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Zur Konzeption von Freundschaft in den Briefen des Erasmus von Rotterdam

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 21 Pages
Author: Tobias Gottwald
Subject: History - Middle Ages, Early Modern

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 21
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V34485
ISBN (E-book): 978-3-638-34689-4

File size: 356 KB


Excerpt (computer-generated)

Georg-August -Universität Göttingen
Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Hauptseminar: „Freundschaft und Verwandtschaft im Mittelalter“
7. Fachsemester

Zur Konzeption von Freundschaft in den
Briefen des Erasmus von Rotterdam

von: Tobias Gottwald

 


INHALT

1. Einleitung 1

2. Hauptteil 3

2.1 Voraussetzungen und Grundlagen der Freundschaft: Das Streben nach virtus und das Studium der bonae litterae 3
2.2 Der Ertrag der Freundschaft Freude (Emotion) und Nutzen (officia, admonitio)  9

3. Schluß 14

4. Quellen- und Literaturverzeichnis 16


 

1. Einleitung

Freundschaft nimmt im Leben des Erasmus von Rotterdam hohen Rang ein. Für Erasmus, der nie eine Ehe einging und dessen Verhältnis zu seinen Verwandten durch den Makel unehelicher Geburt auf immer belastet blieb, bildeten Freundschaften den wichtigsten sozialen Kontakt.1 Dieser biographische Einfluß spiegelt sich in seinem Werk wieder. Erasmus’ wissenschaftliche Schriften setzen sich an verschiedenen Stellen mit dem Topos der Freundschaft auseinander.2 Eine geschlossene systematische Abhandlung fehlt jedoch. Von der Auffassung ausgehend, die Regeln zum Umgang unter Freunden seien bereits von den klassischen Autoren – insbesondere mit Ciceros Laelius de amicitia – vorgegeben, hielt Erasmus es für unnötig ein theoretisches Werk über die Freundschaft zu verfassen. 3

Um dennoch Erkenntnisse über die Freundschaft bei Erasmus zu gewinnen, hat es sich die vorliegende Arbeit zur Aufgabe gemacht, Vorstellungen von Freundschaft anhand seiner Korrespondenz herauszuarbeiten. Aus den heute noch erhaltenen rund 3000 Briefen von und an Erasmus wurden dazu drei für die Fragestellung besonders aussagekräftige Briefe als Quellengrundlage 4 herangezogen, nämlich die Briefe Erasmus’ an Thomas Grey5 vom August 1497, an Johann Werter6 vom Oktober 1518 und an Ulrich von Hutten7 vom 23. Juli 1519 . Da es nicht Ziel der Untersuchung ist, eine einzelne Freundschaftsbeziehung aufzuarbeiten – wie dies etwa SCHULTE HERBRÜGGEN8 hinsichtlich Morus tut – sondern allemeingültige Aussagen über die Freundschaftskonzeption bei Erasmus formuliert werden sollen, eignen sich Briefe als Quellenbasis besonders, da sie an verschiedene Empfänger gerichtet und zeitlich gestreut sind. Über die genannten Briefe hinaus werden vereinzelt andere Stellen der erasmusschen Korrespondenz als Beleg angeführt. Die Analyse der Freundschafts-Konzeption des Erasmus vollzieht sich in zwei Schritten. Zunächst soll der Frage nachgegangen werden, durch welche Faktoren Freundschaft begründet wird. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um eine funktionierende Bindung hervorzubringen? Was ist nötig, um einer Freundschaft Bestand zu verleihen? Der zweite Teil der Analyse untersteht der Leitfrage nach dem Ertrag der Freundschaft.10

Schon die ältere Forschung, etwa die immer noch bedeutende Erasmus-Biographie von Johan HUIZINGA (1928), weist in Bezugnahme auf die Korrespondenz auf die besondere Hochschätzung der Freundschaft bei Erasmus hin. 11 Die Deutung bleibt jedoch in Ansätzen stecken und beschränkt sich auf unpräzise Aussage, wie die, Erasmus sei „großer Freund“12 gewesen. Neuere Biographien, etwa HALKIN (1989), greifen diese Ansätze auf und beschreiben die über Dekaden dauernden intensiven Freundschaften des Erasmus – HALKIN bezeichnet dies als „Freundschaftskult“.13 Dennoch werden Vorstellungen von Freundschaft insgesamt nicht in ausreichendem Maße aufgearbeitet.

