Anarchie im Netz? Eine Netiquette-Analyse in webbasierten Forensystemen

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Details
Autor: Karsten Goll
Fach: Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Veranstaltung: Seminar: Das Internet als Kommunikationsmedium
Institution/Hochschule: Technische Universität Dresden (Institut für Soziologie)
Jahr: 2004
Seiten: 35
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 16 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 587 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-34431-9
Textauszug (computergeneriert)
TU Dresden
Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie
Professur für Techniksoziologie
Seminar: „Das Internet als Kommunikationsmedium“
Anarchie im Netz? Eine Netiquette-Analyse
in webbasierten Forensystemen
von: Karsten Goll
Inhalt
Teil 1: Einführung 4
1.1 Fragestellung 4
1.2 Gegenstand: Webbasierte Forensysteme 5
1.3 Forschungsstand 7
1.3.1 Kommunikationsverha lten und Umgangsformen: Kultur der WWW-Foren 7
1.3.2 Normen und Regeln in Diskussionsforen 9
Teil 2: Netiquette-Analyse 12
2.1 Methodische Vorbemerkungen 12
2.1.1 Auswahlverfahren 12
2.1.2 Definition der Grundgesamtheit 12
2.1.3 Stichprobe 13
2.2 Strukturen der Regelwerke 18
2.2.1 Anmeldeformalia 20
2.2.2 Urheberrechtliche Vereinbarungen 22
2.2.3 Verantwortlichkeit für Inhalte 22
2.2.4 Rechte 23
2.2.5 Pflichten 24
2.2.6 Empfehlungen und Ratschläge 24
2.2.7 Gebote 26
2.2.8 Verbote 28
2.2.9 Sanktionen 29
2.2.10 Besonderheiten 31
2.3 Entstehungszusammenhänge 32
2.4 Zusammenfassung der Ergebnisse 34
Literatur 36
Teil 1: Einführung
1.1 Fragestellung
In den Städten der Antike, besonders im alten Rom, waren es die Markt- und Versammlungsplätze, auf denen öffentliche Diskussionen und Aussprachen stattfanden. Man bezeichnete sie schon damals als Foren. Auch heute versteht man unter einem Forum einen geeigneten Personenkreis, der eine sachverständige Erörterung von Problemen oder Fragen garantiert; eine Forumsdiskussion ist eine öffentliche Diskussion, bei der ein anstehendes Problem von Sachverständigen und Betroffenen erörtert wird.1 Es handelt sich dabei also um einen Kommunikationsprozess, an dem eine größere Anzahl von Akteuren beteiligt sind. Dies erfordert spezielle Kommunikationsformen, die sich im Laufe der Zeit wandeln können. Solche Wandlungen waren und sind inbesondere immer dann beobachtbar, wenn technische Innovationen stattfanden bzw. -finden. In einigen dieser Fälle kam es auch zu einer Ausweitung der möglichen Kommunikationsformen. Beispiele dafür sind etwa die Erfindung des Buchdrucks mit Hilfe der beweglichen Lettern oder die Datenübertragung durch Radiowellen; auch die Verbreitung von Mobiltelefonen samt der daraus erwachsenden SMSSprach- Kultur sei hier genannt. Solche neu entstandenen technisch vermittelten Kommunikationsformen sind auch oft nur Varianten althergebrachter. Man denke an E-Mails, die von Briefen abgeleitet sind oder an statische Webseiten, deren ‚Vorfahren‘ die Printmedien sind (Online-Zeitschriften – gedruckte Zeitschriften, Online-Kataloge – gedruckte Kataloge). Zentrale Gemeinsamkeiten der jeweils älteren mit der neuen computervermittelten Kommunikationsform sind in wesentlichen Eigenschaften erkennbar. Dazu zählen die Anzahl der Empfänger (disperses Publikum / Kleingruppe / Einzelperson), die Anzahl und Kombination der Kommunikationskanäle (Text / Bild / Ton / Bewegung) sowie der Zeitpunkt der Kommunikation (synchron / asynchron). Man könnte in dieser Art fast alle neuen Möglichkeiten der computervermittelten Kommunikation älteren Kommunikationsarten zuordnen. Es wird jedoch gerade hierbei deutlich, dass webbasierte Forensysteme die wenigsten Gemeinsamkeiten mit den bekannten Kommunikationsformen aufweisen. Sie sind gewissermaßen „am weitesten entfernt“2 von den älteren Formen und stellen damit ein wichtiges und lohnenswertes Forschungsobjekt dar.
Es gibt im Bereich der klassischen Medien kein Vorbild für webbasierte Foren, was die Frage aufwirft, ob sich auch neuartige Spielregeln für die Kommunikation in den Foren entwickelt haben, oder ob eine völlige Offenheit bis hin zur Regellosigkeit herrscht. Es ist zu vermuten, dass für eine erfolgreiche Kommunikation in Foren, für die die Beteiligung vieler Diskussionsteilnehmer typisch ist, solche Spielregeln unerlässlich sind. Das Hauptgewicht dieser Arbeit liegt deshalb in der qualitativen Analyse der formalen Verhaltensregeln in webbasierten Forensystemen. Der Grundgedanke dabei ist, dass sich im Laufe der Zeit, in der ein Forum betrieben wird, bestimmte Umgangsformen einspielen (informale Regeln), die anfangs möglicherweise regelmäßig verletzt wurden, woraufhin die Betreiber und/oder Nutzer Regelungsbedarf feststellten. Dieser mündete schließlich in ein geschriebenes Regelwerk (formale Regeln), das aus den gesammelten Erfahrungen des Umgangs im Forum entstand und damit die Kultur desselben umreißt. In Abschnitt 1.3.2, in dem ich das Coleman-Modell der Entstehung sozialer Normen3 heranziehen werde, wird diese theoretische Grundlage meiner Arbeit präzisiert. Der Forschungsgegenstand ist nun umgrenzt. Die zentralen Fragestellungen dieser Arbeit lauten:
