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'Was also ist das Wesen des schönen und des schlechten Schreibens?' - Das platonische Kunsturteil am Beispiel des Phaidros

Scholary Paper (Seminar), 2004, 18 Pages
Author: Andreas Glombitza
Subject: Rhetoric / Elocution / Oratory

Details

Event: Proseminar "Iudicium: Das Kunsturteil in der Antike"
Institution/College: University of Tubingen (Neuphilologie)
Tags: Wesen, Schreibens, Kunsturteil, Beispiel, Phaidros, Proseminar, Iudicium, Kunsturteil, Antike
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 18
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 8  Entries
Language: German
Archive No.: V33529
ISBN (E-book): 978-3-638-33978-0
ISBN (Book): 978-3-638-77225-9
File size: 286 KB
Notes :
Detaillierte Untersuchung des platonischen Kunstverständnisses aus antik-rhetorischer Sicht;


Abstract

Der Dialog Phaidros, entstanden um die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr., stellt eines der ältesten schriftlichen Zeugnisse antiker Rhetoriktheorie dar. Wie im früheren Gorgias geht Platon (durch das Sprachrohr Sokrates) hart mit dieser Theorie ins Gericht, spricht ihr unter den gegebenen Voraussetzungen sogar den Theoriecharakter ab. Anders als noch im Gorgias versucht Sokrates/Platon im Phaidros allerdings, Lösungen aus der von ihm diagnostizierten Misere aufzuzeigen. Diese Bemühung, in Verbindung mit der herausfordernden Kritik, gibt auch den Blick frei auf Platons Kunstverständnis und seine Kriterien für ein gelungenes opus. Die Fähigkeit, ein solches Kunsturteil zu fällen, heißt in der Terminologie der fertig ausgebildeten antiken Rhetoriktheorie (etwa bei Quintilian) iudicium. Diese Arbeit soll untersuchen, wie Platons Ansprüche an das opus des Redners (schriftlich oder mündlich) allgemein und im Detail aussehen und was als Voraussetzung für seine Herstellung zu gelten hat. Um einen genauen Einblick in das Wesen eines solchen platonischen Kunstbegriffes zu bekommen, wird es zunächst nötig sein, einen eindeutig definierten Referenzrahmen zu wählen, von dem sich die platonischen Eigenheiten als Kontrast abheben können. Einen solchen Rahmen bieten uns die iudicium- Definition in Heinrich Lausbergs Handbuch der literarischen Rhetorik und ein Seitenblick auf Horazens De Arte Poetica. Von dieser Aus gangsbasis werden wir uns den Dialog genauer betrachten und ihn auf Hinweise und Statements zum Kunstbegriff hin abklopfen. Besonderes Interesse soll dabei auch der Frage gelten, woher das Urteil jeweils seine Authorität zieht – ob es etwa externe Faktoren zur Rechtfertigung nötig hat. Es sollte möglich sein, so die Distanz zwischen den beiden Konzeptionen zu vermessen, also Ähnlichkeiten und Differenzen beim Namen zu nennen.


Excerpt (computer-generated)

Eberhard-Karls Universität Tübingen
Seminar für Allgemeine Rhetorik
PS: Iudicium – Das Kunsturteil in der Antike
Fachsemester 05

„Was also ist das Wesen des schönen und des schlechten
Schreibens?“ – Das platonische Kunsturteil
am Beispiel des Phaidros

von: Andreas Glombitza

 


Inhalt

1. Einleitung  2

2. Analyse  3

2.1 Zur „konventionellen“ Konzeption des rhetorischen iudicium  3
2.2 Gutes Reden und Schreiben im Phaidros  5

2.2.1 Die drei Reden des Dialogs und die Formen göttlichen Wahnsinns 5
2.2.2 Platons Rhetorikkritik und die Grundpfeiler seiner „Reformrhetorik“  8
2.2.3 Sokrates als crites 12

3. Zusammenfassender Vergleich und Ausblick 15

4. Literaturverzeichnis 17


 

1. Einleitung

Der Dialog Phaidros, entstanden um die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr., stellt eines der ältesten schriftlichen Zeugnisse antiker Rhetoriktheorie dar. Wie im früheren Gorgias geht Platon (durch das Sprachrohr Sokrates) hart mit dieser Theorie ins Gericht, spricht ihr unter den gegebenen Voraussetzungen sogar den Theoriecharakter ab. Anders als noch im Gorgias versucht Sokrates/Platon im Phaidros allerdings, Lösungen aus der von ihm diagnostizierten Misere aufzuzeigen. Diese Bemühung, in Verbindung mit der herausfordernden Kritik, gibt auch den Blick frei auf Platons Kunstverständnis und seine Kriterien für ein gelungenes opus. Die Fähigkeit, ein solches Kunsturteil zu fällen, heißt in der Terminologie der fertig ausgebildeten antiken Rhetoriktheorie (etwa bei Quintilian) iudicium. Diese Arbeit soll untersuchen, wie Platons Ansprüche an das opus des Redners (schriftlich oder mündlich) allgemein und im Detail aussehen und was als Voraussetzung für seine Herstellung zu gelten hat. Um einen genauen Einblick in das Wesen eines solchen platonischen Kunstbegriffes zu bekommen, wird es zunächst nötig sein, einen eindeutig definierten Referenzrahmen zu wählen, von dem sich die platonischen Eigenheiten als Kontrast abheben können. Einen solchen Rahmen bieten uns die iudicium- Definition in Heinrich Lausbergs Handbuch der literarischen Rhetorik und ein Seitenblick auf Horazens De Arte Poetica. Von dieser Aus gangsbasis werden wir uns den Dialog genauer betrachten und ihn auf Hinweise und Statements zum Kunstbegriff hin abklopfen. Besonderes Interesse soll dabei auch der Frage gelten, woher das Urteil jeweils seine Authorität zieht – ob es etwa externe Faktoren zur Rechtfertigung nötig hat. Es sollte möglich sein, so die Distanz zwischen den beiden Konzeptionen zu vermessen, also Ähnlichkeiten und Differenzen beim Namen zu nennen.

