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Termpaper, 2002, 16 Pages
Author: Sascha Bechmann
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Dusseldorf "Heinrich Heine" (Germanistisches Seminar)
Tags: Büchners, Lenz, Eine, Pathographie, Georg, Büchner
Year: 2002
Pages: 16
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-34377-0
ISBN (Book): 978-3-640-29501-2
File size: 89 KB
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Abstract
Büchners Novelle „Lenz“ stellt sich unzweifelhaft jedem Leser als befremdende und eigentümliche Schilderung einer Begebenheit dar, die heute nicht nur für die Literaturwissenschaft, sondern auch in hohem Masse für die Psychologie interessant erscheint. Seit ihrer Entstehung beschäftigt sich die Forschung mit der Frage, ob es sich bei Georg Büchners Schilderung um die sehr genaue Darstellung dessen handelt, das erst einige Jahre später als die Krankheit „Schizophrenie“ bezeichnet werden wird. In der folgenden Ausarbeitung möchte ich der Frage nachgehen, ob das Novellenfragment „Lenz“ von Georg Büchner tatsächlich als frühe Studie und als frühe Darstellung einer manifesten Schizophrenie gelten kann. Dafür werde ich zunächst darstellen, was die moderne Psychologie unter dem Krankheitsbild der Schizophrenie versteht und ich werde dann die Novelle Büchners dazu in Beziehung setzen. Die Symptome der Gemütskrankheit sollen dabei in Büchners Darstellung der literarischen Figur Lenz nachgewiesen werden. Ich werde zunächst einen kurzen Einblick in den historischen Hintergrund zu Büchners Erzählung geben und die Vorlage, den Bericht des Pfarrers Oberlin, vorstellen. Im Folgenden soll dann besonders untersucht werden, mit welchen Mitteln Georg Büchner die Schizophrenie erzählerisch verarbeitet und welche Unterschiede sich bei einem Vergleich mit der historischen Vorlage ergeben. Außerdem möchte ich der Frage nachgehen, welche Motive den Philosophen und Naturwissenschaftler Georg Büchner dazu bewogen haben, sich in seiner Novelle mit der damals unerforschten Geisteskrankheit so eingehend zu beschäftigen. In meiner abschließenden Bewertung werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und einen Kommentar zu der eingangs gestellten Frage, ob und warum die Novelle „Lenz“ in der Tat als Pathographie gelten darf, abgeben.
Excerpt (computer-generated)
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Germanistisches Seminar IV
GS Gesamtwerk: Georg Büchner
Büchners Lenz. Eine vollgütige klinische Pathographie
von: Sascha Bechmann
Inhalt
1. Klärung des Themas S. 02
2. Schizophrenie – Definition und Geschichte S. 02
3. Die Schizophrenie in Büchners Novelle „Lenz“ S. 05
3.1 Der historische Hintergrund – Lenz und Oberlin S. 05
3.2 Die Darstellung der Schizophrenie in der Figur Lenz S. 07
3.3 Der Oberlin-Bericht im Vergleich mit Büchners Novellenfragment S. 08
3.4 Wahnsinn als Topos S. 10
4. Zusammenfassende Bewertung S. 13
5. Bibliographie S. 15
1. Klärung des Themas
Büchners Novelle „Lenz“ stellt sich unzweifelhaft jedem Leser als befremdende und eigentümliche Schilderung einer Begebenheit dar, die heute nicht nur für die Literaturwissenschaft, sondern auch in hohem Masse für die Psychologie interessant erscheint. Seit ihrer Entstehung beschäftigt sich die Forschung mit der Frage, ob es sich bei Georg Büchners Schilderung um die sehr genaue Darstellung dessen handelt, das erst einige Jahre später als die Krankheit „Schizophrenie“ bezeichnet werden wird. In der folgenden Ausarbeitung möchte ich der Frage nachgehen, ob das Novellenfragment „Lenz“ von Georg Büchner tatsächlich als frühe Studie und als frühe Darstellung einer manifesten Schizophrenie gelten kann.
Dafür werde ich zunächst darstellen, was die moderne Psychologie unter dem Krankheitsbild der Schizophrenie versteht und ich werde dann die Novelle Büchners dazu in Beziehung setzen. Die Symptome der Gemütskrankheit sollen dabei in Büchners Darstellung der literarischen Figur Lenz nachgewiesen werden. Ich werde zunächst einen kurzen Einblick in den historischen Hintergrund zu Büchners Erzählung geben und die Vorlage, den Bericht des Pfarrers Oberlin, vorstellen. Im Folgenden soll dann besonders untersucht werden, mit welchen Mitteln Georg Büchner die Schizophrenie erzählerisch verarbeitet und welche Unterschiede sich bei einem Vergleich mit der historischen Vorlage ergeben. Außerdem möchte ich der Frage nachgehen, welche Motive den Philosophen und Naturwissenschaftler Georg Büchner dazu bewogen haben, sich in seiner Novelle mit der damals unerforschten Geisteskrankheit so eingehend zu beschäftigen. In meiner abschließenden Bewertung werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und einen Kommentar zu der eingangs gestellten Frage, ob und warum die Novelle „Lenz“ in der Tat als Pathographie gelten darf, abgeben.
