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Hauptseminararbeit, 2003, 31 Seiten
Autor: Marc Philipp
Fach: Geschichte - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Details
Tags: Ausgang, Siebenjährigen, Krieges, Mirakel
Jahr: 2003
Seiten: 31
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 26 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-34909-3
Dateigröße: 488 KB
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Der Ausgang des Siebenjährigen Krieges - ein Mirakel?
von: Marc Philipp
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 03
II. Die alliierte Kriegsführung 06
2.1 Die Kriegsziele der alliierten Großmächte 06
2.1.1 Die Kriegsziele Rußlands 06
2.1.2 Die Kriegsziele Frankreichs 08
2.1.3 Die Kriegsziele Österreichs 09
2.2 Die politische Zusammenarbeit 12
2.3 Die militärische Zusammenarbeit 15
III. Die preußische Kriegsführung 20
IV. Das Mirakel des Hauses Brandenburg 23
4.1 Das erste Mirakel: Die Schlacht bei Kunersdorf 1759 23
4.2 Das zweite Mirakel: Der Tod der Zarin Elisabeth 1762 25
V. Schlußbetrachtung 27
VI. Auswahlbibliographie 29
VII. Anhang 32
I. Einleitung
Der Siebenjährige Krieg war der erste weltumspannende Konflikt der europäischen Großmächte. Während Frankreich und England in Nordamerika, Teilen Europas und auf den Weltmeeren um die Vorherrschaft der Neuen Welt rangen, kämpfte die neue Großmacht Preußen gegen die Übermacht Österreichs, Rußlands, Frankreichs, Schwedens und des Reiches um ihr Überleben. 1 Obwohl die alliierten Mächte dem preußischen Gegner quantitativ weit überlegen waren – Österreich, Frankreich, Rußland und Schweden besaßen gemeinsam 20 mal so viele Einwohner wie Preußen2 und verfügten über dreimal so viele Truppen3 –, gelang es ihnen weder, die verlorengegangene Provinz Schlesien wiederzugewinnen, noch kam es zu einer déstruction totale de la Prusse. Angesichts der erdrückenden Übermacht der Koalition, die in der Staatengeschichte des ancien régime ohne Beispiel blieb, ist der uneingeschränkte Fortbestand der preußischen Monarchie als Ergebnis des Siebenjährigen Krie ges als ein entschieden bemerkenswerter Umstand zu erachten, den Historiker wie Zeitgenossen lange Zeit nur mit einem Mirakel zu erklären wußten, wobei es Friedrich der Große höchstpersönlich war, der den Begriff des Mirakels in diesem Zusammenhang geprägt hat.4 So geschah es am 12. August des Jahres 1759, daß das preußische Heer in der Schlacht bei Kunersdorf eine vernichtende Niederlage davontrug. Von den 49.000 Preußen, die an der Schlacht beteiligt waren, blieben 19.000 tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld zurück. Lediglich 3.000 Mann waren anschließend noch in geschlossenen Einheiten beisammen, die übrigen befanden sich in wilder Flucht, während der König um ein Haar selbst in Gefangenschaft geraten wäre.5 Nach vier Jahren unerbitterlicher Kämpfe schien Preußen fast vernichtet. Noch am gleichen Abend gab der König den Oberbefehl über die preußische Armee ab und verließ das sinkende Schiff:6 In dieser schwärzesten Stunde trat jedoch das völlig Unerwartete ein: Die Österreicher und Russen nut zten ihren Sieg nicht aus und unterließen den erwarteten Vorstoß nach Berlin. Preußen war somit der Gnadenstoß erspart geblieben, worauf der König seinem Bruder Heinrich das „Mirakel des Hauses Brandenburg“7 verkündete.
Obwohl sich die Auswirkungen der Katastrophe von Kunersdorf letztlich auf den Verlust Dresdens beschränkten und der König bereits am 16. August den Oberbefehl wieder aufnehmen konnte, hatten die Alliierten die einmalige Chance, den König von Preußen in nur einer einzigen Entsche idungsschlacht zu bezwingen, leichtfertig vertan. Eine vergleichbare Gelegenheit kehrte niemals wieder, so daß auch in der Folgezeit kein Ende des Krieges in Sicht war.8 Erst im Verlauf des Jahres 1760 begannen bei den kriegführenden Mächten allmählich Ermüdungserscheinungen aufzutreten, die vor allem auf preußischer Seite dazu führten, daß sich der kriegerische Wert der Truppen mehr und mehr zu verschlechtern begann, weshalb es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis Preußen der erdrückenden Überlegenheit seine r Gegner erliegen würde.9 Dann verstarb am 5. Januar 1762 die Zarin Elisabeth Petrovna, die als eine der erbittertsten Feindinnen des Königs galt. Ihr folgte der „verrückte“10 Peter III., den alles preußische berauschte, auf den Thron. Peter veranlaßte umgehend einen außenpolitischen Kurswechsel, der am 5. Mai in einen russisch-preußischen Frieden mündete, welchem sich Schweden am 22. Mai anschloß. Bereits am 19. Juni folgte dem Friedensabkommen ein Bündnisvertrag, in dessen Rahmen der Zar dem König ein Hilfskorps von 20.000 Mann zur Verfügung stellte, was die militärische Lage Preußens von Grund auf änderte.11 Für den Kriegsverlauf bedeutete dieses zweite Mirakel nicht nur eine Stärkung Preußens, sondern vor allem auch die Beendigung des Cauchemar des coalitions. Auch wenn Peters Frau Katharina mit Hilfe des Heeres ihren Gemahl am 9. Juli stürzen konnte und in der Folge das Bündnis mit dem König annullierte, änderte dies nichts an der Tatsache, daß die antipreußische Koalition auseinandergebrochen und der Weg für einen auf dem Status quo ante bellum basierenden Frieden frei war. Dem König war es somit gelungen, den Staat Preußen in seinen Grenzen zu bewahren und die drohende déstruction totale de la Prusse abzuwenden, die erst knapp zwei Jahrhunderte später mit dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin und der völkerrechtlichen Auflösung des preußischen Staates konsequent verwirklicht werden sollte.12
