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'Ehe-', 'living apart together-' oder 'Single-Gesellschaft'? - wo bleibt die Familie?

Subtitle: Ein Abriß der Entwicklung familialer Lebensformen oder die „Entmachtung“ der „Institution Ehe“?

Termpaper, 2001, 45 Pages
Author: Bastian Wienrich
Subject: Sociology - Gender Studies

Details

Event: International Vergleichende Sozialstrukturanalyse
Institution/College: Dresden Technical University (Institut für Soziologie)
Tags: Ehe-, Single-Gesellschaft, Familie, International, Vergleichende, Sozialstrukturanalyse
Category: Termpaper
Year: 2001
Pages: 45
Grade: 1
Bibliography: ~ 56  Entries
Language: German
Archive No.: V34684
ISBN (E-book): 978-3-638-34837-9
ISBN (Book): 978-3-638-78957-8
File size: 331 KB
Notes :
Ein Abriß der Entwicklung familialer Lebensformen oder Die „Entmachtung“ der „Institution Ehe“?


Abstract

Das Leitthema dieses Buches ist die Erfassung und Ergründung des Wandels familaler Lebensformen im zuge der Entwicklung von modernen Gesellschaften. Hierfür wird zunächst die Struktur und Funktionsweise der bürgerlichen Kleinfamilie nachgezeichnet und als Ausgangspunkt für den zu beschreibenden Wandel begriffen. Kennzeichen der bürgerlichen Kleinfamilie ist die ‚institutionelle Kopplung‘ von liebesfundierter Ehe und Elternschaft. Hier wird die Elternschaft als die Vollendung der Ehe, die Familiengründung als der eigentliche Zweck der Heirat aufgefaßt. Der eigentliche Wandel, der in der Forschung zu Theoremen wie 'Single-Gesellschaft' oder 'Entinstitutionalisierung der Ehe' geführt hat, vollzieht sich entlang der Entkopplung von Ehe und Familie zum einen und der Entwicklung bzw. der zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptierung nichtehelicher Lebensformen (NEL) zum anderen. Unter der Betrachtung der maßgeblichen gesellschafts-historischen Einflußfaktoren (wie sexuelle Revolution, Emanzipation, usw.) wird die Struktur und Funktionsweise der Ehe analysiert und mit den NEL in Beziehung gesetzt. Es wird gezeigt, wie sich aufgrund der Einflußfaktoren die Wahrnehmung der Ehe verändert, welche Auswirkungen dies auf Biographie und Partnerschaft hat und welche Rolle die NEL dabei spielen. Die dem Thema eingangs gestellte Frage, ob man von einer Entmachtung der Institution Ehe sprechen kann, wird schließlich negativ beantwortet. Vielmehr ist eine Verschiebung des Familienzyklus zu konstatieren, die sich aus der individuellen Anpassung an die Erfordernisse moderner Gesellschaften rekrutiert. Die Ehe als Lebensform, obwohl im Vergleich zur bürgerlichen Kleinfamilie stark modifiziert, hat ihren Status dabei nicht verloren. Das Buch basiert auf der Auswertung der einschlägigen Forschungsliteratur. Verschiedene Strömungen werden systematisch gegenübergestellt, Essenzen miteinander verknüpft. Da diese Arbeit im Rahmen des Seminars „International Vergleichende Sozialstrukturanalyse“ an der TU-Dresden enstanden ist, wird der oben beschriebene Wandel einem internationalen Vergleich ausgesetzt. Hierfür wurden die Indikatoren von neun europäischen Ländern ausgewertet und die gemachten Aussagen einem internationalen Trend zugeordnet.


Excerpt (computer-generated)

′Ehe-′, ′living apart together-′ oder ′Single-Gesellschaft′? - wo bleibt die Familie?

von: Bastian Wienrich

Fachsemester: 3

 


Inhalt

1. Einleitung 4

2. Familienformen und Lebensformen im Wandel  5

2.1. Familie aus „traditioneller“ Sicht 6
2.2. Die Ehe als Familie, die „Ehe als Institution“  7

2.2.1. Funktionswandel der Familie – Die bürgerliche Kleinfamilie  7
2.2.2. Die Ehe selbst 12

2.3. Wandel der „traditionellen“ Familie nsicht – Welche Bedeutung gewinnen Nichteheliche Lebensgemeinschaften (NEL)?  15
2.4. „neue“ Lebensformen, „neue“ Familienformen 23
2.5. Resümee und Ausblick 25

3. Der Wandel im internationalen Vergleich 26

3.1. Querschnittsbetrachtung ausgewählter europäischer Länder 26
3.2. Gemeinsamkeiten 29
3.3. Unterschiede  29
3.4. Resümee 31

4. Schluß 31

5. Tabellenverzeichnis  33

6. Abbildungsverzeichnis 37

7. AutorInnen – Index  41

8. Bibliographie 41


 