Von zentraler Bedeutung für die Fragestellung ist hingegen die 1977 erschienene Dissertation von Yvonne CHARLIER. Die Autorin unternimmt erstmals den Versuch, die Vorstellungen von Freundschaft systematisch zu erfassen. In einem vorangestellten Theoriekapitel arbeitet CHARLIER fünf Faktoren heraus, die Freundschaft bei Erasmus konstituieren: aequalitas, similtudo, benevolentia, officia und admonitio.14 In den Folgekapiteln werden verschiedene Freundschaften Erasmus’ empirisch untersucht. Damit kommt CHARLIER ein großes Verdienst zu. Jedoch konterkariert die Dissertation die Vorgabe des eigenen Titels „Erasme et l’amitie d’apres sa corresondance“, indem sie aus der Korrespondenz gewonnene Ergebnisse mit Bezügen auf theoretische Schriften vermischt.

Die jüngere Forschung beschäftigt sich verstärkt mit der Bedeutung der Freundschaft in der Renaissance. So erläutert HALE (1990)15 die Funktionsweise der auf intensiven Briefwechseln beruhenden internationalen Vernetzung humanistischer Gelehrter. BURKE (1999) weist auf die Bedeutungserhöhung der Freundschaft im 16. Jahrhundert hin und auf die mit ihr einhergehende Emotionalität. Dies spielt, wie gezeigt werden soll, bei Erasmus eine zentrale Rolle. Eine neuere Einzeluntersuchung zum Freundschaftskonzept bei Erasmus ist jedoch aus diesen Studien nicht hervorgegangen. Sie bleibt ein Desiderat der Forschung.

2. Hauptteil

2.1 Voraussetzungen und Grundlagen der Freundschaft

2.1.1 Das Streben nach virtus

[...]


1 Vgl. CHARLIER (1977), S. 32.

2 Etwa in der institutio christiani matrimonii und in den colloquia. Nicht weniger als 24 der adagia thematisieren das Wesen der Freundschaft. Vgl. CHARLIER (1977), S. 34.

3 Gemeint sind aber auch Xenophon, Plato, Aristoteles und Plutarch. Vgl. CHARLIER (1977), S. 31f.

4 Hierzu wird die einschlägige Edition von Percy Stafford ALLEN herangezogen. Um flüssige Lesbarkeit zu gewährleisten, werden längere Passagen im Haupttext aus der wissenschaftlich fundierten und vollständigen englischen Übersetzung COLLECTED WORKS zitiert. Der Orginaltext soll aber in der Fußnote angegeben werden. Einzelne Begriffe werden auch im Haupttext im Original zitiert.

5 OPUS EPISTULARUM (1906), S. 188-190 (no 63).

6 OPUS EPISTULARUM (1913), S. 412f. (no 875).

7 OPUS EPISTULARUM (1922), S. 12-23. (no 999).

8 SCHULTE HERBRÜGGEN (1988).

9 Das sind: OPUS EPISTULARUM (1906) no 85 an Nicasius (14. Dez. 1498); OPUS EPISTULARUM (1922) no 1013 an Jacob de Voecht (10. Sept. 1519); OPUS EPISTULARUM (1922) no 1233 an Guillaume Budé, (Sept. 1521), OPUS EPISTULARUM (1924) no 1315 an Huldrych Zwingli (8. Sept. 1522) und OPUS EPISTULARUM no 1900 an Johann von Heemstede (Nov. 1527).

10 Um semasiologische Fehldeutungen zu vermeiden, ist darauf hinzuweisen, daß die Begriffe „Freund“ und „Freundschaft“ im 16. Jahrhundert in drei verschiedenen Bedeutungsebenen auftauchen. Um das Wortfeld „Freund“ gebildete Begriffe bezeichnen neben dem heute üblichen Verständnis von Freundschaft als „privater Beziehung“ auch Familien- und Klientelverhälntisse. Vgl. BURKE (1999), S. 263.

11 HUIZINGA (1928) S. 127.

12 Ebd.

13 HALKIN (1989), S. 50.

14 Vgl. CHARLIER (1977), S. 44f.

15 Vgl. bei HALE vor allem das Kapitel Transmissions – “Th’ intertraffique of the minde”S. 283-295.


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