2. Analyse

2.1 Zur „konventionellen“ Konzeption des rhetorischen iudicium

Um zu einem iudicium-Begriff bei Platon zu gelangen gilt es zunächst, eine terminologisch- theoriegeschichtliche Klippe zu umschiffen: der terminus technicus iudicium findet sich bei Platon noch nicht, ist vielmehr eine Errungenschaft jüngerer Rhetoriktheorie. Wir müssen deshalb versuchen, dem platonischen Text Aussagen abzugewinnen, die wir in ein damals nicht vorhandenes Begriffsgebäude einordnen können. Ein Referenzrahmen, der definiert, wie ein iudicium eigentlich „üblicherweise“ geartet sein soll - ein Positiv also, gegen daß wir unsere Erkenntnisse abwägen können - ist dazu unumgänglich. Die Tatsache, daß auf eine solche (selbst nur hypothetisch endgültige) Definition platonische Gedanken in erheblichem Maße Einfluß gehabt haben könnten, soll uns zunächst nic ht weiter stören, muß uns jedoch im Hinblick auf mögliche Schlussfolgerungen „im Hinterkopf“ präsent ble iben. Eine Definition der dem iudicium zugrundeliegenden Idee, die uns als archimedischer Punkt dienen soll, bietet Heinrich Lausberg folgendermaßen an:

Nach Lausberg kann die Qualität virtus am opus erkannt werden. „Das Fehlen der virtus ist ein vitium: der Künstler (oder Kunstschüler) teilt den Mangel seiner virtus (das vitium) seinem Werk mit. Die Unterscheidung des vitium von der virtus verlangt vom Kritiker des Werks ein besonderes iudicium“1. Der Begriff bezeichnet also ein besonderes Unterscheidungsvermögen, die Fähigkeit, gute und schlechte Werkeigenschaften zu differenzieren. Der Charakter von virtus resp. vitium leitet sich dabei aus dem techne-Begriff her: die Herstellung eines (ersten) Kunstwerks (durch den Kunstschüler) ist immer angewiesen auf zwei zugrundeliegende Faktoren: natura und casu, die Naturanlage, die dem Menschen die Handlung, die zum opus führen soll, erst ermöglicht (eine solche Voraussetzung begegnet uns im Konstruktivismus unter dem Begriff „Strukturdeterminiertheit“: „[…] jedes System [läßt] aufgrund seiner spezifischen Strukturen nur eine ganz bestimmte Klasse von Reaktionszuständen [zu] […]“2), und der Zufall, der später, über die Wiederholung eines „[...] nur festgestellten, nicht verstandenen Handlungszusammenhangs [...]“3 zur Erfahrung werden kann. „Hierbei ist die die Erfahrenheit bedingende und festigende Wiederholung bereits eine imitatio“4. Wir befinden uns auf der Stufe der empireia, um aber zur techne zur gelangen sind zwei weitere Voraussetzungen vo nnöten: zum einen die Mitteilbarkeit der gewonnen Erfahrung, im konkreten Fall meist realisiert durch imitatio vonseiten der Kunstschüler, durch Orientierung an exempla eines Meisters. Diese Form der imitatio kann jedoch erst endgültig den Status der techne beanspruchen, wenn es gelingt, die Handlungsabläufe auf allgemeine Prinzipien zurückzuführen, also im Nachhinein eine „[...] rationale Durchdringung und Ordnung [...]“5 zu etablieren. Was als gut oder schlecht zu gelten hat, wird dadurch (durch die im Nachhinein erfolgte rationale Begründung) an überprüfbare Kunstregeln gebunden, die dann einem Beurteiler (crites) als Organon zur Verfügung stehen.

[...]


1 Lausberg, Heinrich. Handbuch der literarischen Rhetorik: Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. München: Max Hueber Verlag, 1960, §8, S. 28

2 Knape, Joachim. Was ist Rhetorik. Stuttgart: Reclam, 2000, S. 52f

3 Lausberg, §2, S. 26

4 Lausberg, §2, S. 26

5 Lausberg, §2, S. 26


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