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Die doppelte Anthropologie Maria Montessoris

Scholary Paper (Seminar), 2005, 24 Pages
Author: Ramesberger Hubert
Subject: Pedagogy - Reform Pedagogics

Details

Event: Fröbel und Montessori im Vergleich
Institution/College: University of Bamberg
Tags: Anthropologie, Maria, Montessoris, Fröbel, Montessori, Vergleich
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2005
Pages: 24
Grade: gut
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V34501
ISBN (E-book): 978-3-638-34701-3
ISBN (Book): 978-3-638-65274-2
File size: 621 KB

Abstract

Maria Montessori gilt als Reformpädagogin, die maßgeblich das Weltbild der Pädagogik beeinflusste und immer noch beeinflusst. Die Reformpädagogik in der Zeit zwischen 1890 und 1933 bedeutete, vor allem vor dem Ersten Weltkrieg, die Anwendung pädagogischer Reflexion auf die historisch-gesellschaftliche Situation aus der eine Vielfalt unterschiedlicher Ansätze zur Erneuerung der Schule und der Erziehung hervorgingen. Anlässe in Deutschland waren damals der um 1900 abgeschlossene Aufbau eines verschulten, bürokratisierten, selektiven Schulsystems im wilhelminischen Obrigkeitsstaat und der mit der Industrialisierung, Verstädterung und Mobilität einhergehende gesellschaftliche, technische, ökonomische und kulturelle Umbruch. Mit der Modernität reformpädagogischen Denkens und Handelns verbanden sich Vorstellungen von einer entbürokratisierten Schule, von freiheitlich demokratischen Lebensverhältnissen und liberalen, kindorientierten Bildungsidealen. Beschäftigt man sich näher mit der pädagogischen Anthropologie Maria Montessoris, wird man unweigerlich mit zwei unterschiedlichen Positionen ihrer Anthropologie konfrontiert. Die eine Position ist von einem individuellen Charakter geprägt. Sie behandelt die kindzentrierte Entwicklung des Kindes. Die Entwicklung hin zum Individuum. Die andere Position beschreibt die Entwicklung des Kindes hin zum mittleren Menschen. Hier steht nicht das Kind mit seinen individuellen Eigenschaften im Mittelpunkt sondern der von Adolphe Quetelet errechnette >> homme moyen <<. Es soll deutlich werden, dass Montessoris Fokus aufs Ganze gerichtet ist. Die Be-arbeitung dieser beiden Positionen innerhalb der pädagogischen Anthropologie von Maria Montessori stellt den Inhalt dieser Seminarbarbeit dar. Dabei gehe ich zuerst näher auf die kindzentrierte Betrachtungsweise ein, bevor ich im Punkt zwei den >> homme moyen << näher bearbeite. Um verschiedene Annahmen und Aussagen zu be- bzw. zu entkräften, bediene ich mich zeitweilig Zitaten von der Protagonistin beziehungsweise von den im Literaturverzeichnis aufgeführten Autoren. Dass diese Anthropologie jedoch nicht unreflektiert übernommen werden sollte und von zwei ganz unterschiedlichen Positionen dominiert wird, die wiederum mit einer Vielzahl von Problemen behaftet sind, versuche ich in dieser Seminararbeit darzustellen.


Excerpt (computer-generated)

Doppelte Anthropologie Maria Montessoris

von: Ramesberger Hubert

 


Inhaltsverzeichnis

Zitat  3

Einleitung 4

1 Kindzentrierte Entwicklung 6

1.1 Immanenter Bauplan  6
1.2 Sensible Phasen 7
1.3 Der absorbierende Geist und die Mneme  10

1.3.1 Intellektuelle Entwicklung 10
1.3.2 Die Entwicklung der Sozialisation und Enkulturation  11
1.3.3 Entwicklung der Denk- und Wertungsmuster 11
1.3.4 Polarisation der Aufmerksamkeit 12

2 Der Mensch als „Homme moyen“  14

2.1 Orientierung an Adolphe Quetelet 15
2.2 Maria Montessori und der mittlere Mensch  16
2.3 Normalisation 18

Fazit.  20

Literaturverzeichnis 23
 

 

Zitat

"´Vor allem müssen wir vom einzelnen Menschen
abstrahieren, wir dürfen ihn nur als
Bruchteil der ganzen Gattung betrachten. Indem
wir ihn von seiner Individualität entkleiden,
beseitigen wir alles, was zufällig ist; und
die individuellen Besonderheiten, die wenig oder
gar keinen Einfluss auf die Masse haben, verschwinden
von selbst.´" 1
Lambert Adolphe Jacques Quetelet (*1796 - + 1874)

