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Der Körper zwischen Täuschung und Wahrheit. Eine Untersuchung des "Tristan" von Gottfried von Straßburg

Hauptseminararbeit, 1998, 19 Seiten
Autor: Barbora Sramkova
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 1998
Seiten: 19
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 7  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V34669
ISBN (E-Book): 978-3-638-34826-3

Dateigröße: 232 KB


Textauszug (computergeneriert)

WS 1997/98
HS Tristan

Der Körper zwischen Täuschung und Wahrheit
Eine Untersuchung des Tristan von Gottfried von Straßburg

Technische Universität Berlin
Fachbereich 1 Institut für Deutsche Philologie

von Barbora Sramkova

 

 

Inhalt

1. Einleitung   3

2. Körpersprache   4

3. Der Körper als Text  5

4. Maß und Harmonie   6

5. Täuschung und Wahrheit   8
5.1 Die Wahrheit des Inneren  8
5.2 Täuschung und Betrug   9
5.3 Die innere Tugend   11
5.4 Manipulation der Gebärden   11

6. Das Auge in der höfischen Kommunikation   14

7. Der Zwang zur Selbstbeherrschung   16

8. Zusammenfassung   17

9. Literaturverzeichnis   18

 

 

1. Einleitung


Die Geschichte von Tristan und Isolde ist zweifellos eine der bewegendsten Liebesgeschichten, die das Abendland je hervorgebracht hat. Auch wenn sie heute gewiss anders rezipiert wird als zur Zeit ihres Entstehens, fasziniert die Geschichte allein schon durch die Intensität der Gefühle, die die beiden Protagonisten füreinander hegen. Das innere Leben der Hauptfiguren soll im Mittelpunkt der folgenden Arbeit stehen, und zwar unter dem Gesichtspunkt, wie es auf der nonverbalen Ebene der Körpersprache zum Ausdruck gebracht wird. Zwar kommt in dem Roman dem Wort, dem gesprochenen und dem gedachten, eine prominente Rolle zu, nichtsdestoweniger sollte die Sprache des Körpers nicht unbeachtet bleiben. In der vorwiegend schriftlosen Gesellschaft stellte die Sprache des Körpers eine wichtige Form der Sinnvermittlung dar.1 Die moderne Auffassung des Körpers als Text ist durchaus auf das Gebaren der Romanfiguren anzuwenden. Das Bewusstsein um das äußere Aussehen, um die körperliche Präsenz und um die Signale des Körpers war in der Epoche der höfischen Kultur sehr stark.2 Das öffentliche Leben war einem festen Gebärdenkodex unterworfen, wie es in dem Roman z.B. an der Reglementierung des Turniers, der Gerichtsszenen oder der Schwertleite zu sehen ist. Das höfische Zeremoniell war auch für das Privatleben bestimmend, und so unterlag auch die Körpersprache, die die Regungen des inneren Lebens ausdrückt, vielfachen Regulierungen. Davon legen die zahlreichen Anweisungen über Anstandsregeln ein Zeugnis ab, darunter Thomasin von Zerklaeres Der Wälsche Gast, um nur ein prominentes Beispiel zu nennen. Eine zentrale Rolle in dieser Problematik spielt die mâze als Maßstab des höfischen Benehmens. Darin lebt das antike ideal der modestia, das Aristoteles in seiner Rhetorik hervorhebt, fort.

In Tristan wird die mâze ebenso oft beachtet wie verletzt. Wird sie als ein erstrebenswertes Ideal oder eine verbindliche Norm gezeigt? Übt Gottfried bei der Darstellung des Abweichens von diesem Grundsatz eine Kritik aus? Wenn ja, ist es eine Kritik der Figuren oder der Norm? Das sind Fragen, die sich bei Behandlung dieses Themas zwangsweise stellen, auch wenn deren Beantwortung keineswegs unproblematisch ist, da sich Gottfried nicht eindeutig zu den Handlungen seiner Protagonisten äußert.

