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Mehr als nur ein Augenblick. Walter Benjamin: Die kleine Geschichte der Photographie

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 19 Pages
Author: Margit Maier
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 19
Grade: 1
Bibliography: ~ 5  Entries
Language: German
Archive No.: V34456
ISBN (E-book): 978-3-638-34668-9

File size: 282 KB


Excerpt (computer-generated)

Julius -Maximilians-Universität Würzburg
Thema des Seminars: Walter Benjamin
Semester: 4

Mehr als nur ein Augenblick. Walter Benjamin:
Die kleine Geschichte der Photographie

von: Margit Maier

 


Inhalt

I. Sprache eines modernen Mediums 4

II. Die Kleine Geschichte der Fotografie 5

1. Intention und Vorgehensweise 5
2. Ästhetik-Theorie 6
3. Rezension und Rezeption 7
4. Sonderbare Aura 8
5. Nichts als die Wahrheit – die Fotografien Atgets 10
6. Fotografie und Psychologie 11
7. Schöpferische Fotografie 14
8. Übersinnlichkeit und Technik 15

III. Roland Barthes auf den Spuren Benjamins 16

IV. Die Zeit 18

Literaturnachweise 20


 

I. Sprache eines modernen Mediums

„Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige wird, so hat man gesagt, der Analphabet der Zukunft sein.“ (385) Mit diesen Worten zitiert Walter Benjamin eine Aussage Charles Baudelaires in seiner „Kleinen Geschichte der Photographie“. Was bedeutet es, „photographieunkundig“ zu sein? Nicht die fehlenden technischen oder praktischen Fähigkeiten meint Benjamin damit, sondern die Unfähigkeit, eine Fotografie lesen und deuten zu können. Für ihn besitzt das stets im Fortschritt begriffene Medium eine eigene Sprache, die es zu entschlüsseln gilt. Das Vokabular, dessen er sich dabei bedient, ist durchzogen von Begriffen aus den Bereichen der Magie und der Mystik. Benjamin erkennt der Fotografie Eigenschaften an, die über die reine Abbildung der sichtbaren Realität hinausgehen. Seine Faszination erweckt besonders das Einfangen des Moments, des Augenblicks, wie er in der normalen Wahrnehmung nicht festgehalten werden kann, da das menschliche Gehirn nur in fortlaufenden Prozessen begreift. Auf der Suche nach den verborgenen Gehalten des Mediums gelangt Benjamin zu verschiedenen Ansätzen, die er später in weiteren Aufsätzen, vor allem in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ weiterentwickelt, und welche kennzeichnend für den Benjaminischen Blick auf die moderne Medienwelt werden sollen.

Walter Benjamin betritt zusammen mit wenigen anderen Neuzeit-Philosophen ein völlig neues Gebiet der Medienkritik. Die pragmatischen Kriterien der Fotografie beiseite lassend widmet er sich in subjektiver Betrachtungsweise ihren verborgenen Qualitäten. Die Begriffswahl „Kleine Geschichte der Photographie“ ist irreführend insofern, als der Text keine fotografie-historische Abhandlung darstellt. Vielmehr erhebt sich aus der Basis einiger historischer Fakten ein Gerüst von verschiedenen Aspekten, die sich mit Ästhetik und anderen abstrakten Eigenschaften des Mediums befassen. Benjamin verlässt sich ganz auf sein eigenes Gespür und gibt seinen Emotionen Ausdruck, um das Geheimnisvolle, das Verborge ne aufzudecken. Damit eröffnet er eine neue Sichtweise auf die Fotografie, die erst einige Zeit nach seinem Tod Beachtung finden sollte. Der Titel dieser Arbeit „Mehr als nur ein Augenblick“ trägt zweierlei Bedeutung: Einerseits gibt die Fotografie für Benjamin auf zeitlicher Ebene mehr wieder als nur einen Augenblick. Sie besitzt die Macht, die Vergangenheit und gleichzeitig die Zukunft wiederzuspiegeln. Andererseits fordert eine Fotografie zu mehr als nur zu einem „Augen-Blick“ auf. Nicht nur die Augen betrachten ein Foto, sondern auch das Gehirn, die Seele. Vor diesem Hintergrund sollen nun einige Thesen Walter Benjamins hervorgehoben werden, die sich mit den „unbewussten Gehalten“1 der Fotografie auseinandersetzen. Zusätzlich soll die Beziehung zwischen der „Kleinen Geschichte der Fotografie“ zu einem fast fünfzig Jahre später erschienenen Werk „Die helle Kammer“ von Roland Barthes hergestellt werden, welches jener näher zu stehen scheint als sämtliche zeitgenössische Literatur.

II. Die Kleine Geschichte der Fotografie

1. Intention und Vorgehensweise

Etwa neunzig Jahre nach der Erfindung der Fotografie sieht Walter Benjamin diese an einem Punkt angelangt, wo es notwendig ist, sich umzudrehen und auf ihre Vergangenheit zurückzublicken. Der genaue Verfassungszeitraum der „Kleinen Geschichte der Photographie“ ist unbekannt. Veröffentlicht wurde sie dreigeteilt in der Zeitschrift „Die literarische Welt“ im Jahre 1931. Eine klare Gliederung weist der Text nicht auf, vielmehr besteht er aus verschiedenen Fragmenten, die sich zum Teil ergänzen, zum Teil schwer zuordnen lassen. Innerhalb dieser Passagen argumentiert Benjamin bildhaft und emotionsstark. Allerdings lässt er seine Theorien oft unvollendet und wendet sich sprunghaft neuen Aspekten zu. Es bleibt dem Leser überlassen, Zusammengehöriges zu sammeln und weiterzudenken. Des Weiteren bleiben viele Begriffe unklar beziehungsweise ungreifbar, vor allem sofern es dabei um die Beschreibung von Emotionen geht.

Dies alles eröffnet vielfältige Ansätze zur Interpretation, macht jedoch ein allgemeingültiges Textverständnis absolut unmöglich. Es kann nicht Ziel der Beschäftigung mit Benjamins „Kleiner Geschichte der Photographie“ sein, eine klare Struktur und folgerichtige Vorgehensweise im Text aufzudecken. Die Suche nach eindeutig belegbaren Thesen wird unfruchtbar enden, da es genau die ungreifbaren und übersinnlichen Erscheinungen sind, die Benjamin zu seinem Essay veranlassten, und durch die der Text seinen besonderen Wert gewinnt.

2. Ästhetik-Theorie

[...]


1 Als „unbewusster Gehalt“ wird innerhalb dieser Arbeit jene Bildwirkung bezeichnet, die durch subjektive, assoziative Wahrnehmung zu Tage tritt. Sie ist zu unterscheiden von einem „bewussten Bildinhalt“, den tatsächlich sichtbaren Fakten einer Fotografie.


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