1. Einleitung

„Familie als Begriff ist ebenso selbstverständlich wie polymorph. Jeder besitzt eine Vorstellung davon, was Familie ist, jeder kennt Familien, lebt in der Regel selbst in einer und dennoch ist eine wissenschaftlich einheitliche Definition dieses Phänomens kaum zu erzielen.“1. Dieses diffuse Leitbild, verstärkt durch eine relative Undurchsichtigkeit der Begrifflichkeitsrelationen meines Themas, soll in dieser Arbeit näher betrachtet werden. Die Entscheidung für dieses Thema schulde ich dem Begriff „living apart together“, ein Paradox, das mich intensiv über dieses Thema nachdenken ließ. Die Frage ‚Was hat die Ehe denn heute noch für einen Stellenwert?‘ und die bewußte Auseinandersetzung mit meinen persönlichen familiären Verhältnissen ergaben dann meine Problemstellung, die ich hier nun ausführen werde: Die Ehe und ihr Wandel, von was zu was, sowie die Auswirkungen der Veränderung, wie eben andere Lebens- und Familienformen. Diesem allgemein- theoretischen Teil soll dem Seminarthema entsprechend ein internationaler Vergleich angeschlossen werden. Für die weitere Thematisierung meines Problems ist eine Begriffserklärung nötig. Es geht hier um die Betrachtung von familialen Lebensformen, als solche ist die Ehe anzusehen. Diese Lebensformen sind Beziehungen zwischen wenigen Menschen, die in einem Verband leben. Einen solchen Verband verstehe ich unter der Familie. Dabei ist der Begriff ‚Familie‘ in seiner Verwendung mit Vorsicht zu genießen, ob seiner historisch gewachsenen Definition (folgend näher ausgeführt) und seiner (teils wissenschaftlich widersprüchlichen) alltäglichen Verwendung. Ich gehe zunächst von einem Beziehungsverband aus. Es gilt also die Möglichkeiten bewußt zu machen, daß sich die Familie in unterschiedlichen Formen präsentieren kann, dieses Bewußtsein wird in den moderen Gesellschaften verstärkt gesehen, es beschreibt eben jenen Wandel der Familie. Jedoch verweisen historisch überlieferte Wahrnehmungen, welche häufig im Alltagsgebrauch erscheinen, auf eine vermeintliche Abhängigkeit von Ehe und Familie, eine Einheit, in der ohne dem einem, das andere keine wirkliche Gültigkeit zu haben scheint. Darum bedarf es eines kleinen Rückblickes auf die unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Familie in der Geschichte und wie sich in diesem Wandel die Ehe als Lebensform angepaßt hat, was es war/ist, daß diese Einheit entstehen ließ und was es ist, das die Ehe „tot“ erscheinen läßt, obwohl sie es ja gar nicht ist. Also was ist das „Neue“, das Petra Butz zu dem eingangs Zitierten veranlaßt hat?

Wie erwartet, bietet die Literatur für dieses Thema eine breite Auswahl an. Sinnvoll wäre es daher eine grobe Unterscheidung zwischen makrosoziologischer und mikrosoziologischer Literatur zu treffen, wobei die Makroebene sich mit der Familie im gesellschaftlichen Kontext befassen soll und die Mikroebene die Familie in sich selbst im Blickpunkt hat. Wichtig ist jedoch, sich nicht nur in einer der beiden unterschiedenen Ebenen zu bewegen, da, wie ich meine, vielerorts Interdependenzen zu beachten sind, hier also interne Familienwandlungen ebenso zum Tragen kommen werden.

Genauso klar, wie man familiäre Veränderungen in Deutschland erkennen kann, kann man diese auch für die meisten anderen europäischen Länder konstatieren. Für den zweiten Teil, dem internationalen Vergleich des Wandels, sollen neun europäische Länder herangezogen werden. An ihnen werden Indikatoren der Veränderungen geprüft und daraufhin, die im allgemein-theoretischen Teil getroffenen Aussagen generalisiert werden. Weiterhin sollen internationale Unterschiede in Verlauf und Intensität, sowie deren Gründe herausgearbeitet werden.

Es sei noch angemerkt, daß die vorliegende Arbeit keine explizite statistische Auswertung vollziehen will, Grafiken und Tabellen sollen interpretative Aussagen lediglich veranschaulichen und verstärken. Da in der Forschung unterschiedliche Erhebungsmethoden, Erhebungsziele usw. verwendet wurden und Daten in verschiedensten Formen und aus verschieden Datensätzen in diese Arbeit einfließen, wird diese Arbeit den Anspruch der „unbedingten Wahrheit der Zahlen" nicht erheben, sondern verweist auf ihre oben dargestellte Funktion.