Die enorme Tragweite des Todes der Zarin sowie das Ausbleiben des österreichisch-russischen Vormarschs auf Berlin lassen zunächst vermuten, daß in der Tat „das Spiel des Zufalls“13 den Siebenjährigen Krieg entschieden hat. Trotz aller augenscheinlicher Plausibilität dieser These gilt es allerdings zu berücksichtigen, daß der Siebenjährige Krieg einen Sachverhalt von außerordentlicher Vielschichtigkeit und Komplexität darstellt, dessen Verlauf im wesentlichen durch vier rational ergründbare Faktoren bestimmt wurde, die dem unbestreitbar irrationalen Aspekt des Mirakels gegenüberzustellen sind: die Kriegsziele der Alliierten, die politische Zusammenarbeit im Rahmen der antipreußischen Koalition, die militärische Kooperation sowie die preußische Kriegsführung. Grundlage für die Kriegsführung der alliierten Großmächte – Schweden und das Reich waren nur marginal an der alliierten Kriegsführung beteiligt, weshalb ihnen im Rahmen dieser Arbeit kein besonderes Gewicht beigemessen werden kann – bilden unzweifelhaft die außen- wie innenpolitischen Interessen der einzelnen Regierungen, die im wesentlichen in den jeweiligen Kriegszielen ihren Ausfluß fanden. Die Kriegsziele bzw. ihre Vereinbarkeit können in ihrer Bedeutung für die Koalitionskriegsführung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, schließlich bestimmten sie die Möglichkeiten der politischen wie militärischen Zusammenarbeit entscheidend. Eine für die Kriegsführung ebenso bedeutende wie grundsätzliche Problematik stellt die Verflochtenheit von Militärpolitik und militärischen Entscheidungen dar, die insbesondere russischerseits erhebliche Auswirkungen auf die Effektivität der militärischen Operationen hatte.14 Angesichts der immensen Bedeutung, die das österreichisch-russische Versagen bei Kunersdorf für den Kriegsausgang besaß, ist ein besonderes Augenmerk auf die militärische Kooperation zu richten und die Frage aufzuwerfen, inwiefern die logistischen Bedingungen, die Heeresorganisation sowie die strukturellen Ra hmenbedingungen, in denen sich die Kriegsführung des 18. Jahrhunderts bewegte, das Mirakel des Hauses Brandenburg bedingt haben. 15 Da die antipreußische Koalition jedoch nicht nur an sich selbst, sondern vor allem auch am unnachgiebigen Widerstand des Königs und seiner ruhmreichen Armee, die durch das Feuer von 22 Schlachten gegangen war,16 zerbrach, gilt es ebenso, die preußische Seite politisch wie militärisch zu beleuchten. Welches Gewicht muß dem König von Preußen für die Selbstbehauptung seines Staates zugemessen werden? 17 War es seine Standfestigkeit, die dem Zufall eine Chance gab, Preußen vor dem Untergang zu retten?18
Der beispiellose Vorgang, daß ein Staat von rund fünf Millionen Einwohnern einem feindlichen Bündnis von 90 Millionen standhielt und sich damit einen Platz unter den Großmächten sicherte, mußte die Geister lebhaft beschäftigen, wobei insbesondere die Dramatik des Kriegsverlaufs sowie die umstrittene Kriegsschuldfrage das Interesse der Historiker immer wieder auf sich gezogen haben. 19 Dem Ausgang des Siebenjährigen Krieges ist hingegen verhältnismäßig lange wenig Bedeutung beigemessen worden, bis Johannes Kunisch mit seiner Arbeit über das Mirakel des Hauses Brandenburg den ersten fundierten Beitrag zur Frage nach den Ursachen für das alliierte Scheitern im Siebenjährigen Krieg leistete. Kunischs Erklärungsansatz beschäftigt sich mit der Frage, wie das Auseinanderklaffen von Kriegspolitik und Kriegsführung und damit zugleich auch das Mirakel des Hauses Brandenburg erklärt werden kann. 20
[...]
1 Vgl. Lindner, S. 1.
2 Vgl. Lindner, S. 5.
3 Vgl. Preussische und Österreichische Acten zu Vorgeschichte des Siebenjährigen Krieges, S. V.
4 Vgl. Kunisch 1978, S. 48.
5 Vgl. Politische Correspondenz, Bd. 18, Nr. 11335: Au ministre d’état comte de Finckenstein à Berlin.
6 Vgl. Politische Correspondenz, Bd. 18, Nr. 11337: An den Generalleutnant von Finck.
7 Politische Correspondenz, Bd. 18, Nr. 11393: Au prince Henri de prusse.
8 Vgl. Schieder, S. 196-197.
9 Vgl. Lindner, S. 1.
10 Duffy, S. 315.
11 Vgl. Fiedler, S. 289.
12 Das alliierte Kontrollratsgesetz vom 25. Februar 1947 erklärte: „Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat zu existieren aufgehört […]. Seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst.“ – Vgl. hierzu Müller, S. 201.
13 Kunisch 1987, S. 199.
14 Vgl. Bangert, S. 10.
15 Vgl. Kunisch 1978, S. 46.
16 Vgl. Heinrich, S. 219.
17 Vgl. Kunisch 1987, S. 199.
18 Vgl. Heinrich, S. 219.
19 Vgl. Lindner, S. 1, 5.
20 Vgl. Kunisch 1978, S. 12.
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