2. Körpersprache

Die Körpersprache kann in zweierlei Bedeutungen verstanden werden. Zum einen, in dem gängigen Sinne des Wortes, als bedachte und unbedachte Bewegungen des Körpers bzw. einzelner Körperteile, die einen Affekt vermitteln oder begleiten. Es umfasst also die Gestik und Mimik, die konkrete Inhalte (bewusst oder unbewusst) nach außen vermitteln. Zur Körpersprache in diesem Sinne gehören auch solche Symptome, die man üblicherweise als Reflexe zu bezeichnen pflegt. In diesen psychosomatischen Bereich gehört z.B. der Wechsel der Gesichtsfarbe, dem in dem Roman viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zum anderen gibt es auch die abstrakte Sprache des Körpers, wo der ganze Körper als Zeichen gelesen werden kann. Unter „Körper“ versteht sich in diesem Fall nicht nur der physische Korpus, sondern die ganze Person, wie sie nach außen wirkt, d.h. ihr Gebaren (die Etymologie dieses Wortes ist für das Verständnis des Begriffs von Nutzen: es beinhaltet die Bedeutung „tragen“, auch „sich tragen“), ihr Auftreten, und nicht zuletzt ihre Kleidung.3

Es ist ersichtlich, dass gleich Schwierigkeiten entstehen, versucht man zwischen den Schichten der Person zu differenzieren. Auf der einen Seite muss die Unterscheidung von homo exterior und homo interior, die auf John of Salisbury zurückgeführt werden kann, wahrgenommen werden.4 Auf der anderen Seite setzt die Forderung der Harmonie zwischen diesen Aspekten die Vorstellung voraus, die ganze Person sei der Träger des Charakters. Wenn eine Theorie der Personenkenntnis im Mittelalter formuliert werden kann, dann ist es eine, die eine grundsätzliche Erkennbarkeit des Menschen über seine äußere Erscheinung in Gestalt, Kleid und Gebärde für möglich hält.5 Zwischen dem Kern und der Hülle einer Person, bzw. zwischen Körper und Geist, besteht ein dialektisches Verhältnis, mit welchem auch die Thematik von Täuschung und Verstellung zusammenhängt. Das breite Feld der Erkenntnisproblematik, das sich damit öffnet, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht eingehend behandelt werden. Ich werde mich auf das Verhältnis des Körpers zu dem Inneren der Figuren im Kontext der Romanhandlung beschränken, wobei der Einfluss des Hofes eine besondere Berücksichtigung finden soll. 

Verständlichermaßen sind die oben aufgeführten Aspekte der Körpersprache nicht immer streng voneinander zu trennen. Die konkrete Gebärdensprache kann als eine Manifestation der umfassenderen Körpersprache der abstrakten Art verstanden werden. Dass sie nicht immer ganz abstrakt wirkt, wird z.B bei der Untersuchung der Kleidungsgewohnheiten ersichtlich.6

[....]


1 Joachim Bumke: „Höfische Kultur: Versuch einer kritischen Bestandsaufnahme“ . In: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur, 1992, Bd. 114, S. 430.

2 Über den demonstrativen Charakter des mittelalterlichen Verhaltens siehe Gerd Althoff: Verwandte, Freunde und Getreue. zum politischen Stellenwert der Gruppenbindungen im frühen Mittelalter. Darmstadt, 1990, Kap. 5: “Rituale“, S. 182-212.

3 Elke Brüggen: Kleidung und Mode in der höfischen Epik des 12. Und 13. Jahrhunderts. Heidelberg, 1989.

4 Stephen Jaeger: Medieval Humanism in Gottfried’s Tristan und Isolde. Heidelberg, 1977, S. 66.

5 Ingrid Hahn: „Zur Theorie der Personerkenntnis in der deutschen Literatur des 12. bis 14. Jahrhunderts“. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, 1977, Bd. 77, S. 395- 444.

6 S.u. S. 7.


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