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Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel im Vergleich zu Georg Büchners Lenz und Woyzeck

Autor: Dennis Thiel
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

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Details

Veranstaltung: Literatur der Jahrhundertwende 1900
Institution/Hochschule: Ruhr-Universität Bochum (Germanistisches Institut)
Tags: Gerhart, Hauptmanns, Bahnwärter, Thiel, Vergleich, Georg, Büchners, Lenz, Woyzeck, Literatur, Jahrhundertwende
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 18
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 13  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 126 KB
Archivnummer: V34861
ISBN (E-Book): 978-3-638-34963-5
Anmerkungen :
Diese Arbeit bietet zunächst einige Interpretationsansätze zu Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ und vergleicht dann diesen Text zu Büchners „Lenz“ und „Woyzeck“ sowohl auf inhaltlicher als auch auf sprachlicher Ebene. Im Mittelpunkt stehen die Figurenpsychologie und zentrale Aspekte des Erzählens der drei Texte.

Textauszug (computergeneriert)

Ruhr-Universität Bochum Germanistisches Institut

Proseminar: „Literatur der Jahrhundertwende 1900“ Sommersemester 2004

Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel

im Vergleich zu Georg Büchners Lenz und Woyzeck

von Dennis Thiel

 

 

Inhaltsverzeichnis

 Einleitung 01

1. Lebensdaten des Bahnwärters Thiel 01
1.1. Die Ehefrauen des Bahnwärters: Minna und Lene 02
1.2. Das Aufeinandertreffen zweier Welten 03
1.3. „Allsonntäglich“ – Besonderheiten der Erzähltechnik 04

2. Inhaltlicher Vergleich: Lenz – Thiel – Woyzeck 05
2.1. Isolation und Wahnsinn: Woyzeck 06
2.2. Isolation und Wahnsinn: Lenz 08
2.3. Isolation und Wahnsinn: Bahnwärter Thiel 09

3. Monologe des Wahnsinns – Woyzeck und Thiel 10

4. Der Tod eines Kindes – Lenz und Thiel 11

5. Verwandte Motive: Der Mond 12
5.1 Verwandte Motive: Blutmetaphorik 13
5.2. Verwandte Motive: Wasser 14

6. Zusammenfassung der Ergebnisse 15

Literaturverzeichnis 16

 

 

Einleitung

Ich bin mit Leben und Werk Georg Büchners bereits seit meiner Jugend vertraut und habe für beides somit früh eine große Bewunderung entwickelt. Mich hat es fasziniert, wie dieser Dichter trotz seines kurzen Lebens und mit nur vier literarischen Werken, von denen eines sogar Fragment geblieben ist, es schaffte, einen so sicheren Rang im Kanon der deutschen Literaturgeschichte zu erlangen (von weiteren Leistungen wie akademischer Laufbahn und politischem Engagement mal abgesehen). Zudem war ich gleich von der Fähigkeit Büchners beeindruckt, seinen Charakteren mit einer besonderen Figurenpsychologie unverwechselbare Züge zu verleihen.

Als ich mich im Sommersemester 2004 im Seminar „Literatur der Jahrhundertwende 1900“ erstmals mit Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel beschäftigte, fühlte ich mich an das, was ich an Büchners Texten so mochte, erinnert, so dass mir alsbald die Idee kam in einer wissenschaftlichen Hausarbeit den Bahnwärter Thiel mit Büchners Woyzeck und Lenz zu vergleichen.

Ich möchte in dieser Arbeit in einem ersten Schritt grob einige zentrale Aspekte des Bahnwärter Thiel vorstellen und im zweiten Teil einen Vergleich auf inhaltlicher und sprachlicher Ebene zwischen den drei Texten versuchen. Auf alle Besonderheiten der jeweiligen Texte und auf alle Ähnlichkeiten zwischen denselben detailliert einzugehen ist sicherlich im Rahmen einer Proseminararbeit nicht möglich; somit orientiere ich mich an meinen eigenen Interessen. Ich hoffe aber, dass ich eine interessante Auswahl treffe und wünsche viel Vergnügen!

1. Lebensdaten des Bahnwärters Thiel

Da der Hauptcharakter der novellistischen Studie von Gerhart Hauptmann auch in den weiteren Kapiteln dieser Arbeit näher charakterisiert wird, seien hier zu Beginn zunächst einige Lebensdaten, gleichsam der Ausgangspunkt der Novelle, zu nennen. Thiel wohnt in „Schön-Schornstein“1, einer kleinen Kolonie mit „etwa zwanzig Fischern und Waldarbeitern mit ihren Familien“2. Dort arbeitet er als Bahnwärter mit Wechselschichten, d.h., dass er (scheinbar in wöchentlichem Wechsel) Tag- und Nachtschichten übernimmt.3 Thiel heiratet Minna, die nach zwei Jahren Ehe bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes Tobias stirbt.4  Ein Jahr nach Minnas Tod heiratet Thiel erneut, diesmal die Kuhmagd Lene5, die ihm nach zwei Jahren Ehe ebenfalls einen Sohn gebärt.6 Thiel ist ein kräftiger Mann von „herkulinische[r] Gestalt“7 mit „sehnigen Arme[n]“8 und „vom Wetter gebräunte[m]“9 Gesicht. Er erscheint in der Kirche stets gepflegt in „seiner sauberen Sonntagsuniform“ mit blank geputzten Knöpfen, die Haare „wohl geölt und militärisch gescheitelt“.10 Insgesamt wird Thiel als sehr fromm beschrieben: in zehn Jahren war er mit nur zwei Ausnahmen, die durch Unglücksfälle bei seiner Arbeit begründet waren, „allsonntäglich“11 in der Kirche, sofern er keinen Dienst hatte.

