Anwendung dieses Begriffs in dem Kontext wirklich gerechtfertigt ist. Hierzu sollen zunächst die Theorien Thompsons und Scotts über die „Moralökonomie“ vorgestellt werden und daran anschließend de Sardans eigene Version. Damit soll aufgezeigt werden, daß der Begriff „Moralökonomie“, so wie er von Thompson und Scott verwendet wurde, nicht den Phänomenen entspricht, die de Sardan mit diesem Begriff bezeichnen möchte. Schließlich soll noch ein neuer Vorschlag eingebracht werden. Statt von Moralökonomie wird hier in Anlehnung an Hyden von einer „Economy of Affection“ die Rede sein. Hydens Begriff wird zunächst vorgestellt und dann mit de Sardans Artikel verglichen werden. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, ob der Begriff der „Economy of Affection“ nicht besser zu den von de Sardan beschriebenen Phänomenen paßt.
2. Die „Moralökonomie“ nach Thompson und Scott
Scott, der sein Buch über die Moralökonomie von Bauern fünf Jahre nach Thompson herausbrachte (Scott, 1976; Thompson, 1971), scheint seine Theorie unabhängig von diesem entwickelt zu haben. Jedenfalls findet sich in seinem Buch kein Hinweis auf Thompson. Dennoch weisen die Theorien der beiden so große Ähnlichkeiten auf, daß man sie als eine Theorie mit dem Oberbegriff „Moralökonomie“ zusammenfassen kann. Der Ausgangspunkt der beiden sind Bauernrebellionen und die Widerlegung der These, daß diese „nur“ auf Hunger zurückzuführen seien und instinktiv und unkontrolliert abliefen. Dazu sei es nötig, die Dinge aus der Perspektive der Bauern selbst zu sehen, denn diese empfänden Ausbeutung offensichtlich nicht in der selben Weise, wie ein Beobachter von außen dies beurteilen würde. Aus der emischen Sichtweise erkenne man, so Thompson und Scott, daß Ausbeutung eben nicht gleich Ausbeutung ist. Abgaben an Landherren, den Staat o.ä. werden unter unterschiedlichen Gesichtspunkten betrachtet und „what was an admissible tax or rent in a good year was inadmissible in a bad year“ (Scott, 1976: 11). Dem zugrunde liegt die Annahme eines „Rechts auf Subsistenz“ (Scott, 1976: 6f.). Die Rebellionen der Bauern richten sich also nicht generell gegen Abgaben oder hohe Preise für Lebensmittel, sondern gegen den Verstoß gegen ihren „Moralkodex“, wonach jeder ein Recht auf den „minimal culturally defined subsistence level“ (Scott, 1976: 10) hat. Daraus leiten Thompson und Scott ihren Begriff von „Moralökonomie“ her:
„It is of course true that riots were triggered off by soaring prices, by malpractices among dealers, or by hunger. But these grievances operated within a popular consensus as to what were legitimate and what were illegitimate practices in marketing, milling, baking, etc. This in its turn was grounded upon a consistent traditional view of social norms and obligations, of the proper economic functions of several parties within the community, which, taken together, can be said to constitute the moral economy of the poor.” (Thompson, 1971: 78f.) “... we can grasp what I have chosen to call their moral economy: their notion of economic justice and their working definition of exploitation – their view of which claims on their product were tolerable and which intolerable.” (Scott, 1976: 3) 2/20 Der Moralkodex der Bauern dient hier also als eine Art Meßlatte, an der Abgaben und Lebensmittelpreise jeweils situationsspezifisch gemessen werden.
3. Die „Moralökonomie“ nach de Sardan
De Sardan sagt eindeutig, daß er sich bei dem Begriff „Moralökonomie“ von Scott und Thompson hat inspirieren lassen (de Sardan, 1999: 26). Leider führt er nicht weiter aus, inwiefern er sich auf sie bezieht, bzw. warum es ihm geeignet schien, ihren Begriff der Moralökonomie auf seine Korruptions-These anzuwenden. Statt dessen begründet er seine Wahl des Begriffs folgendermaßen: „ ... the social mechanisms of corruption are scarcely explored, nor are its processes of legitimation seen from the actors’ point of view. This is why this article uses the term: moral economy ...” (de Sardan, 1999: 25, Hervorhebungen vom Verf.)
Definiert ist der Begriff damit noch nicht, und de Sardan liefert auch keine explizite Definition. Die Intention seiner Analyse mag indirekt eine Art Definition für de Sardans Verwendung des Begriffs „Moralökonomie“ sein: “The intention here is to insist on as subtle as possible a restitution of the value systems and cultural codes, which permit a justification of corruption by those who practice it (and who do not necessarily consider it to be such – quite the contrary), and to anchor corruption in ordinary everyday practice.” (de Sardan, 1999: 25f.)
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