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Leidverhütung und Leidensschutz. Sozial-psychologische Hinweise zu Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur" und einigen seiner praktischen Konsequenzen

Scholarly Essay,  2005, 17 Pages
Price: 6,99 EUR (E-Book)
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Event:
None
Institution / College:
None
Author:
Archive No.:
V34905
ISBN (E-book):
978-3-638-34987-1
DOI:
10.3239/9783638349871
File size:
98 KB

Category:
Scholarly Essay
Year:
2005
Pages:
17
Language:
German

Notes :
Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Dr.phil.; Dr.rer.pol.habil.) und Sozialpsychologe, Autor und Ed. von rechtskultur.de. Zitierung über Fußnoten
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Abstract

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Excerpt (computer-generated)

Leidverhütung und Leidensschutz.
Sozial-psychologische Hinweise zu Sigmund Freuds
„Unbehagen in der Kultur" und einigen seiner praktischen Konsequenzen

Richard Albrecht

Anstatt eines Vorwortes und einer Zusammenfassung:

„Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist. Glücklich ist, wer vergißt, was nicht zu ändern ist." (Johann Strauß, Sohn, Die Fledermaus, 1874)

„Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei! Auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai!" (Wallner/Feltz, 1942)

„Schlösser, die im Monde liegen, bringen Kummer, lieber Schatz. Um im Glück dich einzuwiegen, hast du auf der Erde Platz." (Heinrich Bolten-Baeckers, Frau Luna, 1899)

„Beim erstenmal, da tut′s noch weh, da glaubt man noch, daß man es nie verwinden kann. Dann geht die Zeit, und peu ä peu gewöhnt man sich daran.′ (Helmut Käutner, 1944)

I

,,Eine Wertung der menschlichen Kultur zu geben", so Sigmund Freud zusammenfassend, „liegt mir ... sehr ferne. Ich habe mich bemüht, das enthusiastische Vorurteil von mir abzuhalten, unsere Kultur sei das Kostbarste, was wir besitzen oder erwerben können, und ihr Weg müsse uns notwendigerweise zu Höhen ungeahnter Vollkommenheit fuhren. Ich kann wenigstens ohne Entrüstung den Kritiker anhören, der meint ..., man müsse zu dem Schlüsse kommen, die ganze Anstrengung sei nicht der Mühe wert und das Ergebnis könne nur ein Zustand sein, den der einzelne unerträglich finden muss. Meine Unparteilichkeit wird mir dadurch leicht, dass ich über all diese Dinge sehr wenig weiss, mit Sicherheit nur das eine, dass die Werturteile der Menschen unbedingt von ihren Glückswünschen geleitet werden, also ein Versuch sind, ihre Illusionen mit Argumenten zu stützen. Ich verstünde es sehr wohl, wenn jemand den zwangsläufigen Charakter der menschlichen Kultur hervorheben und z. B. sagen würde, die Neigung zur Einschränkung des Sexuallebens oder zur Durchsetzung des Humanitätsideals auf Kosten der natürlichen Auslese seien Entwicklungsrichtungen, die sich nicht abwenden und nicht ablenken lassen und denen man sich am besten beugt, wie wenn es Naturnotwendigkeiten wären. Ich kenne auch die Einwendung dagegen, dass solche Strebungen, die man für unüberwindbar hielt, oft im Laufe der Menschheitsgeschichte beiseite geworfen und durch andere ersetzt worden sind. So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, dass ich ihnen keinen Trost zu bringen weiss, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen."1

Soweit die allgemeine Schlußpassage aus Sigmund Freuds psychoanalytischer Deutung des „Unbehagens in der Kultur" (1930). Recht erstaunlich, daß diese Hinweise gerade so wenig von jenen Psycho- und Kulturwissenschaftlern beachtet und produktiv aufgearbeitet wurden, die Freud erweislich so viel verdanken: Alfred Lorenzer etwa bezieht sich gar nicht auf dieses „Unbehagen" bei der Begründung seines tiefenhermeneutischen Programms einer Kulturanalyse.2