2. Familienformen und Lebensformen im Wandel

In diesem ersten allgemein- theoretischen Teil sollen nun die Lebens- und Familienformen als solches konkret betrachtet werden. Um einen Wandel, der ja in dieser Ausführung den zentralen Punkt darstellt, beschreiben zu können, ist ein Vergleich „vorher – nachher“ von Nöten. Jedoch ist einleitend dazu zu sagen, daß es ein allgemeingültiges, „traditionelles“, für den Vergleich geeignetes Bild der Familie nicht wirklich gibt. Die Entwicklung der Familie hat sich auf mehreren Stufen vollzogen, einige müssen besonders berücksichtigt werden. Hier ist im besonderen das vorindustrielle Familienbild im Vergleich zu einem Modernen/ Bürgerlichen gemeint. Man kann nicht ohne weiteres eine Entwicklung von der vorindustriellen Großfamilie hin zur modernen Kleinfamilie konstatieren2 ohne Berücksichtigung der gesellschaftlichen Einflußfaktoren mit den ihrerseits charakteristischen Veränderungen. Entwickelt werden soll das Familienbild der bürgerlichen Familie, wie es bis Mitte der 60er Jahre gelebt wurde. Davon ausgehend soll dann der Wandel nachgezeichnet werden.

2.1. Familie aus „traditioneller“ Sicht

Das wichtigste Argument für die Beschreibung der vorindustriellen Familie ist die Betrachtung der Einheit von Arbeits- und Wohnstätte. In einer durch die Agrarwirtschaft bestimmten Zeit galt die Familie als Produktionsgemeinschaft, Tisch, Bett und Arbeitsplatz entfielen also auf den selben Ort. Hinzu kam, daß eine Familie oder eine Ehe nicht durch eine „individuelle Partnerwahl“ oder „familiäres (familiär aus heutiger Sicht) Zusammenleben“3 gekennzeichnet war. Hier ging es um den Existenzkampf, das bloße wirtschaftliche Überleben, Dinge wie Zuneigung, Emotionen bis hin zu Liebe spielten für eine Familiengründung und deren Verlauf keine Rolle. Ähnlich verhielt es sich mit der Sexualität, die, so wird jedenfalls für die meisten Fälle angenommen, allein dem Zwecke der Fortpflanzung zugeordnet wurde.

Es existiert ja in der weit verbreiteten Annahme ein Bild der vorindustriellen Großfamilie, eine durch die Agrarwirtschaft gekennzeichnete Lebensorganisation, deren Haushalte durch meist drei Generationen bestimmt wird. Otto Brunner hat hierfür das einprägsame Bild des „ganzen Hauses“4 geprägt und dieses Bild als Idealtypus verkörpert. „Der Begriff des ‚ganzen Haus‘ kann als Versuch gesehen werden, Familien in den übergeordneten Zusammenhang einer Wirtschaftsgeschichte zu begreifen, d.h. unter dem Aspekt der Dominanz der häuslichen Produktion für den täglichen Lebensablauf“5. Dieses idyllische Bild ist so jedoch nicht ganz richtig. Es ist zwar eine enorm hohe Geburtenrate für die damalige Zeit zu verzeichnen (8-12 Kinder pro Familie6) jedoch auch ebenso eine hohe Kindersterblichkeit. So war sogar teils eine Generation zwischen den Kindern selbst gelegen, was bedeutet, daß schon gar nicht mehr alle Kinder im „ganzen Haus“ wohnen könnten. Ebenso verhält es sich mit der Mehrgenerationenfamilien-Problematik, sprich vom Urgroßvater bis zum Kleinsten alles unter einem Dach. „Aber auch diese Form gab es im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit selten, entgegen verbreiteter Vorstellungen. Vor allem ökonomische und teilweise auch psychologische Gründe standen der Bildung komplexerer und größerer Familienformen entgegen“7.

[...]


1 Butz, 1998, 41

2 „Bei der Entwicklung der Familienformen hat das sogenannte „Kontraktionsgesetz“ von Emile Durkheim, das die historische Entwicklung von der Groß- zu Kernfamilie (Gattenfamilie) postulierte, lange Zeit absolute Gültigkeit für sich beansprucht“ König, 1973, 214

3 Barabas, 1994, 24

4 „Zusätzliche Schubkraft erhielt das Argument von der Großfamilie als dem vorherrschenden Typus in vorindustrieller Zeit sicherlich durch Brunners Konzept des „ganzen Hauses“ (Brunner, 1965). Brunner hatte dabei das „ganze Haus“ als Idealtypus (nach Weber) beschrieben, dessen Hauptkennzeichen und Zentrum die gemeinsame Produktion von Gütern, deren Tausch bzw. Handel und Konsumption war. Das ganze Haus umfaßte zudem neben Familienmitgliedern auch familienfremde Personen (Gesinde). Der Begriff des ganzen Hauses wurde auch deshalb gewählt, weil das „Haus“ gegenüber seinen Bewohnern das beständigere war: seine Bewohner wechselten häufig und zum Teil für heutige Verhältnisse relativ schnell durch Tod, Verheiratung,...“

5 Barabas, 1994, 24

6 Barabas, 1994, 26

7 „...Meißt mußte der Übernehmer einer bäuerlichen Wirtschaft mit der Eheschließung bis zum Tode des Alt-Bauern warten. Denn ausschlaggebend für das Zusammenleben war die Verfügungsgewalt der Alten über das Eigentum, an dem sie möglichst lange festhalten mußten.“ Barabas, 1994, 27


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