1.1. Die Ehefrauen des Bahnwärters: Minna und Lene

Die beiden Ehefrauen des Bahnwärters stehen in Kontrast zu einander, der bereits in der Beschreibung ihrer körperlichen Erscheinung deutlich wird: Minna ist schmächtig und kränklich12, Lene hingegen dick und stark13. Während Minna als „junge[s], zarte[s]“14 Geschöpft dargestellt wird, erscheint Lene als „eine unverwüstliche Arbeiterin“15. Analog zur Beschreibung der Mütter verläuft die der beiden Söhne. Minnas Sohn Tobias, bei dessen Geburt sie ihren Tod fand, wird als „schwächlich“16 und zurückgeblieben17 beschrieben. Er ist von einer „kläglichen Gestalt“ und entwickelt sich nur langsam.18 Lenes Sohn, dessen Name im Text nicht genannt wird, wird im Gegensatz zum kränklichen Tobias als das „von Gesundheit strotzende Brüderchen“19 beschrieben.

Doch nicht nur äußerlich unterscheiden sich die Ehefrauen, sondern auch in ihrem jeweiligen Verhältnis zum Bahnwärter: Thiels Zuneigung zu Minna ist „eine mehr vergeistigte Liebe“, seine Beziehung zu Lene wird dagegen von der „Macht roher Triebe“20 bestimmt. Diese beiden Arten des Verhältnisses spiegeln sich auch in den Namen der Ehefrauen wieder. Minna lässt sich vom mittelhochdeutschen Wort minne, also der Liebe, ableiten21, „wohingegen ‚Lene’ sowohl auf die biblische Magdalena als auch auf die antike Helena hinweist, zwei Frauengestalten, die für ihre gefährliche […] Sinnlichkeit bekannt wurden.“22 Einer solchen Sinnlichkeit verfällt Thiel alsbald und wird Lene sexuell hörig.

1.2. Das Aufeinandertreffen zweier Welten

Aufgrund seiner moralisch-religiösen Gesinnung empfindet Thiel für seine sexuelle Abhängigkeit gegenüber Lene „Ekel und versucht, seine Schwäche durch doppelte Andacht und Religiosität auszugleichen“23. Somit zieht er sich auf seinen Posten zurück, der durch seine Abgeschiedenheit den Bahnwärter ungestört lässt und „seine mystischen Neigungen“ 24 fördert: Die Umgebung seines Arbeitsplatzes erklärt Thiel „für geheiligtes Land“25. Das Bahnwärterhäuschen verwandelt sich in eine Kapelle, in einen Tempel zur Huldigung der verstorbenen Frau.26 Thiel errichtet einen Altar mit Bibel, Gesangbuch und einem Foto von Minna und steigert sich durch Gesang und Bibellektüre in eine Ekstase, die soweit führt, dass er „die Tote leibhaftig vor sich“27 sieht.

Thiel trennt diese Stätte der Spiritualität von der alltäglichen Welt seines Heimes, in der er unter der „Herrschsucht“28 Lenes leidet und die Misshandlung seines älteren Sohnes durch Lene duldet. Lene ist der Ort, an dem sich der Arbeitsplatz ihres Mannes befindet, gänzlich unbekannt. Der Bahnwärter ist sehr darauf bedacht „[…] seine Frau davon abzuhalten, ihn dahin zu begleiten.“29 Seine Zeit somit auf „die Lebende und die Tote“30 zu verteilen, beruhigt Thiel, da ihn, wie bereits angemerkt, wegen seiner sexuellen Hörigkeit ein schlechtes Gewissen plagt.31

[....]


1 Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie. Durchgesehene Ausgabe 2001 auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibung. Stuttgart: Reclam, 1970. S. 3. Bezug auf diesen Text im Folgenden abgekürzt durch BT.

2 BT 14.

3 Vgl. BT 27.

4 Vgl. BT 3ff.

5 Vgl. BT 4.

6 Vgl. BT 9.

7 BT 3.

8 BT 5.

9 BT 3.

10 BT 4.

11 BT 3.

12 Ebd.

13 BT 4.

14 BT 3.

15 BT 5.

16 BT 4.

17 BT 9.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 BT 6.

21 Vgl. Matthias Lexers mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch (mit neubearb. u. erw. Nachtr.). 37. Auflage, unveränd. Nachdr. Stuttgart: Hirzel, 1983.

22 Fullard, Katja: Mildernde Umstände für Thiel? - Die Schuldfrage in Hauptmanns Novelle. In: Literatur für Leser. Frankfurt am Main etc. 2000: Heft 3. S.134.

23 Ebd., S. 138.

24 BT 8.

25 BT 7.

26 vgl. BT 7ff.

27 BT 8.

28 BT 6.

29 BT 7.

30 Ebd.

31 Vgl. BT 7.

Kommentare

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