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Scholary Paper (Seminar), 1999, 25 Pages
Author: Tina Hanke
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Bewältigung, Verdrängung, Vergangenheit, Wirkung, Carl, Zuckmayers, Teufels, General, Nachkriegsdeutschland
Year: 1999
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 22 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-34929-1
File size: 293 KB
Die Arbeit weist nach, dass "Des Teufels General" bei den Zuschauern im Nachkriegsdeutschland einen infantilen Abwehrmechanismus (nach Margaret Mahler) zur Verdrängung von Schuld ausgelöst hat. Die Figuren werden in wenige Sie-Täter und viele Wir-Opfer aufgespalten, wodurch die Peiniger aus dem deutschen Volk ausgegliedert werden, die eigene Schuld auf die böse Tätergruppe verschoben wird und man sich nach dieser "Reinigung" mit der nunmehr unbelasteten Gruppenidentität wiedervereinigen konnte.
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Excerpt (computer-generated)
Bewältigung oder Verdrängung der nationalsozialistischen
Vergangenheit? Zur Wirkung von Carl Zuckmayers
"Des Teufels General" im Nachkriegsdeutschland
von: Tina Hanke
1. Einleitung: Zur Wirkung von Des Teufels General in der Nachkriegszeit 03
2. Individualpsychologischer Ansatz 06
2.1. General Harras als ideale Identifikationsfigur 06
2.2. Freuds Deutung der Opferlammphantasie 09
3. Soziopsychologischer Ansatz 11
3.1. Die Spaltung der Figuren in „gut“ und „böse“ 11
3.2. Infantiler Abwehrmechanismus nach Margaret Mahler 14
3.3. „Sie-Täter“ kontra „Wir-Opfer“ in der Verfilmung von 1955 17
4. Resümee 22
Bibliographie 25
1. Einleitung : Zur Wirkung von Des Teufels General in der Nachkriegszeit
Im Dezember des Jahres 1941 [...] war in den amerikanischen Zeitungen eine kurze Notiz erschienen: Ernst Udet, Generalluftzeugmeister der deutschen Armee, sei beim Ausprobieren einer neuen Waffe tödlich verunglückt und mit Staatsbegräbnis beerdigt worden. Sonst nichts. Es gab keine Kommentare, keine Mutmaßungen über seinen Tod. Verunglückt. Staatsbegräbnis. [...] Jetzt, an einem Spätherbsttag im Jahre 1942, ein Jahr nach Udets Tod, stieg ich mit meinem Tragkorb zur Farm hinaus. [...] Auf einmal blieb ich stehen. ′Staatsbegräbnis′, sagte ich laut. Das letzte Wort der Tragödie.1 So erinnert sich Carl Zuckmayer in Als wär’s ein Stück von mir an den Anlass und die Umstände, die zur Entstehung seines umstrittenen Exildramas Des Teufels General geführt haben. Aus diesem Bericht ist nicht nur zu entnehmen, dass das Drama vom Schluss her konzipiert ist - lautet das letzte Wort des Stückes doch tatsächlich „Staatsbegräbnis“-, sondern er belegt, dass es für die Titelgestalt ein historisches Vorbild gibt: den draufgängerischen Fliegergeneral und Freund Zuckmayers Ernst Udet (1896-1941), der nach seiner Niederlage in der Schlacht um England im Winter 1940/41 zum Sündenbock der NS-Regierung wurde und daraufhin Selbstmord beging. Bereits 1933 trat Udet, verführt vom Luftfahrtsminister Hermann Göring, der ihm zwei moderne amerikanische Kampfflugzeuge geschenkt hatte, in die NSDAP ein, distanzierte sich im Freundeskreis jedoch stets vom NS-Regime. Die zentrale Figur in Zuckmayers Drama, der sympathische Fliegerheld Harras, ist zwar kein Parteimitglied, verfügt aber über genau dieselbe Doppelmoral wie ihr historisches Vorbild, was Zuckmayers Drama bis heute immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geraten lässt. Denn trotz tiefster Verachtung für das NS-Regime lässt sich der „Gesinnungslump“ Harras von ihm tragen, da es ihm Aufstieg, Entfaltungsmöglichkeiten und Siege als Flieger verschafft. Entscheidend ist jedoch, dass der Titelheld trotz all des Grauens, das auch in seinem Namen geschieht, und trotz all seiner Fehler, durch und durch sympathisch wirkt. Gutgelaunt und genussfreudig tummelt er sich auf Parties, wo er gerne einmal einen über den Durst trinkt und nebenbei ein paar gewagte Sprüche über die Nazis klopft, avanciert zum Frauenheld und zeigt sich stets von seiner menschlichsten Seite. Wer kann sich diesem „reizvollen Amalgam aus Humanismus und penetranter Männlichkeit“2 schon entziehen, wenn es leidenschaftlich dem jungen Leutnant Hartmann die Hitlerjugendphrasen austreibt, sich der Operettensängerin Olivia Geiß gegenüber sofort bereit erklärt, einem gemeinsamen jüdischen Bekannten zur Flucht zu verhelfen, oder zum ersten Mal mit der jungen Diddo die große Liebe erfährt? Einzig und