Es blieb Klaus Ottomeyer aus Klagenfurt vorbehalten, in einer zweiteiligen Text-Aussagen-Montage „Freud und Marx" an Freuds so skeptische wie demütige Grundhaltung als Kulturtheoretiker zu erinnern.3

Sieht man von Ottomeyers „anderer Sozialpsychologie" ab, so scheint aktuell Freuds „Unbehagen in der Kultur" ein Anathema und der gleichnamige Freud-Essay derzeit wissenschaftlich non receptable. Dies verwundert mich in doppelter Weise: Einmal und wie hier exemplarisch aufzuzeigen sein wird vom generellen Inhalt und weiten kulturalen Ansatz her. Denn, so lautet meine Kernthese: Freuds Essaytext spricht zentrale Fragen unserer conditio humana im globalen Prozess von Enttraditionalisierung und Entbindung, von Rationalisierung und Verweltlichung (Säkularisierung), schließlich von „Entzauberung" der Welt (im Sinne des Soziologen Max Weber) und der schon 1930 erkennbar drohenden Tendenz zum Homicide, zur Selbstvernichtung der menschlichen Gattung an. Zum anderen halte ich formal/publizistisch gerade den „Kultur"-Essay des Autors Sigmund Freud, immerhin 1929/31 ein Mittsiebziger, dem 1930 der Frankfurter Goethepreis zugesprochen wurde, für den von der wirkungsstrategischen Anlage her gerade in seiner Altersabgeklärtheit und selbstbewußten Toleranz wohl lesbarsten Essay Freuds, der auch einen guten Zugang zum Gesamtwerk dieses Mentors der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts bieten kann, auch im Vergleich mit früheren Abhandlungen des Autors zur „Psychopathologie des Alltagslebens" (1898), „Traumdeutung" (1901) und „Sexualtheorie" (1905). Verglichen mit dem gefälligeren Material (nebst zahlreichen erzählten Beispielen) im Essay „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" (1905) ist der viel sprödere späte Essay „Das Unbehagen in der Kultur" (1929/31) auch wegen der vielen literarischen Anspielungen und gelegentlichen Zitate flüssiger geschrieben und leichter lesbar als die anderen genannten wissenschaftlichen Abhandlungen.

Nun will ich hier dieses doppelte Paradox, die Aufnahme und Wirksamkeit von Freuds spätem Kultur-Essay betreffend, nicht selbst tiefenhermeneutisch ausdeuten. So bleibt nur staunend anzumerken, daß und wie locker der Gelehrte Sigmund Freud seinen Grundgedanken des (auch zeitlich begrenzten) Charakters des Lustprinzips bei Goethe wiederfindet und in einer Fußnote notiert: „Goethe mahnt sogar: ′Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen.′ Das mag immerhin eine Übertreibung sein" (S. 43).

Ganz ähnlich, wenn Freud nicht nur abstrakt-allgemein auf einen speziellen Sorgenbrecher, den Alkohol genannten flüssig-oralen, eingeht und ironisch an Wilhelm Buschs Aphorismus aus der „Frommen Helene" erinnert, der bekanntlich die Sorgen dialektisch angeht: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör" (S. 41).

[...]


1 Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften. Einl. v. A. Lorenzer u. B. Görlich, Frankfurt am Main 1996; alle Seitenangaben im Text nach dieser Ausgabe, S. 31-108

2 König, Heinz-Dieter ; Lorenzer, Alfred u.a. (Hrsg.): Kulturanalysen, Frankfurt am Main 1986; 1988², S. 11-98

3 Ottomeyer, Klaus: Prinzip Neugier. Einführung in eine andere Sozialpsychologie; u. Mitarb. v. M. Wieser, Heidelberg 1992, S. 25-55

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