1. Sind Regelwerke hinsichtlich des Verhaltens in webbasierten Forensystemen typisch?
2. Wie sind diese Regelwerke inhaltlich strukturiert und weisen die verschiedenen Foren Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede hinsichtlich dieser Strukturen auf?
3. Wie bilden sich Normen und Regeln im Rahmen computervermittelter Kommunikation in webbasierten Foren heraus und wie gelangen sie schließlich in geschriebene Regelwerke (d.h. wie werden sie zu formalen Regeln)?
Die angedachte Analyse soll einen Beitrag leisten, ein strukturelles Fundament für weitergehende Forschungen über die Kommunikation in webbasierten Forensystemen zu liefern.
1.2 Gegenstand: Webbasierte Forensysteme
Im Gegensatz zu E-Mail stellen Foren ein Medium dar, das eher an Massenmedien erinnert. Die Anwendung ist relativ einfach: Nach dem Aufruf der Webseite, die das Forum beherbergt, können die unterschiedlichen thematischen Untergruppen ausgewählt werden. "Betritt" man nun eine dieser Groups, so werden meist die Betreffzeilen der einzelnen Artikel aufgelistet, nach denen man sich den oder die gewünschten Artikel ansehen kann. Wird ein Artikel „gepostet“, d.h. in ein Forum eingestellt, ist er für jeden Anwender lesbar. Man könnte diese Möglichkeit der Kommunikation mit einer weltweiten Zeitung vergleichen, die in unterschiedliche Sparten unterteilt ist. Der grundlege nde Unterschied zu den herkömmlichen Massenmedien besteht in der Interaktivität dieses Mediums. Denn nicht nur das Lesen der Artikel, Fragen oder Beiträge ist möglich, sondern es kann direkt auf jedes „Posting“ reagiert werden.4
Es gibt meist zwei verschiedene Kommunikationskanäle: Ihre Verwendung durch den Nutzer richtet sich danach, ob der Beitrag an den Verfasser allein oder an sämtliche interessierte Groupleser gerichtet ist. Der E-Mail-ähnliche interpersonale Kanal ermöglicht es, die Mitteilung direkt an den Verfasser des Postings zu leiten. In einer solchen Mitteilung wird meist der Bezug zum geposteten Artikel hergestellt, indem Teile des originalen Beitrags in die Antwort eingefügt werden. Außerdem können Postings auch an andere Anwender weitergeleitet werden („forward“-Befehl). Die andere Möglichkeit ist der multipersonelle Kanal. Mittels des followup-Befehls wird der Betreff („subject“) der Antwort mit einem "Re:" versehen. Die Antwort ist wie das ursprüngliche Posting wiederum für alle Anwender lesbar. Auch hier werden meistens Teile des ursprünglichen Postings editiert, um neuen Lesern einen Bezug zur diskutierten Thematik zu geben bzw. einzelne Diskussionsstichpunkte hervorzuheben. 5
Festzuhalten ist, dass unser Medium zwei verschiedene Kommunikationsarten bietet. Sowohl das Posten, als auch das Verschicken von Antworten oder anderen Beiträgen bedient sich formal nahezu der gleichen Struktur wie E-Mail; die Unterschiede sind sehr gering. Foren sind also weit mehr als ein herkömmliches Massenmedium (one to many). Da eine sofortige Reaktion auf einen Artikel mit Hilfe eines multipersonellen Kanals erfolgen kann, erlangen Foren den Status eines interaktiven Massenmediums (many to many). Auf der Zeitebene sind diese computervermittelten Kommunikationsmedien als asynchron zu bezeichnen, d.h. die Zeitpunkte der Aktivität des Lesens bzw. Schreibens eines Beitrags und der tatsächlichen Einstellung desselben müssen nicht identisch sein.
Was ist nun das Besondere an webbasierten Forensystemen? Ein beachtenswerter Aspekt ist die Langzeitarchivierung der Fragen, Anworten und Diskussionsbeiträge (sog. „threads“). Jede Kommunikationskette kann von ihrem Ursprung bis zum gegenwärtigen Stand nachvollzogen werden. Theoretisch erübrigt sich dadurch jegliche Wiederholung, denn thematisch ähnliche Beiträge könnten fortlaufend aufeinander aufbauen. In der Praxis kann man jedoch beobachten, dass oft und immer wieder dieselben Fragen gestellt werden. 6
[...]
1 Vgl. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion 1990, S. 261.
2 Stockmann 2004, S. 2.
3 Vgl. Coleman 1990.
4 Vgl. Kneer 1994, S. 20.
5 Vgl. Kneer 1994, S. 21f.
6 Vgl. Stockmann 2004, S. 4.
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