allein die sonderbaren Flugzeugunfälle, bei denen auch sein guter Freund Eilers umkommt, bringen Harras etwas aus der Ruhe, zumal ihn der SS-Kulturleiter Schmidt-Lausitz und die Gestapo mit der Aufklärung der Fälle unter Druck setzen. Erst als ihm Anne Eilers die Schuld am Tod ihres Mannes gibt und sich sein Freund Oderbruch als Initiator des Sabotageaktes herausstellt, der Harras die Mitschuld an den Grausamkeiten des NS-Regimes vorwirft, erkennt Harras endlich seine Schuld und wählt den Freitod im wissentlich in Kauf genommenen Absturz mit einem der sabotierten Flugzeuge. Oft wird jedoch kritisiert, dass dem „Luftclown, der Blut geleckt hat und immer weiter Blut lecken will“3 diese Einsicht viel zu spät kommt und er mit dem Selbstmord die wohl einfachste Lösung wählt, anstatt z.B. in den aktiven Widerstand zu wechseln, wie es ihm Oderbruch vorschlägt. Auch wird Zuckmayer immer wieder vorgeworfen, es handle sich bei seinem Stück um „die Gegenüberstellung von der Partei und vom Militär, statt um deren Gleichstellung“, die „ein 1870, ein 1914, ein 1939 wieder vorbereiten“4 würden. So hatten auch die Besatzungsbehörden in Nachkriegsdeutschland lange gezögert, das Stück für die Bühne freizugeben, da man befürchtete, die sympathische Figur des General Harras könne vielen Nationalsozialisten als nachträgliche Entschuldigung dienen, die Fiktion einer aktiven Sabotagegruppe innerhalb des Luftfahrtministeriums einer neuen Dolchstoßlegende Vorschub leisten und die Wehrmachtsuniformen Anlass zu Ovationen geben.
In der sowjetische Besatzungszone lehnte man eine Aufnahme in die Spielpläne aus politischen Gründen sogar vollkommen ab, denn Zuckmayer habe „nie auf dem Boden einer klaren Weltanschauung gestanden“ und „wackere Haudegen, treudeutsche Draufgänger“ sowie „falsche Biedermänner und Naziprovokateure“ würden dem Stück ihre Ideologie anhängen.5 Im Jahre 1957 gelangte sogar ein „Anti-Teufelsgeneral“, das fünfaktige Schauspiel General Landt der Schriftstellerin Hedda Zinner, auf die Bühnen der ehemaligen DDR. Wie Der Spiegel vom 3. Juli 1957 (S. 47f) berichtet, wollte die Autorin mit ihrem Stück „eine Art künstlerischen Protest“ gegen Zuckmayers Drama, gegen seine Verzerrung der „menschlichen, gesellschaftlichen und historischen Wahrheit“ einlegen.
Der größte Teil der westdeutschen Bevölkerung war da jedoch ganz anderer Meinung. Seit der deutschen Erstaufführung am 8. November 1947 im Staatlichen Schauspielhaus Hamburg (Regie: Friedrich Brandenburg) strömten die Leute in Scharen in die Theater, so dass Der Spiegel vom 7. September 1955 (S. 39) vermelden konnte: „Die weit über fünftausend Aufführungen ... [von Des Teufels General] sicherten Zuckmayer in der bundesdeutschen Theaterstatistik die unbestrittene und einsame Spitzenstellung unter allen seriösen lebenden Dramatikern deutscher Sprache“. Gerade in den beiden Spielzeiten 1947/48 und 1948/49 errang das Stück seine größten Erfolge, da es in beiden Theatersaisons die unangefochtene Spitzenstellung unter den aufgeführten Dramen einnahm. Zu den Ursachen des beispiellosen Erfolges schreibt Arnold John Jacobius : Bei „Des Teufels General“ bedingte die Zeitgemäßheit des Stückes, die Tatsache, daß es den psychologischen Bedürfnissen des Augenblicks so völlig entsprach, den großen Publikumserfolg. Man staunte über die Echtheit der Charaktere, die Treffsicherheit des Dichters in den feinsten Details des Parteijargons und der psychologischen Motivationen.6
Lässt sich die Popularität von Zuckmayers Nachkriegsdrama jedoch allein mit der „Zeitgemäßheit“, die diesem Stück innewohnt, erklären? Welche „psychologischen Bedürfnisse des Augenblicks“ sind es genau, die Des Teufels General zu befriedigen weiß? Und was genau hat die Suche der Deutschen nach einer neuen Gruppenidentität damit zu tun? Um hier Licht ins Dunkel zu bringen, reicht eine rein literaturwissenschaftliche Analyse nicht aus. Diesem Thema wird nur eine Kombination aus literaturwissenschaftlichen, psychologischen und soziologischen Ansätzen gerecht, die nun folgen soll.
2. Individualpsychologischer Ansatz
[...]
1 Zuckmayer 1966, S.548
2 Wehdeking, Volker: Mythologisches Ungewitter. Carl Zuckmayers problematisches Exildrama „Des Teufels General“. In: Kieser 1986, S. 87
3 Rilla, Paul: Der General als Gesinnungslump. In: Mews 1983, S.52
4 Zitiert nach Glaubert 1977, S.221
5 Zitiert nach Mews 1983, S. 63
6 Jacobius 1971 , S.2
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