Einleitung

Maria Montessori gilt als Reformpädagogin, die maßgeblich das Weltbild der Pädagogik beeinflusste und immer noch beeinflusst. Die Reformpädagogik in der Zeit zwischen 1890 und 1933 bedeutete, vor allem vor dem Ersten Weltkrieg, die Anwendung pädagogischer Reflexion auf die historischgesellschaftliche Situation aus der eine Vielfalt unterschiedlicher Ansätze zur Erneuerung der Schule und der Erziehung hervorgingen. Anlässe in Deutschland waren damals der um 1900 abgeschlossene Aufbau eines verschulten, bürokratisierten, selektiven Schulsystems im wilhelminischen Obrigkeitsstaat und der mit der Industrialisierung, Verstädterung und Mobilität einhergehende gesellschaftliche, technische, ökonomische und kulturelle Umbruch. Mit der Modernität reformpädagogischen Denkens und Handelns verbanden sich Vorstellungen von einer entbürokratisierten Schule, von freiheitlich demokratischen Lebensverhältnissen und liberalen, kindorientierten Bildungsidealen. Beschäftigt man sich näher mit der pädagogischen Anthropologie Maria Montessoris, wird man unweigerlich mit zwei unterschiedlichen Positionen ihrer Anthropologie konfrontiert. Die eine Position ist von einem individuellen Charakter geprägt. Sie behandelt die kindzentrierte Entwicklung des Kindes. Die Entwicklung hin zum Individuum. Die andere Position beschreibt die Entwicklung des Kindes hin zum mittleren Menschen. Hier steht nicht das Kind mit seinen individuellen Eigenschaften im Mittelpunkt sondern der von Adolphe Quetelet errechnette >> homme moyen <<. Es soll deutlich werden, dass Montessoris Fokus aufs Ganze gerichtet ist. Die Bearbeitung dieser beiden Positionen innerhalb der pädagogischen Anthropologie von Maria Montessori stellt den Inhalt dieser Seminarbarbeit dar.

Dabei gehe ich zuerst näher auf die kindzentrierte Betrachtungsweise ein, bevor ich im Punkt zwei den >> homme moyen << näher bearbeite. Um verschiedene Annahmen und Aussagen zu be- bzw. zu entkräften, bediene ich mich zeitweilig Zitaten von der Protagonistin beziehungsweise von den im Literaturverzeichnis aufgeführten Autoren. Da gerade in der jetzigen Zeit, in der man in der Öffentlichkeit, ganz besonders seit PISA, Reformen in der Pädagogik fordert, werden Änderungsmöglichkeiten und neue Wege gesucht. Bei der Erarbeitung von Reformvorschlägen bedient man sich nicht selten der Forschungsergebnisse namhafter Pädagogen. Maria Montessori war eine, wenn nicht sogar die Reformpädagogin dieses Jahrhunderts und Grundzüge ihrer Anthropologie dienen bis zum heutigen Tag als Erziehungsgrundlage. Dass diese Anthropologie jedoch nicht unreflektiert übernommen werden sollte und von zwei ganz unterschiedlichen Positionen dominiert wird, die wiederum mit einer Vielzahl von Problemen behaftet sind, versuche ich in dieser Seminararbeit darzustellen.

1 Kindzentrierte Entwicklung

1.1 Immanenter Bauplan

In der Entwicklungstheorie von Maria Montessori spielt die Biologie einen zentralen Bezugspunkt. Im Zentrum steht dabei ein universeller „Bauplan der Natur“2. Diesen benutzt Maria Montessori als Erklärungsschema für jeglichen Entwicklungsprozess, sei er nun im physischen, psychischen oder sozialen Bereich. Um ihre Theorie des immanenten Bauplans besser veranschaulichen zu können greift sie auf eine Keimparabel zurück. „So wie jede Keimzelle bereits den Bauplan des ganzen Organismus in sich trägt, ohne dass dieser irgendwie feststellbar wäre, so enthält jedes neugeborenen Lebewesen, welcher Gattung immer es angehört, in sich den Bauplan jener psychischen Instinkte und Funktionen, die das Wesen instand setzen soll, (…). Es wäre widersinnig anzunehmen, dass gerade der Mensch, der sich durch die Großartigkeit seines seelischen Lebens von allen anderen Geschöpfen unterscheidet, als einziger keinen Bauplan seelischer Entwicklung in sich tragen sollte (…).3

Daher ist M. Montessori auch der Ansicht, dass in gleicher Weise, wie die Keimzelle mit gehorsamer Genauigkeit einen immanenten Bauplan ausführt, gehorcht auch das Kind inneren Direktiven seiner Entwicklung. Es folgt, so Montessori, zunächst völlig unbewusst, gehorsam seinem immanenten Bauplan, der eine klare Struktur aufweist und einen logischen Aufbau in sich birgt. Dieser immanente Bauplan offenbart sich in spontanen Äußerungen des Kindes, das sich spezifisch bestimmten Ausschnitten seiner Umwelt zuwendet. Auf diese Weise sammelt das Kind sinnliche Eindrücke, die durch den, wie Montessori schreibt, absorbierenden Geist aufgenommen werden. Dieser hier aufgeführte absorbierende Geist, wird in einem späteren Zeitpunkt der Arbeit noch näher dokumentiert (siehe Punkt 1.3.). Eine der Hauptaufgaben des immanenten Bauplans besteht in der Organisation der Eindrücke in einem komplexen Ideensytem4. Dieser immanente Bauplan, der in jedem Kind existent ist, ist dafür angelegt die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes zu verwirklichen. Dies geschieht durch eine tätige Auseinandersetzung des Kindes mit ihrer Umwelt.5 Die Entwicklung des Kindes findet demzufolge nach einem unsichtbaren Plan statt. Große Bedeutung haben dabei die sensiblen Phasen.

1.2 Sensible Phasen

[...]


1 Hofer, Christine (2001): Die pädagogische Anthropologie Maria Montessori, - oder: Die Erziehung zum neuen Menschen. Würzburg, Ergon Verlag. S. 73

2 Fuchs, Brigitta: Maria, Montessori, Ein pädagogisches Porträt, Weinheim und Basel, Beltz 2003. S. 57

3 a. a. O. S. 57

4 a. a. O., S. 58

5 Schaub, Horst und Karl G. Zenke: dtv – Wörterbuch der Pädagogik, digitale Bibliothek Band 65, Berlin 2002, Directmedia, S. 1522


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