2. Schizophrenie – Definition und Geschichte
In unserer heutigen zivilisierten Gesellschaft ist das Wissen über Medizin und Krankheiten, über Therapien und Ursachen vieler Beschwerden auch unter den medizinischen Laien weit verbreitet. Viele Menschen kennen die Risiken, Ursachen und Symptome der so genannten Zivilisationskrankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Durch vielfältige Informationsmedien sind heute auch medizinisch ungeschulte Menschen in der Lage, selbst komplizierte Behandlungsmethoden zu verstehen und nachzuvollziehen. Ganz anders steht es dagegen mit den Krankheiten, die unsere Psyche betreffen. Gemütskranke werden noch immer als „verrückt“ oder „wahnsinnig“ bezeichnet und statt diese Krankheiten ernst zu nehmen, empfinden wir sie als befremdlich, sie machen uns Angst oder geben uns Anlass, über die Kranken zu spotten. Während ein Mensch, der beispielsweise unter Asthma leidet, von seinen Mitmenschen als krank anerkannt wird, werden psychisch kranke Menschen oft nicht in ihrem Leiden ernst genommen.
Das Krankheitsbild der Schizophrenie, um das es hier gehen soll, stellt da keine Ausnahme dar. Silvano Arieti ging bereits 1979 davon aus, dass weltweit mehr als 40 Millionen Menschen an Schizophrenie erkrankt waren.1 Dabei weist Arieti der Schizophrenie sogar den größten Stellenwert innerhalb der psychatrischen Erkrankungen zu. Er geht dabei nicht von der Anzahl Betroffener aus, sondern vom Schweregrad der seelischen Störungen. Dabei stellt sich die Schizophrenie als das bedeutendste Problem im Bezug auf die Schwächung der psychischen Funktionen dar.2 Das klinische Bild der Schizophrenie wurde erstmals von dem Psychater EMIL KRAEPLIN im Jahre 1896 beschrieben, fast 60 Jahre nach Büchners Schilderung in seiner Novelle „Lenz“, und unter dem Namen Dementia praecox bekannt.3 Die ersten Belege über Geisteskrankheiten stammen aber bereits aus der Steinzeit.4 Funde belegen, dass bereits damals kranken Menschen Löcher in den Schädel geschlagen worden sind, vermutlich um die bösen Geister auszutreiben. Der Glaube an böse Geister, die die Seelen der Menschen heimsuchen, hielt sich noch weit bis ins Mittelalter hinein. Erstmals in der Geschichte begriff HIPPOKRATES (460-377v.Chr.) die Einheit von Körper und Geist und die geistigen Störungen damit als Krankheit. Ihm ist es zu verdanken, dass Erkrankte auch ärztlicher Behandlung zugeführt wurden.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber entstanden die ersten Differenzierungen und die ersten Forschungen zur Schizophrenie, die noch heute Bestand haben. KRAEPLIN, der als Begründer der Schizophrenieforschung gilt, ging davon aus, dass es sich ursächlich um eine Stoffwechselerkrankung oder eine Hirnschädigung handelte.5 Neuere Forschungen gehen von weitaus vielfältigeren Ursachen aus, die ich hier aber vernachlässigen möchte. Anders als bei den meisten Erkrankungen ist es sehr schwierig die Symptome der Schizophrenie allgemeingültig zusammenzufassen, denn Ursache und Verlauf können sehr stark variieren. Im Folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über Anzeichen und den möglichen Verlauf einer Schizophrenie geben. Günter Ammon beschreibt unter Beibehaltung früherer Definitionen 3 Arten von Störungen, die für die Schizophrenie charakteristisch sind.6 Dabei unterscheidet er zwischen assoziativen Störungen, affektiver Inkongruenz und Ambivalenz.
[...]
1 Vgl. Arieti, Silvano: Schizophrenie, München 1985, S.17 (hinfort zitiert als Arieti, 1985)
2 Vgl. Arieti, 1985, S.23f.
3 Vgl. Arieti, 1985, S.25
4 Vgl. Authaler, Irmgard: Schizophrenie aus psychologischer Sicht, Essen 1996, S.15ff (hinfort zitiert als Authaler, 1996)
5 Vgl. auch Authaler, 1996, S.19
6 Vgl. Ammon, Günter: Schizophrenie. In: Günter Ammon(Hrsg.): Handbuch der dynamischen Psychatrie 1, München 1979, S.364f
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